Magazinrundschau
Sie ist kein Mädchen mehr
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.07.2024. Der Rolling Stone weiß, warum Drogendealer Snapchat lieben. Francis Fukuyama erklärt auf Persuasion ganz konkret, warum niemand eine größere Gefahr für die Demokratie ist als Donald Trump. Scena9 streift durch die Nationalparks Rumäniens. Der Guardian entwirft eine kleine Kulturgeschichte moderner Anästhetika. Meduza zeichnet die Geschichte der Anti-Atom-Bewegung in Kasachstan nach. Quietus schwelgt in Erinnerungen an den Hardcore-Punk der Minutemen.
Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 08.07.2024
Yascha Mounk führt ein sehr langes Gespräch mit Francis Fukuyama, der sich alles in allem recht optimistisch über die Widerstandskraft der Demokratien äußert. In dem Gespräch, das noch vor der zweiten Runde der französischen Wahlen geführt wurde, geht er sogar noch von einem Wahlsieg des Front National aus - der tatsächliche Ausgang der Wahlen würde seine These also noch bestärken. Große Sorgen macht sich Fukuyama allerdings über eine mögliche zweite Amtszeit Donald Trumps. Denn beim ersten Mal, so Fukuyama, hatte Trump selbst nicht mit seinem Sieg gerechnet. Und da Trump selbst nicht vorbereitet war, konnte ihm der amerikanische Rechtsstaat Widerstand entgegensetzen. Genau darauf seien Trump und seine Gefährten nun vorbereitet: "Ich arbeite an einem Projekt, das einer Wiederholung der 'Schedule F'-Anordnung entgegenwirken soll. Die Heritage Foundation arbeitet an dem 'Project 2025', um genau die Schwächen zu überwinden, die es in der ersten Amtszeit von Trump gab, dazu gehört eben diese 'Schedule F Executive Order', die am Ende der ersten Trump-Regierungszeit erlassen wurde und die es erlaubt hätte, jeden beliebigen Beamten in der Exekutive zu entlassen. Sie stellen Listen von Personen nach ihrer persönlichen Loyalität zu Trump zusammen. Sie nennen Zahlen von bis zu 50.000 Stellen Sie sich vor, die neue Trump-Regierung ersetzt zum Beispiel den Leiter des Internal Revenue Service (IRS), also der Bundessteuerbehörde der Vereinigten Staaten durch einen Trump-Loyalisten. Wird diese Person bereit sein, etwa einen Journalisten zu durchleuchten, über den sich Trump aufregt? Die Institutionen, insbesondere die Justiz, waren meiner Meinung nach in der ersten Amtszeit Trumps noch ziemlich stark, aber ich fürchte, dass er diese Institutionen vom ersten Tag an schwächen wird, wenn er wiedergewählt wird. Wir stehen vor einer viel, viel größeren Herausforderung als beim ersten Mal."Moldova.org (Moldau), 09.07.2024
Rolling Stone (USA), 16.07.2024
Paul Solotaroff erkundet für den Rolling Stone die bizarr-befremdliche Welt einer App, die eigentlich eine Plattform ist, auf der Freunde selbstlöschende Fotos austauschen können, die sich aber spätestens seit Corona zu einem idealen Markt für Drogendealer entwickelt hat. Snapchat löscht die Daten seiner Nutzer und so ist es kaum möglich nachzuvollziehen, auf welchen Wegen Jugendliche wie Alex Neville an die gepanschten Drogen kommen, die sie das Leben kosten. Statt Oxycodon nehmen sie gestrecktes Fentanyl in tödlichen Dosen ein, ein Phänomen, das sich auch deshalb ausbreitet, weil Snapchat selbst nichts dagegen unternimmt: "Die amerikanische Drogenbehörde DEA hat ihre erste Warnung zu diesen Vorfällen erst im Herbst 2021 geschaltet, die örtlichen Polizisten haben sich nicht gekümmert oder nur halbherzig auf den Handys der gestorbenen Jugendlichen nach Spuren zu den Dealern gesucht. Diese Spuren waren aber längst weg, ein paar Minuten bis Stunden nach dem letzten Austausch zwischen Käufer und Verkäufer gelöscht. Das, lernt Mutter Amy Neville, ist der Grund, weshalb die Dealer auf Snapchat umgestiegen sind: Es ist im Grunde genommen ein sicherer Ort für sie. Alles Spuren sind nach 24 Stunden verschwunden, wie weggewischt von der Löschfunktion der App. Das ist kein Fehler, sondern Vorteil von Snapchat, ein Feature, das den Erfolg der App abtreibt und sie von ihren Konkurrenten abhebt. Auf TikTok und Instagram bleiben die Fotos und Nachrichten online, bis man sie einzeln löscht. Bei Snapchat ist es das Gegenteil: Alles verpufft, es sei denn, man speichert es manuell auf dem Account. Für die Jugendlichen ein Segen, denn sie können sich schreiben (oder sexten) ohne Angst vor den überwachenden Augen ihrer Eltern haben zu müssen. Aber auch für die Dealer ist diese Selbstlöschungsfunktion ein Geschenk Gottes - eine Chance, Narkotika zu verkaufen, ohne die geringste Spur für die Polizei zu hinterlassen. Das hat für die falschen Pillendreher den großen Unterschied gemacht, und für ihr Produkt, das so tödlich wie trügerisch ist. Zwei Milligramm Fentanyl - etwa zehn Körnchen Salz - lassen einen Teenager in seinem Bett ersticken. Warum Fentanyl? Weil es so reichlich und wirkungsvoll ist, dass man eine gefälschte Tablette Oxy für weniger als fünf Cent produzieren und dann für 30 Dollar an Jugendliche verkaufen kann. Dealer versuchen normalerweise, ihre Klienten nicht umzubringen, aber bei Fentanyl ist es eine Art Berufsrisiko. Keiner dieser Heimköche kann eine Charge Xanax herstellen, ohne Fentanyl-Brocken in die Mischung zu pfeffern. Diese Stücke werden in die Pillen gepresst - oder in halbe Pillen, wie es manchmal passiert. Ich habe von einem Jugendlichen gehört, der sich eine Percocet mit seiner Freundin geteilt hat und dann erstickt ist, während sie ruhig geschlafen hat. Dem letzten Bericht der Drogenbehörde zufolge enthalten rund 70 Prozent aller konfiszierten Fake-Pillen tödliche Dosen Fentanyl. Für jede Pille, die sie herausfischen, gehen ihnen aber eine Vielzahl durch die Lappen und werden online angeboten. Klar, Dealer bieten ihr Gift auf allen sozialen Medien an, aber laut den Strafverfolgungsbehörden wird der Deal für gewöhnlich über Snapchat besiegelt. Die App schirmt sie vor Undercover-Cops ab, die sich als Teenager ausgeben und stattet sie noch mit weiteren Sicherheitsvorkehrungen aus, wie der Snap Map, die ihnen in Echtzeit zeigt, wo ein Jugendlicher wartet."Meduza (Lettland), 05.07.2024
Diana Kruzman zeichnet für Meduza die Geschichte der Anti-Atom-Bewegung in Kasachstan nach und blickt auch auf die neue Generation an Aktivisten, deren Fokus sich von der Aufklärung sowjetischer Verbrechen hin zum Kolonialismus verschoben hat. "Viele junge Aktivisten in Kasachstan sehen die Anti-Atom-Bewegung heute als einen de facto antikolonialen Kampf. Indem sie gegen dieses Testgelände kämpften, kämpften die Kasachen auch gegen den sowjetischen Atomkolonialismus", so Alisher Khassengaliyev, ein 21-jähriger Student der internationalen Beziehungen aus Nordkasachstan. Khassengaliyev, der jetzt in Almaty lebt, ist Mitbegründer der Steppe Organization for Peace (STOP), einer Jugendgruppe, die auf die anhaltenden humanitären und ökologischen Folgen der Atomtests in Kasachstan aufmerksam macht. Die sowjetischen Behörden [...] sahen den Wert dieses Gebiets nicht so wie die Kasachen. Die sowjetischen Behörden sahen auch das kasachische Volk nur als ein Objekt an, das keinen Wert und keine Rechte hatte, [nicht einmal] das Recht, in seinem Gebiet zu leben. Heute setzen sich Aktivisten wie Khassengaliyev für den Vertrag über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) ein, das erste rechtsverbindliche internationale Abkommen, das die Erprobung, Herstellung, Lagerung und den Einsatz solcher Bomben vollständig verbietet. Der Vertrag wurde 2017 von den Vereinten Nationen angenommen und wird inzwischen von 122 Ländern unterstützt, von denen keines derzeit Atomwaffen besitzt. Khassengaliyevs Gruppe hofft nun, zusammen mit Dutzenden anderer Anti-Atom-Jugendorganisationen aus der ganzen Welt, weitere Länder zur Unterzeichnung zu bewegen, darunter auch große Atommächte wie die USA und Russland."New Eastern Europe (Polen), 08.07.2024
In der Ukraine kämpft jeder mit seinen eigenen Mitteln und Kräften für das Durchhalten lernt Kinga Anna Gajda, Dozentin am Institut für Europastudien der Universität Krakau, im Gespräch mit der ukrainischen Fantasy- und Krimiautorin Kseniya Tsyhanchuk: Sie berichtet, wie die Kriegserfahrung den ukrainischsprachigen Literaturmarkt verändert und ausgeweitet hat, wie der Krieg genrespezifische Erzählstrukturen neu ausrichten kann und welche Bedeutung der Fiktion in düsteren Zeiten zukommt: "Vor dem Krieg begann ich ein Buch in einem anderen Genre zu schreiben. Es war magischer Realismus. Es sollte ein sehr friedliches Buch werden, ohne Mord und andere Grausamkeiten. Aber der Krieg hat meine Pläne geändert. Ich konnte einfach nicht mehr an die Handlung denken. Also schreibe ich jetzt ein Buch, das mit dem Krieg zu tun hat (obwohl es sich hier eher um einen Thriller handelt). Die Hauptfiguren des Buches wollen den Krieg beenden - und das ist ein gemeinsamer Wunsch aller Ukrainer. (...) Ich glaube, dass Krimiautoren eine ziemlich wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, die Wahrnehmung und Einstellung der Gesellschaft zu Verbrechen und Gerechtigkeit zu prägen. In Kriminalromanen sehen wir immer ein Verbrechen und Menschen, die Gerechtigkeit wollen. (...) Ich möchte auch vermitteln, dass die Gerechtigkeit immer siegt. Ich möchte, dass die Menschen das glauben. Das finde ich sehr wichtig."Guardian (UK), 08.07.2024
Scena9 (Rumänien), 09.07.2024
Die Fotojournalistin Gabriela Poiană berichtet (und zeigt Impressionen) von ihrer Reise nach Bistrița, einem kleinen Dorf im rumänischen Kreis Vâlcea im Südwesten des Landes. Wer mit der Topografie Rumäniens nicht so vertraut ist, kann den Ort leicht verwechseln: Es geht nicht um die relativ große Stadt Bistrița (deutsch: Bistritz oder im Dialekt Nîsner-Bistritz) in Siebenbürgen, sondern um das kleine Dorf im Naturpark Buila-Vânturarița. Das Gebiet wurde erst 2004 zum Naturpark erklärt. Lange zuvor wurde hier Kalk abgebaut, bis das Kraftwerk, das den Rohstoff verarbeitet, seinen Hauptabnehmer in Polen verlor und die Abbaugenehmigung nicht mehr erneuert wurde. Eine Situation also, wie man sie aus anderen Industrieregionen kennt: Ein Bergwerk wird geschlossen und die lokale Gemeinschaft droht zu verschwinden. Doch die Menschen in Bistrița wollen nicht aufgeben, denn sie wissen, dass die Region mehr zu bieten hat als Kalk, erzählt Poiană im rumänischen Internetmagazin Scena9: "Dana und Mihai gefällt, dass die Wege im Nationalpark Buila Vânturarița immer besser angelegt und markiert werden, dass die Schutzhütten gut gepflegt sind, dass sie kleine Tische und Holzbänke zum Ausruhen finden (...). Als Beispiel nennen sie den Cozia-Nationalpark, der an Buila-Vânturarița angrenzt und den sie sehr schätzen. Sie gehen oft dorthin und schätzen die Übersichtlichkeit, 'die Informationstafeln sind wie ein Lexikon'. Auf ihren Wanderungen treffen sie gerne 'seriöse Bergleute' aus dem ganzen Land, von denen viele gut ausgerüstet sind. Sie wünschen sich, dass sich ihre Region auch in Richtung Natur- und Bergtourismus entwickelt. (…) Ich frage Gheorghe Osiac, was das Gebiet seiner Meinung nach braucht, um ein Anziehungspunkt zu werden. 'Eine Möglichkeit wäre unter anderem, das zu fördern, was es einst gab: die Produkte, die hier hergestellt wurden. Die Roma-Gemeinschaften in der Gegend haben hier immer gearbeitet, sie haben alle etwas Bestimmtes hergestellt und waren dafür bekannt: Besen, Weiden, geflochtene Körbe, geschnitzte Holzlöffel. Es gab hier auch fünf Kalköfen, in denen der Kalkstein gebrannt wurde, um unberührten Kalk herzustellen. Als ich ein Kind war, erinnere ich mich, dass sie Wagenkolonnen bildeten, um ungebrannten Kalk zu kaufen und damit in die flachen Gegenden zu fahren, wo es keinen Kalk gab, und dann zu handeln.'"HVG (Ungarn), 04.07.2024
Der Regisseur Viktor Bodó, der u.a. in Stuttgart und Hamburg inszeniert, ruft in Ungarn eine dreijährige Schauspieler- und Regisseur-Ausbildung ins Leben, die von namhaften Theaterschaffenden unterstützt wird. Im Gespräch mit Dóra Matild erklärt er das Programm: "Früher, an der Universität, gab es keine Garantie, dass wir in diesem Beruf würden arbeiten können. Die Klassenlehrer waren die Theaterdirektoren, und sie luden an ihre Theater diejenigen ein, die sie für die Besten hielten. Es gab einige, die recht schnell wieder von der Bildfläche verschwanden. Wir hingegen bauen Partnerschaften mit Theaterhäusern auf, die es den Studenten ermöglichen, praktische Erfahrung zu sammeln, sich auszuprobieren. Wir nehmen sie auch mit auf internationale Bühnen, um ihnen die Welt zu öffnen und sie mit der zeitgenössischen europäischen Ästhetik bekannt zu machen. Es ist wichtig, dass sie sich auch als unabhängige Schöpfer sehen, die gegebenenfalls in der Lage sind, ihre eigenen Projekte auf der Grundlage ihrer eigenen Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen, damit sie nicht befürchten müssen, in ein Loch zu fallen, wenn sie nicht sofort von einem Theater in Budapest unter Vertrag genommen werden. Wir werden in jeder Weise helfen, aber unsere Verantwortung endet damit sicherzustellen, dass die Ausbildung von höchstmöglicher Qualität ist und dass wir Studenten hervorbringen, die ihre Situation verstehen."London Review of Books (UK), 04.07.2024
James Meek widmet sich in einem längeren Essay dem grassierenden Problem der Obdachlosigkeit in Manchester und Umgebung. Es geht um Wohnungsknappheit, gestiegene Mieten, fehlende Sozialprogramme und vieles mehr. Das Problem wird dadurch verstärkt, dass sein Umfang nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Zwar gibt es auch immer mehr Menschen, die unter Brücken und in Hauseingängen nächtigen, aber: "Leute, die im Freien schlafen, sind bei weitem in der Minderheit im Vergleich zu anderen Menschen ohne Wohnsitz. Eine bei Weitem größere Anzahl von Menschen sind 'statutorisch obdachlos', worunter Leute fallen, für die die Stadtverwaltung gesetzlich verpflichtet ist, Unterkünfte bereitzustellen. Sie landen in vorübergehender Unterkunft, Hotels, Bed & Breakfasts und Herbergen. Bis zum Ende des Jahres 2023 war die Zahl solcher Haushalte auf 112.660 gestiegen, 145.800 Kinder sind betroffen, das sind die höchsten Zahlen seit Inkrafttreten des modernen Obdachlosengesetzes im 20. Jahrhundert. In Wirklichkeit ist die Zahl viel höher. Es ist nicht einfach, als statutorisch obdachlos anerkannt zu werden, selbst wenn man sich der Stadtverwaltung als jemand präsentiert, der nirgendwohin gehen kann. Man muss nachweisen, dass man buchstäblich kein Dach über dem Kopf hat - eine Kündigung ist nicht genug. Man muss nachweisen, dass man Verbindungen vor Ort hat, sonst wird einem gesagt, man solle sich an seine Heimatstadtverwaltung wenden. Man muss nachweisen, dass man gefährdet ist, dass man kleine Kinder hat oder schwer krank oder behindert ist. Und man darf nichts getan haben, was die Stadtverwaltung dazu bringen würde zu sagen, man sei selbst Schuld daran, obdachlos geworden zu sein: zum Beispiel darf man keine Wohnung aufgegeben haben, weil sie ein schrecklicher Ort zum Leben war."Mediazona (Russland), 11.06.2024
Quietus (UK), 03.07.2024

Hier das Album in voller Länge - bis heute ein wilder, mitreißender Ritt:
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