Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2004. Die NZZ erklärt, warum ausgerechnet Warschau für Friedrich Dürrenmatt reiner Honig war. In der Welt erklärt Cora Stephan, warum sie auch über die Leiden Deutscher in der Geschichte schreiben will. Die taz porträtiert den Booker-Preisträger Allan Hollinghurst. In der FAZ erklärt der ukrainische Autor Andrij Bondar, dass die Ermordung ukrainischer Politiker durch russische Geheimdienste eine lange Tradition hat. Und bei Spiegel Online fordert Henryk M. Broder von der Türkei die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern.

NZZ, 18.12.2004

In Literatur und Kunst erinnert sich der polnische Theaterregisseur Erwin Axer an Friedrich Dürrenmatt, der in den siebziger Jahren so oft nach Warschau fliehen musste: "Sein Schweizer Schicksal schwankte. Große Erfolge, frühes Geld, relativ früh blendende Triumphe im Wechsel mit Misserfolgen und Katastrophen. Er sprach zu viel Schockierendes aus, zu viele Bosheiten, erwarb mit sakrilegischen Einfällen eine zu große Berühmtheit, um nicht mächtige Feinde zu haben. Banker und Waffenproduzenten pflegen gemeinhin hohe Moralvorstellungen und mögen es nicht, wenn ihr persönlicher oder der nationale Ruf angetastet wird. Und sie haben für Nestbeschmutzer nicht viel übrig. Deutschland wiederum verfügte zwar über den größten Theatermarkt, aber die deutsche Presse, die über Erfolg oder Misserfolg entschied, war launisch, mal großzügig lobend, mal nörgelnd, also unverlässlich und unbeständig. Und ihres Spielzeugs rasch überdrüssig. Daher war Warschau, das eins seiner Stücke nach dem anderen aufführte, wo der Autor eine feste und hohe Position im Herzen des polnischen Publikums und in den polnischen Medien innehatte - für ihn reiner Honig."

Der ungarische Autor Laszlo F. Földenyi verehrt die hysterischen Frauen in den Filmen von Lars von Trier: "Die hinfälligen Frauen bedeuten für die Welt eine Herausforderung, der sie nicht gewachsen ist. Die Frauen scheitern - aber die Welt geht nicht siegreich aus diesem Spiel hervor." Walter Obschlager erzählt Max Frischs Leidensgeschichte während der Arbeiten am "Stiller", Thomas Leuchtenmüller schreibt zum zweihundertsten Geburtstag von Benjamin Disraeli. Hans-Jörg Neuschäfer gratuliert dem "Don Quijote" zum vierhundertsten Geburtstag.

Und das Feuilleton: Knut Henkel porträtiert den kubanischen Schriftsteller und Journalisten Raul Rivero (mehr hier), der zusammen mit weiteren 78 Dissidenten im Schnellverfahren verurteilt worden war. Kürzlich ist er freigekommen: "'Ich bin Schriftsteller, kein Verschwörer', bekräftigt Rivero, wenige Tage nachdem er aus der Haft entlassen wurde. 20 Monate hat er im Hochsicherheitsgefängnis Canaleta nahe der Provinzstadt Ciego de Avila verbracht. 20 Monate statt der 20 Jahre, zu denen er verurteilt wurde, weil er geschrieben hatte, was er dachte, fühlte und meinte. Für das offizielle Kuba ist Raul Rivero ein von den USA bezahlter Söldner, 'ein Schmierfink im Auftrag des Imperiums', wie die Parteizeitung Granma einmal schrieb."

Claudia Schwarz begutachtet das Berliner Holocaust-Mahnmal: "Es ist erstaunlich, wie wenig monumental das Bauwerk wirkt trotz seinem riesigen Ausmaß von vier Fussballfeldern." Romeo Giger schreibt zum Tod der amerikanischen Agnes Martin.

Besprochen werden Nigel Lowers Aufführung von Rameaus Ballett "Les Paladins" in Basel und Bücher, darunter Kellers "Martin Salander" in einer kritischen Ausgabe (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 18.12.2004

Heute im "Erlesenes Erhalten"-Extrablatt: Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer über Zeitungen allgemein und die kleine "Aroser Zeitung" im besonderen.

Im Kulturteil stellt Sebastian Domsch den diesjährigen Bookerpreis-Träger Allan Hollinghurst vor, dessen Roman "The Line of Beauty" bei uns erst im nächsten Herbst erscheinen wird: "Vielleicht sind es aber nicht nur die Sexszenen, die manchen Kritiker gegen Hollinghurst aufgebracht haben, sondern ist es auch seineWeigerung, homosexuelle Identität in irgendeiner Weise als problematisch darzustellen. Frei von den gesellschaftlichen Restriktionen, die noch um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Autoren wie Oscar Wilde oder E. M. Forster zu Verstellungen und literarischen Chiffrierungen gezwungen haben, feiert er die Schönheit der schwulen Liebe mit einer anscheinend heute noch manchen irritierenden Selbstverständlichkeit."

Weitere Artikel: Isolde Charim liest das entstellte Gesicht von Wiktor Juschtschenko symbolisch: "Sollte diese Wende glücken, dann stelle man sich dieses Gesicht im Rahmen eines zukünftigen EU-Gipfels vor. Lauter soignierte Herren, vielleicht die eine oder andere gepflegte Dame dazwischen - und mitten drin dieses Antlitz, fratzenhaft, entstellt, dem all das eingeschrieben ist, was die EU ausschließen möchte. Eine lebende Metapher ihres Traumas." Susanne Messmer plädiert für "Kurse für Vandalismus" in Singapur.

Besprochen werden die Filmversion der Fernsehkultserie "The Singing Detective" und Frank Castorfs Inszenierung von Hans-Christian Andersens "Die Schneekönigin", die sich ein wenig zu "selbstgewiss" findet.

Für die tazzwei hat Susanne Lang das nun in der einstigen Cargolifter-Halle angesiedelte Badespaßundfreizeitparadies "Tropical Island" besucht: "Eine schöne Postindustrielandschaft. Ein gigantischer Ort des Transits, ähnlich wie im Ruhrgebiet ganze still gelegte Kohlengrubenlandstriche, die ein Angebot machen: Sie schleusen durch den Alltag. All jene, die sich schleusen lassen wollen. Es könnte sich lohnen." Zum Scheitern der Föderalismusreform gibt es eine Auflistung von Länderdifferenzen, die dem Klischee wenig hinzufügt.

Im tazmag findet sich ein Interview, das - wiederum - Susanne Lang mit dem Historiker und Journalisten Hans-Joachim Lang führte, dessen Buch "Die Namen der Nummern" von "86 Menschen handelt, die im Namen nationalsozialistischer Wissenschaft ermordet wurden": "Mir war wichtig, zu zeigen, dass Judenvernichtung nicht irgendwo in der Ferne gespielt hat, sondern ganz konkret mit Orten hierzulande zu tun hat. Ich habe auch im Schwäbischen Tagblatt über das Verbrechen geschrieben - und das ganz bewusst, auch wenn es komisch klingt, unter der Rubrik 'Heimatgeschichte'. Dieses Wort hat ja gerade durch die Nazizeit einen gefärbten Ton bekommen, aber ich wollte ihn anders besetzen." Michael Kramer berichtet von den "Gefühlsabenteuern", die man als Vater erlebt und Martin Reichert fragt bang, ob die, der oder das Nutella ein "linkes oder ein rechtes Lebensmittel" ist.

Besprochen werden wie immer politische Bücher: Martin Pollacks Spurensuche in der finsteren Vergangenheit seines Vaters, "Der Tote im Bunker" und eine Studie zum Antisemitismus in der Bundesrepublik. Und Literarisches: Zwei neue Bücher von Peter O. Chotjewitz, John Griesemers Roman "Niemand denkt an Grönland" und in der Reihe "bücher aus den charts" Pascal Merciers neuer Roman "Nachtzug nach Lissabon". (Mehr dazu in der Bücherschau des Tages.)

Nicht fehlen darf zudem der Hinweis auf das weihnachtliche Dossier (hier eine Übersicht) zum Thema Religion, darin ein umfangreiches Interview mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf und dem Philosophen Christoph Türcke und Dirk Knipphals' Meditationen über seinen "eigenen privaten Unglauben".

Und Tom.

FAZ, 18.12.2004

"Den ukrainischen Bürgern bleibt es überlassen, ob sie glauben oder nicht glauben", das Viktor Juschtschenko vergiftet wurde, schreibt der Dichter Andrij Bondar, denn aufgeklärt werden politische Morde in diesem Land nicht, wie Bondar erinnert: Weder der der an dem nationalistischen Politiker Wjatscheslaw Tschornowil noch der an dem Journalisten Georgiy Gongadse. "Der Kampf der sowjetischen Geheimdienste gegen ukrainische politische Führer hat eine lange historische Tradition. Alles begann vor 78 Jahren mit der Ermordung des Haupt-Atamans der Armee der Ukrainischen Volksrepublik, Symon Petliura, durch Samuil Schwarzbard, einen Agenten der GPU, in Paris. Das zweite Opfer war der Führer der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN), Evhen Konovalets, der 1938 in Rotterdam vom NKWD-Agenten Pavel Sudoplatov umgebracht wurde: Die in einer Pralinenschachtel versteckte Bombe funktionierte einwandfrei. 1957 stirbt einer der Führer der OUN, Lev Rebet, angeblich an einem Herzinfarkt. Zwei Jahre später in München kommt unter ähnlichen Umständen Stepan Bandera, Führer und Ideologe der OUN, ums Leben. 1961 stellt sich der KGB-Agent Bohdan Staschynskyj den westdeutschen Behörden und gesteht, daß beide Todesfälle sein Werk sind. Die mit einer Spezialpistole ins Gesicht geschossene Zyanidampulle ließ dem Opfer keine Überlebenschance."

Mark Siemons hat die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai getroffen und keiner Hinweis auf all die kruden Verschwörungstheorien gefunden, die der Frau so gerne angehängt werden. Dietmar Dath hat bei einer Diskussion zur Flick Sammlung die Berliner Kulturlinke auch mal von ihrer starken Seite erlebt. In der Randglosse fordert "Rh" Deutschkurse für Imame. Jürgen Dollase macht uns die Küche von Michel Troisgros schmackhaft, die er als "handwerklich überragende, intelligent modernisierte Klassik mit einem leichten Faible für asiatische Aromen" beschreibt.

Weiteres: Frank Castorfs intellektuelles Weihnachtsmärchen "Meine Schneekönigin" hat Frank Busch mitten ins kalte Kritikerherz getroffen: "Und da sieht sein Herzblut dieses Mal verdammt echt aus. Man muss schon ein unschuldiges Kind sein, um zu sehen, dass es nur Theaterblut ist." Michael Althen wünscht sich vom Christkind eine Gegenoffensive zu all den Santa-Claus-Filmen aus Hollywood. Ingeborg Harms liest in deutschen Zeitschriften. Thomas Wagner schreibt den Nachruf auf die amerikanische Malerin Agnes Martin. Richard Friebe gratuliert dem Paläanthropologen Richard Leakey zum Sechzigsten, Jürg Altwegg dem französischen Schriftsteller Michel Tournier zum Achtzigsten und Gerhard Rohde dem Dirigenten und Cembalisten William Christie zum Sechzigsten.

Auf den Seiten der ehemaligen Tiefdruckbeilage hält Hubert Spiegel eine Lobrede auf den Schriftsteller Christoph Peters, der den d.lit-Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf erhalten hat. Walter Mühlhausen schreibt über politische Kultur und Justiz in der Weimarer Republik am Beispiel eines von Friedrich Ebert angestrengten Verleumdungsprozesses.

Springer ist auch im Stasi-Prozess gegen Günter Wallraff gescheitert, Andreas Rossmann berichtet auf der Medienseite.

Besprochen werden die Retrospektive zum Werk von Peter Eisenman im Wiener MAK, Detlev Glanerts Inszenierung der Grabbe Oper "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" in Köln, die Diven-Dokumentation "Il bacio di Tosca" von Daniel Schmidt auf DVD, Schumanns "Dichterliebe" mit Christian Gerhaher, das neue Album "How to Dismantle an Atomic Bomb" von U2 und die CD "Wovon sollen wir leben" der Band Tele. Und Bücher, darunter Eike Schönfelds Neuübersetzung von Henry Fieldings "Toms Jones" sowie Joachim Lottmanns "Die Jugend von heute" und Sophie Dannenbergs "Das bleiche Herz der Revolution" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Uwe Wittstock Bert Brechts Gedicht "Als der Krist zur Welt geboren wurd" vor.
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FR, 18.12.2004

Der Schweizer Schriftseller Martin R. Dean berichtet vom Skandal um ein Werk des Künstlers Thomas Hirschhorn, für dessen Ausstellung die Kulturstiftung Pro Helvetia nun mit rabiater Budgetkürzung bestraft wird: "Der Regierungsentscheid schafft dabei ein Präjudiz, dessen Folgen unabsehbar sind. Vorstellbar sind amtliche Eingriffe in Kunsthochschulen und Theatern, falls sich die Betroffenen nicht der Schweizkritik enthalten. Konsequent wäre ebenso, alle Autoren aus staatlichen Förderprogrammen zu kippen, deren Bücher landeskritische Passagen enthalten. Naheliegend scheint, dass der Staatscoup gegen die liberale Politik der Pro Helvetia geführt wurde; nicht auszuschließen ist indes, dass die Rechte um Bundesrat Blocher Kritiker auch in der Kultur ausschalten will. Ergebnis könnte eine Staatskultur nach nicht ganz unbekannter Manier sein."

Ansonsten herrscht das Rezensionsfeuilleton. Darin zeigt sich Peter Michalzik mit Frank Castorfs Hans-Christian Andersen-Inszenierung "Meine Schneekönigin" unzufrieden: "Nur Ermattung, Ermüdung, Erschöpfung." Dagegen ist gerade die Ereignislosigkeit in den Videoarbeiten von David Claerbout, wie Martin Zeyn versichert, alles andere als langweilig.

Außerdem: Nigel Lowery und Amir Hosseinpour Basler Version von Jean Philippe Rameaus später Oper "Les Paladins" (leider nur "opera gaga"), die Wiederaufführung von Wim Vandekeybus' schon älterer Choreografie "Überbringerinnen schlechter Nachrichten" ("gefällt erneut"), eine sich in eher unfreiwilligen performativen Widersprüchen verlierende Frankfurter Inszenierung von Peter Handkes nun schon fast klassischer "Publikumsbeschimpfung". In Nürnberg kam es zur Uraufführung von Claudius Lünstedts "prägnantem" neuen Stück "Musst boxen". Fast schon katastrophal findet Jürgen Otten Jenny Erpenbecks Regieleistung bei der Potsdamer Aufführung von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" (musikalisch dagegen ist der Abend gelungen).

Welt, 18.12.2004

Cora Stephan schreibt in der Literarischen Welt über die Schwierigkeiten, auf die sie stieß, weil sie in ihrem Roman "Russisch Blut" auch die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im Krieg ansprach: "Ein Roman insistiert auf dem Einzelfall. Da in den Politsekten, in denen viele meiner Generation prägende Jahre verlebt haben, das Verhältnis zur conditio humana von der wegwerfenden Bemerkung bestimmt war: "Das ist ein Einzelschicksal", geht uns also vor der Geschichte nichts an, empfinde ich es als großes Glück, nicht allzu spät im Leben vom Abstrakten zum Konkreten vorwärtsgeschritten zu sein."

Außerdem findet sich in der Beilage ein Gespräch mit dem belgischen Autor Jean-Philippe Toussaint.

Spiegel Online, 18.12.2004

Henryk M. Broder stellt noch eine Bedingung an die Türkei: die Anerkennung des türkischen Völkermords an den Armeniern."Wie viele Armenier bei der ethnischen Säuberung der Türkei von 1894 bis 1923 getötet wurden, weiß man bis heute nicht genau, die Schätzungen reichen von 600.000 bis 1,5 Millionen ermordeten Menschen. Aber nicht auf die Zahl kommt es an, sondern darauf, dass die Türken bis heute behaupten, es habe keinen Völkermord gegeben, die Armenier seien im 'Zuge von Kriegshandlungen ums Leben' gekommen, wie der Pressesprecher der türkischen Botschaft behauptet, nachdem sie 'mit den Russen und den Franzosen paktiert' hätten. Es habe damals 'viele Massaker gegeben', auch an Türken, begangen von Armeniern."

SZ, 18.12.2004

Jens Bisky hat sich die kleine Ausstellung "Nach dem Brand" der Anna-Amalia-Bibliothek angesehen, die Verlorenes und Gerettetes vor Augen führt: "Die Ausstellung befriedigt nicht die Lust am Schrecken, sie informiert über Verluste und nächste Schritte. 12 000 Bücher sind aus Leipzig bereits nach Weimar zurückgekehrt, 40 000 wird man nach bisherigen Schätzungen restaurieren können, ein Kongress soll im kommenden Juni geeignete Verfahren diskutieren. Stets wird man abwägen müssen, wann eine Wiederherstellung zu teuer, ein Nachkauf sinnvoller ist. Etwa 67 Millionen Euro wird allein die Wiederherstellung der Buchbestände kosten." Es gibt allerdings Grund zum Optimismus: "Die Wiederherstellung des einzigartigen Ensembles geht mit Bedacht, aber entschlossen voran. Davon kann man sich jetzt in Weimar ein Bild machen."

Weitere Artikel: Es gibt keine Krise der klassischen Musik, stellt Reinhard J. Brembeck fest: Was aber fehlt, sind Wachstumsraten bei der Zahl der Opernbesucher, vor allem in Berlin. Von einer Klimakonferenz an der Universität von Princeton bringt Andrian Kreye einerseits frohe Botschaft: Die USA, prognostizieren die dort versammelten Forscher, werden nicht umhin können, binnen kurzer Zeit das Kyotoprotokoll zu unterzeichnen. Andererseits: Die Lage der Umwelt ist nach wie vor bedrohlich. Jeanne Rubner ermutigt den "Rat für Rechtschreibung", die Reform zu reformieren. Willi Winkler denkt über Geschichte, Theorie und Praxis des Weihnachtsmanns nach. Wenig gelernt hat Christian Jostmann auf einem Podium zur Geschichte der Juden - jedenfalls zum angekündigten Thema. Gemeldet wird, dass in Danzig Arbeitslose jetzt fast umsonst ins Theater dürfen. Joseph Hanimann gratuliert dem Schriftsteller Michel Tournier zum Achtizgsten und C. Bernd Sucher dem Kritiker Armin Eichholz zum Neunzigsten. Den Nachruf auf die Malerin Agnes Martin hat Holger Liebs verfasst.

Außerdem: Alex Rühle resümiert das Münchner "Bunnyhill"-Projekt, das sich irgendwo zwischen "kultureller Suppenküche" und dem "Versuch, das kulturelle Bürgertum für die sozialen Probleme der Stadt zu sensibilisieren" bewegte. Dagegen hat vom postdramatischen Theater Robin Detje anlässlich von Gob Squads Berliner Inszenierung der dritten Folge von Rene Polleschs "Prater-Sage" erst mal die Schnauze voll. Besprochen werden weiterhin eine Inszenierung von Rameaus Oper "Les Paladins" in Basel, und der Film "The Singing Detective" (gelungenes "freudianisches Rätselspiel"). Auf der Literaturseite gibt es Rezensionen zu einem Buch über das jüdische Fest der Feste, zu den Erinnerungen Barbara Honigmanns an ihre Mutter, einer historischen Darstellung der Deutschen und ihrer westlichen Nachbarn im Mittelalter und einem Band über "Denkweisen und Lebenswelten des Mittelalters". (Dazu mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr.)

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erzählt der Schriftsteller Joseph von Westphalen, wie er zu einer Weihnachts-Talkshow, die ihn als Befürworter des Fests haben wollte, dann doch nicht eingeladen wurde: "'Sie haben jede Menge über Weihnachten veröffentlicht', sagte die Redakteurin. 'Richtig', sagte ich, 'kein Weihnachten, ohne dass ich irgendwo eine Weihnachtsgeschichte schreibe, sogar zwei Weihnachtsbücher gibt es von mir.' -- 'Genau', sagte sie und nannte einen Titel: 'Lametta Lasziv'. Ich war gerührt. Selten, dass Talkshowredakteure Buchtitel von einem wiedergeben können. 'Gelesen?' Nein, das nun nicht." Claus Hinrich Meyer war in der Weltnekropole Berlin unterwegs: "In Berlin stolpert man über Friedhöfe, Friedhöfe, Friedhöfe. Zweihundertdreiundzwanzig. Fünfzehnhundert Hektar. Ein Prozent der Stadtfläche. Das habe nicht seinesgleichen, heißt es; weltweit, versteht sich."

Weitere Artikel: In Tilmann Rammstedts (mehr) Erzählung "Das Spiel des Jahres" wird Weihnachten mit dem Zahnarztbesuch verglichen. Gerhard Matzig gesteht, dass er seiner Tochter zu Weihnachten die "Sprechende Serafina" schenkt, "die man sich als den dümmsten und furchtbarsten Kinderspielzeugnonsens der Welt vorstellen muss". Der Theaterkritiker Benjamin Henrichs berichtet, wie er kürzlich eine Aufführung mal nicht besucht hat. Über das scheinbare Paradox der armen Reichen in Frankreich informiert Johannes Willms. Oliver Fuchs unterhält sich mit Angelina Jolie über Schmerzen und Jolie erklärt, warum sie sich früher die Haut aufgeschlitzt hat: "Aber eigentlich nur, weil ich Narben so schön finde. Einmal ist blöderweise mein ganzer Arm angeschwollen und blau angelaufen. Ich musste ins Krankenhaus mit meinem Klumparm, und zuerst sah es ganz danach aus, als müsste er amputiert werden. Ich lag da und dachte: Oh, mein Gott, als Einarmige kann ich keine Schauspielerin werden!"