Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.12.2004. Die Diskussion über die Türkei beherrscht die Feuilletons. Die FAZ fragt: Nutzt die Türkei den Beitritt, um sich nach innen zu islamisieren? In der taz fürchtet der ehemalige Botschafter Hans Arnold Entgrenzung als "sichere Folge". Die Welt interviewt den libanesischen Historiker Kamal Salibi, der über die Sehnsucht der Araber nach osmanischer Herrschaft spricht. Die NZZ porträtiert den Picasso der Patisserie: Pierre Herme.

FR, 17.12.2004

In einer Antwort auf Ernst-Wolfgang Böckenfördes "Nein" zum EU-Beitritt der Türkei fragt der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider ob die Unterschiede zwischen EU und Türkei tatsächlich so tiefgreifend sind. "Vor wenigen Jahrzehnten war Europa selbst noch tief gespalten durch einen gleichen fundamentalistischen Glauben. Damals sah die gebildete Welt Europa durch Kulturen und Rassen zerteilt. Die Bücher von Huston Stewart Chamberlain oder Oswald Spengler standen in den Bibliotheken der Richter, Politiker und Professoren, die gemeinsam die Weimarer Republik zu Grabe trugen, weil Demokratie für sie nichts Deutsches war. Diese Kulturtheoretiker behaupteten, Deutschland sei von Frankreich oder vom Westen durch ein unüberwindliches, nämlich im Wesen der Völker selbst ruhendes Anderssein unterschieden. Aus diesen Büchern schallt lautes Gelächter über westliche liberale Ideen wie Menschenrechte oder Brüderlichkeit." Und heute? Sind wir gute Europäer. Warum sollte den Türken das nicht auch gelingen, fragt Schneider.

Weitere Artikel: Der Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoe, hat beim Wettbewerb zur Neugestaltung von "Les Halles" die "zweifellos feigste" Entscheidung getroffen, die man hätte treffen können, schreibt Martina Meister. Er hat David Mangin zum Gewinner erklärt. Allerdings möchte er dessen Entwurf überarbeitet sehen, wozu nochmals zwei Wettbewerbe ausgeschrieben werden sollen. (Alle vier Entwürfe aus der Endphase des Wettbewerbs können Sie hier sehen.) Thomas Medicus hat bei einer Pressekonferenz des Deutschen Historischen Museums erfahren, dass die geplante Dauerausstellung wieder verschoben wurde: "Nach fast sechs Jahren ist auf den 8.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche noch immer kein einziges der mittlerweile 800.000 Stücke umfassenden Sammlung zu sehen. Das mit einem Aufwand von 25 Millionen Euro umgebaute Museum steht gähnend leer." Scharf kritisiert Hans-Klaus Jungheinrich in Times Mager den "infamen" Versuch von Arnulf Marzluf, Feuilletonchef des Weser-Kuriers, den Intendanten des Bremer Theaters Klaus Pierwoß abzuschießen.

TAZ, 17.12.2004

Die EU darf die Türkei nicht aufnehmen, meint der ehemalige Botschafter Hans Arnold auf der Meinungsseite. "Lässt die EU ihre zwingend vorgegebene geografische Definierung mit der Aufnahme der Türkei hinter sich, dann ist sie in jeder Hinsicht entgrenzt. Dann wäre zunächst ein Beitritt Israels eine sichere Folge. Dann dürfte Nordafrika folgen... Und im Osten ergäben sich fast zwangsläufig Mitgliedschaften für die massigen Problemstaaten Ukraine, Weißrussland und Moldawien und möglicherweise auch für Georgien und Armenien. Das kann man alles machen. Die Europäer müssen nur wissen, ob sie das wollen. Sie würden damit wollen, dass die EU politisch an einer nicht mehr gemeinsam beherrschbaren Übergröße zugrunde gehen oder sich zu einem reinen Binnenmarkt oder auch nur einer Freihandelszone zurückentwickeln würde."

Hryhorij Nemyria, Direktor des ukrainischen "Instituts für internationale Beziehungen", ist viel zu froh über den demokratischen Wandel in der Ukraine, um sich mit solchen Bedenken lange aufzuhalten: "Für die Türkei galt lange: zu groß, zu arm, zu muslimisch. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, alles für einen Beitritt zu tun. Für die Ukraine galt lange: zu groß, zu arm, zu sowjetisch. Nun sind wir nicht mehr sowjetisch, und wir können auf ein enormes wirtschaftliches Wachstum verweisen. Ich denke, die Ukraine sollte den gleichen Weg wie die Türkei gehen."

In der Kultur finden wir ein langes Interview mit dem gläubigen Songwriter David Eugene Edwards. Ulrike Hermann hat Theo van Goghs letzten Film "06/05" im Internet gesehen (den 430 MB großen Download gibt's hier). Tobias Rapp stellt CDs mit Weihnachtsmusik vor. Drk. weist kurz auf einen Band mit Vogue-Gesprächen hin.

Und Tom.

Welt, 17.12.2004

Die Welt interviewt den libanesischen Historiker Kamal Salibi zur Türkei und zu Arabien. Hier gebe es eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten Herrschaft der Osmanen, konstatiert er: "Immer mehr wird das Osmanische Reich als eine damalige Partnerschaft zwischen nahöstlichen Völkern verstanden, die nicht von einer explizit türkischen Ethnie dominiert war, sondern von türkischen Herrschern und einem Türkisch sprechenden Establishment; beide Seiten versuchten unparteiisch und fair zu agieren. Ihr Scheitern, so sagt der Arabische Revisionismus, lag mehr an den Umständen als an den Absichten."
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Stichwörter: Osmanisches Reich, Türkei

FAZ, 17.12.2004

Handeln wir uns mit der Türkei ein trojanisches Pferd ein? Glaubt man Henning Ritter, so nutzt Recep Tayyip Erdogan die Demokratisierung der Türkei und die Annäherung an Europa nur als Maske, um die laizistische Tradition nach innen auszuhöhlen, das Land zu islamisieren und zur Führungsmacht im Nahen Osten zu machen. Prüfstein ist nach Ritter, der seine Kenntnis aus einem Artikel Hassan Fattahs (kostenfrei hier für registirerte Nutzer) in New Republic bezieht, das Verhältnis zu Israel: "Während die Türkei lange Zeit der verlässliche islamische Partner Israels in der Region war und in den neunziger Jahren für drei Milliarden Dollar Waffen in Israel kaufte, die vor allem zur Eindämmung der kurdischen Gefahr gebraucht wurden, ist das Verhältnis seit Erdogans Amtsantritt auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Türkei hat in den Chor der arabischen Kritik an Israel eingestimmt, die von den Israelis als antisemitisch eingestuft wird."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier meditiert über die Lage des Buchhandels, der von der "Aldisierung" durch Bild- und SZ-Bibliotheken in wachsende Große und schrumpfende Kleine gespalten wird. Joseph Hanimann kommentiert den Pariser Beschluss, den Entwurf David Mangins für die Neugestaltung des Hallen-Geländes zu verwirklichen - allerdings auch nur zur Hälfte. Der emeritierte Germanist Horst H. Munske erzählt dem Rat für Rechtschreibung, "was er tun muss". Mark Siemons berichtet von der Gründung einer westlich aufgeklärten "Muslimischen Akademie" in Berlin.

Auf der Medienseite interviewt Manuela Römer den syrischen Informationsminister Mahdi Dakhlallah, der verspricht, die Zensur zu lockern. Für die letzte Seite besucht Christian Schwägerl das Institut für Biologie der Humboldt-Uni, wo man mit Hilfe von Bakterien Wasserstoff erzeugen und somit alle Energieprobleme dieser Erde lösen will. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Kritikerkollegen Armin Eichholz zum Neunzigsten. Und Hansgeorg Hermann porträtiert die Pariser Fotografin Melanie Gribinski, die mit ihren Porträts von Psychoanalytikern von sich reden macht.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Philologen Peter Szondi in Marbach, eine Ausstellung über die Nazis und die Musik in Paris, eine Londoner Ausstellung zum Thema "Heiligkeit" (mehr hier), Gil Mehmerts Filmkomödie "Aus der Tiefe des Raums" (mehr hier) und Sachbücher, darunter ein Werk Oliver Tolmeins über Selbstbestimmung im Sterben.

NZZ, 17.12.2004

Ein geschmackvolles Porträt widmet Marc Zitzmann dem französischen Star-Patissier Pierre Herme (mehr), der mit seiner Kreation "La Cerise sur le Gateau" (hier Appetit holen!) zu Weltruhm gelangt ist. Diese Torte des "Picasso of pastry" ist ganz aus Milchschokolade und verdankt ihren bis heute anhaltenden Erfolg nicht nur den vier Nuancen Praline, Ganache, Schokoladensahne und -blätter, sondern auch ihrem "Äußeren, das der Designer Yan D. Pennor's gezeichnet hatte: ein riesenhaft in die Höhe geschossenes Kuchenstück aus matt glänzender Schokolade, dessen sechs ebenso vielen Mündern zugedachte Etagen durch feine Goldstreifen markiert werden - obendrauf, wie eine freche Clownsnase, eine einzelne, prächtig glänzende Kirsche."

Der Japanologe Florian Coulmas erklärt, warum die Japaner 100 Jahre nach ihrem Feldzug gegen Russland heute wieder im Krieg sind: "Es geht darum, Japans Stellung in der Welt zu stärken, diesmal freilich nicht gegen, sondern mit dem Westen. Tokio strebt seit langem einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an. Ohne Amerikas Zustimmung ist daran nicht zu denken."

Weitere Artikel: Karin Leydecker hat die opulente Ausstellung "Im Designpark" auf der Darmstädter Mathildenhöhe besucht, die ein "Panoptikum des Trivialen mit der Plastikbürste zum Spülen, dem No-Name-Stapelgeschirr, der Playmobilfigur, der '5-Minuten-Terrine' und dem Superdildo" präsentiert. Ferner werden eine Humperdinck-Inszenierung in Genf und die Mode-Ausstellung "Black Style" im Victoria & Albert Museum London besprochen sowie die Pläne für das kommende Sommerfestival "Klangbogen Wien" vorgestellt.

Die Filmseite widmet sich heute der Wiederentdeckung des Films "Soy Cuba", den Michail Kalatosow bereits Anfang der sechziger Jahre gedreht hat, der dann aber wegen der großen Spannungen während der Kuba-Krise nur eine Woche in sowjetischen und kubanischen Kinos lief und anschließend für über 30 Jahre im Giftschrank verschwand. Wieder ausgegraben haben ihn Scorsese und Coppola. Außerdem porträtiert Christoph Egger den Regisseur Hans Trommer, der morgen seinen 100. Geburtstag feiern könnte, wenn er nicht 1989 gestorben wäre. Und Andreas Maurer hat einiges an "Ocean's Twelve" auszusetzen.

Auf der Medien- und Informatikseite erklärt Georg David, wie "Dinner for One" eigentlich zum Sylvesterknaller wurde: Wer ist schuld? Die Schweizer! Und "gsz" stellt eine computergestütze Methode vor, mit der man die Urheberschaft eines Gemäldes identifizieren kann.

Berliner Zeitung, 17.12.2004

Ein im Netz nicht genannter Autor erzählt, wie Bert Brecht vor fünfzig Jahren zum Stalin-Preis kam: "Für den Preis hatte das Internationale Stalinpreis-Komitee ursprünglich als deutschen Kandidaten einstimmig den 'deutschen Repräsentanten' Thomas Mann vorgesehen. Am 16. 12. 1954 fragte ihn ein Beauftragter des Komitees an und wurde abgewiesen: Thomas Mann fühle sich dadurch zu sehr in die linke Ecke getrieben und fürchte, den Einfluss auf seine bürgerlichen Leser zu verlieren. Der Nobelpreisträger von 1929 notierte im Tagebuch am 16.12.1954: 'Angebot des Friedenspreises. Unannehmbar. Abermals 100.000 Franken verschmäht.' Für den Fall einer Abweisung hatte man einen deutschen Ersatz in petto: eben Bertolt Brecht."

SZ, 17.12.2004

Stefan Koldehoff erzählt uns eine schön ruchlose Geschichte aus der Welt des internationalen Kunsthandels: Es geht um Kasimir Malewitschs Gemälde "Weiß auf Schwarz", das bekanntlich auf recht verschlungenen Pfaden nach Schweden gekommen ist und nun dem Stockholmer Moderna Museet gestiftet wurde. Größere Rollen in diesem Krimi spielen schwedische Diplomaten, Schweizer Kunsthändler und ein russischer Kunstsammler, der sich in den siebziger Jahren mit dem Bild seine Ausreise aus der Sowjetunion finanzieren wollte. Jens Bisky kommentiert recht zahnlos den "handstreichartig vollzogenen Verwaltungsakt", der die Birthler-Behörde künftig der Kulturstaatsministerin Christina Weiss unterstellt. Dirk Peitz begleitet das allmähliche Sterben der Radioquote für deutsche Popmusik, heute diskutiert der Bundestag, wird aber wohl auch nichts entscheiden. Klaus Dermutz bemüht sich einen neuen Trend: Zimmertheater. G.K. begrüßt die Einrichtung der "Bundesstiftung Baukultur".

Holger Liebs meldet aus der Schweiz heftige Verwerfungen um die durch den Künstler Thomas Hirschhorn (mehr hier) aufgeworfene Frage: "Wie blöd darf Kunst eigentlich sein?". Beim Musikfestival "Wien Modern" hat Gerhard Persche viel John Cage gehört. Jeanne Rubner hat bei einem Vortrag des Verfassungsrichters Udo di Fabio die schlechte Verfassung der Deutschen erklärt bekommen: "Versorgungsdenken, Konsumrausch und kritischer Nihilismus statt Leistungsethos, Familienorientierung und Streben nach Bildung".

Besprochen werden Prachya Pinkaews solider Kampfsportfilm "Ong Bak", eine Edvard-Munch-Schau in der Kunsthalle Emden, Stefan Puchers Bühnenfassung des "Homo Faber" im Zürcher Schauspielhaus und Bücher, darunter Johannes Auers memoscript über experimentelle Literatur im Internet "$wurm=($apfel>0= ? 1:0" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).