Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.06.2005. Die NZZ warnt in ihrer Betrachtung der jungen Malerei vor der Supense-Falle des Belgiers Luc Tuymans. 400 Jahre nach Don Quijote denkt Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt, also ist er. Gott will, dass ihr reich seid, lernt die SZ vom schwarzen Fernsehprediger Dr. Creflo Dollar. Westeuropa ist dekadent, weiß die FR nach Nee und Non. Die taz erlebt unterdrückte Wissenschaftler am Bosporus, während in der Berliner Zeitung über das Problem Ostdeutschland diskutiert wird. Noch weiter weg verschlägt es die FAZ, die bei der äußersten Mobilmachung des aidsgeplagten Botswana vor Ort ist.

Welt, 04.06.2005

Hans Ulrich Gumbrecht sinniert in der Literaturbeilage über die aktuelle Bedeutung von William Shakespeare und Miguel de Cervantes, dessen Don Quijote 400 Jahre alt wird. "Cervantes und Shakespeare erfanden ihre Helden in einer historischen Gegenwart, als die Strukturen und die Stimmungen unseres Bewusstseins zentral, ja oft ausschließlich zentral für das Selbstbild der Menschen wurden. 1637, 21 Jahre nach dem Tod von Cervantes und Shakespeare, brachte Rene Descartes im 'Discours de la methode' diese neue Selbstreferenz zum ersten Mal auf die Kompaktformel des 'Ich denke, also bin ich'. Verglichen mit den Selbstreferenzformen der mittelalterlichen Kultur aber, zu denen immer ganz selbstverständlich die Substanz und die Formen der Körper gehört hatten, war das Bewußtsein eine überaus abstrakte, ja geradezu spröde Form des Selbstbezugs. Mehr als irgendwelche anderen Autoren haben Miguel de Cervantes und William Shakespeare in ihren Helden die Formen, Stimmungen und Bewegungen des Bewusstseins für uns vorstellbar - ja manchmal wollen wir sogar glauben: sichtbar - gemacht."

Von der Washington Post übernommen und im Magazin abgedruckt ist Bob Woodwards Geschichte, wie er Mark Felt, später "Deep Throat", zunächst als väterlichen Berater beim Warten im Weißen Haus kennenlernte. "Zum Schluss gab er mir noch einen Tip mit auf den Weg: Sein erster Job nach dem Jurastudium, so erzählte er mir, habe ihn zur 'Federal Trade Commission' geführt. Dort habe seine erste Aufgabe darin bestanden zu entscheiden, ob Toilettenpapier den Namen 'Red Cross' tragen dürfe oder ob diese Namensgleichheit mit dem amerikanischen Roten Kreuz ein Verstoß gegen die Regeln des fairen Wettbewerbs sei. 'Bleiben Sie nicht bei solchen Toilettenpapier-Untersuchungen hängen', riet er mir."

NZZ, 04.06.2005

In der Beilage Literatur und Kunst sichtet Georg Imdahl das bunte Angebot der jungen Malerei und markiert drei Trendsetter: Peter Doig (mehr), Luc Tuymans (mehr) und den Leipziger Neo Rauch (Bilder). Allen gemeinsam sei die Betonung der erzählerischen Strategie, die Einbettung in das Zeitgeschehen. Tuymans Malerei etwa "ist sequenziell und filmisch angelegt; sie lässt eine besondere Geschichte spüren, die Erwartungen weckt und Erinnerungen auslöst. Dabei steckt dieser neue Typus einer Historienmalerei voller latenter Aggressionen; in der angezogenen Handbremse der Farbigkeit spürt man Selbstbeherrschung, aber auch Anflüge von Hassliebe zum Medium Malerei. So wittert man Unheilvolles selbst noch in belanglosen Tapeten- und Tischdeckenmustern und tappt in die Tuymanssche 'Suspense'-Falle."

Schwerpunkt der Beilage ist die Fortführung der Reihe über den Liberalismus. Der politische Philosoph Otfried Höffe versucht Freiheit und Gleichheit, Liberalismus und soziale Gerechtigkeit zusammenzubringen. Jan-Werner Müller untersucht die transatlantisch unterschiedliche Bedeutung des Wortes "liberal". In den USA hat es einen sozialdemokratischen Beiklang, was regelmäßig zu europäisch-amerikanischen Verständigungsschwierigkeiten führt. Alexis Keller refieriert über Grundlagen und Herkunft des schweizerischen Liberalismus. Und Andreas Hauser gratuliert der Gesellschaft für schweizerische Kunstgeschichte zum 125. Geburtstag.

Im Feuilleton warnt der Literaturkritiker Fakhri Saleh vor übereiltem Jubel bei der Modernisierung der arabischen Welt. Zwar hätten Begriffe wie Demokratie, Reform und Veränderung es endlich geschafft, durch den "geistigen Cordon sanitaire" ins Zentrum der öffentlichen Debatte zu dringen. "Freilich beobachtet man diesen Prozess in mehrerlei Hinsicht mit gemischten Gefühlen. Sowohl die kürzlich erfolgte Abstimmung über die Verfassungsreform in Ägypten als auch die laufenden Wahlen in Libanon könnten auf abstrakter Ebene als Schritte in Richtung Demokratisierung gewertet werden, waren in Wirklichkeit aber kaum mehr als 'Entscheide' über weitgehend vorbestimmte Fakten."

Außerdem: "A. Bn." empfiehlt das neue "Du"-Heft von und mit Imre Kerstesz. (mehr in unserer aktuellen Magazinrundschau). "gü." meldet die in Sachen Rechtschreibreform beschlossene Änderung des Paragrafen 34 zur Getrenntschreibung.

Besprochen werden eine große Werkschau über die Kuratorin und Künstlerin Hilla von Rebay in dem von ihr einst angeregten Guggenheim-Museum, eine Schau russischer und ungarischer Avantgardekunst im Genfer Musee d'art et d'histoire, die Ausstellung "Annicinquanta" über die Euphorie der fünfziger Jahre in Design, Mode, Architektur, Film und Literatur im Mailänder Palazoo Reale, eine Ausstellung zeitgenössischer Künstler zum Thema "Bewegliche Teile - Formen des Kinetischen" im Museum Tinguely Basel sowie Janos Szekelys "großartiger" Roman "Verlockung" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 04.06.2005

Jonathan Fischer stellt den schwarzen Fernsehprediger Dr. Creflo Dollar (Website) vor, der als HipHop-Ikone verehrt wird. Seine Anschauungen sind für einen Prediger nur bedingt konventionell: "Das Evangelium des Dr. Creflo Dollar lässt sich in zwei Kernaussagen zusammenfassen. Erstens: Gott will, dass ihr reich seid. Zweitens: Nur wer gibt, kann auch empfangen. In seine Fernsehpredigten streut Dollar eine Reihe vager und aus dem Zusammenhang gerissener Bibelzitate, die alle irgendwie mit Säen und Ernten, Verdunstung und Regen - als Metaphern für Geldspenden und den darauffolgenden göttlichen Segnungen - zu tun haben." Immerhin steht der Mann zu seinen Prinzipien: "Ich kann nicht über Wohlstand predigen, wenn ich nicht demonstrieren kann, dass dieses Prinzip in meinem eigenen Leben funktioniert."

Weitere Artikel: Vorabgedruckt wird ein Text des Autors Peter Nadas über die ungarische Fotografie, den er für den Katalog zur Ausstellung zu diesem Gegenstand im Berliner Gropius-Bau geschrieben hat. Die Schriftstellerin Salwa Bakr informiert über die oppositionelle "Kefaja"-Bewegung in Ägypten, "ein Sammelbecken für höchst unterschiedliche politische Richtungen, ob rechts, links oder den Muslimbrüdern nahestehend". Die Kultusministerkonferenz kreißte in Rechtschreibfragen. Thomas Steinfeld betrachtet das Mäuslein, das sie gebar, und stellt fest, dass die einheitliche Rechtschreibung jetzt endgültig perdu ist. Ijoma Mangold verabschiedet zur Abwechslung nicht die Regierung, sondern den "rot-grünen Phänotyp".

Außerdem: Jens Bisky schreibt ausführlich über die Verleihung des Taut-Preises an junge Architekten. Über Benedikt XVI. sowie Albert Schweitzer denkt Martin Urban nach. Porträtiert wird die afrikanische Choreografin Kettly Noël. Gemeldet wird die Verleihung des erstmals vergebenen Internationalen Booker-Preises an den Albaner Ismael Kadare. Frohe Botschaften für die Kunstwelt aus Bremen und Straubing: Es gibt je ein neues Werk von Munch und Dürer.

Besprochen werden die große Gerhard-Richter-Retrospektive im Münchner Lenbachhaus, die New Yorker Designausstellung "Extreme Textures", eine Aufführung von Johann Adolf Hasses Oper "Erzwungene Ehe" in Weißenhorn und Breck Eisners Film "Sahara".

Rezensionen gibt es zu einer französischen Publikation, die die Inhalt eines Koffers mit Dokumenten zu Antoine de Saint-Exupery vorstellt, zu Theodor Lerners Buch über seine Polarfahrten um 1900 und einem Hörbuch mit gekürzten Mark-Twain-Texten. (Mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

Ein recht apartes Kapitel alternativer Geschichtschreibung hat Gustav Seibt in der SZ am Wochenende zu erzählen: "Als im Spätsommer 1989 die westdeutsche Bundeswehr ihre Waffen streckte und die freiwillige Selbstübergabe des Staates, den sie immer nur zu verteidigen vorgegeben hatte, an die Friedensmacht DDR ins Werk gesetzt wurde, da verhinderte man nicht nur einen neuen Weltkrieg - das offizielle Motiv der überraschenden Kapitulation -, sondern es verschwand auch ein zutiefst unethisches Gemeinwesen von der Bühne der Geschichte."

Weitere Artikel: Im Aufmacher geht es um Schröder und Merkel und einen "legalen Staatsstreich": Den Weg ins Netz hat der Artikel leider noch nicht gefunden. In einem Vorabdruck erzählt Christa Wolf, wie sie einmal in Hollywood war. Obwohl er keine Hitler-Geschichten mehr hören kann, erzählt Willi Winkler dann selber noch eine: die von dem jungen Mann, der den Führer aus dem Bunker ausfliegen sollte. In einem Leidensbericht von Karl Forster erfahren wir, wie er einmal weit reiste, um dann doch ohne seinen Traumwagen zurückzukehren. Helge Schneider spricht im Interview über das Reisen und die ganz speziellen Formen, die es in seinem Falle annimmt: "Ich möchte nicht in die Welt, um den Leuten die Welt zu zeigen, ich möchte selber die Welt sein."
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Berliner Zeitung, 04.06.2005

Im Magazin nähern sich Autorin Ines Geipel und Wirtschaftsjournalist Uwe Müller in einem langen Gespräch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven dem Problem Ostdeutschland. Müller nennt die Wiedervereinigung einen wirtschaftlichen Super-GAU, Geipel dagegen betont die Notwendigkeit kultureller Räume. "Bei Lichte besehen ist Ostdeutschland doch die reine Gesellschaftswüste. Was mit dem Herbst '89 als wacher Bürgersinn aufblitzte, ist erlahmt, der Abrieb überall sichtbar. Die Posten sind besetzt, die Strukturen starr, die Dinge sind gelaufen, wie es so schön heißt. Eine Verfassungsdebatte? Das Vermitteln von Rechtsstaatlichkeit, von demokratischen Werten? Es bräuchte wirklich Mut und viel Witz, jetzt ernsthaft umzusteuern."
Stichwörter: Wiedervereinigung

TAZ, 04.06.2005

Nichts Gutes hat Jürgen Zimmer, Präsident des European Network of Genocide Scholars (ENGS), aus der Türkei zu berichten: "Drei große türkische Universitäten luden vom 25. bis 27. Mai zu einer Tagung an die Bosporus Universität nach Istanbul, um über das Thema 'Osmanische Armenier während des Niedergangs des Reichs. Fragen wissenschaftlicher Verantwortung und Demokratie'zu sprechen und um der offiziellen staatlich-türkischen Sichtweise die differenzierte türkischer Wissenschaftler entgegenzusetzen. Statt eines eindrucksvollen Beweises der Modernität und Offenheit des EU-Beitrittskandidaten wurde daraus ein Fanal der Unterdrückung der Meinungsfreiheit." Außenminister Cemil Cicek übte massiven Druck aus und beschimpfte die Wissenschaftler. Nebenbei ist zu erfahren, dass alleine die Behauptung, es habe einen Genozid an den Armeniern gegeben, in der Türkei noch immer unter Strafe steht.

Weitere Artikel: Unter der schönen Überschrift "Trullas und Mittelschichtspießer" dankt in Folge 6 der entsprechenden Serie Christine Rösinger Rot-Grün. Mit Folge 13 ist Schluss mit der "kleinen Schillerkunde". Wir erfahren von Alexander Leopold noch etwas über den Dichter als Mediziner. Besprochen werden der Bollywood-Film "Veer und Zaara" (mehr) und Dana Browns Dokumentarfilm "Step into Liquid" (mehr).

In der zweiten taz meditiert recht unsortiert, um nicht zu sagen: deliriert Patrik Schwarz über die Generation F und Angie sowie Guido, über Horkheimer, Adorno und die theorieschwache Linke und auch über Beleibtheit, kurz gesagt: "Die Front verläuft zwischen Großsprechern und Großdenkern, zwischen Schwätzern und Grüblern." Gleichfalls recht tief schürfende Gedanken macht sich Clemens Niedenthal über eine textschwache Neokonservative namens Sarah Connor.

Für das Dossier des taz mag schickt Brigitte Hürlimann eine Reportage von einer psychiatrischen Anstalt im rumänischen Borsa: "Die Klinik im Dörfchen Borsa, eine von vielen ähnlichen Anstalten, ist ein Schandfleck für Rumänien; das sagen auch einheimische Ärzte, Professorinnen, Behördenmitarbeiter, Politiker oder Journalistinnen. Wer einmal als unheilbar psychisch krank eingestuft wurde, als notorischer, vielleicht aggressiver Alkoholiker oder einfach betagt und pflegebedürftig ist und von der Familie nicht betreut wird, der landet in einer Klinik: abgeschoben und vergessen, weit weg von jeglicher städtischen Infrastruktur, abgelegen und gut versteckt." Außerdem berichtet der Latin-DJ Christoph Twickel aus Kuba über alte Lochstreifenorgeln.

Besprochen werden Ömer Erzerens Überlegungen zu kultureller Vielfalt "Eisbein in Alanya", zwei Bücher über "Metrozonen" und Belletristisches: Per Olov Enquists Roman "Das Buch von Blanche und Marie", Marc Höpfners streckenweise starker Roman "Trojaspiel". (Mehr dazu in der Bücherschau.)

FR, 04.06.2005

Richard Wagner behauptet, inspiriert von jüngsten Abstimmungsergebnissen ("Markenzeichen kollektiver Inkompetenz"): "Westeuropa ist dekadent": "Der Ruf nach Protektionismus sagt etwas über die Innovationsmüdigkeit, Trägheit und Dekadenz der Westeuropäer aus. Der Protektionismus soll die Reform ersetzen. Der Westeuropäer lässt als Konsument des 21. Jahrhunderts in China schneidern, als Produzent aber verkauft er sich marxistisch korrekt so teuer wie möglich. Dass er sich damit zugleich auf beiden Seiten der Klassenkampf-Front aufzuhalten sucht, scheint ihm nicht aufzufallen. Das Europa der Gewerkschaften sollte vielleicht ein bisschen Marx lesen."

Klaus Walter untersucht das Phänomen Kylie Minogue: "Alle nennen Kylie Minogue seit einiger Zeit nur noch Kylie. Komisch, wo es doch eigentlich umgekehrt ist: Kinderstars legen sich Nachnamen zu, um erwachsen zu werden: aus Connie wird Cornelia Froboess, aus Gitte wird Gitte Haenning. Kylie, so scheint es, legt sich mit dem Brustkrebs eine Biografie zu." Was die geschlechterpolitische Bedeutung des Ganzen betrifft, da schwant Walter freilich nichts Gutes: "Steckt hinter den Krokodilstränen über Kylies Krebs möglicherweise - um in der fatalen Metapher zu bleiben - ein ganz anderes Geschwür? Die verbreitete Sehnsucht nach dem krebsartigen Rückwärtsgang in Geschlechterfragen? Nach mehr Kylies und Anastacias und weniger Courtneys und Madonnas?"

Weitere Artikel: Ernst Piper erinnert an den 5. Juni 1945, an dem die Regierung der Siegermächte eingesetzt wurde. Ursula März stellt das Berliner "Museum der unerhörten Dinge" (Website) vor. Das Aus für die Zeitschrift für Mitteleuropa "Kafka" bedauert Jörg Plath.

Besprochen werden die Ausstellung "Expressionismus und Wahnsinn" in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, eine Ausstellung japanischer Keramik im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst, die Inszenierung "Talking Heads" des English Theatre in Frankfurt, und Frank Hilbrichs Version von Alban Bergs "Wozzek" am Gießener Stadttheater.

Im Magazin, das auf ePaper zu bewundern ist, gibt es unter anderem Fotos von Frauen beim Schminken und ein Gespräch mit Jose Ramos-Horta, Friedensnobelpreisträger und Außenminister von Ost-Timor.

FAZ, 04.06.2005

Joachim Müller-Jung schildert im Aufmacher die "äußerste Mobilmachung" Botswanas, um die grassierende Aids-Epidemie zu bekämpfen. Andreas Rossmann berichtet, dass im klammen Köln nun ein privater Stifterrat dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum unter die Arme greifen und damit Einfluss nehmen darf. Joseph Croitoru inspiziert die Zeitschrift "Ost-West" (mehr) und macht vor allem auf das fünfhundert Seiten starke Heft der osteuropa aufmerksam, die sich mit der russischen Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs beschäftigt.

Jordan Mejias bummelt vor der Vergabe der New Yorker Theaterpreise über den Broadway und erkennt, dass entweder schockierend, stargeschmückt oder "gezielt verdeppt" um die Tonys gebuhlt wird. Stefan Aust und Frank Schirrmacher befragen Joachim C. Fest für die Erinnerungsreihe "Hundert Jahre Deutschland" über den linken Nationalsozialismus und natürlich Hitler. Abgedruckt wird Thomas Gottschalks kleine Rede zum 85. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Paulskirche "Ich weiß wie man sich fühlt, wenn das Rentenalter naht, aber kein Nachfolger in Sicht ist." Auf der Medienseite nimmt Dieter Bartetzko den sechshundertsten Tatort zum Anlass, über diese "letzte Bastion der Verlässlichkeit" in einer unsicher gewordenen Welt zu sinnieren.

In den Überresten der Tiefdruckbeilage erinnert Michael Stolleis an die Loslösung Norwegens von Schweden vor hundert Jahren. Eduard Beaucamp macht darauf aufmerksam, wie leichtfertig vor dreißig Jahren die Pop-Art-Sammlung des Darmstädter Fabrikanten Karl Ströher zerschlagen und verspielt wurde.

Interessant im Politikteil: Judith Lembkes Porträt des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales (mehr hier), des "Diderot aus Alabama". "Auf den Diskussionsseiten einiger Artikel gibt es bisweilen ausufernde Diskussionen über einzelne Wörter, Fakten oder sogar die Notwendigkeit des ganzen Textes. Bisweilen tragen diese Dispute seltsame Früchte. Bei der Frage, ob Artikel über Pornodarstellerinnen in eine Enzyklopädie gehören, entstand ein Kriterienkatalog, um herauszufinden, unter welchen Umständen sich eine Darstellerin als 'lexikonwürdig' erweist. Demnach ist Dolly Buster würdig, Sheena Pearl jedoch nicht."

Besprochen werden die Uraufführung von Neil LaButes Stück "Some Girl(s)" im Londoner Gielgud Theatre, Arbeiten des Fotojournalisten Volker Hinz im Altonaer Museum in Hamburg, eine Ausstellung über Golo Mann als Internatsschüler auf Schloß Salem, Yash Chopras Film "Veer Zaara", und Bücher, darunter Klaus Cäsar Zehrers maritime Anthologie der Neuen Frankfurter Schule "Da: Das Meer!", Tim Parks Roman "Weiße Wasser", sowie Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums, vorgelesen von Hanns Zischler (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).