Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
18.08.2003. Atlantic Monthly und L'Espresso untersuchen das Imperium des Rupert Murdoch. Der Spiegel porträtiert Adorno als zügellosen Erotiker. Die Literaturnaja Gazeta sieht die freie Presse in Russland auf den Hund gekommen. Outlook India besucht Pakistan. In der Kommune fürchtet Dunja Melcic das Kriegsverbrechertribunal für Jugoslawien in Den Haag. Das New York Times Magazine porträtiert den Waffenhändler Victor Bout. Im Nouvel Obs verteidigt Pascal Thomas die Streiks der intermittents.

The Atlantic (USA), 01.09.2003

In einem ungefähr zwanzigseitigen Report führt James Fallows vor Augen, wie sich die Regierung Bush daran macht, die amerikanischen Medien in eine neue Ära zu führen, und zwar in eine des puren Kommerz. Anti-Trust-Gesetze werden gelockert und die Verpflichtung auf das öffentliche Interesse aufgehoben. Lichtgestalt dieses Zeitalters ist natürlich Rupert Murdoch, dem - zur Erinnerung - der Fernsehsender Fox News, die 20th Century Fox Studios, 35 lokale Fernsehstationen, die "New York Post", "The Weekly Standard", "HarperCollins", die Londoner "Times", "The Sun", Satelliten-Systeme in England und Asien ebenso gehören wie die Los Angeles Dodgers (hier der Link zu seinem Imperium). "Vieles sehen ihn als machtversessen, habgierigen, vulgären Reaktionär. Tatsächlich hat Rupert Murdoch unermüdlich daran gearbeitet, sein einzigartiges, weltumspannendes Medien-Netzwerk aufzubauen. Doch was ihn wirklich treibt, ist nicht Ideologie, sondern ein kaltes Gewinnkalkül - und die Überzeugung, dass die Medien wie jedes andere Geschäft behandelt werden sollten, nicht als nahezu heiliges öffentliches Gut. Die Bush-Regierung stimmt darin mit ihm überein. Rubert Murdoch hat die Zukunft gesehen. Und sie gehört ihm."

Eigentlich wäre der kosmopolitische, in Jerusalem und Kairo aufgewachsene, an amerikanischen Elite-Universitäten ausgebildete Edward Said der ideale Mann, um eine Brücke zwischen Orient und Okzident zu schlagen, findet Christopher Hitchens (mehr hier). Nur, warum tut er es nicht? Hitchens hat bei dieser Frage die Neuauflage von berühmtem Buch "Orientalism" im Blick, in der Said weiterhin jegliches Eingreifen des Westen in der islamischen Welt für illegitim erklärt. "Dies wäre gerade noch haltbar, wenn nicht andererseits islamistische Eingriffe in das westliche Leben ein solch wichtiges Moment geworden wären. Als 'Orientalism' zum ersten Mal publiziert wurde, war der Schah noch der Wächter des amerikanischen Kapitals im Iran, und seine Herrschaft war so exorbitant grausam und korrupt, dass Millionen säkularer Iraner willig waren, eine - wie sie meinten - vorübergehende Allianz mit Khomeini einzugehen, um ihn loszuwerden. Heute reichern die iranischen Mullahs Uran an und gewähren flüchtigen Bin Ladens Unterschlupf (die nebenbei ihre Schia-Glaubensgenossen in Afghanistan und Pakistan abschlachteten), während Studenten in Teheran mit amerikanischen Protestparolen ihr Leben riskieren."

Weitere Artikel: Patrick Buchanan stellt rein rhetorisch die "question du jour", ob nämlich George Bush bei den Wahlen 2004 geschlagen werden könnte. Natürlich nicht, und schon gar nicht von den Demokraten. Caitlin Flanagan entdeckt ihre Bewunderung für die gute alte Hausfrau. Jetzt liest sie heimlich "The Settlement Cook Book: The Way to a Man's Heart" und weist nebenbei auf einen interessanten Widerspruch hin: Dass Hollywood nämlich nicht müde wird, die GIs des Zweiten Weltkriegs zu verherrlichen, während es gleichzeitig die Ehemänner der Fünfziger verteufelt - als wären dies nicht dieselben Männer.

Besprochen werden Charles Baxter's neuer Roman "Saul and Patsy", die Biografie der Komikerin Lucille Ball "Ball of Fire" sowie Maile Meloys Debüt "Liars and Saints". Außerdem gibt es wie immer Gedichte von John Updike, Stanley Plumly und W. S. Merwin sowie eine Kurzgeschichte von Elizabeth Stuckey-French zu lesen.

Nur im Print: William Langewiesches großer Report über die Anarchie auf den Meeren, wo Nationen, Schiffseigner und Piraten ihr Unwesen treiben.
Archiv: The Atlantic

Spiegel (Deutschland), 18.08.2003

Nun ist es soweit: Das Adorno-Jahr scheint in seine heiße Phase zu treten - und da wird auch an ketzerischen Beiträgen nicht gespart. Johannes Saltzwedel jedenfalls bietet schon einmal alles auf, was an Unfreundlichem über den Philosophen gesagt werden kann - und auch gesagt wurde. Etwa Hannah Arendt, für die Adorno "einer der widerlichsten Menschen, die ich kenne" war. Oder Odo Marquard, der klagt, dass viele Jahre lang jeder Geisteswissenschaftler Adornos Denk- und Schreibgestus "wie die Masern" hat überstehen müssen. Im Stil eines Enthüllungsartikels listet Saltzwedel außerdem tabellarisch alle "Kehrseiten" Adornos auf - weil die drei jüngst erschienen Adorno-Biografien (von Stefan Müller-Doohm, Detlev Claussen und Lorenz Jäger, Leseproben hier) diese nämlich seiner Ansicht nach "nahezu unerwähnt lassen": die heute bekannten Dokumente zeigten Adorno als "Papier-Marxisten", als "verwöhnten Eierkopf", als "braven Sohn" und vor allem als "Erotiker, der sich unentwegt in Affären stürzt, um dann durch Schreibarbeit der Sehnsucht zu entrinnen". Saltzwedel hebt hervor: "Bordellbesuche sind belegt". Außerdem gibt er folgende Anekdote wieder: "An der Fußgängerampel konnte Professor Adorno ungestraft seine Gattin mit dem Spazierstock fortschubsen, um freie Sicht auf eine attraktive junge Dame zu gewinnen." Und schließlich wird dann auch noch diese Tagebuchnotiz Adornos aus dem Jahr 1949 zitiert: "Das Weekend mit Carol. Wir aßen im Rumpelmeier, ich setzte ihr das Programm auseinander, das wir streng innehielten; Genießen der Vorlust ... Nachmittag der äußersten Exzesse, in völliger Helle und Klarheit. Echte Masochistin: zweimal ihr Orgasmus nur beim freilich erbarmungslosen Schlagen ... Das Kunststück beim Lieben von hinten einen ganz einzuschließen ... Morgens nackte Reprise. Menschlich und geistig gereift." Das nennen wir eine Minima Moralia!

Im Print: ein Interview mit Detlev Claussen über die pädagogische Verführungskunst Adornos. Außerdem wird "Hier spricht Berlin" vorgestellt, ein Band mit Kurzgeschichten von Georg Dietz, Nils Minkmar, Peter Richter, Claudius Seidl und Anne Zielke, die "den Hype um die Hauptstadt Berlin attackieren". Der Titel ist dem großen Stromausfall in den USA gewidmet.

Archiv: Spiegel

Literaturnaja Gazeta (Russland), 13.08.2003

In dem Artikel "Die Privatisierung unserer Meinung" erklärt Dmitri Kaljuschny, warum er den Glauben an die Meinungsfreiheit in Russland verloren hat. Vor allem im Hinblick auf die Parlamentswahlen im Dezember kann die drohende "Zwangsumwandlung des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstitutes in eine Aktiengesellschaft" nur als Affront gegen die "unabhängige Meinungsbildung" verstanden werden, wenn in Zukunft "Vertreter des Arbeitsministeriums, des Finanzministeriums und der Präsidialverwaltung im Aufsichtsrat sitzen." Es scheint, als würden die Gespenster der Vergangenheit in Russland noch immer ihr Unwesen treiben: "In puncto Wahrheitsverzerrung ist diese Form von Demokratie dieselbe wie in den dunkelsten Zeiten unter Breschnew, als die Wahlbeteiligung bei 100 Prozent lag und 99,9 Prozent der Wähler für die Kandidaten stimmten."

Anatoli Drusenko analysiert, warum Russland "im schlimmsten Fall erst in fünfzehn Jahren" der Welthandelsorganisation WTO beitreten kann. "Experten schätzen, dass zu diesem Zweck mehr als eintausend Gesetze und Bestimmungen geändert werden müssten." Außerdem "würde der Beitritt zur WTO den russischen Markt für Warenimporte öffnen statt Investitionen aus dem Ausland zu fördern. (?) In einem ersten Schritt muss daher die russische Wirtschaft modernisiert werden." Andernfalls könnten in den nicht kompetitiven Branchen "tausende, wenn nicht Millionen von Arbeitsplätzen verloren gehen." Drusenkos zentrales Argument jedoch sind die Rohstoffpreise. Bei einer von der WTO "vorgeschriebenen Anpassung der Energiepreise an das Weltmarktniveau werden Dreiviertel der russischen Industrieproduktion nicht mehr konkurrenzfähig sein."

In der Rubrik "Lesesaal" empfiehlt die Literaturnaja Gazeta ein "sehr aufschlussreiches kulturwissenschaftliches Sachbuch" mit dem Titel "Schriftsteller und Selbstmord" von Grigori Tschchartischwili, bekannt unter dem Pseudonym Boris Akunin. Der mittlerweile auch im Westen zum Bestseller-Autor avancierte, "hochintelligente" Krimispezialist hat sich offenbar schon in seinem früheren Leben als Japanologe erfolgreich mit dem Weg ins Jenseits befasst. Immerhin erscheint das 500-Seiten-Opus mit dem düsteren Thema soeben in der dritten Auflage, bislang leider nur auf Russisch!
Anzeige

Outlook India (Indien), 25.08.2003

Was denken eigentlich die Menschen in Pakistan über Indien und die Möglichkeiten der politischen Annäherung? Um das herauszufinden, hat Outlook eine Umfrage in Auftrag gegeben und ein eigenes Team zum Nachbarn und großen Antagonisten geschickt, das mit mildem Optimismus zurückgekehrt ist. Der Wunsch nach einem Ende des Konflikts, berichtet Amir Mir, ist deutlich zu spüren, sogar eine emotionale Öffnung hat er ausgemacht. Die Menschen betonen die Gemeinsamkeiten und wissen indische Konsumgüter zu schätzen. Doch da ist immer noch das allgegenwärtige "K-Wort" - Kaschmir. Die Pakistanis, schreibt er, wollen Frieden, aber zuerst soll der Kaschmir-Konflikt gelöst werden, das zeigt auch die Umfrage, in der sich 79 Prozent der Befragten so äußerten. Nur noch 17 Prozent halten einen Krieg für die beste Variante, aber gleichzeitig werden von Indien Zugeständnisse erwartet.

Doch sind diese zu erwarten? V. Sudarshan hat sich in Neu-Delhi umgehört, und gibt eine negative Antwort. Bevor über Kaschmir verhandelt werden könne, so der Tenor auf indischer Seite, müsse man überhaupt erst lernen, miteinander zu reden. Sudharshan zitiert ein Regierungsmitglied: "Zunächst muss das Umfeld geschaffen werden, das die Möglichkeit für Kompromisse eröffnet. Die Annäherung kann nur schrittweise und allmählich, sehr allmählich, verlaufen. Wir sind noch weit davon entfernt."

Weitere Artikel: Sanjay Suri hat sich mit der Filmemacherin Mira Nair am Set von "Vanity Fair" getroffen und sich erzählen lassen, warum sie die ganz großen Angebote von Hollywood ausschlägt, wie sie den "Punjabi Touch" in die Verfilmung von Thackereys viktorianischem Roman untergebracht hat, und warum darin den Engländern unter die Perücken geschaut wird. Die Rolle der Becky Sharp spielt Reese Witherspoon. Urvashi Butalia empfiehlt einen Band mit neuen pakistanischen Kurzgeschichten, die aus sechs Sprachen ins Englische übertragen wurden, und Poornima Joshi berichtet von neuen Entwicklungen der unendlichen Ayodha-Tempel-Geschichte.

Espresso (Italien), 21.08.2003

Rupert Murdoch landet in Italien. Mit Sky Italia will der australische Medienmogul sein italienisches Pendant attackieren. Im Aufmacher stellen Luca Piana und Gigi Riva die Mannschaft des Herausforderers vor. Ihre Mission: den italienischen Fernsehmarkt aufmischen. So schnell wird Murdoch Berlusconi aber nicht in die Knie zwingen, da sind sich alle Beobachter einig. Und das weiß auch Murdoch selbst, glaubt der Kommunikationssoziologe Giampiero Mazzoleni: "Man braucht Zeit, um das gegenwärtige Modell zu überwinden. Murdoch ist zu besonnen, um nicht vorsichtig zu agieren, Schritt für Schritt. Er muss viele Kräfte in Betracht ziehen. Es kommt mir vor, als würde ein Stein in einen Weiher geworfen, aber mit einem Fallschirm." Fallschirm oder nicht, schließen die Autoren bedeutungsschwanger, "ein Stein, der in einen Weiher fällt, verursacht Wellen - in jedem Fall."

Umberto Eco warnt uns in der Bustina vor Leuten, die ihre Argumentation mit einem Zugeständnis beginnen. Denn dann, schreibt Eco, kommt das Gift. Stefano Stefani zum Beispiel, der, bevor er die Deutschen als einförmige, supernationalistische Blonde charakterisiert hat, seine Toleranz gegenüber Ausländern bewies, indem er auf seine erste Frau, eine Deutsche, hingewiesen hat. "Wenn es die aktuelle gewesen wäre, nun gut, aber wenn es die erste war (die er ja offensichtlich verlassen hat oder von der er verlassen wurde), ist das ein echtes Anzeichen dafür, dass er mit den Deutschen noch nie ausgekommen ist."

Federico Ferrazza erzählt die Geschichte des amerikanischen Heiratsschwindlers Kassem Saleh, den sage und schreibe fünfzig Frauen heiraten wollten. Ohne voneinander zu wissen. Das Internet macht's möglich.
Archiv: Espresso

Kommune (Deutschland), 18.08.2003

Dunja Melcic ist nicht damit einverstanden, dass das Internationale Kriegsverbrechertribunal für Jugoslawien (ICTY) bosnische und kroatische Kriegsverbrechen auf gleicher Ebene behandelt wie serbische. Sie fürchtet eine eine "Asymmetrie der Gerechtigkeit", die angesichts der eindeutig serbischen Urheberschaft der Balkankriege völlig unangemessen sei. "Schon sein Name 'ICTY' gibt dem Gericht eine Parallelisierung vor, die letztlich zur Verwischung des Unterschieds zwischen Täter und Opfer führt und bei keiner anderen vergleichbaren Kriegssituation als auf dem Kriegsschauplatz genannt 'ehemaliges Jugoslawien' denkbar wäre. Und so erhebt die Staatsanwaltschaft im April 2003 Anklage gegen den Kommandierenden von Srebrenica, Naser Oric, wegen Kriegsverbrechen an serbischer Bevölkerung in den Ortschaften um Srebrenica, das über drei Jahre belagert und von eben diesen Ortschaften aus, in denen zuvor die Moslems massenweise umgebracht und vertrieben wurden, bedrängt wurde.

Martin Altmeyer zieht aus der von Jürgen Habermas lancierten Debatte um die europäische Identität den Schluss, dass Europa sich fragen sollte, ob es dem (von Daniel Cohn-Bendit so genannten) "texanischen Bolschewismus" etwas anderes entgegensetzen könne als nur eine "moralisch indifferente Appeasement-Politik". Paul Nolte plädiert für eine Neujustierung der deutschen Sozialpolitik, immerhin sei das bismarcksche Modell des paternalistischen Sozialstaats eine recht fragwürdige Tradition. Auch die Politik der IG Metall wird kritisch unter die Lupe genommen. Anton Mlynczak sieht in ihr die "kraftmeierische Verteidigung" einer aus den Siebziegerjahren stammenden Ideologie. Wolfgang von Nostiz fragt dagegen ernsthaft, welchen Nutzen schon ein Wirtschaftswachstum habe, das sich auf Werbung, Fußball und industrielle Nahrungsmittel, auf Internet und - pfui Teufel - Handys gründe.

In einem ziemlich verquasten Artikel fordert die in Los Angeles lehrende Germanistin Dagmar Barnouw (mehr hier) eine "Modernisierung des deutschen Geschichtsdiskurses", womit sie meint, dass sich die Deutschen nicht länger eine kollektive Schuld am Holocaust und Zweiten Weltkrieg aufoktroyieren lassen sollten, und schon gar nicht von den jüdischen Opfern und ihren Nachfahren. Die "moralische Mächtigkeit des überlegenen Opferstatus" führe nämlich zu "allgemeinen kulturpolitischen Machtansprüchen".
Archiv: Kommune

New York Times (USA), 17.08.2003

Zeit und Raum, Einstein und Poincare. In "Einstein's Clocks, Poincare's Maps" (mehr hier) erzählt Peter Galison die Geschichte der beiden Genies und wissenschaftlichen Brüder im Geiste, und das auf faszinierende Weise, wie William R. Everdell versichert. Nicht nur verstehe man endlich die Relativitätstheorie, man bekomme auch einen Einblick, wie die scheinbar abstrakten Gedankenspiele von damals heute die Amerikaner im Irak gewinnen lassen, freut sich der Rezensent. "Galison demonstriert überzeugend und in überwältigender Detailfreude, wie die alles entscheidende Frage von 1900, Standardzeit und präzise Längengrade, der Referenzrahmen sowohl für Poincare als auch für Einstein war. Sein Buch ist mehr als eine Geschichte der Wissenschaft, es ist eine Tour de Force des Genres der Wissenschaftsliteratur. Lustvoll die Grenzen der einzelnen Disziplinen überschreitend, erklärt Galison die jahrhundertealte, aber immer noch verwirrende spezielle Theorie der Relativität als Kulturgeschichte der Technologie."

Scott Berg hat über seine zwanzigjährige Freundschaft mit Katharine Hepburn nun ein Buch geschrieben, "Kate Remembered" (mehr hier), dass bei Robert Gottlieb einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. "Ein Gefühl der Ausbeutung; wer aber hier wen ausgebeutet hat, kann man schwer sagen. Alle Biografen nutzen ihre Subjekte in gewissem Maße aus, indem sie sie neu erfinden, und Hepburn beutete jeden aus."

Aus den weiteren Besprechungen: Carl Hiaasen hat sich prächtig amüsiert mit Garrison Keillors neuem Roman "Love Me", in dem dieser seinen Helden einen Job beim New Yorker ergattern lässt und es zudem noch schafft, J.D. Salinger auftauchen zu lassen. Mike Wallace weiß durch Allen Hershkowitz' autobiografischem Report "Bronx Ecology" nun, wie schwierig es ist, in New York ein Recyclingwerk aufzumachen, es sei denn, man hat siebzigtausend Dollar Schmiergeld parat.

Hingewiesen sei schließlich noch auf eine Reportage im New York Times Magazine von Peter Landesman über den größten Waffenhändler der Welt, Victor Bout. Auch wenn sich der Reporter gelegentlich wie in einem schlechten Hollywood-Thriller vorkam, untersucht er detailliert auf elf Seiten Bouts ausgezeichnete Verbindungen zu den Regierungen dieser Welt.

Nouvel Observateur (Frankreich), 14.08.2003

Der Filmregisseur Pascal Thomas antwortet auf Patrice Chereaus Attacke gegen die Streiks der Kulturschaffenden von vergangener Woche (hier). "Die Störer des Spektakels haben sich nicht geweigert, in Avignon oder anderswo zu spielen. Sie haben nur etwas anderes gespielt als das, was sie einstudiert haben: Sie haben es vorgezogen, ihr Leben zu spielen."

In einem weiteren Debattenbeitrag erklärt der israelische Literaturwissenschaftler Avraham B. Yehoshua, inwiefern die internationale Gemeinschaft anlässlich der Evakuierung der Siedlungen in den 1967 besetzten Gebieten eine "vorrangige Rolle" in Israel zu spielen habe. "Der israelische Staat ähnelt einem Drogenabhängigen, der unfähig ist, sich von seiner Droge zu befreien. (Die internationale Gemeinschaft) sollte den Süchtigen zuverlässig und entschieden bei ihrer Entziehungskur helfen."

In einem Interview gibt der israelische Schriftsteller David Grossman (mehr hier und hier) Auskunft über seinen neuen Roman "Quelqu'un avec qui courir" (Seuil). Über das Leben im heutigen Israel sagt er: "Wir leben unser Leben nicht, sondern wir überleben zwischen zwei Katastrophen. Der Tod ist überall, die unerträgliche Leichtigkeit des Todes." Besprochen werden außerdem die Lebenserinnerungen des Journalisten Yves Courriere, der als Reporter schon über den Algerienkrieg berichtet hat, "Eclats de vie" (Fayard).

Erste Anzeichen dafür, dass der Sommer bald vorbei ist: Die Sommerserien gehen zu Ende. So die Reihe über Familiendynastien, die mit einem Porträt der Familie Dumas schließt, ebenfalls zum letzten Mal geht es zu kleinen Museen in die Provinz, diesmal ins Zollmuseum nach Bordeaux und das Kunstmuseum Agen. Vorgestellt werden außerdem der neue Film von Andre Techine "Les Egares" mit Emanuelle Beart, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Gilles Perrault, sowie die Ausstellung "Alors, la Chine?" mit Arbeiten chinesischer Künstler im Centre Pompidou.

Times Literary Supplement (UK), 15.08.2003

In einem Brief aus Jalta beschreibt Zinovy Zinik seine recht unvorteilhaften Eindrücke der Stadt, über deren Promenade er natürlich nicht ohne seinen Tschechow geschlendert ist. "Nach einer Dekade des Chaos und der Anarchie, war Jalta durch eine Zeit des zoologischen Kapitalismus gegangen. Den Strand säumen nun grelle, kitschige und meistens leere Bars und Restaurants. Tschechow beschrieb das Yalta des Jahres 1888 in einem seiner Briefe folgendermaßen: 'Die frechen Gesichter der Tartaren, das Treiben der Damen mit ihrem unvornehmen Ausdruck von etwas sehr Abscheulichem, die Gesichter der müßigen Reichen auf der Suche nach billiger Unterhaltung, der Geruch von Parfüm anstelle des Duftes von Zedern und Meer.' Viel hat sich seitdem nicht geändert."

James Campbell versieht Robert Louis Stevensons "Collected Poems" mit der seltsamen Empfehlung: "Stevensons Lyrik ist wie eine gemischte Platte, die man am besten in großen Portionen zu sich nimmt". Der Leser dürfe nur nicht "einen ganzen Mund voll 'O!s' und 'Lo!s' und 'Harks!' auf einmal herunterzuschlucken". Allan Massie zeigt sich dagegen absolut überzeugt von Karl Millers Biografie des unergründlichen James Hogg, den Massie als halsstarrigen schottischen Bauern und "grandios fehlurteilendes Genie" schätzen gelernt hat. Daniel Karlin steht etwas ratlos vor Edmund Whites historischem Roman "Fanny: A Fiction", der so gar keinem der unlängst von White selbst aufgestellten Kriterien an einen guten Roman entspricht, weshalb Karlin glaubt, dass sich White hier einen großen Spaß erlaubt hat.

Economist (UK), 15.08.2003

"Krieg light", sehr gerne, aber kein "Imperium light", bitte! Der Economist liefert seine Einschätzung der Lage in Irak und Afghanistan.

Zunächst einmal fragt sich der Economist allerdings, ob von einem amerikanischen Imperium überhaupt die Rede sein kann, oder ob man es hier nur mit einer Gedankenspielerei der Medien zu tun hat. Die äußeren Anzeichen, so der Economist, deuten wohl auf ein Imperium hin, seien aber trügerisch. Umso skurriler sei es daher, dass die amerikanische Regierung mehr und mehr die Pose des Imperators einnimmt. Somit bestehe das amerikanische Imperium den "Enten-Test": "Es sieht nicht nur aus wie eine Ente und watschelt wie eine Ente, jetzt quakt es auch noch so." Doch angesichts der unentschlossenen amerikanischen Nachkriegspolitik im Irak, sei das "frisch ausgerufene Imperium bestenfalls eine graue Ente, und schlimmstenfalls eine tote Ente, solange es versäumt, ein starker Enterich zu sein, der eine zeitlang sein ganzes Gewicht einsetzt. Und dies wiederum macht den Begriff des amerikanischen Imperiums in zweierlei Hinsicht problematisch. Weder den Untertanen noch den Amerikanern selbst wird dies gefallen."

Dies zeige sich bereits im Irak, wie der Economist in einem weiteren Artikel darlegt: "Das derzeitige Arrangement hat den Vorzug, Amerika die Kontrolle über eine Situation zu geben, für die Amerika letztendlich getadelt werden wird." Nur eine breitere Zusammenarbeit könne diese Situation entschärfen. Passend dazu: ein dritter Artikel über Afghanistan, "das eine Premiere sein sollte, der Versuch, wie ein gescheiterter Staat gerettet werden kann, ohne ihn zu kolonisieren."

Weitere Artikel: Für Arnold Schwarzenegger stehen die Chancen gut, zum Gouverneur von Kalifornien gewählt zu werden, meint der Economist und staunt in einem weiteren Artikel über die Unverfrorenheit, mit der sich der liberianische Diktator Charles Taylor mit Christus vergleicht. Ob das Land jetzt in Frieden leben kann, hänge davon ab, wie sehr sich die Liberianer selbst dafür einsetzen. Doch es gebe hoffnungsvolle Anzeichen: "Joseph Roberts, ein Mitglied von Taylors notorisch bösartiger 'Antiterrorismus-Einheit', sagt, sein größter Wunsch sei es, zur Schule zu gehen. 'Wenn du lernen kannst, dann kann niemand mit deinem Verstand spielen', sagt er. Dann zeigt er auf die AK-47 über seiner Schulter, und sagt: 'Dann lernst du, das hier zu vergessen.' "

Außerdem erfahren wir, dass der kürzlich verstorbene brasilianische TV-Mogul Roberto Marinho einen wichtigen Beitrag zur brasilianischen Einheit geleistet hat, und dass der Economist zwei gute Bücher über Nahrungsmittel-Skandale gelesen hat: Philip Yams "The Pathological Protein" und Peter Pringles "Food, Inc".
Archiv: Economist

Express (Frankreich), 14.08.2003

The Paris Review - Magique Review, titelt Francois Busnel und blickt auf die vierzigjährige Geschichte (mehr hier) des literarischen Magazins zurück. Begonnen hat alles in Paris, im Winter 1953 als sich ein paar amerikanische Literaten im französischen Exil zusammen taten und eine Zeitschrift gründeten. Jack Kerouac oder Philippe Roth verdanken der Paris Review ihre ersten Publikationen. "La feuille de chou de la Rive gauche", wurde die Zeitschrift für Literatur ab und an genannt. Doch Francoise Giroud war von den einzigartigen Gesprächen mit Autoren einfach hingerissen.

Weitere Artikel: Den Tathergang aus der Sicht von Bertrand Cantat, dem Sänger von Noir Desir und dem vermeintlichen Mörder von Marie Trintignant, schildert Laurent Chabrun für den Express. Laut Cantat soll Marie ihm die erste Ohrfeige verpasst haben. Das Gerichtsverfahren wird wahrscheinlich in Litauen durchgeführt werden. Ferner hat sich Annick Colonna-Cesari eine Ausstellung mit Kunstwerken der russischen Avantgarde in der Fondation Maeght angesehen. Wer wissen will, wo der Schriftsteller Michel Houllebecq seine Kindheit verbrachte, der kann sich mit den Bänden von Marie Noelle-Craissati auf literarische Streifzüge durch Frankreich begeben. Mehr erfahren Sie hier.

Und ewig lockt das Weib: In der Sommerserie über Schönheit befragt Dalila Kerchouche diesmal den Historiker Laurent Gerveau über die 50er und 60er Jahre. Gerveau ist Direktor des Institut de l?Image und Gründer von Imagesmag.net. Der Archetyp des damaligen Schönheitsideals? Na, natürlich Marilyn Monroe. Wie gut, dass es da Männer wie Serge Gainsbourg gab, die sich selbst hässlich fanden, dies auch noch offen zugaben und einfach die inneren über die äußeren Werte stellten.

Als Aufmacher bringt der Express dann gleich noch: Blond, na und? Wir warnen: Vorsicht! Barbie beißt.
Archiv: Express

New Yorker (USA), 25.08.2003

In dieser Doppelnummer geht es schwerpunktmäßig um Kinder und Familie. Roger Angell orientiert in einem Editorial über den Gesamtinhalt.

In einer Sammelbesprechung von Büchern zur Geschichte und Theorie der Kindheit geht Joan Accocella noch einmal der Frage nach, wann wir eigentlich damit "begonnen haben, Kinder als Kinder zu behandeln". Eingangs stellt sie fest, dass viele zeitgenössische Studien folgende "Route" nahmen: "Einen Gutteil unseres intellektuellen Lebens der letzten fünfzig Jahre lief nach folgendem Muster ab: Zunächst stellt eine französische Person von hoher Brillanz und ohne sich großartig um Beweisführung kümmern eine Theorie auf, die alle liebgewordenen Überzeugungen über Bord kippt. Danach stürzen sich viele, vor allem junge Akademiker darauf und entwickeln die Theorie weiter, wobei sie sie emotional und politisch weit mehr aufladen, als der französische Denker - der ohnehin lediglich 'theoretisiert' hat - intendierte."

Cynthia Zarin erzählt von ihrer Tochter, bei der in den Sommerferien ein vergrößertes Herz diagnostiziert wurde, David Sedaris berichtet über Schwierigkeiten mit einem neunjährigen Nachbarskind, und James Surowiecki erklärt, warum auch in Amerika die Geburtenrate zurückgeht.

Außerdem zu lesen: eine Erzählung von Annie Proulx mit dem interessanten Titel "What Kind of Furniture Would Jesus Pick". Nancy Franklin stellt die neue Fernsehserie "The O.C." vor, die die Lücke zwischen "Melrose Place" und "Beverly Hills 90210" ausfüllen soll. Hilton Als porträtiert die Sängerin und Songwriterin Cat Power, die "Aufmerksamkeit verlangt und ihr dann widersteht". Anthony Lane war im Kino und sah "American Splendor" von Shari Springer Berman and Robert Pulcini und "Le Divorce" von James Ivory. Des weiteren gibt es Kurzbesprechungen von Büchern, darunter einer Geschichte des Farbfilms, beziehungeweise der Produktgeschichte von Kodachrome.

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über die Zukunft der Renndynastie NASCAR, ein Text über Briefe aus einem venezianischen Palazzo, die ein Rätsel gelöst haben, das Porträt einer nicht namentlich genannten Jazzsängerin, eine Reportage über den Ehestand als Kur (sic!) und Lyrik von Les Murray, Louise Glück und Deborah Garrison.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Fernsehserien, James Ivory