Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2004. In der Welt bekennt Adolf Muschg: Er wäre stolz, wenn er Deutscher wäre. Die NZZ fürchtet eine Implosion des pakistanischen Staates. Die FAZ versetzt iranischen Alkohol mit Bitterstoffen. Und alle trauern um Peter Palitzsch. Und alle gratulieren Friederike Mayröcker.

Welt, 20.12.2004

Der amerikanische Theoretiker Robert Kagan ("Macht und Ohnmacht") denkt über Europa und die USA nach, die, so Kagan, gemeinsam halfen, dem ukrainischen Regime den Garaus zu machen - und zwar mit Hilfe von "Soft power". So soll es auch künftig sein: "Wenn man von Handelsbeziehungen einmal absieht, ist Europa kein globaler Spieler in dem geopolitischen Sinn, dass es Macht und Einfluss sehr weit über seine eigenen Grenzen hinaus ausübt. Nur wenige Europäer streben eine solche Rolle überhaupt an. Deshalb müssen sich die Amerikaner ein für alle Mal von der absurden Angst vor einer europäischen Großmacht verabschieden - Europa wird weder feindselig sein noch eine Supermacht im traditionellen Sinn... Europas Außenpolitik heute heißt Erweiterung. Aber die Krise in der Ukraine zeigt, welche bedeutungsvolle und vitale Rolle Europa bei der Gestaltung von Politik und Wirtschaft der Nationen und Völker innerhalb ihre ständig expandierenden Grenzen spielen kann und spielt... Europas Außenpolitik heute heißt Erweiterung."

Abgedruckt ist eine Rede von Adolf Muschg, in der der Schweizer Schriftsteller und Präsident der Berliner Akademie der Künste die "Indifferenz" der Deutschen gegenüber ihrer Kulturleistung beklagt. Skandalös findet er diese Traditionsignoranz: "Hitler und das Dritte Reich haben leider den nachhaltigen Erfolg gehabt, dass nicht nur die vorausgegangene deutsche Geschichte rückwirkend hinter dem Grandguignol der NS-Zeit aus dem Bewusstsein (und aus dem Lehrstoff) verschwindet, sondern auch das deutsche Kulturangebot an die Welt, das epochal zu nennen ein Understatement ist. Das betrifft - das Schillerjahr macht es uns bewusst - sozusagen das gesamte Genom der deutschen Klassik, aber es beschädigt auch: die Präsenz der deutschen Kultur überhaupt. Es ist eine Tatsache, auf die wir uns nicht unbeschränkt verlassen können, dass es bei allen andern besser aufgehoben ist als den Deutschen." Zum Beispiel bei den Schweizern, was?

TAZ, 20.12.2004

Theo van Gogh war kein rechter Tabubrecher, meint Cristina Nord und vergleicht ihn mit Feridun Zaimoglu, der auch mit Beleidigungen operiere, aber subtiler agiere (mehr). Esther Slevogt trauert um Peter Palitzsch, wichtiger Nachkriegsregisseur und "Wanderer zwischen den deutschen Staaten". Julia Grosse kündigt an, dass London im nächsten Jahr mit "Africa 05" in über vierzig Museen, Konzerthäusern und Institutionen zeitgenössische und vergangene afrikanische Kultur feiern wird. Die Kulturredaktion empfiehlt Weihnachtsgeschenke für Spätkäufer.

In der zweiten taz berichtet Michael Streck, dass bei vielen amerikanischen Produkten die Spende für das Gute gleich mitgekauft wird. Niklaus Hablützel informiert, dass es auf Wunsch der Mobilfunkunternehmer jetzt auch Internetadressen mit der Endung ".mobi" gibt. Matthias Urbach warnt vor lebendigen Geschenken und Clemens Niedenthal sinniert einige Zeilen lang über die First Dogs von Bush und Rau. Besprochen wird einzig und allein Eric Guirados Spielfilm "Vom Himmel hoch".

Und natürlich Tom.

NZZ, 20.12.2004

Aus der Sicht extremistischer Islamisten ist Pakistan ein "erheblich wertvolleres Übernahmeziel" als jedes andere Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, befürchtet Urs Schoettli, der in einem langen Artikel die Geschichte des "gescheiterten Staates" rekapituliert. Angesichts großer Forschungskapazitäten, gut ausgebildeten Fachpersonals, einer kampferprobten Armee und des offenen Besitzes von Nuklearwaffen fordert er: "Die Verwerfungen, welche die Welt seit der nur allzu kurzen Ruhepause nach dem Ende des Kalten Kriegs heimgesucht haben, müssen für die westliche Welt Anlass sein, die Entwicklungen in Pakistan mit besonderer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Eine Implosion des prekären Staatswesens oder gar eine Machtübernahme durch Islamisten müsste viel dramatischere Folgen haben als die Kriege in Afghanistan und im Irak."

Barbara Villiger Heilig applaudiert dem Regisseur Nicolas Stemann für seine beschwingte "Vor Sonnenaufgang"-Inszenierung am Wiener Burgtheater, mit der er Hauptmanns "symboltriefenden Pseudo-Naturalismus mittels ingeniöser Verfremdungseffekte zu postbrechtisch epischem Theater" dekonstruiert habe. Christina Thurner lobt Johann Kresniks Ballett "Hannelore Kohl", das in Bonn uraufgeführt wurde und in dem Helmut Kohl als Italo Lover oder Tarzan im Tanga über die Bühne hüpft und die "DDR als graziöse, blasse, nackte Leiche" darnieder liegt. Ferner finden sich Nachrufe auf die Sopranistin Renata Tebaldi und den "bestechend klugen" Regisseur Peter Palitzsch, sowie die Meldung, dass sich der Rechtschreib-Rat um Hans Zehetmair konstituiert hat.

Besprochen werden das Vermonter Journal von Klaus Modick, eine Inszenierung von Heinz Spoerlis "Coppelia" im Zürcher Opernhaus, ein weihnachtliches Bach-Konzert in der Tonhalle Zürich und ein ebenso besinnlicher Liederabend mit den Beastie Boys in Basel.

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FR, 20.12.2004

Peter Iden verabschiedet den Regisseur Peter Palitzsch, der am Wochenende im Alter von 86 Jahren verstorben ist. Palitzsch, der in Stuttgart und Frankfurt seine größten Erfolge feierte, verstand sich als "Helfer der Dichter", ganz im Sinne Brechts, den er nach dem Krieg in Berlin aufgesucht hatte. "Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen skizzierte Palitzsch mit einem Pfennigstück auf einer Serviette das Kreis-Emblem des 'Berliner Ensembles', bis heute das Erkennungszeichen der Bühne, die damals noch ohne eigenes Haus war. Brecht gefiel der Entwurf und er entschied: 'Sie machen die Werbung. Aber da bei uns alle alles machen - machen Sie auch Dramaturgie'."

I.H. gratuliert der Dichterin Friederike Mayröcker schnell zum Achtzigsten. Silke Hohmann nutzt Times mager, um auf die Internet-Versteigerung der Werke einiger Künstler für die RAF-Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors" hinzuweisen. Gemeldet wird, dass Kulturstaatsministerin Christina Weiss eine Klage erwägt, um das von russischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg verschleppte Rubens-Gemälde Tarquinius und Lucretia zurück nach Potsdam zu holen, und dass die Sopranistin Renata Tebaldi gestorben ist. Auf der Medienseite erzählt Rudolf Walther einige Anekdoten aus der mittlerweile 60-jährigen Geschichte von Le Monde.

Besprochen werden die Aufführung von Johann Kresniks neuem Tanztheaterstück über Hannelore Kohl in Bonn ("Das Stück wird eine Weile laufen, und bald spricht keiner mehr drüber", meint eine unbeeindruckte Sylvia Staude) und einige lokale Kulturereignisse.

FAZ, 20.12.2004

Der Teheraner Autor Amir Hassan Cheheltan schickt einen seiner sporadischen spöttischen Berichte aus dem Leben in einem Gottesstaat, wo neuerdings noch der medizinische Alkohol mit Bitterstoffen versetzt werden soll und eine holländische Delegation jüngst die Stadträte von Teheran besuchte um zu fragen, wie sie denn mit ihren Moslems fertig werden. Auf die Frage, worin sie ihre "Stärken bei der Lösung städtischer Probleme" erblicken, antworteten sie: "Der Vorteil unseres Rates liegt darin, dass wir alle zur gleichen Fraktion und Partei gehören und dass es bei unseren Entscheidungen nur selten zu Meinungsverschiedenheiten kommt."

Weitere Artikel: Am Tag des Gipfeltreffens zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin analysiert Heinrich Wefing die deutsche Beutekunstpolitik und muss ihr Scheitern konstatieren. In der Leitglosse kommentiert Edo Reents neueste Verwerfungen um den Rat für Rechtschreibung. Gerhard Stadelmaier schreibt den Nachruf auf den Regisseur Peter Palitzsch. Jürgen Kesting schreibt zum Tod der Sopranistin Renata Tebaldi (hier eine hübsche Slideshow der New York Times zum Thema).

Und der Lyriker Michael Lentz gratuliert Friederike Mayröcker zum Achtzigsten: "Das unausgesetzte Benennen, Wortmachen, das Wörtlichmachen von Sinneseindrücken; das Gedicht als Fotografie; hindurchströmende Landschaften, Musik und Kunst; momentan Gehörtes, unwillkürlich aus dem Gedächtnis Abgerufenes, Aufgebrochenes, Ineinandergesetztes; Zitiertes, Traumnähte, Nervenfiguren; das ist doch wirklich Wahnsinn..."

Auf der Medienseite kommentiert Edo Reents den Umstand, dass der Bundestag auf Anraten der rot-grünen Fraktionen den Rundfunksendern empfiehlt, freiwillig mehr deutsche Musik zu spielen.

Auf der letzten Seite berichtet Eleonore Büning Missliches aus der Berliner Kulturlandschaft: Die Opernstiftung verstolpert ihre ersten Schritte, und der Bundesrat stimmt gegen die Übernahme der Akademie der Künste durch den Bund, die den Berliner Etat um 16 Millionen Euro erleichtert hätte. Und Gina Thomas erinnert ohne erkennbaren Anlass an Pamela Lyndon Travers, die Autorin von "Mary Poppins".

Besprechungen gelten einer Choreografie Johann Kresniks zum Thema Helmut und Hannelore Kohl in Bonn, der Uraufführung von Felix Ensslins (ja, des Sohns) Stück "Durch einen Spiegel ein Dunkles Bild" in Weimar, dem Debüt der Dirigentin Emmanuelle Haim in Frankfurt und einer Ausstellung des Renaissancemalers Jan Polack in München, außerdem Sachbüchern, darunter der' gründlich revidierten Neuausgabe von Robin Lane Fox' Biografie über Alexander den Großen.

SZ, 20.12.2004

"Ach, Bologna, du schöne Stadt, in der so viele stolze Türme miteinander wetteifern, der schönste zu sein, wie konntest Du zum Symbol einer Planierraupe werden, die die Vielfalt der Fächer und Vermittlungsarten an unseren Universitäten flächendeckend überrollt?" Der Freiburger Kultursoziologe Wolfgang Eßbach krisitiert den Bologna-Prozess zur Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens in seinem Beitrag der SZ-Reihe zur Lage der Hochschulen als kontraproduktiv. "Schon bald wird man sehen, wie kleine Spitzeninstitute zu BA-Schools degradiert werden und mittelmäßige Großeinheiten sich Center for Advanced Studies leisten können. Der Fachdarwinismus ist losgetreten. Die Generation der 50-jährigen Wissenschaftler wird gezwungen, in ihrem besten Jahrzehnt Kreativität und Energie für sinnlose Fehlplanungen zu vergeuden."

Weitere Artikel: Kulturstaatsministerin Christina Weiss erwägt eine Zivilklage vor einem russischen Gericht, um das von russischen Soldaten verschleppte Rubens-Werk "Tarquinius und Lucretia" wiederzubekommen. Sonja Zekri sieht das als Zeichen dafür, wie festgefahrenen die Debatte um geraubte Kunst mittlerweile ist. Fritz Göttler kündigt ein Jahr der Filmbiografien an und nennt diese Rollen "die wahre Herausforderung eines Schauspielerlebens". Thomas Thieringer erinnert an den verstorbenen Regisseur und Theaterleiter Peter Palitzsch und seine typische Haltung: "die Beine umeinander gewickelt, den einen Arm auf den anderen gestützt und den Kopf auf die Hand gelegt." Jens Malte Fischer schreibt den Nachruf auf die Sopranistin Renata Tebaldi. "lmue" langweilt sich beim "Zickenkrieg der Theaterkönige", wie Claus Peymann seinen öffentlich ausgetragenen Zwist mit Frank Castorf selbst bezeichnet. Gemeldet wird, dass Harrison Ford wahrscheinlich im ersten Hollywood-Streifen über Falludscha mitspielen wird.

Auf der Literaturseite verbeugt sich Jürgen Drews vor der nun achtzigjährigen Friederike Mayröcker (mehr), "die unsere Glücksmöglichkeiten so sehr vermehrt, aber auch unser Arsenal von Melancholien so sehr bereichert hat". Tanjev Schultz zitiert auf der Medienseite einige Studien, die besagen, dass Online-Werbung immer weniger Akzeptanz findet.

Besprochen werden Johann Kresniks Choreographie über Hannelore Kohls Leben (Hätte interessant werden können, meint Jürgen Berger, "flüchtete er sich nicht in eine Bebilderung dessen, was der Bundesbürger schon immer zu wissen meinte, wenn der Name Kohl fiel"), das Gastspiel der Sammlung Harald Falckenberg in der "Maison Rouge" in Paris, ein Duettabend der beiden Sopranistinnen Angelika Kirchschlager und Barbara Bonney in München (Mit den ersten Takten "gewann das Münchner Prinzregententheater wie durch Zauberhand eine fast salonhafte Intimität", schwärmt Kristina Maidt-Zinke.), ein Konzert von Gonzales in Berlin, der sein Album "Solo Piano" aufführte, Gogol Lobmayrs neuer Naturfilm "Seven Seasons", und Bücher, darunter Peter Hoeres' "Krieg der Philosophen" über die deutsche und britische Philosophie im Ersten Weltkrieg, Manfred Ostens "gelehrte und elegante" Klage über die digitale Zerstörung der Erinnerungskultur "Das geraubte Gedächtnis" sowie Robert Jüttes Untersuchung der Entstehung einer Legende "Ein Wunder wie der goldene Zahn" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).