Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
07.04.2003. Der New Yorker schickt einen Brief aus Bagdad. In der London Review of Books beklagt David Runciman, Robert Kagan tue Hobbes Unrecht. Im Nouvel Obs analysiert Paul Virilio die Herrschaft von König Ubush. Das TLS feiert Adolphe Menzel als den Flaubert der deutschen Malerei. Die NYT Book Review bewundert einen Roman über den vietnamesischen Koch von Gertrude Stein. Der Economist diagnostiziert einen Bluterguss in den arabischen Sensibilitäten. Und Folio stellt moderne Seelenräuber vor: Fotografen.

New Yorker (USA), 14.04.2003

Jon Lee Anderson schildert in seinem "Letter from Baghdad" die Folgen der Bombardierung der Stadt. In einer eindringlichen Sequenz erzählt er von den fürchterlichen Verletzungen eines Jungen durch einen Raketenangriff, den er in einem Krankenhaus sah. Anderson berichtet darüber hinaus auch von quasi indirekt Betroffenen, wie etwa seinen ihm von der irakischen Regierung zugeteilten Betreuer, der an Diabetes leidet. "Eines Abends, als wir einem Bericht über einen Bombentreffer nachgingen, der auch zivile Opfer gefordert hatte, fiel er in eine Art Schockzustand (...). Seine Insulindosis müsste eigentlich überprüft werden, aber sein Arzt hatte seine Klinik geschlossen und Bagdad verlassen." Nach Konsultation eines anderen Arztes erzählte er Anderson, es gehe ihm etwas besser, doch er "könne noch immer nicht schlafen. Er zuckte die Achseln. Er konnte nichts weiter tun."

Weitere Artikel: Um eine "Kriegsfreundschaft" geht es in der Reportage von Jeffrey Goldberg: Er recherchierte im Nordirak, wo sich einander eigentlich "befehdende Oppositionsgruppen" treffen, um Zukunftspläne für die Nach-Irak-Ära zu schmieden. Die Erzählung "Red from Green" dieser Woche schrieb Maile Meloy. Hendrik Hertzberg kommentiert den plötzlich "gar nicht so kurzen Krieg". Mark Singer gratuliert dem "kleinen, alten Magazin" The Paris Review zum 50. Geburtstag. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf den ehemaligen New Yorker-Autor, späteren Verleger und Chefredakteur mehrerer Blätter, Michael Kelly, der im Irak getötet wurde.

David Remnick würdigt in einer ausführlichen Rezension Anne Applebaums offenbar ebenso ausführliche Geschichte der sowjetischen Gulags: "Gulag: A History" (Doubleday). "War Auschwitz-Birkenau der Archetypus des Nazi-Lagers, so war das bekannteste im Gulag Kolyma im äußersten Osten Russlands. Kolyma war kein Einzellager, sondern eine Region, annähernd sechs mal so groß wie Frankreich (...); über drei Millionen Menschen starben dort zwischen 1931 (...) und Stalins Tod." Des weiteren gibt es Kurzbesprechungen, darunter einer Studie über die politischen Aufgaben des amerikanischen Militärs.

Weitere Besprechungen: eine Ausstellung neuer Bildern und Zeichnungen von Elizabeth Murray in der Galerie Pace Wildenstein in Chelsea, zwei neue Choreografien von Paul Taylor und Mark Morris und zwei Theaterstücke: "A Day in the Death of Joe Egg" von Peter Nichols und "Talking Heads" von Alan Bennett. Kinokritiken gibt es auch, von der Verfilmung der Liebesaffäre zwischen Marguerite Duras und einem sehr viel jüngeren Bewunderer, "Cet Amour-La" von Josee Dayan mit Jeanne Moreau and Aymeric Demarigny, und der "dokumentarische Fantasie" über Federico Fellini, "Fellini: I?m a Born Liar" von Damian Pettigrew mit Robert Beningni und Donald Sutherland.

Nur in der Printausgabe: ein Text von Woody Allen mit dem Titel "The Rejection", eine Reportage über das Bernsteinzimmer, ein Porträt der "Frau hinter peta" und Lyrik von John Updike und Dana Goodyear.
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 03.04.2003

David Runciman, Professor für politische Theorie in Cambridge, zeigt sich unzufrieden mit Robert Kagans Essay "Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht"), der das Verhältnis zwischen Europa und Amerika untersucht. Für Kagan seien die Europäer Kantianer, "die danach streben in einer in sich geschlossenen Welt von Gesetzen und Regeln, von transnationaler Verhandlung und Kooperation" zu leben, die Amerikaner dagegen blieben "in die Geschichte verstrickt und übten Macht aus in einer anarchischen, hobbesianischen Welt, in der internationale Gesetze und Regeln unverlässlich sind". Schon mit dieser Grundthese Kagans kann Runciman nichts anfangen. Damit tue Kagan vor allem Hobbes Unrecht: "Die hobbesianische Welt anarchisch zu nennen bedeutet sich über hinwegzusetzten, was Hobbes sagt. Mehr noch, das hauptsächtliche Problem an Kagans Stellungnahme ist, dass die wahren Hobbesianer die Europäer sind", denn die, so Runciman, glauben noch an das staatliche Machtmonopol, in einer Welt, die spätestens seit dem 11. September "post-hobbesianisch" geworden ist, und in der "einige Staaten sich verwundbarer fühlen als ihre Bürger". (Mehr zu Hobbes hier.)

Ross McKibbin fragt sich, warum Tony Blair Großbritannien in den Irak-Krieg geführt hat und sieht dafür zweierlei Gründe: Blairs starkes politisches Engagement und der Immobilismus seiner eigenen New-Labour-Regierung. "Ob er sich darüber bewusst ist oder nicht, wie sehr ihn seine eigenen innenpolitischen Entscheidungen und die politischen Einschränkungen des New Labour frustriert haben - ich glaube, er ist sich darüber bewusst - daraus folgt, dass sich sein tief empfundener moralistisch-utopischer Drang in die Außenpolitik verlagert hat." Doch diese Entschlossenheit, so McKibbin, sollte bessere Anwendungsgebiete finden als die kriegerische Auseinandersetzung.

Weitere Artikel: Richard Poirier hat Carole Seymour-Jones' Biografie von Vivienne Eliot gelesen und wundert sich angesichts des zusammengetragenen Materials, wie es die Eliots überhaupt miteinander aushalten konnten. Edward Hooper, der wegen seiner in "The River" aufgestellten These, Aids sei bei einem Experiment mit Polio-Impfung in den fünfziger Jahren in Afrika entstanden, von der wissenschaftlichen Welt belächelt wurde, meldet sich zurück und behauptet aufgrund neuer Forschungsergebnisse, dass seine Theorie zur Entstehung des Aids-Virus zu Unrecht begraben wurde (Die ausführliche Version dieses Artikels kann man hier lesen). Peter Campbell hat sich Watteaus Ölgemälde "The Shop Sign" von nahem angesehen und darin den wundersamen Kosmos des Kunsthandels wiedergefunden. Und schließlich empört sich Jeremy Harding über Jacques Chiracs ethischen Gestus, der pure Lust an der Einflussnahme verbirgt und einen Schatten auf Frankreichs ständigen Sitz im Sicherheitsrat wirft.

Nur im Print: Slavoj Zizek macht sich "paranoide Gedanken" und fragt: "Was ist los?", und Christopher Tayler bespricht Dave Eggers' Roman "You Shall Know Our Velocity".

Kommune (Deutschland), 01.04.2003

Die Belgrader Juristin Olga Popovic-Obradovic beklagt das Fehlen einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit in Serbien. "Die Gewissheit über das Verbrechen ist Furcht erregend, die Arbeit des Haager Tribunals durchschlagend. Dennoch befasst sich Serbien nicht mit seiner Verantwortung und macht diesbezüglich einen völlig gleichgültigen Eindruck. Die Dinge sind in ihr Gegenteil verkehrt worden. An Stelle von Verantwortung spricht man über das Haager Tribunal im Kontext von Geld und Investitionen. Die moralische Dimension wird vollständig vernachlässigt, bewusst und absichtlich. Von der Regierung wird nur eine Botschaft ausgesandt: Uns interessieren weder die Taten, die den Haager Angeklagten zur Last gelegt werden, noch die Angeklagten selbst. Uns interessiert nur das Geld, das wir für ihre Überstellung erhalten können."

Michael Werz entlarvt die amerikanischen Neokonservativen, nicht nur als politische Gesinnungstäter, für die der Irak nur die erste Station waffengestützter Demokratisierungsmaßnahmen war: "Zuweilen scheint es, als sprächen hier konservative Bolschewisten von der Notwendigkeit der Weltrevolution. Es ist vielleicht kein Zufall, dass einer ihrer intellektuellen Wortführer, der Politikwissenschaftler Joshua Muravchik, in den frühen Siebzigerjahren noch Vorsitzender des Sozialistischen Jugendbundes in Brooklyn gewesen ist."

In weiteren Artikel geht es einmal rund um den Globus: Nordkorea schickt sich an, ein immer bedrohlicherer Krisenherd zu werden, Siegfried Knittel liefert einen sehr hilfreichen Überblick über das geopolitische Umfeld und die Intentionen der in dem Konflikt involvierten Staaten. Jochen Müller vermutet, dass Islamismus und arabischer Nationalismus ihre Popularität vor allem dem Antisemitismus verdanken. Karl Ludwig Schibel fürchtet in der globalen Klimapolitik eine breitangelegte Gegenoffensive der USA, deren erster Schritt nur der Abschied vom Kyoto-Protokoll gewesen ist. Ludwig Watzal hat sich durch neueste Bücher zum Nahostkonflikt gelesen. Michel Marian erklärt, warum man überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben braucht, wenn man den EU-Beitritt der Türkei weiter hinausschiebt. Der Historiker Günter Barudio erinnert an die Goldenen Regeln des Gerechten Friedens, wie sie im Universalfrieden von 1648 (mehr hier) aufgestellt wurden: Gegenseitigkeit, Verhältnismäßigkeit und die Verpflichtung aufs Gemeinwohl.

Nur im Print gibt es ein Interview mit dem französischen Filmemacher und Schriftsteller Marek Halter, der mit der demokratischen Entwicklung im Russland Wladimir Putins eigentlich ganz zufrieden ist: "Ich blende ja das Chaos und Korruption, die Mafia-Morde et cetera nicht aus, und doch kann ich nicht umhin, erstaunt zu sein, wie sich die Umwandlung einer Plan- in eine Marktwirtschaft vollzieht, ohne dass es einen Bürgerkrieg gibt. Blicken wir doch nur in die Geschichte zurück, in das England Cromwells, als die ersten Manufakturen entstanden: Was für ein mörderisches Gemetzel! Aus diesem blutigen Urgrund ist das entstanden, was wir heute demokratischen Kapitalismus nennen... Im Ernst: Wie wollen wir 13 Jahre nach dem Ende des Gulag-Systems in Russland eine funktionierende Demokratie erwarten?" Und vieles mehr.
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Archiv: Kommune

Folio (Schweiz), 07.04.2003

Seelenräuber oder Traumspender? Um ihn geht es, um "den entscheidenden Augenblick", den Druck auf den Auslöser - und um den Fotografen dahinter. Es gibt sie, die Fotos der sterbenden Prinzessin Diana, berichtet Harald Willenbrock. Und doch hat man sie nie gesehen, auf keiner Titelseite. Wohl weil sie als solche Fotografen, Presse und Betrachter gleichermaßen anklagen. Und so schlafen sie weiter: "Wahrscheinlich schlummern Dutzende von Abzügen in den Stahlschränken der Bildagenturen. Tausende dürften auf den Festplatten von Redaktionen in aller Welt liegen - als digitale Klone, die in der Nacht des Unfalls freigesetzt wurden, lassen sie sich nie mehr einfangen. Dennoch tun man gut daran, sie uns nicht zuzumuten: Die letzten Fotos von Lady Diana sind ein Spiegel, in den wir niemals hineinschauen dürfen. Täten wir es, würden wir in ihm uns selbst und unsere Sucht nach Ikonen wiedererkennen. Und das wäre kein schöner Anblick."

Das sind noch wahre Abenteurer, die Fotografen des National Geographic - weiß Reto U. Schneider zu berichten - Helden, die einfach so in die Ferne losziehen, ohne sich umzudrehen: "Der kürzeste Auftrag, den je ein National-Geographic-Fotograf erhalten hat, soll aus zwei Worten bestanden haben: 'Mach Indien.' Darauf reiste der Fotograf Volkmar Wentzel 1946 per Frachtschiff nach Indien, kaufte dort für 400 Dollar einen alten Sanitätswagen, den er mit 'National Geographic Society U. S. A.' in Englisch, Hindi und Urdu beschriftete, und machte sich auf eine 65 000 Kilometer lange Reise." Die Zeit, das ist es auch, was das Besondere am National Geographic ausmacht: "Wo passiert einem das schon: Eine Frau wird schwanger, bekommt ihr Kind, und wir haben alles im selben Artikel."

Weitere Artikel: Heinz Bütler versucht sich an der Biografie eines Blickes, und zwar nicht irgend eines Blickes, sondern dem von Henri Cartier-Bresson. Viviane Manz schwelgt in der Nostalgie des alten Fotoautomaten in der Zürcher Badenerstrasse. Alberto Venzago stellt den Beniner Fotografen Cyrill Houpke vor, der in seiner Stadt zur unumgänglichen Institution geworden ist. Markus Hofmann hat sich kundig gemacht und erklärt, warum digitale Fotos genauso schwer zu manipulieren sind wie analoge. Dass die digitale Fotografie allerdings andere Vorzüge besitzt, davon hat sich Daniel Weber überzeugt. Widerum Daniel Weber hat mit Jean-Christophe Ammann, früher Leiter des Museums für moderne Kunst in Frankfurt, gesprochen und ihm drei Fotos gezeigt, für die Ammann entscheiden soll: "Kunst oder nicht Kunst". Schade nur, dass der Leser die Fotos nicht zu Gesicht bekommt!
Archiv: Folio

Economist (UK), 04.04.2003

Allen Befürchtungen zum Trotz, der anglo-amerikanische Einmarsch in den Irak könnte den arabischen Nationalismus entflammen und den Mittleren Osten in einen Brandherd verwandeln, behauptet der Economist, dass die Araber keine "gefährlichen Antworten" parat haben. "Doch das heißt nicht, dass sie keine gefährlichen Probleme haben. Im Gegenteil: Neben den bestehenden Problemen autoritärer Regimes, wachsender Bevölkerung und einer scheiternden Wirtschaft könnte ein erfolgreicher amerikanischer Krieg im Irak für eine weitere Dosis bitterer Erniedrigung sorgen. Die Freude, mit der so viele Araber angesichts der irakischen Leistungen den Mythos des David-besiegt-Goliath-Widerstandes geschwenkt haben, deutet auf die Gefahr einer furchtbaren Enttäuschung hin, wenn die Wirklichkeit der Kehrseiten des Regimes über die Menschen hereinbricht. Auch ein kurzer Krieg, in dem die Koalition sich ein Bein ausreißt, um zu zeigen, dass sie das irakische Regime bekämpft und nicht die irakische Nation, wird in den arabischen Sensibilitäten einen Bluterguss hinterlassen."

Indessen stellt sich die muslimische Gemeinschaft in Westeuropa entschieden gegen den Irak-Krieg und ist irgendwie gerührt vom gesamteuropäischen Widerstand. Doch fast genauso entschieden werde das irakische Regime kritisiert: Von "heiligem Krieg", so der Economist, könne hier nicht die Rede sein.

Weitere Artikel: Mehr und mehr stellt sich für den Economist die Frage: Was wird nach dem Irak-Krieg? Wie interessant kann die Übernahme irakischer Schulden sein? Und nicht zuletzt, wird man das transatlantische Zerwürfnis, für das die Amerikaner sich immer noch nicht mitverantwortlich fühlen, wieder kitten können? Diese Missstimmung, so der Economist, scheint sich auch auf anderen Gebieten niederzuschlagen, etwa im europäischen Widerwillen gegen den "kulturellen Imperialismus" amerikanischer Nachrichtenkanäle wie CNN. Außerdem lesen wir einen Nachruf auf den russischen Spionenfänger Rem Krasilnikov, erfahren. Sehr gefallen hat schließlich Anne Appelbaums klarsichtige Studie über den Gulag ("Gulag: A History"), die zweifellos zum "Standardwerk" werden sollte.

Nur im Print zu lesen ist unter anderem, inwiefern Tony Blair nicht Margaret Thatcher ist.
Archiv: Economist

Times Literary Supplement (UK), 07.04.2003

Mit einiger Verspätung, aber immerhin entdeckt das TLS einen der wichtigsten Maler des 19. Jahrhunderts: Adolph Menzel (mehr hier). Völlig zu Unrecht, meint Julian Bell, würde nur Courbet, Manet und den Impressionisten die Ehre zu teil, als "Wegbereiter der modernen Kunst" zu gelten. Bell zumindest geht völlig d'accord mit Michael Frieds Studie "Menzel's Realisms", die einige von Menzels Bildern zu den "bedeutendsten Werken des 19. Jahrhunderts" erklärt. Dass dies noch nicht weithin anerkannt sei, liege daran, dass kaum jemand Menzel kenne, nur zwei große Ausstellungen habe es bisher außerhalb Deutschlands gegeben. "Über das bürgerliche Leben in der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man aus Menzels Bildern genauso viel erfahren wie aus 'Madame Bovary', der preußische Maler teilte nur nicht Courbets kulturelle und politische Auffassung von 'Le Realisme' oder seine monumentale Art, diesen auszurufen."

In höchste Euphorie versetzt Clive James die Fernsehserie "The West Wing" über die fiktive Präsidentschaft des Jed Bartlet, deren zweite Staffel in Großbritannien demnächst anläuft. Die Dialoge seien so schnell und witzig wie in den besten Screwball-Comedies, das Niveau der Schauspieler stratosphärisch. Außerdem sei die Serie so dramatisch "wie Bayreuth, nur mit besserem Text."

Weitere Artikel: Auch nach Michael Walshs Biografie des Malers C. R. Nevinson, "This Cult of Violenvce"  ist Jamie Mckendrick der britische Futurist nicht sympathischer geworden, zumal Walsh den emphatischen Maler des Ersten Weltkriegs so ungeschickt verteidige, dass der Punkt eher an die Anklage gehe. John Leslie vermutet, dass der Rummel um Joao Magueijos Studie "Faster Than the Speed of Light" weniger der Erkenntnis geschuldet sei, dass es unterschiedliche Lichtgeschwindigkeiten gibt, als vielmehr den publikumswirksamen Streitigkeiten "unglaublich bigotter, ignoranter und schwachsinniger" Wissenschaftler. Gabriele Annan hat Frederic Raphael Memoiren "A Spoilt Boy" mit gemischten Gefühlen gelesen. Zwar kann Annan Rapahels Scharfzüngigkeit einiges abgewinnen, nicht aber seiner Larmoyanz.

Nouvel Observateur (Frankreich), 03.04.2003

Im Debattenteil geht der Philosoph Paul Virilio (mehr hier) mit George W. Bush ins Gericht, insbesondere mit den religiösen Anteilen seiner Mission. Virilio sieht einen "globalen Staat" entstehen, in dem Bush "weniger gewählter Präsident oder Kriegsherr wäre, sondern Guru. Der entwickeltste Staat der Welt als mächtigste Sekte der Welt." Über den Irak-Krieg schreibt er: "Man hat den strukturierten Krieg a la Clausewitz zugunsten eines zufälligen Krieges hinter sich gelassen, der sich durch nichts erklärt als durch die Fernseh-Religiosität (televangelisme) der Amerikaner. (...) Das ist der delirierende Krieg, die Herrschaft von König Ubush. War die amerikanische Kriegserklärung an eine angebliche 'Achse des Bösen' nicht die Ankündigung einer Art mystischen Jaltas, einer neuen Aufteilung der Welt, in der physische Wirklichkeit keine Rolle mehr spielt und Weltpolitik nicht mehr Sinn hat als die alte Kriegskunst?"

Sehr gelobt wird ein literarischer "Dictionnaire des onomatopees" (PUF), der Einträge von Colette ("Pou-pou-pou, pou, pou-pou, pou-pou") über Rabelais ("Heu! heu! heu! ou Uh! uh! uh!") bis Sartre ("crr") enthält. Vorgestellt werden außerdem eine Biografie über Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799, mehr hier), Geschäftsmann, Erfinder, Theaterautor und Spion von Louis XV (Fayard), und "Autoportrait", das erste Buch des Regisseurs, Filmproduzenten und Schauspielers Claude Berri (mehr hier).

Schließlich kann man sich noch erklären lassen, wie heutige Interpreten des traditionellen französischen Chansons dessen klassische Stoffe in ihren Texten fortschreiben. Verhandelt und vorgestellt werden Schlüsselbegriffe wie Nostalgie, Einsamkeit, Tod - und natürlich l'amour.

Profil (Österreich), 07.04.2003

Profil zitiert ausführlich aus einem Essay Adam Michniks im online nicht frei zugänglichen Tages-Anzeiger. Er verteidigt die Position der ehemaligen Dissidenten, die sich in großer Zahl für den Irak-Krieg äußerten: "Wir können die richtigen Schlüsse aus der Lektion ziehen, die uns der 11. September 2001 erteilt hat: So wie der Mord an Giacomo Matteotti die Natur des italienischen Faschismus von Mussolini aufdeckte; so wie die großen Moskauer Prozesse der Welt das Wesen des Stalinismus vor Augen führten; so wie die 'Kristallnacht' die versteckte Wahrheit des Hitler-Nazismus offen legte; so verstand ich, als ich die in sich zusammenstürzenden Türme des World Trade Center sah, dass die Welt im Angesicht einer neuen totalitären Herausforderung stand."

In zwei lesenswerten Interviews äußern sich diese Woche die US-Künstlerin Jenny Holzer und der englische Stardirigent Simon Rattle zur Rolle der Künstler in Zeiten des Krieges.

Jenny Holzer, die ihre Arbeit als offen politisch und persönlich sieht, meint: Die Kunst könne auch auf die neue TV-Propaganda reagieren, das sei aber die Pflicht jedes Bürgers, jeder Bürgerin "Die Kunst kann sich wohl auch dazu berufen fühlen, aber eine besondere Berufspflicht würde ich daraus nicht ableiten." Der Dirigent Simon Rattle äußert sich über seine ersten Salzburger Osterfestspiele und zu Tony Blairs Kriegspolitik: "So viele von uns Briten können einfach nicht verstehen, was passiert und warum es passiert. Eine große Mehrheit ist gegen diesen Krieg. Obwohl die Unterstützung zurzeit größer wird, weil die Menschen spüren, dass unsere Soldaten, die dort draußen ihr Leben riskieren, Unterstützung verdienen. (?) Doch die Chancen, dass dieser Krieg zu einer guten Lösung führen wird, sind minimal." Er habe vor einem Konzert, das am ersten Kriegstag stattfand, zum Publikum gesprochen: "Ich sprach über Joseph Haydn, weil uns Kunst in diesen Zeiten helfen kann. Sie zeigt, dass es andere Lösungen gibt." Aber nicht in der Sinfonie mit dem Paukenschlag!

Archiv: Profil

Outlook India (Indien), 14.04.2003

"Endgame" hat Outlook India seine Titelgeschichte zum Irakkrieg überschrieben und erwartet für den Kampf um Bagdad das Eintreffen einer von drei Möglichkeiten: "einen dramatischen Zusammenbruch, ein langsames Ersticken durch Belagerung oder die Mutter aller Schlachten." BBC-Berichterstatter Paul Danahar ist in der verdunkelten Stadt, sieht Missiles, vor denen keine Sirenen mehr warnen, in längst geräumte Militäreinrichtungen einschlagen und und berichtet von Angst, Wut und der größten amerikanischen Fehlkalkulation: Denn "gegen Saddam sein bedeutet nicht für Amerika sein."

Jumana Al-Tamimi beobachtet in Amman tausende irakische Emigranten - viele von ihnen Gegner des Regimes - in ihr Heimatland zurückkehren, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Sanjay Suri widmet sich dem Hollywood-Sprech der alliierten Propaganda und hat eine Vermutung zu den krassen Fehleinschätzungen der irakischen Gesellschaft durch ihre selbst ernannten Befreier: Diese haben begonnen, ihre eigenen Lügen zu glauben.

Weitere Artikel: Soutik Biswas berichtet aus der neuesten indischen Boom-City - der Stadt mit der florierendsten Ökonomie, einer Top-Universität, den meisten ausländischen Studenten, den coolsten Clubs und den entspanntesten Behörden: Pune, zwei Autostunden von Mumbai entfernt. Mohit Sen stellt die zweibändigen "Essential Writings" des Mannes vor, den er von den großen Staatsmännern des 20. Jahrhunderts für den größten Künstler hält: Jawaharlal Nehru. Und Nilanjana S. Roy bespricht den Roman "One Day" von Ardashir Vakil: Dieser versuche "für das multikulturelle London der Gegenwart das zu sein, was Virginia Woolfs 'Mrs. Dalloway' in einer vergangenen Epoche war", könne aber nicht mehr als höflichen Beifall hervorrufen. Und dann diese englischen Kritiker! Erst, spottet Roy, "haben sie vergessen, wie man Romane schreibt, jetzt vergessen sie auch, wie man sie rezensiert".

Spiegel (Deutschland), 07.04.2003

Diesmal, leider online nur gegen Bezahlung: Ein Spiegel-Gespräch mit Arundhati Roy zum Irak-Krieg sowie zum "internationalen Widerstand gegen die Vormachtstellung Amerikas". Unter einem Titel, der wieder einmal heftigste Anwürfe erwarten lässt: "Alles wird geschändet".

Online frei zugänglich lernen wir von Klaus Umbach, dass "Organ2/ASLSP" der Titel einer Komposition von John Cage ist, die aus "über vier DIN-A4-Blätter verstreuten Noten" besteht und "unter den Hohepriestern der Moderne als Offenbarung des Johannes" gilt. Dass es sich ferner um ein "nach dem Zufallsprinzip entworfenes Unikum" handelt, und dass "ASLSP" für "As SLow aS Possible" steht und eine Anweisung zur Darbietungsweise des Stückes darstellt. Vor allem aber erfahren wir, dass dies nun seit einiger Zeit im "schläfrigen Halberstadt" ausprobiert wird (mehr hier): "Geradezu endlos wird die Darbietung dauern, genau 639 Jahre." Nachdem im September 2001 mit der Wiedergabe begonnen wurde, war erst einmal 17 Monate Ruhe, seit Anfang Februar hört man wieder etwas. Der Höhepunkt steht allerdings noch aus - "in ungefähr 150, 200 oder 250 Jahren - ganz genau steht das bei der extremen Spieldauer naturgemäß nicht fest". Dann "pustet die Orgel in voller Dröhnung - keinen süffigen Akkord wie momentan, sondern eine schrille Disharmonie. Und die über Jahre."

Im Print: Ein Ortstermin im Berliner Camp der Friedensaktivisten unter den Linden. Außerdem ein Bericht über Madonnas neue CD und ein Artikel zum Romandebüt des Reporters Rainer Fabian über die in Österreich entdeckten Frühfassungen des Nibelungenliedes.
Archiv: Spiegel
Stichwörter: John Cage, Irak, Arundhati Roy

Express (Frankreich), 03.04.2003

Seit den siebziger Jahren lebt der tschechische Autor Milan Kundera in Frankreich. Jetzt ist sein neuer Roman "L'Ignorance" ("Die Unwissenheit") endlich auch dort erschienen. Andre Clavel erzählt die Geschichte zwischen Kundera und Frankreich, die - zumindest auf Kunderas Seite - eine Liebesgeschichte ist. Getrübt wurde sie, als Kundera anfing, seine Romane auf französisch zu schreiben - und die Kritiker sich über ihn mokierten. Darum hielt Kundera "L'Ignorance" in Frankreich drei Jahre lang zurück. Und es scheint, als hätte er seine Kritiker angesichts der internationalen Erfolge des Romans nun gezähmt: "Eine umstürzlerische Prosa, die direkt ins Wesentliche zielt", attestiert ihm Clavel.

Weitere Artikel: Eine Lawine von Büchern über Sexualität hat den französischen Buchmarkt überrollt, berichten Jacqueline Remy und Judith Rablat. Sie empfehlen unter anderem die Anthologie "Le Sexe" herausgegeben von Emmanuel Pierrat, mit Beiträgen von Christine Angot, Chloe Delome oder auch Regine Desforges. Besprochen werden außerdem Jean Ristans intimes Porträt von Louis Aragon (hier) und drei neue Bücher über Jorge Luis Borges (die Besprechung finden Sie hier).

Mit dem Schriftsteller und Filmemacher Pierre Schoendoerffer (mehr hier) hat Thierry Gandillot über Krieg gesprochen: über den Vietnam-Krieg, den Algerienkrieg und natürlich auch über den aktuellen Krieg im Irak. Und: Wenn Sie im frühlingshaften Frankreich einem grünen Hasen begegnen, wundern Sie sich nicht, denn er ist das Ergebnis französischer Gartenbaukunst, die auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

Archiv: Express

New York Times (USA), 06.04.2003

Da capo!, ruft auch Christopher Benfey angesichts des beeindruckenden Debüts von Monique Truong (mehr hier), "The Book of Salt" (erstes Kapitel), die Geschichte des vietnamesischen Kochs von Gertrude Stein in den dreißiger Jahren. Und obwohl Truong sich auf trendigem Terrain bewege, die postkoloniale Perspektive, das Recyceln eines Nebencharakters aus einem bekannten Buch, der Homosexuellenroman, die Geschichte eines Exils; nichts wirkt für den Rezensenten "secondhand": "Truong zeichnet einen völlig glaubwürdigen schwulen asiatischen Mann, der durch ein fremdes Europa treibt. Der Plot ist minimalistisch und schwer fassbar. Die allmähliche Einwickelung der Geheimnissen - von Sexualität, Rasse und Herkunft - ist eindringlicher als ein bestimmter Konflikt."

Norman Rush hält "Bay of Souls" (erstes Kapitel sowie der Ausschnitt einer Lesung zum Mithören) für eine "faszinierende Erweiterung" des dunklen Werks von Robert Stone (mehr hier und hier). Er lobt den abenteuerlichen Roman um Vodoo-Praktiken und kolumbianische Paramilitärs als eine hochkonzentrierte Arbeit, weniger brutal als die vorherigen Bücher, aber trotzdem "aufwühlender als alle anderen".

Daphne Merkins begrüßt einen Essayband von W.G. Sebald: "Eine klarsichtige, fast triumphale Vorahnung der Auslöschung" bestimme die Essays in "On the Natural History of Destruction", findet sie, vor allem imponiert ihr in dieser Hinsicht der zentrale Aufsatz über Luftkrieg und Literatur. "Ein Attribut allen wirklich inspirierten Schreibens ist seine Originalität, woher auch immer Ursprünge und Einflüsse zu finden sind. Der Ton von Sebalds Arbeit scheint mir ohne Beispiel zu sein ... Seine mäandernde Form und bemerkenswert formale Prosa (ein deutscher Kritiker bezeichnete es als einen Stil, der immer im Smoking daherkommt) umgeht die üblichen Zwänge der Erzählung, angezogen von der Grabesstille, die über dem hektischen Impuls des Geschichtenerzählens liegt."

Weitere Artikel: Nachträgliche Korrekturen machen ein Buch nicht unbedingt besser, bemerkt Judith Shulevitz in ihrem Close Reader anlässlich einer von Joyce Carol Oates' überarbeiteten Neuauflage ihres zweiten Romans "A Garden of Delights" von 1967. "Der Anfang wurde für das 21. Jahrhundet umgeschrieben, mit all den satten Farben und der kinotauglichen Präzision, wie sie sich der Leiter eines Workshops für kreatives Schreiben nur wünschen kann." David Orr kann zudem Charles Simics (mehr hier) Gedichtesammlung wärmstens empfehlen, und das will was heißen, da es sich bei "The Voice at 3:00 a.m." um Liebeslyrik und beim Rezensenten um einen Anwalt handelt. "Simic mag nicht an Theorien glauben, aber er glaubt an die Menschen - eine Überzeugung, die ihn zu einem erstaunlich effektiven Liebesdichter macht."