Heute in den Feuilletons

Das Wunder seines Daseins

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.07.2009. In der NZZ erklärt der irakische Autor Najem Wali, warum es nicht naiv ist, an die israelischen Ideale zu glauben. In der Berliner Zeitung erklärt der ägyptische Autor Gamal Al Ghitani, warum er nicht nach Israel fährt. Die taz sieht eine neue Krise der Männlichkeit heraufziehen - schuld ist der Ölpreis.

Welt, 03.07.2009

Thomas Lindemann stellt die unheimlichen Qualitäten zweier Programme vor, die die Computer zum Komponieren und Improvisieren bringen, zum Beispiel die "Band in a Box" (mehr hier), die vor allem bei Jazz zu Hochform aufläuft: "Will man einen späten Miles Davis simulieren, gibt man Dinge vor wie: Einzelne Solo-Phrasen sind lang, etwa zwei Takte, Pausen dürfen ebenfalls länger sein. Tonumfang nicht extrem. Viel Legato. Stil 'Modern Jazz'. Klang 'Trompete mit Metalldämpfer'. Dann gibt man dem Programm die Struktur eines Songs, und es arbeitet los." Das andere Programm heißt "Ludwig" (mehr hier).

Weitere Artikerl: Lucas Wiegelmann befürchtet, dass die Bayreuther Festspiele in diesem Jahr von den Bühnentechnikern bestreikt werden. Felix Müller liest eine Barbarossa-Biografie von Johannes Laudage. Cosima Lutz und Peter Löblein resümieren das Münchner Filmfest. Matthias Heine schreibt den Nachruf auf Karl Malden. Manuel Brug gratuliert Brigitte Fassbaender zum Siebzigsten. Michael Pilz erinnert an den frühen Tod des Rolling Stones-Gitarristen Brian Jones vor vierzig Jahren.

Auf den politischen Seiten kündigt Welt-Chefredakteur Thomas Schmid höchstselbst an, dass der Springer-Verlag ein, äh, Springer-Tribunal veranstalten wird: "Im Frühjahr 1968 war in West-Berlin ein 'Springer-Hearing' geplant, das auch als 'Springer-Tribunal' konzipiert war. Dort sollten die Zeitungen des Hauses analysiert und als Organe politischer Hetze entlarvt werden. Doch das Tribunal fand nie statt. Das ist schade. Der Verlag Axel Springer will Abhilfe schaffen: Er wird das Tribunal in diesem Herbst nachholen, und zwar im eigenen Haus."

NZZ, 03.07.2009

Der in Deutschland lebende irakische Autor Najem Wali hat ein Buch über Israel geschrieben, in dem er sich erlaubt, mit dem Land zu sympathisieren ("Reise in das Herz des Feindes"). Nun werfen ihm sowohl israelische Linke, als auch Araber und Deutsche Naivität vor. Aber er hält daran fest, auch die Israelis an die Ideale zu erinnern, die sie zumindest zum Teil verwirklicht haben: "Auf einmal erinnerten sie sich wieder an die verschütteten Visionen, auf denen die Gründer des jüdischen Staates einen multiethnischen, demokratischen Staat hatten errichten wollen - einen Staat, der die Menschenrechte achtet und die in ihm lebenden nichtjüdischen Minderheiten schützt. Dieses Bild ist im Laufe von 60 Jahren Konfrontation, Konflikt und Krieg fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst, verdrängt durch die spätere Militarisierung der israelischen Gesellschaft."

Weitere Artikel: Jürg Zbinden schreibt zum Tod Karl Maldens. Marco Frei hört sich eine CD-Boy mit späten Aufnahmen Wilhelm furtwänglers an.

Besprochen werden "Porgy and Bess" unter Nikolaus Harnoncourt in Graz, einige Ausstellungen zum 500. Jubiläum der Thronbesteigung Heinrichs VIII. in England (mehr hier) und Neuaufnahmen des Violinkonzerts von Johannes Brahms.

Für die Medienseite hat sich Heribert Seifert ohne große Überzeugung durch die Onlineableger der großen Printinstitute in Deutschland geklickt und lobt am Ende nur die Blogs der FAZ: "Was hier verhandelt wird, steht oft in direktem Widerspruch zur Linie der gedruckten Zeitung. Nach dem Tenor vieler Leserkommentare werden die Blogs auch von Nutzern gelesen, die kaum zu den Abonnenten der FAZ zählen dürften."

Vorgestellt wird außerdem das Reporter's Center bei Youtube, in dem höchst prominente Journalisten die Regeln des Handwerks erklären.

Berliner Zeitung, 03.07.2009

Es klingt wie eine Antwort auf den Artikel von Najem Wali in der NZZ. Julia Gerlach interviewt den ägyptischen Schriftsteller Gamal Al Ghitani, der wie die meisten arabischen Intellektuellen nicht zum arabischen Kultursommer nach Jerusalem fährt, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass er mit Israel kooperiert: "Ich würde sogar gerne mal nach Israel reisen. Ich bin neugierig. Das ist mein ganz persönlicher Traum, aber ich kann nicht, weil es falsch wäre." Außerdem kritisiert er den wegen antisemitischer Äußerungen ins Gerede gekommenen ägyptischen Kandidaten für den Unesco-Vorsitz, Faruk Hosni: "Er war immer gegen die Normalisierung, aber jetzt beginnt er, sich Israel anzunähern, weil er Unesco-Chef werden will. Das macht ihn unglaubwürdig."
Anzeige

FR, 03.07.2009

Arno Widmann berichtet von einem Abend im Frankfurter Cervantes-Institut, bei dem Daniel Kehlmann und Mario Vargas Llosa dem uruguayischen Autor Juan Carlos Onetti huldigten. Vargas Llosa erzählte dabei, wie er Onetti 1966 in San Francisco traf: "Er fragte den älteren Kollegen nach seiner Arbeitsweise. Nein, er, Onetti, folge bei seinem Schreiben nicht einem vorgefassten Plan, er habe auch keine ordentlichen Arbeitsstunden. Er schreibe, wenn es ihn überkomme, konvulsivisch, unter Zwang. Wenn nichts komme, dann komme eben nichts. Mario Vargas Llosa warf ein: 'Aber Ihre Romane sind so kunstvoll konstruiert, so raffiniert gebaut.' Onetti lachte ihn aus. 'Wissen Sie, Schreiben - für Sie ist es Ihre Ehefrau; für mich ist es die Geliebte!'"

Weitere Artikel: Ganz entzückt ist Julia Kospach, wie es sich gehört, von John Malkovich, der in der Rolle des Serienmörders Jack Unterweger in Wien gastiert: "Der Killer als Plaudertasche ist eine beunruhigende Figur: Fahrig, schmeichlerisch, angeberisch, mit einem kaum verborgenen, stetig schwelenden Unterton absoluter Unbeherrschtheit." Harald Keller verabschiedet Karl Malden, dessen zerhauene Knubbelnase mehr als fünfzig Jahre die Leinwände zierte. Daniel Kothenschulte überdenkt nach dem Tod von Michael Jackson noch einmal die Bedeutung seines Werkes. In Times mager freut sich Harry Nutt schon auf den nächsten Berliner Architektur-Wettbewerb mit großem Blamage-Potenzial: die zweite Runde für das Einheitsdenkmal.

Irgendwo auf den vorderen Seiten meldet Christine Möllhoff: Man darf jetzt offiziell auch in Indien schwul sein. Das Oberste Gericht in Delhi hat ein Gesetz aufgehoben, dass Homosexualität mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft. Das Gesetz war 1861 unter britischer Kolonialherrschaft eingeführt worden. Die BBC hat dazu Reaktionen indischer Zeitungen zusammengefasst. Auf der Medienseite nimmt Stefan Michalzik die Musikmagazine in den Blick, denen die Absatzkrise der Musikindustrie und das EU-Werbeverbot für Tabak schwer zu schaffen machen. Das Ende des schwarzen Musikmagazins Vibe erwähnt Michalzik nicht.

Besprochen werden eine Schau von Edvard Munchs Druckgrafik im Frankfurter Städel, Rainer Merkels Roman "Lichtjahre entfernt" und Harald Kellers Geschichte der Talkshow in Deutschland (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 03.07.2009

Das Internet existiert in seiner heutigen Form seit gut 15 Jahren. Es war absehbar, dass es alle Branchen, allen voran die Medien, revolutionieren würde. Die Unternehmen haben es trotzdem nicht geschafft, sich anzupassen. Andreas Göldi entwickelt in Netzwertig einige wirtschaftspsychologische Überlegungen zu folgenden Fragen: "Woran liegt es, dass hochbezahlte Topmanager es offensichtlich schlicht verpasst haben, auf diese neue Welle adäquat zu reagieren? Und warum scheinen auch Politiker und führende Kulturschaffende sich mit dem Phänomen Internet so schwer zu tun?"
Stichwörter: Internet

TAZ, 03.07.2009

Auf der Meinungsseite denkt Carsten Otte darüber nach, ob Autokrise, Carsharing und Ökoautos die Männlichkeit in eine neue Krise führen werden. "Sprüche über Frauen, die angeblich nicht einparken können, klopft nur noch der Landproll, der vor Jahren gehänselt wurde, weil er einen Opel Manta fuhr. Spätestens durch die Krise hat das Auto, einst des Mannes liebstes Spielzeug, als Projektionsfläche ausgedient."

Auf den Kulturseiten berichtet Klaus Irler über die Inszenierung des Stücks "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" am Hamburger Schauspielhaus, in dem Oskar Lafontaine als Vorbild für die Hauptfigur dient und von einer Sechzehnjährigen in der Badewanne erdolcht wird, was er an einem Abend im Publikum höchstpersönlich miterlebte und anschließend mit Regisseur und Ensemble diskutierte. Klaus Walter schreibt über Lee "Scratch" Perry und den Dubreggae, der an seinem Ursprungsort Jamaika bedeutungslos geworden ist und stattdessen heute in Europa gepflegt wird. Auf der Medienseite schreibt Jonathan Fischer einen Nachruf auf das HipHop-Magazin Vibe.

Besprochen wird die Wiederveröffentlichung von Charles Mingus? Album "Ah Um" von 1959 und Miles Davis? "Sketches of Spain" von 1961.

Hier Tom.

Jungle World, 03.07.2009

In einem Pro und Contra zum Heidelberger Appell erklärt Cora Stephan alias Anne Chaplet, warum sie den Appell unterzeichnet hat: "Die Maschine selbst bringt nichts hervor. Ohne Original keine Kopie. Da wäre es natürlich nett, wenn auch die Copypiraten, die sich als Vorhut der Meinungs- und Informationsfreiheit begreifen, die Sache mit dem geistigen Eigentum und den ökonomischen Bedingungen der Literaturproduktion berücksichtigen könnten. Aber haben Appelle jemals genützt? Die Augen verschließen und weitermachen wie bisher hilft sicher ebenso wenig wie die gnadenlose Verfolgung von Eigentumspiraten, die finden immer einen Weg. Die Idee, aus Einsicht ins Unabänderliche Autoren mit einer kleinen staatlichen Überlebenshilfe auszustatten, damit sie in Spitzwegscher Idylle vor sich hin basteln können, ist wiederum unappetitlich. Autoren sind keine Streuobstwiesenpfleger und keine aussterbende Minderheit, die aus Gründen der Artenvielfalt erhalten werden müsste."

Spreeblick-Blogger Malte Welding hält dagegen: "In der übersichtlichen Welt des Heidelberger Appells ist die Sache klar: Der Feind steht im Netz. Auf Youtube werden Bücher raubgelesen, bei Myspace schicken sich die Nutzer Anthologien hin und her, bei Twitter wird Heidegger gebrandschatzt und Amazon schließ­lich - ach, nein, Entschuldigung. Nirgendwo fänden die Verleger mehr Menschen, die Google skeptisch gegenüberstehen, als im Netz. Aber es geht anscheinend nicht darum, Ver­bündete in der Sache zu finden, man möchte einfach nur zum Appell rufen, 'an die Waffen, Genosse Bundeskanzler, schütze uns!'"

FAZ, 03.07.2009

Der Schriftsteller Martin Amis blickt zurück auf seine "Karriere" als Freizeit-Tennisspieler - und hält nüchtern fest, dass nicht mehr bleibt als "die glückliche Erinnerung an vielleicht ein Dutzend Schläge". Der Unternehmer Michael A. Gotthelf , der Vorsitzende des Walter-Rathenau-Instituts (in dessen Beirat FAZ-Herausgeber Günter Nonnenmacher sitzt) bringt in einer sehr ausführlichen Darstellung der Finanzkrisenursachen aus wirtschaftsliberaler Sicht die Linksabweichler auf Linie, die zuletzt auch im Feuilleton zu Wort gekommen sind. In der Glosse wiederholt Niklas Maak seine Forderung, die aktuelle Debatte um den Humboldt-Forum-Wettbewerbsausgang zu nutzen: "Das Schloss muss grundlegend umgedacht werden."

In seiner Kunst-Kolumne denkt Eduard Beaucamp über die gerne verschwiegenen Schäden nach, die Kunstwerke im internationalen Museums-Leihverkehr erleiden. Felicitas von Lovenberg war dabei, als in Frankfurt Daniel Kehlmann und Mario Vargas Llosa an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Juan Carlos Onetti erinnerten. Andreas Rossmann teilt mit, dass Pina Bauschs Truppe erst einmal weitermacht - die längerfristige Perspektive ist aber ganz unklar. Jordan Mejias meldet, dass ein US-Gericht die unautorisierte Fortsetzung von J.D. Salingers "Fänger im Roggen" verboten hat. Michael Althen schreibt zum Tod des Schauspielers Karl Malden.

Besprochen werden Edith Clevers "schamanischer" Auftritt mit ""Hölderlin: Mnemosyne - Die späten Hymnen" in der Agora vor der Berliner Volksbühne, die Pariser Uraufführung von Anne Teresa De Keersmaekers neuer Choreografie "The Songs", der Animationsfilm "Ice Age 3" und Bücher, darunter Michael G. Fritz' Roman "Tante Laura" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 03.07.2009

Mit einer Haltung, die man fast zärtlich nennen kann, versucht sich Burkhard Müller den metaphysischen, ja "göttlichen" Qualitäten des Kapitals zu nähern: "Aber weil es sich mit seinem bloßen Dasein nicht zu begnügen vermag, sondern wachsen muss, wenn es nicht sterben soll, so ist das Kapital auch etwas ungemein Verletzliches. Das Wunder seines Daseins verdankt es zuletzt einer höchst anfälligen Phasenverschiebung. Es lebt davon, das Noch-nicht des künftigen Erlöses zu behandeln wie die unwidersprechliche Gegenwart; man kann von einem Kredit schon jetzt etwas kaufen; ja nur so funktioniert ein Kredit. Es gibt immer mehr Kapital, als es dem Gesamtwert der je produzierten Dinge entspricht. Kapital existiert nur im Überhang."

Weitere Artikel: Frank Baumbauer, scheidender Intendant der Münchner Kammerspiele, resümiert im Gespräch: "Wenn man die Gewohnheiten ein bisschen aufbricht, gilt man gleich als Radikalinski." Andrian Kreye beschreibt das Stadionkonzert als "Königsdisziplin der Rockmusik" und erklärt, warum U2 die derzeit größten Meister dieser Disziplin sind. Florian Kessler war dabei, als in Hamburg der Theaterregisseur Volker Lösch und Linken-Chef Oskar Lafontaine sehr engagiert von links her debattierten. Jens Malte Fischer gratuliert der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender zum Siebzigsten. Tobias Kniebe schreibt den Nachruf auf den Hollywood-Schauspieler Karl Malden. Beim Münchner Filmfest hat Susan Vahabzadeh zwei neue "Mumblecore"-Filme gesehen. Fritz Göttler stellt den philippinischen Regisseur Brillante Mendoza vor.

Besprochen werden John Malkovichs One-Man-Show "The Infernal Comedy - Confessions of a Serial Killer" in Wien, die Jürgen-Habermas-Werkschau in der Frankfurter Deutschen Nationalbibliothek und neben vielen Taschenbüchern auch Mahmud Doulatabadis Roman (Leseprobe hier) "Der Colonel" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).