Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.07.2006. Der New Yorker nimmt die Wikipedianer aufs Korn. In Al Ahram ruft der Chefredakteur des Palestine Chronicle zum Bürgerjournalismus auf. Le Point entdeckt ein Netzwerk schwarzer Franzosen. Das TLS stellt sich George Bernard Shaw im Libanon vor. In der Gazeta Wyborcza macht der Schriftsteller Michal Witkowski weibliche Männer und männliche Frauen dafür verantwortlich, dass westliche Literatur so langweilig sei. In Nepszabadsag beschreibt die Schriftstellerin Eszter Babarczy die Ernüchterung junger Ungarn nach der Wende. Der Spectator prophezeit, dass die Libanesen die Hisbollah bald satt haben werden. Der Nouvel Obs feiert die jungen französischen Köche. Harper's geht auf die Große Ukrainische Brautjagd. Die New York Times liest Jan T. Gross' Buch über Antisemitismus in Polen.

New Yorker (USA), 31.07.2006

In einem sehr unterhaltsamen und detailreichen Essay beschreibt Stacy Schiff den Kampf zwischen Wikipedia und Expertenwissen und kommt zu dem Schluss: "Die Internetenzyklopädie bleibt vorläufig ein bruchstückhaftes Work in Progress. Was soll man auch über eine Enzyklopädie sagen, die manchmal stimmt, manchmal nicht und manchmal völlig ahnungslos daherkommt?" Die Leute haben Mainstream-Medien und Autoritäten satt, sie wollen sich nicht mehr still füttern lassen, sondern antworten. Das zeigt auch das von Wikipedia selbst entwickelte Autorenprofil: "Es gibt Wikipedianer mit Asperger Syndrom (72), zweipolige, vegetarische, antivegetarische, existenzialistische und Pro-Luxemburg Wikipedianer und solche, die nicht kategorisiert werden wollen. Eine Seite von Wikipedia bekundet das lebhafte Interesse des Unternehmens, Leute zu plagen: 'Computerprogrammierer, Wissenschaftler, Hochschulabsolventen, Game-Show-Kandidaten, Nachrichtenjunkies, Arbeitslose, Bald-Arbeitslose sowie Leute mit vielseitigen Interessen und gutem Gedächtnis im Allgemeinen'. Möglicherweise bewegen Sie sich ja in höheren Kreisen, aber das deckt so ziemlich das gesamte Personenspektrum ab, das ich kenne."

Weitere Artikel: David Remnick kommentiert die "verwirrenden" Reaktionen des Westens auf den jüngsten Nahostkonflikt: Nur Jacques Chirac habe eine klare Erklärung abgegeben. Jon Lee Anderson besuchte ein Schauspiel-Ferienlager für Kinder in Beirut. Paul Simms glossiert eine Meldung über die Nebenwirkung einer Schlaftablette: schlafwandelnde Heißhungerattacken. Paul Goldberger stellt die "Neuerfindung des Convention Centers" in Mailand vor, die der italienische Architekt Massimiliano Fuksas für die Mailänder Messe realisiert hat. Frances Fitzgerald beschreibt das Rennen um die Gouverneursposten in Ohio als Testfall für die Macht der christlichen Rechten. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "First Defeat" von Alberto Mendez.

Besprechungen: John Updike porträtiert den kenianischen Schriftsteller, Dramatiker, Journalisten und Wissenschaftler Ngugi wa Thiong'o und stellt sein erstmals vom Autor selbst aus der Gikuyu-Sprache ins Englische übersetzte Buch "Wizard of the Crow" vor; darin schreibt er über die imaginäre Freie Republik Aburiria, in der unheilvolle dämonische Kräfte, aber auch gütige Magie und Hexerei wirken. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Übersetzung des Briefwechsels zwischen Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salome (Norton). Peter Schjeldahl führt durch die "beste New Yorker Kunstausstellung dieses Sommers", eine Jackson Pollock-Schau im Guggenheim Museum. Und David Denby sah Michael Manns Neuverfilmung der TV-Kultserie "Miami Vice" mit Colin Farrell und Jamie Foxx sowie die Independant-Komödie "Little Miss Sunshine" von Jonathan Dayton und Valerie Faris und bemerkt dazu: "Independant heißt in diesem Falle: ohne Owen Wilson, Ben Stiller, Jim Carrey oder gar Vince Vaughn."

Nur im Print: eine Reportage über "Castros letzte Schlacht" zur Aufrechterhaltung der Revolution, das Porträt eines Hummerzüchters, der versucht, den Kabeljau wieder an seine Laichplätze vor der Küste von Maine anzusiedeln (hier ein Interview mit dem Autor), und Lyrik.
Archiv: New Yorker

Al Ahram Weekly (Ägypten), 20.07.2006

Ramzy Baroud, Chefredakteur des amerikanisch-palästinensischen Nachrichtenmagazins Palestine Chronicle, hat sich jahrelang über die "Einseitigkeit" geärgert, mit der Mainstream-Medien wie die BBC über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichten. Er ruft zum Bürgerjournalismus auf: "Dieser kann helfen, Verbrechen aufzudecken und die Mächtigen zur Verantwortung zu ziehen. Wenn es zum Beispiel mit Hilfe des Internets gelänge, das Monopol der öffentlichen Meinungsmache aufzubrechen, gäbe es weniger Propaganda und mehr mitbestimmende Demokratie. Dafür gilt es festzustellen, was die Medien falsch machen, und welches die wirklichen Prioritäten sind." (Selbstkritik gehört definitiv nicht zu den Prioritäten des Palestine Chronicle.)

Ferner: David Tresilian stellt ein Buch über die arabische Buchindustrie vor (Franck Mermier: "Le Livre et la ville, Beyrouth et l'edition arabe") und erklärt, warum Beirut ihr unumstrittenes Zentrum ist. Und ein Prosagedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish erinnert an die israelische Invasion des Libanon von 1982: "Let Beirut be what it wants to be: / This, our blood raised high for her, / Is a wall holding at bay my sorrow ..."
Stichwörter: Beirut, Libanon, Monopole

Point (Frankreich), 24.07.2006

Sophie Coignard beschreibt in einem Artikel die zunehmende Formierung eines Netzwerks schwarzer Franzosen. Anlass ist Harry Roselmack, der vorvergangenen Montag als erster schwarzer TV-Moderator auf TF1 die 20-Uhr-Nachrichten präsentiert hat - das wäre "vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen". In der Zwischenzeit seien jedoch eine ganze Reihe von Klubs und Zirkeln entstanden, die ausschließlich Schwarzen vorbehalten seien. "Der diskreteste dieser Klubs ist der, den Calixthe Beyala gegründet hat. Er wurde 'Elite' getauft und hat einen Numerus Clausus festgelegt. Die maximal 60 Mitglieder müssen vier Kriterien erfüllen: persönlicher Erfolg; die Bereitschaft, andere zu unterstützen; ein ausreichendes Einkommen, um nicht korrumpierbar zu sein, und Anerkennung der republikanischen Werte. Der Mindestmitgliedsbeitrag beträgt 600 Euro, wenn man allerdings nicht als kleinlich gelten möchte, empfiehlt es sich, mehr zu zahlen. Ein Fußballer hat schon einen Scheck über 100.000 Euro ausgestellt."

In seinen Bloc-notes denkt Bernard-Henri Levy über das "seltsame Wort 'unverhältnismäßig'" nach, mit dem die europäischen Kommentatoren die israelische Antwort auf die Kriegserklärung der Hizbullah belegten. Er habe Lust zu fragen, wie sie reagieren würden, wenn französische Städte "einem Regen aus Katjuscha-Raketen ausgesetzt wären."

Zu lesen ist schließlich ein Gespräch mit Noam Chomsky, den Le Point als den "umstrittensten Polemiker der Welt" vorstellt. Der erbitterte Bush-Gegner äußert sich darin unter anderem über den Irak-Krieg und die permanente Angst der USA vor einer "Zerstörung von Innen".
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Archiv: Point

Times Literary Supplement (UK), 22.07.2006

Erschüttert stellt Rosemary Righter fest, dass der Historiker Paul Kennedy in seinem Buch über die UN, "The Parliament of Man", der Weltorganisation ein positives Zeugnis ausstellt. Sie hält diese Eloge für "gönnerhaften Nonsens". "Fangen wir mit der Generalversammlung der UN an, sein 'Parliament of Man'. Wenn man hier drin sitzt, wird man betäubt von der Hohlheit der Reden und der Absurdität der Block-Politik. Was hier als Debatte gilt, ist ein todlangweiliges, die Geduld strapazierendes Spiel: 'Tun wir so als ob'. Tun wir so, als wären alle 191 Nationen gleich, nicht nur nach dem Recht, sondern auch nach dem Gewicht. Tun wir so, als spiegelten die aus den Hochzeiten des Nord-Süd-Konflikts datierenden Stimmblöcke und die ideologischen Gräben des Kalten Krieges noch immer die politische Realität wieder... In der UN debattieren und entscheiden die G-77 mit einer Stimme und perpetuieren die künstliche Nord-Süd-Teilung, die die interne Politik der UN vergiftet und jede Reform unmöglich macht. Kennedys 'geteilte Kontrolle internationaler Instrumente' ist eine wenig erbauliche Farce."

Mit Shakespeare, Beckett oder Pinter, überlegt Michael Holroyd, kommen wir in der heutigen Weltpolitik nicht weiter. Was wir brauchen, ist ein George Bernard Shaw! "In den frühen Zwanzigerjahren schlug Shaw vor, allen Iren Waffen auszuhändigen, damit sie das Privileg eines Bürgerkriegs ganz ohne englische Hilfe genießen könnten. Solch ein Mann hätte nicht gezögert, Selbstmordattentäter dadurch auszuschalten, dass man den Palästinenser eine Armee gibt, die der israelischen ebenbürtig wäre. Er hätte aber auch die palästinensische Kultur gegeißelt, die unter dem Beifall der Eltern und Großeltern junge Menschen ermutigt, ihr Leben wegzuwerfen. Es wäre viel ehrenwerter, höre ich ihn sagen, wenn sich alte Menschen dafür zur Verfügung stellten - tatsächlich hatte er vorgeschlagen, vor den Jungen erst die Siebzig- und Achtzigjährigen in den Krieg zu schicken. Kurz: Schickten wir einen Shaw in den Nahen Osten, würde er in Opposition zu sich selbst alle Feinde vereinen."

Besprochen werden auch eine Orson-Welles-Biografie von Simon Callow, zwei neue Literaturführer und Neuerscheinungen zur Frage, warum sich einige Menschen von einer schweren Jugend erholen und andere nicht.


Gazeta Wyborcza (Polen), 22.07.2006

Der Schriftsteller Michal Witkowski sorgte 2005 mit "Lubiewo", dem ersten Roman über Homosexuelle in Polen, für eine literarisch-gesellschaftliche Sensation. Im Gespräch mit Anna Dziewit und Agnieszka Drotkiewicz erzählt er vom Verschwinden der Geschlechterunterschiede in Europa: "Es gibt Kulturkreise, wo die Männer unrasierte Flegel mit breitgeschlagenen Fratzen sind und die Frauen alle wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht. Sogar die zahlreichen Transsexuellen sind weiblicher als alle europäischen Frauen. Kein Wunder, dass Europa Angst vor ihnen hat!" Alles Unvollkommene, nicht Planbare werde in der westlichen Welt getilgt, dabei "beginnt Literatur in dem Moment, in dem wir dort ankommen, wo wir nicht hinwollten und jemanden treffen, der suspekt aussieht. Literatur ist Normüberschreitung - deshalb ist der Westen so langweilig und unepisch".

Nicht nur in Mitteleuropa regt sich der Widerstand gegen den "Euroimperialismus" (ob es ihn gibt, sei dahingestellt). Auch der britische Philosoph Roger Scruton verteidigt den Nationalstaat als beste Erfindung des Abendlandes: "Auf unserem Kontinent kann es zu einer wahren Tragödie kommen: ein wunderbares und erfolgreiches Gesellschaftsmodell kann verworfen werden - und dass auch noch ohne größere Diskussion darüber, wie die Alternative aussehen sollte: die EU!". Nach Scruton steht Europa eine große Identitätskrise bevor, die zur Wiederentdeckung seiner kulturellen Wurzeln - vor allem des Christentums - führen wird.

Weitere Artikel: Stanley Fish diagnostiziert das Problem der Demokraten in den USA: im Gegensatz zu den Republikanern schafften sie es nicht, dem öffentlichen Diskurs ihre Sprache aufzuzwingen. Ein Porträt ist dem russischen Schriftsteller Alexander Zinoviev gewidmet, der es in seinem Leben vom Dissidenten zum Verehrer des Kommunismus geschafft hat. Und: Oberschlesien hat zwar immer weniger Industriebetriebe, wie sie einst den Charakter der Region geprägt haben, dafür aber immer mehr originelle Ideen. "In den Fabriken entstehen Einkaufszentren, Bürohäuser, Kunstgalerien, Kulturzentren und sogar Privatwohnungen - endlich hat man verstanden, dass das postindustrielle Erbe nicht nur einen architektonischen Wert hat, sondern auch, oder vor allem, einen mentalen. Würden diese Objekte verschwinden, würde Oberschlesien seine Identität verlieren", schreibt Tomasz Malkowski.

Nepszabadsag (Ungarn), 22.07.2006

Sind die Träume von 1989 endgültig ausgeträumt? Die junge Autorin Eszter Babarczy vergleicht die Ernüchterung nach 1968 in Westeuropa mit dem Lebensgefühl der Ungarn heute: "Die demokratische Oppositionsbewegung der achtziger Jahre kämpfte im Namen der Zivilgesellschaft, der Menschenrechtsabkommen von Helsinki und der gesellschaftlichen Solidarität und hinterließ schöne Illusionen als Erbe. In der Euphorie der Wende sprachen Historiker und Politologe über den neuen Liberalismus, der die Politiker mit der antipolitischen Politik eines Vaclav Havel infizieren werde. Heute ist es schwer vorstellbar, dass damals prominente Intellektuelle ernsthaft daran glaubten, die freie Zivilgesellschaft könne sich selbst regieren." Die ungarische Zivilgesellschaft sei von diesen Ideen weit entfernt: "Stiftungen für häusliche Zwecke, als Kirchen eingetragene obskure Vereine und Organisationen, die edlen Zwecken dienen sollen, aber sich rasend schnell in viele Einheiten teilen, um mit der gleichen Adressenliste Geld zu sammeln. Die Jahrtausendwende ernüchterte unseren kindlichen Idealismus, wir entschädigen uns nun durch Unmengen von Zynismus."
Archiv: Nepszabadsag

Spectator (UK), 22.07.2006

Der Spectator kennt in dieser Woche nur ein Thema: Die Kämpfe im Libanon: Aus Beirut berichtet Michael Young über die Haltung der Menschen zur Hisbollah: "Natürlich sind die Leute wütend und fürchten eine Ausweitung der israelischen Angriffe, doch während sie beobachten, wie ihr Land in Stücke zerschlagen wird, richtet sich ihr Zorn gegen die Hisbollah. Die Libanesen haben beobachtet, wie die Hisbollah eine hochgerüstete Armee als Staat im Staate errichtet hat, die das Land in einen verheerenden Konflikt geführt hat, den es nicht gewinnen kann. Die meisten haben die Nase voll. Sunniten, Christen und Drusen haben kein Verlangen, den Preis für die martialische Eitelkeit von Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah zu zahlen. Sie werden es auch nicht freundlich hinnehmen, wenn er versuchen sollte, die Zerstörung des Landes in einen politischen Sieg umzudeuten."

Der Philosoph David Selbourne zeichnet eine eher apokalyptische Variante. Für ihn sind die Gefechte um den Libanon nur ein weiterer Beweis, dass "wir" den Krieg gegen den "Islam" zu verlieren drohen. Denn anstatt den Kampf aufzunehmen, setzen Europas Regierungen und selbst die USA auf Verhandlungen! "Die Schlacht in der Levante ist nur eine Front, und sogar nur eine kleine im größeren Kampf zwischen der islamischen und der nicht-muslimischen Welt. Die Zeit für ernsthafte Diplomatie und für einen Dialog zwischen Muslimen und Kafir (den Ungläubigen) ist noch nicht gekommen. Tatsächlich wird sie nicht kommen, bis eine der beiden Mächte in diesem Krieg der Welten - der mit unterschiedlicher Intensität und auf verschiedene Arten von Afghanistan bis zum Horn von Afrika, vom Kaukasus bis zum Kaschmir, von Nigeria bis Xingjiang und von der Levante bis Südostasien geführt wird - endgültig besiegt worden ist."

Weitere Artikel: Douglas Davis erklärt, warum dem Iran so viel an der Hisbollah liegt. Richard Beeston erinnert sich wehmütig an das Paris des Nahen Ostens zurück, das Beirut einmal war, und setzt die Hoffnung auf seine Bewohner: "Die Libanesen sind immer noch die gastfreundlichsten, amüsantesten und schlauesten Leute im Nahen Osten."
Archiv: Spectator

Elet es Irodalom (Ungarn), 21.07.2006

Budapest nimmt von seinen nostalgisch anmutenden Straßenbahnen Abschied (Fotos hier und hier). Die alte Margaretenbrücke macht die Einführung moderner Straßenbahnen nicht mit: die Stromleitungsmasten stürzten quer auf die Gleise. In dieser schönen Stadt findet man weder einen verantwortungsbewussten Politiker, noch einen kompetenten Experten, der solche Unfälle zu verhindern vermag, kommentiert Gusztav Megyesi: "Wenn man im Sommerwind, im Schatten schwankender Masten über die Brücke spaziert, muss man kein Bauingenieur sein, um zu sehen, dass in unserem Land - das angeblich voller verkannter Genies und verhinderter Erfinder ist, - die Kultur der ehrlichen Arbeit untergeht. Budapest erweckt den Eindruck, man befinde sich in einem Land, das nicht einmal die einfachsten Aufgaben zu lösen vermag. Verfall, Schlampigkeit und Verantwortungslosigkeit ist auf allen Ebenen zu beobachten. Es hilft nichts, wenn wir die Verantwortlichen des Unfalls finden. Der Chef der Budapester Verkehrsbetriebe oder der Bürgermeister würden durch andere ersetzt, die kein bisschen besser sind. Die Stromleitungsmasten der Margaretenbrücke liegen wie ein kollektives Symbol unserer Gesellschaft da: wir können sie als Götzen verehren."

Nouvel Observateur (Frankreich), 20.07.2006

Ein ganzes Dossier feiert in dieser Woche eine neue Generation junger, französischer Köche und ihre gastfreundliche, erfinderische und zuweilen revolutionäre Küche: Sie sei der Sterneküche absolut ebenbürtig, stellenweise sogar überlegen. Vorgestellt wird unter anderem Jean-Marie Baudic, dessen Lieblingswort "Youpala" ist, was so viel bedeutet wie: Kochen mit Gefühl, Jazz, Instinkt und Spontaneität. In seinem Youpala Bistrot in Saint-Brieuc gibt es keine Speisekarte und alle Gerichte haben einen Einheitspreis. Sein Credo: "Produkte und Gewürze sind Noten, eine ganze Farb- und Geschmackspalette. Jeden Tag das Gleiche kochen hat keinen Reiz. Ich mag es, morgens noch nicht zu wissen, was ich abends kochen werde, ich lasse mich lieber treiben. Wenn ich mir ein Produkt vornehme, sehe ich, was ich damit anstellen werde. Wenn man zu Freunden essen geht, weiß man nie, was es gibt. Genau wie bei mir."

Am besten klickt man sich nach Lektüre des Überblicksartikels durch die zahlreichen Einzelbeiträge, um bei diversen Rezepten, etwa jenem von Benjamin Toursel, Chefkoch des Restaurants Le Bourg in Astaffort, zu landen und Gefallen daran zu finden: "Gänseleber, Ananas und Pastinaken nach Art des Spiegeleis".

Zu lesen ist außerdem die Rezension einer als "subtile Lektion der Ambivalenz" gelobten Studie über die "Fantome" der Aufklärung: "L'Invention de la liberte, 1700-1789" (Gallimard) des emeritierten Genfer Dozenten für französische Literatur und Geistesgeschichte Jean Starobinski.

Harper's Magazine (USA), 01.06.2006

Kristoffer A. Garin geht mit dreißig Männern auf die Große Ukrainische Brautjagd. Die Männer sind spätes Mittelalter, zumeist Amerikaner und bereit, 4.000 Dollar für die Aufscheuchung des Wilds zu zahlen. "Das sind keine amerikanischen Frauen", erklärt uns der Führer. "Euer Alter, Aussehen und Geld kümmern sie nicht. Man muss auch nicht, nachdem man eine halbe Stunde mit ihnen gesprochen hat, seine Eier zurückfordern. Lasst mich euch sagen: Hier seid ihr die Ware. Ihr seid das Stück Fleisch. Ich habe zwei Jahre in St. Petersburg gelebt und ich würde mich nicht mal mehr mit einer amerikanischen Frau verabreden, wenn ich dafür bezahlt würde." Und dann beginnt eine Reise ins Herz der Finsternis.
Stichwörter: Geld, Mittelalter

Vrij Nederland (Niederlande), 17.07.2006

"Der ganze Libanon ist auf der Flucht, jeder will hier nur noch weg", berichtet Abdelkader Benali. Er selbst ist mittendrin. Der aus Marokko stammende niederländische Schriftsteller sitzt in Beirut fest und bloggt sich für Vrij Nederland von Tag zu Tag. In der belagerten Stadt wird er Zeuge beklemmender Szenen: "Im Cafe sitzt ein Gruppe Amerikaner. Sie lachen, reden, trinken Bier, albern rum und lachen immer lauter. Jemand bittet sie, etwas leiser zu sein. Ich vermute, dass sie unter Drogen stehen. 'Nein', sagt eine Freundin, 'die haben Angst'. Eins der Mädchen steht auf und taumelt nach draußen. Wie im Halbschlaf. Sie hat Angst. Alle haben Angst. Das Gesicht der Angst ist Gegacker aus Virginia."

New York Times (USA), 23.07.2006

David Margolick hat "Fear: Anti-Semitism in Poland after Auschwitz" (Leseprobe) von Jan T. Gross (mehr) gelesen und stimmt Jan Karskis Urteil von 1940 zu, wonach der Antisemitismus der Nazis "eine Art Brücke bildete, auf der sich die Deutschen und ein großer Teil der polnischen Gesellschaft in Harmonie traf". Doch wie kam es, dass der polnische Antisemitismus nach dem Krieg ungebrochen weiter lebte? "Gross glaubt, die Polen hätten sich schuldig gefühlt: Sie waren so sehr in die jüdische Tragödie verwickelt - (den Nazis) helfend, begünstigend, enteignend - dass der bloße Anblick dieser Wracks, die überlebt hatten, dieser Leute, die das schmutzige Geheimnis der Polen kannten und die ihren Besitz zurückforderten, einfach zu viel für sie war. Darum ermordeten sie die Juden oder verjagten sie." Über diese Theorie kann man streiten, meint Margolick, aber ihm ist das "warum" ohnehin nicht so wichtig wie die Tatsache "dass". Die polnischen Pogrome nach 1945 dokumentiert und erinnert zu haben, ist für ihn das größte Verdienst von Jan T. Gross.

Weitere Artikel: Ben Macintyre empfiehlt aufgeklärten Lesern Pankaj Mishras Buch über Indien, Pakistan und Afghanistan im Strudel der Modernität (Leseprobe "Temptations of the West"). Liesl Schillinger bespricht zwei Romane des literarischen Senkrechtstarters Will Clarke: "Lord Vishnu?s Love Handles" und "The Worthy" (Leseprobe). Und Henry Alford widmet sich in einem Essay der ungemein spannenden Frage: Lesen wir auf dem Klo, weil hier Zeit und Ruhe ist oder weil es "ein symbolischer Akt des Ersetzens dessen ist, um das wir uns erleichtern"? Alford weiß es genau: "Wie die Erstausgaben von Noam Chomsky, die wie zufällig die alten Nummern des Lifestyle-Magazins verdecken, wenn Gäste kommen, so sind die Bücher auf dem Klo genau diejenigen, die der Gast sehen soll."

Im Magazin der New York Times sucht John Hodgman das Erfolgsrezept des asiatischen Horrorfilms. Im Interview mit Deborah Solomon erzählt der Ex-Microsoftler und jetzige Vollzeitphilanthrop John Wood über sein Alphabetisierungsprojekt. Stephen Mihm verfolgt die Spur der weltbesten Geldfälscher und landet bei der nordkoreanischen Regierung. Und Walter Kirn empfiehlt die lässige Atmo der neuen, direkt fliegenden "microjets": "5, 6 Leute zusammen wie bei einer Dinnerparty; Zeit zum Schwatzen und Flirten ... Diese erhabene Gemeinschaft. Dieser erregende Luxus. Fliegen wie ein Vogel. Im Schwarm."