Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
28.04.2003. Der Spiegel findet im Irak Elektroschocker made in Germany. Ein Ohrenarzt erklärt dem New Yorker, warum er Saddam nie widersprochen hat. Outlook India meldet, dass Ehebruch jetzt auch von der Mittelschicht praktiziert wird. Literaturen widmet sich der Bücherverbrennung. Das TLS ärgert sich über Jörg Friedrichs "Der Brand". Im Nouvel Obs erklärt Bernard-Henri Levy, warum ihn der Mörder des Journalisten Daniel Pearl so interessiert. In der NY Review of Books warnt Ronald Dworkin vor einem Ende der affirmative action.

Spiegel (Deutschland), 28.04.2003

Alexander Smoltczyk hat Saddam-City besucht, ein Viertel im Nordosten Bagdads, das vor allem von Schiiten bewohnt wird. Hier leben viele Folteropfer Saddams. Doch verhasst ist hier nicht nur der irakische Führer oder die Amerikaner: "Dass seine Besucher aus Deutschland kommen, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil: 'Raus! Gehen Sie! Deutschland hat Saddam unterstützt, raus! Ich weiß sehr gut, was gespielt wird. Ich habe die Demonstrationen im Fernsehen gesehen.' Der Scheich ist kaum zu beruhigen. Aus dem, was der Dolmetscher in dem Gerangel noch übersetzen kann, ergibt sich, dass er gefoltert worden sei: 'Ich habe gesehen, was auf dem Elektroschocker stand: made in Germany. Ich habe es noch gesehen, bevor sie ihn mir hinten reingeschoben haben.'"

Weitere Artikel: Lars Olav Beier und Martin Wolf erklären, warum die deutsche Filmbranche sich nicht grämt, obwohl auch in diesem Jahr wieder kein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes läuft. Und Günther Stockinger rezensiert Robert Jüttes "Lust ohne Last". Der Medizinhistoriker liefere in seiner neuen Kulturgeschichte der Empfängnisverhütung, glaubt Stockinger, vor allem mit einer Erkenntnis "Sprengstoff": Mit Hilfe des Coitus interruptus, behaupte Jütte, hätten nämlich "jahrhundertelang hauptsächlich die Männer bei der Familienplanung das Heft in die Hand genommen." Erich Follath glaubt in einem Debattenbeitrag, dass die Chancen für eine Demokratie in der arabischen Welt gar nicht so schlecht stehen - vorausgesetzt es findet sich ein weiser Saladin, "der - ohne Aufgabe seiner Identität - auch seine Gegner zu verstehen versuchte, kulturell den Kreuzrittern weit überlegen" war. (Hm, Udai Hussein? Bashar el-Assad? ein saudischer Kronprinz?)

Nur im Print: Ein Gespräch mit dem marokkanischen Autor Tahar Ben Jelloun über den drohenden Kulturkampf nach dem Irak-Krieg. Ein Gespräch mit dem Gedächtnisforscher Eric Kandel "über die Entdeckung des Unbewussten" und "die Moleküle der Erinnerung"; Polens Präsident Aleksander Kwasniewski über seine Rolle im Krieg gegen den Irak und den Streit zwischen "alten" und "neuen" Europäern; ein Artikel zu der Frage "Wie viel staatlichen Einfluss verträgt das deutsche Zeitungsgeschäft?" und ein Nachruf auf Herbert Riehl-Heyse. Der Titel widmet sich einem Jubiläum: Vor fünfzig Jahren wurde der Mount Everest zum ersten Mal bezwungen.
Archiv: Spiegel

New Yorker (USA), 05.05.2003

In seinem "Brief aus Bagdad" fragt sich Jon Lee Anderson, wie man eigentlich mit der Bewunderung für einen Diktator umgehen soll. In seinem "Saddams Ohr" überschriebenen Text erzählt er die Geschichte von Dr. Ala Bashir, einem Arzt von Saddam Hussein, der eine "einzigartige Rolle in dessen Leben spielte". In der titelgebenden Szene berichtet Bashir, wie er in einem Gespräch mit Saddam einmal dessen Aussage zugestimmt habe, wonach die "Leute im Süden keine wahren Gläubigen" seien. "Ich konnte nicht sagen, 'Sie irren sich!' Ich weiß noch, während er sprach, betrachtete ich sein Ohr. Die Sonne schien direkt durch es hindurch, und es sah aus wie aus Wachs. Deshalb habe ich ihm nicht richtig zugehört und mich nicht darauf konzentriert, was er sagte." Anderson bohrt nach: "Warum haben Sie nicht einfach gesagt: 'Sie irren sich'?" Bashir: "Ich dachte, er sei nicht in Stimmung für Widerspruch."

Adam Gopnik erzählt in einem wunderbaren Text, warum er so gerne Bus in Manhattan fährt - nachdem er lange auf Kriegsfuß damit gestanden hatte. "Der Bus hat eine Ordnung, wie wir sie aus den verschwindenden, partriarchalischen Familien kennen, eine erkennbare Ordnung, die von einem reizbaren Oberhaupt aufrecht erhalten wird. Der Fahrer hat nicht nur die Kontrolle über seine Welt, sondern auch das Vergnügen, willkürlich Autorität ausüben zu können - wie ein französischer Bürokrat."

Außerdem zu lesen: Die Erzählung "Dick" von Antonya Nelson und Besprechungen. So rezensiert Joan Acocella eine Studie, die amerikanische Erziehungsberater der letzten 100 Jahre analysiert. Das Buch sei "an der Oberfläche" als eine Geschichte dieser Sparte zu lesen, aber "dahinter steckt eine Geschichte elterlicher Angst im 20. Jahrhundert" - nämlich die, nur ja auch alles "richtig" zu machen. Peter Schjeldahl schreibt über die "erschreckende" Kunst von Adolf Wölfli (mehr hier; Text bis Redaktionsschluss leider noch nicht verfügbar). Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, in dieser Woche ausnahmslos von neuer Lyrik.

Nancy Franklin widmet sich zwei TV-Produktionen, "Wanda at Large" und "Mr. Personality", und John Lahr war im Kino und sah den in Cannes und Venedig 2002 ausgezeichneten Film "The Dancer Upstairs" von John Malkovich und die Musikkomödie "A Mighty Wind" von Christopher Guest.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt von Slavoj Zizek (mehr hier), das sich mit der Frage beschäftigt, ob der slowenische Philosoph nun ein Akademiker oder eine Komiker sei, eine Reportage über "verzweifelte Maßnahmen" beziehungsweise einen Arzt, der alles versuchen würde, und Lyrik von Peter Everwine und Rosanna Warren.
Archiv: New Yorker