Magazinrundschau - Archiv

Hlídací pes

8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - Hlidaci pes

Eine "Gedenkstätte des dreifachen Widerstands" wird dieser Tage im böhmischen Lošany auf dem ehemaligen Gutshof der Mašíns eröffnet, wie Robert Břešťan berichtet. Die Familie Mašín ist in Tschechien so berühmt wie umstritten: Der Vater, General Josef Mašín senior, war während der deutschen Okkupation ein wichtiger Widerstandskämpfer und wurde von den Nationalsozialisten hingerichtet, er gilt als unumstrittener Held. Seine Söhne Ctirad und Josef junior - die "Mašín-Brüder" - gingen nach der kommunistischen Machtergreifung ihrerseits in den Untergrund und verübten Anschläge gegen das kommunistische Regime, wobei sie menschliche Opfer in Kauf nahmen. Ihre spektakuläre Flucht nach Berlin, bei der sie vier Volkspolizisten erschossen, spaltet bis heute die Gemüter, so Břešťan. Die einen betrachten sie als Helden, die anderen als Verbrecher. So ist auf der Webseite der Gedenkstätte auch möglichst neutral davon die Rede, dass sich "die ganze moderne Geschichte der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik anhand der Schicksale einer einzigen Bauernfamilie und ihrer Weggefährten ablesen lasse". Zur Eröffnung wird es auch eine Diskussionsrunde mit Zdena Mašínová (Schwester von Ctirad und Josef) geben, die das elterliche Gut (das von der Familie schon seit dem 17. Jahrhundert bewirtschaftet wurde) erst 2018, fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, zurück erhielt. Der tschechische Premier Petr Fiala soll immerhin bei der Einweihung zugegen sein. "Angesichts der Tatsache, dass die kommunistische Partei bei den letztjährigen Wahlen aus dem Parlament flog, wird darüber spektuliert, ob auch Josef Mašín, das letzte noch lebende Mitglied der Widerstandsgruppe, erstmals nach seiner dramatischen Flucht nach Berlin wieder nach Tschechien kommen werde", so Břešťan. "Aber die Organisatoren der Veranstaltung haben seine Teilnahme mit keinem Wort erwähnt."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Hlidaci pes

Der ukrainische Dichter und Übersetzer Oleh Kozarew ist derzeit die Kontaktperson für die tschechische Stiftung Charon, die ukrainischen Künstlern im Krieg hilft. Wie die Situation für viele seiner Kollegen aussieht, schildert Kozarew im Interview mit Lucie Sýkorová so: "Zum Beispiel der Dichter Ihor Mitrow. Bis Februar 2022 (…) hätte man ihm auf vielen Lesungen begegnen können. Jetzt ist er ein ukrainischer Soldat. Oder Oleg Kalashnyk, ein Künstler aus Charkiw. Seine Ausstellungen organisiert er in der Charkiwer U-Bahn und unterirdischen Tunnels. Warum? Weil sich viele Bewohner Charkiws in U-Bahn-Gängen und Kellern aufhalten, weil die Stadt unter regelmäßigem russischen Raketenbeschuss liegt. Mychajlo Ozerov ist Schauspieler in einem Puppentheater. Auch er spielt jetzt in U-Bahn-Vorführungen. Die Dichterin und Drehbuchautorin Luba Jakymtschuk war während der russischen Angriffe im Frühling in Kiew, als versucht wurde, die Hauptstadt einzunehmen. In dieser ganzen Zeit war sie als freiwillige Helferin tätig. Und Vasyl Riabko, Frontman der Rockband 'Papa Carlo', ein lustiger Festivaltyp, verteilt jetzt mit einem kleinen Bus humanitäre Hilfsgüter und evakuiert Zivilisten, die bombardiert werden. Die Dichterin und Übersetzerin Daryna Berezina war gezwungen, ihre Heimat und all ihr Hab und Gut zurückzulassen und aus Mykolajiw in den Westen des Landes zu fliehen. Der Bildhauer Arsen Pelushok ist nach der Eroberung und Befreiung von Butscha, wo er lebt, ohne Arbeit. Der belarussische Dichter Sergej Prilutsky verbrachte ebenfalls mit Frau und Sohn zwei Wochen im besetzten Butscha. Sie versteckten sich im Keller eines fremden Hauses. Erhitzten sich auf einem Feuer im Hof Wasser zum Kochen und Waschen, weil es in den Häusern weder Strom noch Gas noch Wasser gab. Überall um sie waren Schüsse und Explosionen zu hören. Nur einen Kilometer von ihnen entfernt brachten die russischen Soldaten Zivilisten um. Momentan versuchen dieser Dichter und die Stadt Butscha in ein normales Leben zurückzufinden. Die Lyrikerin und Übersetzerin Iya Kiva wurde zum ersten Mal 2014 zur Flüchtigen, als Russland ihre Geburtsstadt Donezk besetzte. Darauf zog sie nach Kiew um. Nach dem neuen russischen Angriff ging sie fort nach Lwiw, wo sie jetzt als freiwillige Helferin sehr aktiv ist." Oleh Kozarew betont auch noch einmal die Wichtigkeit der monetären Unterstützung, denn "diese Leute sind in einer katastrophalen finanziellen Situation, und gleichzeitig helfen sie alle der Armee, den Flüchtlingen, Ärzten und so weiter."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Hlidaci pes

Nachdem die norwegische Neuverfilmung des Weihnachtsklassikers "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" in Tschechien für einiges Rumoren gesorgt hat, glaubt Jan Žabka sich einmal dem Phänomen widmen zu müssen und die Filme zu vergleichen: "Sowohl das norwegische als auch das tschechische Aschenbrödel sind relativ emanzipierte weibliche Märchenfiguren." Anders als in der Version der siebziger Jahre stürze sich aber das norwegische Aschenbrödel nicht sofort bedenkenlos auf die Heiratsidee, sondern "macht sich bewusst, dass sie den Prinzen gerade mal ein paar Tage kennt. Sie ist sogar bereit, ihm klarzumachen, dass sie eine Entscheidung erst treffen wird, wenn sie sich ein bisschen besser kennengelernt haben. Die Möglichkeit eigener Entscheidung wird auch durch die Tatsache betont, dass die letzte der drei Nüsse kein Brautkleid enthält, sondern leer ist und Aschenbrödel die Wahl hat." Auch gebe die norwegische Version nicht zu erkennen, dass jemand, nur weil er den Königstitel besitzt, mehr wert sei als andere. Eine große Aufregung hatte sich zwischenzeitlich daraus ergeben, dass die norwegische Produktionsfirma für Tschechien (und andere Länder) zunächst eine Version vorgesehen hatte, in denen ein Kuss zwischen zwei männlichen Nebenfiguren nicht enthalten ist, weil man offenbar davon ausging, dass Homosexualität dort ein so rotes Tuch sei wie im aktuellen Polen oder Ungarn. Auf Protest der tschechischen LGBTQ-Szene bekam man dann doch die unzensierte Originalfassung zu sehen. Insgesamt macht sich Jan Žabka ein wenig lustig darüber, dass manche seiner Landsleute den Kultstatus des tschechischen Aschenbrödel bedroht sähen. Die norwegische Version wolle die tschechische weder abkupfern noch verwerfen. "Sie bietet lediglich eine Alternative für das 21. Jahrhundert, in der auch Behinderte sich im Alltag nicht verstecken müssen und Männer - stell dir vor - sich einfach auf der Straße einen Kuss geben können."
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Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Hlidaci pes

Der Handel mit illegalen Pflanzenschutzmitteln gehört offenbar zu den einträglichsten Zweigen des organisierten Verbrechens, und besonders in Tschechien greifen Landwirte ahnungslos zu den gefälschten Produkten. Robert Břešťan unterhält sich darüber mit Miluše Dvoržáková vom tschechischen Pflanzenschutzverein, die sich auf Zahlen des EU-Amtes für geistiges Eigentum beruft. Das Problem sei: Während etwa in Frankreich auf den Handel mit illegalen Pestiziden bis zu sieben Jahre Haftstrafe und eine Geldbuße bis 750.000 Euro drohen, sei in Tschechien noch keine rechtliche Grundlage für den Strafbestand geschaffen. Manche dieser Produkte "haben eine völlig wirkungslose Zusammensetzung, andere enthalten unerlaubte, für Natur und Mensch schädliche oder sogar krebserregende Substanzen." Die Landwirte griffen dazu, weil sie bis zu 40 Prozent billiger seien. In Tschechien wurde zum Beispiel ein gefälschtes Produkt sichergestellt, "das im Unterschied zum Original ein Lösungsmittel enthielt, mit dem Frauen nicht in Kontakt kommen dürfen, weil es ungeborenes Leben schädigen kann. Die Warnhinweise entsprachen aber nur dem Originalprodukt, das dieses Lösungsmittel nicht enthielt." Für die Hobbygärtner wiederum gebe es Pflanzenschutzmittel auf dem Markt, die Glyphosat enthielten. Übrigens: "In deutschen Gartencentern gibt es diese Mittel nicht zu kaufen, weshalb Gärtner aus Deutschland und Österreich sie sich hinter der Grenze in Tschechien besorgen. Schauen Sie sich's an, wie viele Fälschungen da im Angebot sind."
Stichwörter: Tschechien

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - Hlidaci pes

Wie immer ist der "Blick von außen" aufschlussreich, und so führt Robert Břešťan ein interessantes Gespräch mit dem Diplomaten und Übersetzer Tomáš Kafka, der direkt nach der Wende als Kulturattaché und nun seit 2020 als Botschafter Tschechien in Deutschland vertritt. Sein erster Aufenthalt war "vor dreißig Jahren, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung und auch nach dem deutschen Fußball-WM-Sieg, als auch Franz Beckenbauer sagte, die Deutschen seien das glücklichste Volk auf der Erde. Ich habe recht schnell festgestellt, dass dem nicht so ist", so Kafka. "In Wahrheit waren die Westdeutschen mehr oder weniger unzufrieden mit dem Tempo der Wiedervereinigung und der Bereitschaft der Ostdeutschen, sich anzupassen. Und die Ostdeutschen hatten das Gefühl, dass überall eine Art Dankbarkeit von ihnen erwartet wird und dass von ihrer Art zu leben kaum etwas übrigbleibt." Als er aber 2020 wieder nach Deutschland kam, sei noch eine "Ära goldener Zeiten" zu spüren gewesen, "die plusminus mit der Wahl Angela Merkels begonnen hatte. Da waren die Deutschen vielleicht wirklich eine der glücklichsten Nationen der Welt." Dieses Selbstvertrauen habe dann aber recht schnell zu schwinden begonnen, denn Corona habe in Deutschland eine Menge verborgener Mängel aufgedeckt. "Ich würde sagen, die Deutschen waren die Champions der Analog-Ära, aber jetzt in Zeiten der Digitalisierung zeigt sich auf einmal, dass Deutschland nicht sehr weit fortgeschrittten ist. Ebensowenig im Bereich Energie und Klima, wo die Deutschen immer Avantgarde sein wollten." Jetzt hinke man auf einmal hinterher, und es beginne eine neue Ära des Grübelns. Was die deutsch-tschechischen Beziehungen betrifft, erkennt Kafka insgesamt eine positive Entwicklung. Aus dem "Verhandeln" sei "Dialog" geworden. "Wir haben gelernt, offen miteinander zu reden und kennen uns - vielleicht auch dank des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds - inzwischen ganz gut."

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Hlidaci pes

Als im vergangenen Frühling an vielen Orten entlang der deutsch-tschechischen Grenze sich Spaziergänger beider Länder zu "Samstagen für die Nachbarschaft" trafen, um auf friedliche Weise gegen die pandemiebedingt geschlossene Landesgrenze zu protestieren, wurden Mitarbeiter des Prager Nationalmuseums auf diese Happenings aufmerksam, wie Hlidaci Pes berichtet. Und so habe die Abteilung neuerer tschechischer Geschichte des Národní Muzeum "Artefakte" dieser tschechisch-deutschen Begegnungen in ihre Sammlung aufgenommen, erzählt Robert Malecky, darunter handbemalte Transparente mit der Aufschrift "Wir sind sousedé/ My jsme Nachbarn", persönliche Zettelbotschaften sowie eine hölzerne "Handschüttelwippe", die von beiden Seiten betätigt werden konnte, ohne dass man die Grenze überschreiten musste. Wie einer der deutschen Teilnehmer der Begegnungen sagte: "Für mich gab es diese Grenze lange Zeit gar nicht mehr, und auf einmal ist sie wieder da. Das schockiert mich, damit kann ich mich nicht abfinden." Auch wenn die Treffen an der grünen Grenze momentan wegen der jeweiligen Lockdowns nicht mehr stattfinden - die Prager Museumsmitarbeiter möchten sie als wichtige Äußerung gesellschaftlichen Lebens in Zeiten der Pandemie dokumentieren.

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - Hlidaci pes

Einer der Gründe für die hohen Hinrichtungszahlen in China ist nach der Meinung von Experten die Organentnahme für Transplantationen. Kateřina Procházková unterhält sich mit zwei Zeugen für diese Praxis, die im britischen Exil leben: dem Chirurgen uigurischen Ursprungs Enver Tohti und der ehemals inhaftierten Falun-Gong-Anhängerin Annie Jang. Tohti bekam in Xinjiang von seinem Chef überraschend einen Operationsauftrag an einem geheimen Ort, der sich als Hinrichtungsstätte herausstellte: "Nach einer Weile hörten wir mehrere Gewehrschüsse hintereinander. Auf Anweisung begaben wir uns zu der Stelle. Dort lagen am Abhang mehr als zehn Leichen (…) Die Toten trugen Gefängniskleidung und hatten geschorene Köpfe. Ich sollte zu dem Letzten gehen. Er war zivil gekleidet und hatte längere Haare. Der Chefchirurg sagte mir nur, ich solle ihm schnell die Leber und Nieren herausoperieren. Von dem Moment an habe ich wie ein Roboter funktioniert und getan, was man mir sagte. (…) Doch als ich zu schneiden begann, reagierte der Körper. Dieser Mensch war noch nicht tot." Hinterher durfte Tohti nicht über die Sache reden. Annie Jang wiederum berichtet aus ihrer Haftzeit im Arbeitslager, dass sie und andere Falun-Gong-Anhänger alle drei Monate gründlichen medizinischen Untersuchungen unterzogen wurden: "Sie nahmen uns Blut ab, röntgten die Lunge, nahmen Urinproben, machten sogar Ulltraschalluntersuchungen von Nieren und Leber. Ich sagte mir: Einerseits quälen sie dich, andererseits lassen sie dir solche Gesundheitsvorsorge zukommen? Warum, habe ich erst später verstanden." Offenbar, so Tohti, "wollen sie eine systematische Datenbank aufbauen, sodass sie, falls ein bestimmtes Organ benötigt wird, wissen, wo man es kriegt." Und warum besonders bei Falun-Gong-Anhängern? "Weil das Menschen sind, die nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, Körperübungen machen und in der Regel gesund sind."

Magazinrundschau vom 20.12.2016 - Hlidaci pes

Nun kommt also auch in Tschechien als letzter europäischer Bastion das Rauchverbot in die Gaststätten (und erregt entsprechend die Gemüter). Aleš Rozehnal erinnert aus diesem Anlass an die einstige Symbolkraft der Zigarette, die einmal für Freiheit und Emanzipation stand. Ursprünglich ein Symbol der Männlichkeit und des Rebellentums, aber auch des amerikanischen Traums, "spielte das Rauchen eine bemerkenswerte Rolle in der weiblichen Emanzipationsbewegung. Im 19. Jahrhundert sah man rauchende Frauen als Gefallene oder Prostituierte an. 1904 wurde in den Vereinigten Staaten eine Frau zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, weil sie vor ihrem Kind geraucht hatte - was als unmoralisch und als Gefahr für die Gesellschaft galt. Während des Ersten Weltkriegs begannen die Frauen, die Arbeit der an der Front kämpfenden Männer zu übernehmen und zunehmend zu rauchen. Zigaretten wurden für Frauen zu einem Weg des sozialen Normenwandels, begleiteten ihren Kampf für Gleichberechtigung, wurden zum Ausdruck ihrer rebellischen Unabhängigkeit, ihrer Anmut und ihres Ehrgeizes. Als Symbol der Emanzipation und Gleichberechtigung wurde die Zigarette auch als 'Freiheitsfackel' bezeichnet - freilich muss hinzugefügt werden, dass die ganze Bewegung der 'Freiheitsfackel' vom Präsidenten der American Tobacco Company angezettelt wurde, der begriffen hatte, dass der potentielle Markt von Raucherinnen etwas Ähnliches war, wie 'eine Goldmine im eigenen Garten zu entdecken'."