Magazinrundschau
In den Fußstapfen der vedischen Götter
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.07.2024. Der chilenische Autor Benjamín Labatut unternimmt in Harper's einen Parforce-Ritt durch die Geschichte und die Versprechungen der Künstlichen Intelligenz. Die New York Times betrachtet die chinesisch-indischen Beziehungen. Hlidaci pes lässt sich von der russischen Aktivistin Galina Arapova erklären, warum man sich als Journalist auch gegen einen übermächtigen Staat wehren muss. Mediazona stellt den den 15-Jährigen Russen Arseny Turbin vor, der ins Gefängnis muss, weil er sich für die Ukraine engagiert. Der New Yorker porträtiert den französisch-britischen Verleger Jacques Testard.
Harper's Magazine (USA), 01.07.2024
Der chilenische Autor Benjamín Labatut unternimmt einen Parforce-Ritt nicht nur durch die lange, (mindestens) im 19. Jahrhundert wurzelnde Geschichte der Künstlichen Intelligenz, sondern parallel dazu auch durch die Kulturgeschichte der menschlichen Furcht, sich durch die eigenen Erfindungen mit Gott selbst anzulegen. Beides lässt er in Warnungen vor einer allmächtigen KI kulminieren, deren zentralste Kassandra Geoffrey Hinton ist, ein Apokalyptiker, der - ausgerechnet - KI entschieden mit auf den Weg brachte. Das liest sich mitunter wie Fantasy und Science Fiction - auch deshalb, weil das Hintergrundrauschen des Textes die Mythologie von Frank Herberts "Dune"-Saga bildet: "Hinton scheint sich davor zu fürchten, was wir sehen könnten, wenn die Glut des 'Altars des Feuers' am Ende des Opfers erlischt und die scharfe Kälte der Wesen, die wir heraufbeschworen haben, in unsere Knochen zu sickern beginnt. Sind wir wirklich dabei, uns selbst überflüssig zu machen? Wird die Menschheit aussterben - nicht wegen der Art und Weise, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, auch nicht wegen eines massiven, gedankenlosen Felsens, den die Schwerkraft auf uns schleudert, sondern als Folge unseres eigenen irrationalen Bedürfnisses, alles zu wissen, was man wissen kann? Die vermeintliche KI-Apokalypse unterscheidet sich vom Atompilz-Horror eines Atomkriegs und von den Verwüstungen durch Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen, die alltäglich werden, weil sie aus etwas erwächst, das wir seit Beginn der Zivilisation immer als positiv angesehen haben und zentral für das, was uns zu Menschen macht: Vernunft, Intelligenz, Logik und die Fähigkeit, die Probleme, Rätsel und Übel zu lösen, die selbst die glücklichsten Menschen mit alltäglichem Leid belasten. Aber wenn wir uns den Weg zur Apotheose bahnen, wenn wir es wagen, in die Fußstapfen der vedischen Götter zu treten, die es geschafft haben, dem Tod zu entkommen, könnten wir ein Licht auf Dinge werfen, die im Dunkeln bleiben sollten. ... In den kommenden Jahren, in denen die mit KI bewaffneten Menschen die Welt immer schneller, seltsamer und chaotischer machen, sollten wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu verhindern, dass diese Systeme den wenigen, die sie bauen können, immer mehr Macht verleihen. Aber wir sollten auch eine Warnung Herberts berücksichtigen, das zentrale Gebot, das er im Herzen des wichtigsten religiösen Textes der zukünftigen Menschheit verankert hat, eine Regel, die uns davor bewahren soll, den Produkten unserer Vernunft unterworfen zu werden und uns vor dem Gott der Logik und seinen vielen furchterregenden Nachkommen zu verneigen: 'Du sollst keine Maschine nach dem Bilde des menschlichen Geistes machen.'"New York Times (USA), 02.07.2024
Hlidaci pes (Tschechien), 29.06.2024
New Lines Magazine (USA), 01.07.2024
Hanna Bechiche zeichnet den Weg Algeriens zum "Mekka der Revolution" nach, wie es der guinesische Unabhängigkeitskämpfer Amilcar Cabral 1967 bezeichnete: "Nehmt eure Stifte und schreibt: Muslime pilgern nach Mekka, Christen in den Vatikan, Revolutionäre nach Algier." Zur Pilgerstätte für revolutionäre Bewegungen aus aller Welt wurde Algier, nachdem es sich seine Unabhängigkeit 1962 blutig von Frankreich erstritten hatte, durch das Engagement von Ahmed Ben Bella: "Bis Ende 1963 fanden mehr als 80 Organisationen in der Hauptstadt Unterschlupf, darunter auch Vertreter aus kolonisierten Ländern des gesamten Kontinents: Namibia, das seine Unabhängigkeit von Deutschland anstrebte, Südafrika, das sich von den holländischen Siedlern losgesagt hatte, und Angola, Mosambik und Kap Verde, die sich von Portugal losgesagt hatten." Doch Ben Bella nutzte die "revolutionäre panafrikanische Inbrunst" auch, um die Position Algeriens innerhalb Afrikas zu stärken, so Bechiche, und beschwor einen "heroischen Widerstandsmythos", der den Nationalismus stärken und die nationale Identität von den umgebenden Ländern abgrenzen sollte: "Innenpolitisch hatten Ben Bellas internationale Anziehungskraft und die Führungsrolle Algeriens in Afrika fatale Folgen. Kabylische Separatistenbewegungen zahlten den Preis für eine Politik, die um jeden Preis eine einheitliche nationale Identität aufrechterhielt und sich weigerte, die ethnische Vielfalt und die Kultur der in Algerien beheimateten Amazigh-Völker zu akzeptieren. Viele Algerier kritisierten Ben Bella als überheblichen Präsidenten, der es vorzog, die Probleme der Welt zu lösen, anstatt sich auf die düsteren sozioökonomischen Realitäten Algeriens zu konzentrieren. Ben Bellas Traum von Algerien als sozialen Führer der 'Dritten Welt' fand im Juni 1965 ein jähes Ende, als seine rechte Hand, Houari Boumediene, einen Militärputsch gegen ihn inszenierte. Das Ereignis löste in ganz Afrika Empörung aus. Die Staatsoberhäupter vieler Länder hatten sich mit dem freimütigen und charismatischen Ben Bella verbunden gefühlt, und seine Absetzung wurde als unverzeihlicher Verrat angesehen. Nach dem Staatsstreich lösten sich die Bande, die die radikalen afrikanischen Länder zusammenhielten, und die diplomatischen Beziehungen zu den Revolutionsführern wurden abgebrochen."Weitere Artikel: Laetitia Commanay widmet sich dem Phänomen der "coupeurs de feu", der "Feuerschneider", in Frankreich.
Compact (USA), 25.06.2024
Mediazona (Russland), 27.06.2024
London Review of Books (UK), 04.07.2024
Azadeh Moaveni schildert ihre Eindrücke vom Präsidentschaftswahlkampf im Iran. Die Aussicht auf eine Wahl, die die Autorität der religiösen Führung des Landes ohnehin nicht gefährden kann, sorgte im Land für wenig Enthusiasmus. Moaveni interessiert sich in erster Linie dafür, was der Wahlkampf über den Zustand der iranischen Gesellschaft aussagt: "Als er begann, war Teheran mit moralisierenden Plakaten bedeckt. 'Üble Nachrede, Beleidigungen und Hassrede verletzen die nationale Würde', stand auf einem. Ein anderes schlug vor, dass wir 'der Ethik erlauben sollten zu regieren'. Der Sohn eines meiner Nachbarn verlobte sich, und die Familie der Braut verlangte siebenhundert Goldmünzen als Mitgift (im Iran wird die Mitgift an die Braut gezahlt, nicht anders herum). Sie sagten, sie seien traditionell. Die Mitgift meiner Mutter war ein Hyazinthenstiel und ein Gedichtband. Das Mitgiftgeschachere ist eine deprimierende Folge des diskriminierenden Familienrechts der Islamischen Republik. Scheidungsrecht, Unterhaltszahlungen und Sorgerecht für Kinder sind so nachteilig für Frauen geregelt, dass sie versuchen, bei der Heirat mit Blick auf eine mögliche Scheidung durch absurde und immer höhere Mitgiftforderungen Verhandlungsspielraum zu erlangen: das Gewicht der Frau in Gold und so weiter. Eine verheiratete Frau kann ihre Mitgift jederzeit 'aktivieren', und der Mann kann ins Gefängnis kommen, wenn er nicht zahlen kann. Diese Dynamiken haben die Ehe zu einer unattraktiven Aussicht gemacht, und der Staat hat keine Antwort darauf. Um die Wirtschaft des Landes zu retten, wäre eine neue Regierungsform mit neuen Gesetzen und neuen Abkommen mit anderen Nationen erforderlich. Stattdessen wurden Plakate aufgestellt, die für eine bescheidene Ehe und ein Leben in Armut warben. Eins zeigte ein Stück Käse und ein herzförmiges Brot: 'einfache Ehe, ein Leben voller Liebe'."Elet es Irodalom (Ungarn), 28.06.2024
Nach der Euphorie über das gute Abschneiden der neu gegründeten ungarischen Tisza-Partei bei den Wahlen zum Europäischen Parlament als Herausforderer der Regierungspartei Fidesz, ist immer noch die Frage offen, wofür eigentlich der Herausforderer steht. Zwar steht die Partei von Péter Magyar vor der Aufnahme in die Europäische Volkspartei, jedoch ist über das Programm oder Grundlinien der Partei wenig bekannt. Der Publizist János Széky findet es sehr bedauerlich, dass diese neue Partei den Unterschied zwischen den Begriffen Regime und Regierung, Regimewechsel und Regierungswechsel nicht zu kennen scheint. Die Mitglieder träumen davon, was passieren wird, wenn sie die Wahlen gewinnen. Dann wird alles in Ordnung sein (mit 'alles' sind in der Regel Bildung, Gesundheit und Justiz gemeint). Aber es fällt ihnen nicht mal ein, dass sich das System nicht so einfach ändern wird. Und umgekehrt: In Ungarn ist es mittlerweile so weit gekommen, dass für einen deutlichen Wahlsieg eine Änderung des Systems erforderlich ist. Mit anderen Worten: Um zu verhindern, dass die Dinge wieder in den alten Trott zurückfallen, sind konkrete Ideen für eine andere, neue politische, wirtschaftliche und soziale Struktur erforderlich. Das ist nicht dasselbe wie die Sanierung des Bildungs- und Gesundheitswesens, so notwendig sie auch sein mag, oder die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die sich der Korruption schuldig gemacht haben. Die Atmosphäre erinnert ein wenig an den Sommer '89, als viele das Gefühl hatten, dass etwas anders werden muss, aber - entgegen den damaligen Legenden - die Sozialistische Arbeiterpartei die mit Abstand populärste Partei war, weil die große Mehrheit einen radikalen Systemwechsel nicht wollte oder sogar fürchtete. Es ist schade, dass die Produktion von Legenden nicht zum BIP gezählt wird, dann würden wir besser dastehen."New Yorker (USA), 15.07.2024
Rebecca Mead trifft für den New Yorker Jacques Testard, den französischstämmigen englischen Verleger, der mit Fitzcarraldo Editions einen Verlag gegründet hat, der anspruchsvolle Literatur vorwiegend in Übersetzung publiziert und mit Olga Tokarczuk, Svetlana Alexievich, Annie Ernaux und Jon Fosse in den zehn Jahren seines Bestehens schon vier Nobelpreisträger unter Vertrag hat. Für den ungewöhnlichen Erfolg ist nicht nur das ikonisch-schlichte Design der Bände in blau und weiß verantwortlich, sondern auch der erstaunlich gute Riecher des Verlegers: "Testards Bilingualität verschafft ihm einen Vorteil in einer Verlagsindustrie, in der die Fähigkeit, auch in anderen Sprachen als Englisch zu lesen, überraschend selten ist. Nicht nur, dass er viele französische Autoren liest, bevor sie ins Englische übersetzt werden, als französischer Leser bekommt er auch schneller Autoren anderer Sprachen zu lesen, da die französischen Verlage dazu tendieren, Übersetzungen schneller in Auftrag zu geben als britische oder amerikanische Häuser. Testard hat Svetlana Alexievich auf Französisch gelesen, bevor er die Rechte für 'Second-Hand-Zeit' auf der Frankfurter Buchmesse 2014 erwerben wollte (…) In dem Jahr fiel die Frankfurter Buchmesse mit der Verkündung des Nobelpreisträgers zusammen, und Alexievich war eine der Favoritinnen. 'Man hat mir mehr oder minder gesagt, ich hätte keine Chance', erinnert er sich. Als dann Patrick Modiano als Preisträger feststand, war die Luft aus dem Wettstreit um die Rechte raus, innerhalb von einer Woche hatte Testard sie für Alexievichs Buch erworben, zu dem für ihn hohen Preis von 3500 Pfund. Im Jahr danach hat sie den Nobelpreis bekommen, und die englische Übersetzung von Bela Shayevich, die Testard in Auftrag gegeben hatte, wurde für 250 000 Dollar an einen amerikanischen Verleger verkauft."Weitere Artikel: Kathryn Schulz empfiehlt wärmstens den Autor Norman MacLean, dessen schmales Werk man an einem Tag lesen könne. Kelefa Sanneh hört den mexikanischen Sänger Ivan Cornejo. Richard Brody sah im Kino Kevin Costners "Horizon". Außerdem gibt es eine Reihe "Love & Heartbreak" mit Texten von Akhil Sharma, von Edwige Danticat, von Shuang Xuetao, von Donald Antrim und von Addie Citchens. Außerdem dürfen wir vier Stories lesen: von E.L. Doctorow, von Haruki Murakami, von Sally Rooney und von Annie Proulx.
Kommentieren