Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.08.2006. In Elet es Irodalom erklärt Imre Kertesz, warum Kritik an Israel oft nur ein Vorwand für den neuen Euro-Antisemitismus ist. Der New Yorker spricht mit der Hisbollah. In der London Review of Books glaubt Elias Khoury, die Israelis wollten den Libanon aus Rache zerstören. Die New York Review of Books staunt über die neue, Koka kauende Graswurzelregierung Boliviens. Der Spectator erinnert daran, wie die britische Regierung dem General Franco in den Sattel half. Der Merkur würdigt die zwei Dissidenten der deutschen Geschichtsschreibung: Götz Aly und Gerd Koenen. Outlook India beklagt die Unwissenheit der neuen Journalistengeneration. In der Weltwoche erinnert sich Jürg Ramspeck an Zeiten, als Journalisten noch keine Edelfedern, sondern Persönlichkeiten waren. In Al Ahram ärgert sich der Chef des Washingtoner Al-Dschasira-Büros über westliche "Nahostexperten". Esprit trauert um die "totale Zeitung" des Serge July.

Elet es Irodalom (Ungarn), 28.07.2006

Nobelpreisträger Imre Kertesz analysiert im Interview mit Eszter Raday den Antisemitismus in Europa: "Eine neue und wirksame Möglichkeit des Antisemitismus bietet in demokratischen Staaten die Kritik an Israel - vor allem, wenn Israel Grund zur Kritik gibt, was übrigens auch andere Staaten tun, die nicht um ihre Existenz kämpfen müssen. Eine Sprache wurde entwickelt, die ich Euro-Antisemitismus nennen möchte. Für einen Euro-Antisemiten ist es kein Widerspruch, der Opfer des Holocausts in tiefer Trauer zu gedenken und im nächsten Satz unter dem Vorwand der Israel-Kritik antisemitische Äußerungen von sich zu geben. Man hat es schon so oft wiederholt, dass es fast zum Klischee wurde: die Erinnerung an den Holocaust ist notwendig, damit es nie wieder passieren kann. Aber seit Auschwitz ist eigentlich nichts passiert, was ein neues Auschwitz unmöglich macht. Im Gegenteil. Vor Auschwitz war Auschwitz unvorstellbar, heute ist es das nicht mehr. Da Auschwitz in Wirklichkeit passierte, ist es in unsere Fantasie eingedrungen, wurde ein fester Bestandteil von uns. Was wir uns vorstellen können, weil es in Wirklichkeit passiert ist, das kann wieder passieren."

Die Geburt der Modernität aus den Wechselbeziehungen zwischen Physik und Literatur beschreibt Peter Esterhazy (mehr hier) in einem Essay, mit dem eine internationale Konferenz über James Joyce (mehr hier) in Budapest eröffnet wurde: Das zwanzigste Jahrhundert "erkannte, dass die Würde des Menschen im Erkennen und Anerkennen seiner Grenzen liegt. Wir wissen, wo ein Elementarteilchen ist, oder wie schnell es sich bewegt, aber beides gleichzeitig können wir nicht wissen, auch wenn unser Herz zerbricht. Wir können es nicht wissen, nicht weil unsere Messgeräte noch nicht gut genug sind, sondern weil es prinzipiell unmöglich ist. Unmöglich ist es. Und dass es diese Grenzen sogar in der göttlichen Disziplin der Mathematik gibt, das hätte man wirklich nicht gedacht, Bertrand Russell schon gar nicht. ... Das Werk von James Joyce bildet den Höhepunkt dieses Wissens, einschließlich des Wissens um das Nicht-Wissen. Aus der individuellen, historischen, mythischen Zeit wurde eine universelle Zeit."

New Yorker (USA), 07.08.2006

Der bekannte Reporter Jon Lee Anderson schickt eine sehr lange und instruktive Reportage aus dem Libanon, für die er auch mit einigen Funktionären der Hisbollah sprach, und bringt recht traurige Perspektiven mit: "Auch wenn es Israel gelingen sollte, die Hisbollah-Kämpfer zu vertreiben, wird Nasrallah wohl der mächtigste Politiker des Landes bleiben, auch weil das Chaos der letzten Wochen die Schwäche der libanesischen Regierung offenbarte. Die meisten libanesischen Kommentatoren, mit denen ich sprach, machten keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, dass die Hisbollah gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen würde."

Weitere Artikel: John Updike greift die letzte Essaysammlung von Edward Said auf, in der dieser über das Spätwerk von Komponisten nachdenkt (Auszug), und liefert einige Meditationen über das Spätwerk Shakespeares, Nathaniel Hawthornes und Melvilles. Benjamin Kunkel, der neue Shooting Star der amerikanischen Literatur (ein Auszug aus "Indecision" und mehr hier) macht sich Gedanken über Becketts Prosa. Sasha Frere-Jones stellt die japanische Kultband "The Boredoms" vor. Außerdem wird eine Short Story von Edward P. Jones veröffentlicht: "Bad Neighbors".

Anthony Lane sah die Filme "13 Tzameti" und "Conversations with Other Women". Letzterer, schreibt er, ist die Geschichte eines Mannes und einer Frau, die sich bei einer Hochzeit treffen und die Nacht miteinander verbringen. Die zwei sind durch den Kinobildschirm getrennt, der in zwei Hälften geteilt ist. "Der ideale Zuschauer wäre natürlich Jean-Paul Sartre, der menschliche Plattfisch, dessen unabhängig voneinander rollende Augen es ihm erlaubten, gleichzeitig Simone de Beauvoir und einem 15-jährigen Schulmädchen nachzugucken, die in die entgegengesetzte Richtung über den Boulevard Saint Germain spazierten."
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 03.08.2006

Die libanesische Journalistin Rasha Salit schickt Aufzeichnungen aus dem belagerten Beirut: "Besonders wohl kann ich mich zwischen Hisbollah und libanesischer Armee nicht fühlen. Ich bin älter geworden, mir der Gefahr bewusster. Ich bin 37 Jahre alt, und ich habe Angst. Das Geräusch der Kampfflugzeuge schreckt mich. In mir ist kein Kampfgeist übrig. Und keine Solidarität, keine gerechte Sache. Es kotzt mich an, dass niemand versteht, wie schwer es war, das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen. Hariri hat keine Wunder vollbracht. Jede einzelne Brücke, jeder Tunnel und jede Autobahn, die Startbahnen des Flughafens, all dies musste wegen der vielen Schmiergelder zum dreifachen Preis der realen Kosten aufgebaut werden. Wir haben es akzeptiert, weil wir einfach wollten, dass es voran geht. Wir wollten einfach nur eine Gesellschaft, die mehr oder weniger auf eigenen Füßen steht."

"Wie konnte eine unbedeutende militärische Operation der Hisbollah den gesamten Libanon zurück auf Anfang schicken?", fragt der libanesische Schriftsteller Elias Khoury und bietet folgende Erklärung: "Die Israelis behaupten, dass sie den Libanon nicht besetzen wollen. Das sagen die Amerikaner auch über den Irak. Die Frage ist aber nicht, was sie wollen, sondern was sie tun. Kann Israel religiöses und ethnisches Chaos an seinen Grenzen ertragen? Will es mit Blick auf die Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm den USA einen Dienst erweisen, indem es die Hisbollah schwächt, Irans stärksten Verbündeten in der Region? Unter dem Dröhnen der Raketen, die auf die südlichen Vororte Beiruts gefeuert werden, wird klar, dass sich Israel, weil es die Hisbollah nicht zerschlagen kann, entschieden hat, den Libanon zu zerstören."

Weiteres: Karim Makdisi verteidigt die Entführung der israelischen Soldaten durch die Hisbollah: Das letzte Mal führte die internationale Vermittlung schließlich zu einem Gefangenaustausch! Der in Kalkutta geborene Amit Chaudhuri stimmt Suketu Mehta ("Maximum City") voll und ganz darin zu, dass inzwischen Bombay die aufregendste Stadt Indiens ist. Adam Phillips preist eine Edition der "Selected Letters" des Dichters William Empson.
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Magyar Hirlap (Ungarn), 31.07.2006

Jan Slota, Chef der an der slowakischen Regierung beteiligten rechtsextremen Nationalpartei, hat Empörung ausgelöst mit seiner Äußerung, er beneide die Tschechen darum, dass sie die Sudetendeutschen vertrieben haben. So hätten sie heute nicht die gleichen Probleme wie die Slowaken mit der ungarischen Minderheit. Budapest hat scharf reagiert und eine Stellungnahme des slowakischen Premiers Robert Fico verlangt. Zsolt Ivan Nagy empfiehlt ungarischen Politikern, Slota zu ignorieren, "sonst helfen wir ihm, bedeutender zu erscheinen als er ist. Wenn die ungarische Diplomatie auf jede Borniertheit Slotas reagiert, ... löst das nur neue Attacken und Konfrontationen von slowakischer Seite aus. Das gefällt seinen Anhängern und weckt den Anschein, Jan Slota sei ein bedeutender Politiker, obwohl er eigentlich nur als politische Watte dient: Robert Fico braucht ihn, um die Lücken in den zu großen Schuhen des Premiers auszufüllen."
Stichwörter: Robert Fico

New York Review of Books (USA), 10.08.2006

Am 22. Januar 2006 wurde der Kokabauer Evo Morales vom Movimiento al Socialismo (MAS) zum Präsidenten Boliviens gewählt. Ist er wirklich ein Indio? Und was bedeutet das für Bolivien, fragt sich Alma Guillermoprieto. Schon die Regierung sei erstaunlich. "Minister kauen zeremoniell Koka während der Kabinettrunden; der Justizminister ist eine Frau, die bis vor kurzem als Hausmädchen gearbeitet hat; der Vorsitzende des Senats ist ein Schullehrer vom Land. Und Sacarias Flores (Vizepräsident der MAS), der jede Woche in Parteiangelegenheiten durch das Land kreuzt und theoretisch ein sehr mächtiger Mann ist, kommt heim zu seinen Sojabohnenfeldern und überlegt, wovon er in Zukunft leben soll. Es gab schon Revolutionen in Bolivien und anderswo in Südamerika, die im Namen der Armen die Macht übernommen haben, anderere politische Parteien haben schon Massen mobilisiert, andere eingeborene Amerikaner - am bekanntesten Benito Juarez im Mexiko der 1850er Jahre - wurden Präsident. Aber nirgends sonst hat eine Graswurzelpartei, deren Mitglieder nicht nur bettelarm, sondern überwiegend indianisch sind, die Regierung übernommen."

Schwer beeindruckt kam Charles Simic aus der Dada-Ausstellung im Moma. Die Bewegung gab's gerade mal von 1916 bis 1924. Aber: "Wenn man den riesigen Einfluss bedenkt, den Dada unter avantgardistischen Künstlern und Dichtern hatte und immer noch hat, entsteht beim Verlassen des Museums der Eindruck, es habe in den letzten achtzig Jahren nicht eine einzige neue Idee gegeben."

Weitere Artikel: Peter W. Galbraith stellt eine Reihe von Neuerscheinungen zum Irakkrieg vor, Stanley Hoffmann hat Bücher über eine neue Außenpolitik der Vereinigten Staaten gelesen, und Michael Kimmelman bespricht Stephen Walshs Buch über Strawinskys Jahre im Exil 1934-1971. Außerdem hat die New York Review of Books zwei ältere (Frühjahr 2004), hervorragend recherchierte Artikel von Adam Shatz über die Hisbollah wieder online gestellt: hier und hier.

Lesen dürfen wir auch die Nachrufe auf Review-Mitbegründerin Barbara Epstein - von Alison Lurie, Darryl Pinckney, Diane Johnson, Edmund S. Morgan, Elizabeth Hardwick, Gore Vidal, John Ashbery, Larry McMurtry, Luc Sante, Pankaj Mishra und Patricia Storace.

Merkur (Deutschland), 01.08.2006

"Über Geschichte streitet man längst nicht mehr", stellt Ulrich Speck in seiner Geschichtskolumne fest. Fast könnte man man meinen, es gäbe bei so viel Konsens auch nichts mehr zu diskutieren - wären da nicht die beiden Historiker Götz Aly ("Hitlers Volksstaat") und Gerd Koenen ("Vesper, Ensslin, Bader"), deren Arbeit nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart in neuem Licht erscheinen ließen: "Es geht ihnen um die Sache - um die Aufklärung der Gegenwart über sich selbst. Beide sind in gewisser Weise Dissidenten, indem sie das anerkannt Selbstverständliche in Frage stellen. Sie tun dies jedoch nicht ideologisch, indem sie Meinung mit Meinung kontrastieren, sondern mit Hilfe von Quellen, die sie neu entdecken und erschließen - ein sehr wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit. Das aufschlussreiche Detail stellt die Großerzählung in Frage, und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen widerlegen die bisherigen Gewissheiten. Koenen und Aly, die beide wohl nicht zufällig jenseits der Zwänge des Universitätssystems arbeiten, machen mit ihren Forschungen deutlich, dass es möglich ist, Geschichte jenseits von nationaler Identitätsstiftung, Vergangenheitsbewältigung und antiquarischer Verwaltung neu zu entdecken."

Weiteres: Stephan Wackwitz sieht in den überbordenden Historiengemälden des Jan Matejko in den Krakauer Tuchhallen einen weiteren Beweis dafür, dass angeblich jahrhundertealte nationale Traditionen im 19. Jahrhundert erfunden wurden. Nachgedruckt wird Robert Hughes' großartiger Text über Rembrandt, den "Gott des Realismus", aus der New York Review of Books (hier das Original) sowie aus Prospect Richard Reeves Text über John Stuart Mill ("Die Größe John Stuart Mills liegt in seiner Weigerung, Denken und Handeln zu trennen"). Hans Ulrich Gumbrecht schreibt über Niklas Luhmann, Leopold Federmair über Jorge Luis Borges.

Archiv: Merkur

Outlook India (Indien), 07.08.2006

Angesichts sinkender Ausbildungsstandards unter Journalisten bangt Paul Danahar von der BBC um die Seriosität indischer Newssender. Statt aussagekräftiger Lebensläufe entdeckt er die Castingkultur auf dem Vormarsch. "Auf den Bewerbungsfotos posieren junge Aspiranten stirnrunzelnd vor dem Computer, um zu zeigen, dass sie sowohl schön als auch klug sind. Wenn die Qualifikation nicht ausreicht, werden dem potentiellen Arbeitgeber andere Reize offeriert: Eine Bewerberin stellte sich mir als 'jung und temperamentvoll' vor." Zum Glück für die Bewerber "signalsieren viele Fernsehkanäle oft: 'Erfahrung nicht nötig', ein Satz, den viele Politiker unterschreiben würden. Dem früheren Innenminister Indrajit Gupta folgte einmal auf seinem Weg ins Parlament hartnäckig ein junger Journalist. Als Gupta schließlich für die Nachrichtencrew stehenblieb, wurde ihm die Probefrage gestellt: 'Sir, könnten Sie bitte etwas sagen?' Die zweite Frage war: 'Und jetzt, Sir, wer sind Sie?'"

Außerdem: Prayaag Akbar zeigt, wie öffentlicher Protest mit Hilfe moderner Medien zum Event wird. Und Prem Shankar Jha erklärt, mit ihren Präventivschlägen hätten die USA den Westfälischen pax universalis unterlaufen und eine Art Hobbes'sche Dystopie eingeleitet, an der sich nun auch Israel beteilige.

Weltwoche (Schweiz), 27.07.2006

Filippo Leutenegger, CEO der Jean Frey AG, teilt den Lesern mit, dass Roger Köppel "die Aktienmehrheit der in Gründung befindlichen Weltwoche Verlags AG (WW) übernehmen" und neuer Chefredaktor der Weltwoche wird.

In einem zweiten Text zeigen sich Verwaltungsrat und Verlagsführung der Jean Frey AG "überzeugt davon, dass die neue Führungsstruktur nicht nur die publizistische Kraft des Blattes erhöht, sondern zugleich auch ein Alleinstellungsmerkmal darstellt, das dem einzigartigen Charakter der Schweizer Qualitätsmarke Weltwoche in besonderer Weise entspricht".

Hanspeter Born sucht Trost beim ehemaligen Chefredaktor Jürg Ramspeck. Der sagt kein Wort gegen Köppel, hat aber seine eigene - von den Gründern geprägt - Vorstellung, was eine gute Zeitung ausmacht. "Mir ist geblieben, dass die Gründer keine Führungspersönlichkeiten waren. Sie haben gewiss keine Führungsseminarien besucht; sie haben überhaupt keine Theorien geäußert. Sie haben die Mitarbeiter der Zeitung nicht so sehr nach der Qualität ihres Schreibstils beurteilt, sondern nach ihrer gesamten Persönlichkeit. Für die Gründer war ein guter Journalist nicht einer, der eine gute Feder hat, sondern jemand, in dessen Texten eine Persönlichkeit fühlbar wird. Das hat dazu geführt, dass sie doch eine erkleckliche Anzahl bedeutender Persönlichkeiten entdeckt haben. Sie leiteten die Weltwoche als eine Publikation von Leuten, die etwas zu sagen haben, und nicht als eine Zeitung von gewieften, guten Journalisten."

Und: David Signer stöhnt über die Klischees, mit der die Schweizer Tourismusagentur für das Land wirbt. "Kürzlich landete ich in Kloten, und was mir im hypermodernen Flughafen als Erstes ins Auge stach, war ein urchiger Bergbauer. Das Plakat zeigte ihn mit grauem Vollbart und Sense, wie er auf einer Alp mit seinem Arm den Weg wies, darüber stand: 'Unser GPS'... Die Aussage ist wohl: Wir brauchen kein Hightech-Zeugs; unsere naturverbundenen Bewohner kennen ihr Land besser als jedes GPS. Na toll, dachte ich, dann hat der Pilot die Anflugpiste vielleicht dank der zielgenauen Handzeichen eines Alpöhis gefunden?"
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Roger Köppel

Al Ahram Weekly (Ägypten), 27.07.2006

Im Gespräch mit Youssef Rakha erklärt der Publizist Hafez El-Marazi die Rolle des Washingtoner Büros des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira, das er seit 2000 leitet: "Wir gehen den schmerzhaften Weg der Simultanübersetzung, um die Sicht amerikanischer Kommentatoren zu vermitteln. US-Medien dagegen lassen befangene, Englisch sprechende 'Nahost-Experten' über uns reden, nie mit uns ... Während wir uns bei der Bush-Regierung unbeliebt machen, verhalten sie sich wie die offiziellen Medien bestimmter arabischer Regime."

Ferner: Nehad Selaiha berichtet vom erfolgreich über die Bühne gegangenen ersten Festival des ägyptischen Theaters. Und Amal Choucri Catta spricht mit Steven Lloyd, Chef der Kairoer Sinfoniker, über seine erste Saison.

Esprit (Frankreich), 01.08.2006

Die sehr verdienstvolle linkskatholische Monatszeitschrift Esprit präsentiert sich seit einigen Wochen mit neuer Internetadresse. Einige Artikel werden sogar freigestellt. In der neuesten Nummer (Inhalt), deren Dossier vom Terrorismus und seiner Bekämpfung handelt, schreibt Olivier Mongin auch einen langen Nachruf auf Serge July, der seine Zeitung Liberation auf Geheiß des neuen Besitzers Edouard de Rothschild verlassen musste. Mongin würdigt unter anderem die auf July zurückgehende Ästhetisierung des Journalismus, die Liberation zu einer sehr neuartigen Zeitung machte: "Die Hinwendung zur neuen Ausdrucksweisen wie der Fotografie, das Interesse für die Mode, die Zusammenarbeit mit Künstlern oder 'Kreativen' sind von der journalistischen Utopie, die July immer wieder ins Spiel brachte, nicht zu trennen: die Utopie von der 'totalen Zeitung'. Die 'totale Zeitung' ist der Traum eines täglichen Magazins, das alle zeitgenössischen Formen von Bild und Text integriert und damit provoziert. Die totale Zeitung ist eine ästhetische, intellektuelle und politische Relaisstation, eine organische Synthese, ein Gipfel an journalistischer Vielfalt. Aber diese Utopie ist an der Realität zerbrochen."
Archiv: Esprit
Stichwörter: Ästhetisierung

Times Literary Supplement (UK), 28.07.2006

"Könnte Australien die Wiege der Kultur sein?" Robin Hanbury-Tenison, Präsident der Indigenen-Organisation Survival International, sieht ernsthafte Anzeichen dafür in den Malereien, die 1891 von Joseph Bradshaw in der unzugänglichen Kimberley-Region entdeckt wurden. Sie sollen von einer hoch entwickelten Kultur stammen, die sie vor 60.000 Jahren angefertigt hat, bevor sie von den Aborigines ausgelöscht wurde. Ein heikles Thema in Australien: "Die Annahme, dass die Schöpfer dieser Bilder nicht Vorfahren der Aborigines sind, die jetzt das Land besitzen, hat bei Letzteren Bestürzung ausgelöst. Sie fürchten, ihre Ansprüche könnten unterlaufen werden. Doch die Tatsache, dass sie nicht die Nachkommen dieser Künstler sind, sollte nicht ihr Eigentum berühren: Niemand bestreitet, dass sie das Land tausende von Jahren vor den Europäern besetzt haben, die es ihnen stahlen, als Westaustralien 1829 annektiert wurde. Einige Aborigines verachten die Malereien auch als 'Mist', verschiedene Generationen haben sie übermalt oder versucht, sie zu entfernen. Dies ist an vielen Stellen offensichtlich. Aber auch das sollte nicht ihre Landrechte betreffen, denn sie waren über zehntausende von Jahren die Hüter dieses Ortes."

Weiteres: Nicholas Shakespeare preist ein Buch über den Tasmanischen Teufel, den Sarcophilus harrisii, der zwar in der Looney-Tunes-Figur Taz ewig leben wird, in natura aber durch eine seltsame Krebserkrankung bedroht ist. Ziemlich enttäuscht ist Stephen Abell von John Updikes neuem Roman "Terrorist": Im Gegensatz zu seinem Helden könne Updike nur schlecht Fäden spinnen. Besprochen werden auch Richard Brinsley Sheridans Conquista-Stück "Pizarro" im Londoner Olivier Theatre und Andrew Millers Porträt seines Großvaters, der es vom jüdischen Einwanderer im East End in die High Society des West Ends schaffte, "The Earl of Petticoat Lane".

Gazeta Wyborcza (Polen), 29.07.2006

Fast unbemerkt hat in Polen eine "kleine Jedwabne-Debatte" stattgefunden. Auch diesmal ging es um ein Buch des polnisch-amerikanischen Soziologen Jan T. Gross über den polnischen Antisemitismus: "Fear". Der Historiker Piotr Wrobel gibt den Gemütszustand der Polen gut wieder, wenn er schreibt: "Die Art, wie Gross über antisemitische Ausschreitungen nach 1945 schreibt, wird die innere Ruhe und das Weltbild vieler Leser zerstören." Auch wenn er mit einigen Argumenten von Gross nicht übereinstimmt, gibt Wrobel zu: "Ich wünschte, ich könnte solche Bücher schreiben!"

Für die Vorgänge in der Ukraine hat Marcin Wojciechowski nur einen Begriff: Konterrevolution! Die mögliche Übernahme des Premierministerpostens durch Viktor Janukovytsch kann das Land wieder in die Zeiten vor der "Orangen Revolution" zurückwerfen. Aber: "Diese Situation kann auch eine Chance sein, die Teilung in Ost und West zu überwinden. Momentan sieht es sogar danach aus, als würde die Partei von Präsident Juschtschenko eine Allianz mit der pro-russischen 'Partei der Regionen' von Janukovytsch eingehen wird. Dafür muss Letzterer einen Teil seiner Forderungen fallen lassen: Russisch als zweite Amtssprache, wirtschaftliche Integration mit Russland, Weißrussland und Kasachstan." Für Wojciechowski steht fest: "Wenn man die Leute von Janukoytsch und seine Wähler durch solche Kompromisse von den Vorteilen der Demokratie überzeugen kann, wäre das ein großer Erfolg, vergleichbar mit der 'Orangen Revolution' selbst."

Am 27. Juli jährte sich zum hundertsten Mal der Geburtstag von Jerzy Giedroyc. Giedroyc gründete 1947 in Paris die Zeitschrift Kultura. In diesem wichtigsten polnischen Exilmedium publizierte jeder mit Rang und Namen: Czeslaw Milosz, Zbigniew Herbert oder Witold Gombrowicz. In dem Pariser Vorort Maison Laffitte entstand eine Denkschule, die das polnische Selbstverständnis nach 1945, vor allem, was die Beziehungen zu den östlichen Nachbarn angeht, maßgeblich prägte. Für die Gazeta Wyborcza ist das Anlass genug, in einem langen Essay "Den Redakteur" (wie er immer genannt wird, für das Polnische untypisch sogar groß geschrieben) und sein Lebenswerk zu ehren. In einem Nachruf erklärt Adam Michnik: "Er war einer der größten Polen des 20. Jahrhunderts. Ohne sein Werk kann man die polnische Zeitgeschichte nicht begreifen. Er opferte alles für Polen, er war ein Mensch ohne Privatleben. Er war der wichtigste polnische Politiker in der Welt nach Jalta. Dabei betrieb er Politik lediglich vom Schreibtisch aus. Er hat nie ein stringentes Programm aufgestellt - Souveränität und Demokratie, das war ihm genug."

Außerdem: Lodz, die unbekannte zweitgrößte Stadt des Landes und Sitz der wichtigen Filmhochschule, spielt in immer mehr amerikanischen Produktionen die Hauptrolle - als Kulisse. "Die Stadt erinnert an Pittsburgh und andere Industriestädte, die im 18. und 19. Jahrhundert erbaut wurden. Außerdem haben wir die Fachleute gleich vor Ort - alles in einem", freut sich ein Szenenbildner.

Spectator (UK), 29.07.2006

Denis MacShane erinnert daran, dass die britische Regierung unter Neville Chamberlain nicht ganz unschuldig war am Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs: "Vor 70 Jahren startete ein britischer Pilot vom Croydon Airport. An Bord seines Dragon Rapide waren ein spanischer Zeitungsmann, ein MI6-Offizier und zwei hübsche junge Frauen zur Tarnung. Sie flogen über Frankreich und Portugal zu den kanarischen Inseln. Dort ließen sie einen sehr konservativen General namens Franco einsteigen. Das Flugzeug brachte ihn zu seinen Soldaten von der spanischen Fremdenlegion in Marokko. Von hier startete Franco, der den Applaus der spanischen und europäischen Rechten für die brutale Niederschlagung eines Streiks im Jahr 1934 erhalten hatte, seine Invasion Spaniens zur Niederwerfung der gerade gewählten Mitte-Links-Regierung."

Zum gleichen Thema reszensiert Raymond Carr Antony Beevors neues Buch "The Battle of Spain".
Archiv: Spectator
Stichwörter: Marokko, Portugal

Clarin (Argentinien), 29.07.2006

Carmen Balcells, eine der mächtigsten und einflussreichsten Frauen des spanischsprachigen Literaturbetriebs, Agentin unter anderem von Gabriel Garcia Marquez, Mario Vargas Llosa und Isabel Allende, hat sich zum ersten Mal seit zwanzig Jahren zu einem Interview bereit erklärt. Und prompt spricht sie recht offen: "Die Aktivitäten von Leuten wie mir gehören nicht ans Licht der Öffentlichkeit. Aber wenn ich bedenke, wie viel ich für die selbe Seitenmenge zu bezahlen hätte, um Werbung zu schalten, dann darf ich mir eine solche Gelegenheit zur Promotion meiner Projekte nicht entgehen lassen. Mein Ziel ist es, das Einkommen meiner Erfolgsautoren irgendwann auf das Niveau von Tennisspielern, Opernsängern oder Fußballstars zu heben. Mein persönliches Ziel war immer die Unabhängigkeit - und der einzige Weg dorthin ist die ökonomische Unabhängigkeit: soviel Geld besitzen, dass man nicht mehr darüber nachdenken muss. Am meisten aber reizt mich die Macht, ich möchte zu diesem Dutzend von Personen gehören, die sich die Präsidenten an den Tisch holen und über die Zukunft entscheiden, ohne dass wir anderen davon erfahren."
Archiv: Clarin

New York Times (USA), 30.07.2006

Noah Feldman stellt zwei neue Bücher vor, die sich der Frage widmen, wie Amerika das Thema "Irak" in den Griff bekommen könnte: "The End of Iraq" (Leseprobe) von Peter W. Galbraith und Fouad Ajamis "The Foreigner's Gift" (Leseprobe). Insbesondere in Galbraiths bereits von führenden US-Demokraten werbewirksam übernommenen Vorschlag eines zweigeteilten Iraks und eines unabhängigen Kurdistans sieht Feldman ein traditionsreiches, "sich in Byrons Liebe zu Griechenland, wie in T. E. Lawrences arabischem Nationalismus widerspiegelndes" Problem: "Auch wenn die Kurden einen Anspruch auf Selbstbestimmung haben, sollte es doch ihnen selbst überlassen bleiben, mehr Autonomie zu fordern als sie gegenwärtig genießen."

Vor zwei Jahren veröffentlichte Chris Anderson seinen Aufsehen erregenden Essay "The Long Tail", in dem er all den bisher unverkäuflichen Backlist-Büchern dank des Online-Handels einen neuen Markt versprach. Denn im Gegensatz zum Einzelhandel ist der Internet-Handel nicht an Quadratmeter gebunden und muss sich nicht auf Bestseller beschränken. Nun hat er seine Theorie zu einem Buch ausgearbeitet, Rachel Donaldio aber immer noch nicht überzeugt. Denn Andersons Theorie ignoriert völlig, so schreibt sie, dass es sich die Verlage nicht mehr leisten können, schlecht verkäufliche Backlists in Druck zu halten: "So weit erkennbar profitieren in dem 'Long Tail'-Szenario nicht die Verleger, sondern die Online-Händler und die Datenbanken."

Weiteres: Will Blythe bespricht das wahrscheinlich eintausendste Buch von T. C. Boyle : "Talk Talk" - ein Thriller! Jim Holt vermisst die griffige These in Deirdre N. McCloskeys Wälzer über Kapitalismus und Moral (Leseprobe "The Bourgeois Virtues"). In einem Essay erklärt Rachel Donadio, was eine Backlist ist und wer davon profitiert.

Im Magazin der New York Times untersucht Rob Walker, wie rebellische Jugend sich heute artikuliert. Nicht zynisch, sondern optimistisch, pragmatisch. Nicht in Kunst oder Musik, sondern als Marke. Strikt nicht-utilitaristisch versteht sich, in der Welt der 1000 Gegenkulturen: "Wenn der Tanz zwischen Subkultur und Mainstream von Kompromissen lebt und jede neue Boheme unternehmerischer ist als die vorherige, ist eine auf Produkten basierende Gegenkultur vielleicht unausweichlich. Vielleicht bedeutet Subkultur, seinen Lebensstil zum Geschäft zu machen, und der alte Gegensatz ist schlicht ungültig."

Außerdem befragt Deborah Solomon den israelischen Schriftsteller A. B. Yehoshua über sein Leben in Haifa. Und Heidi Levine und Stephanie Sinclair fotografieren die gepeinigten Menschen im Libanon und in Israel.