Magazinrundschau - Archiv

Hlídací pes

15 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Hlidaci pes

Angesichts von Putins Wiederbelebungsversuchen einer slawischen Idee fragt sich der tschechische Publizist und Jurist Aleš Rozehnal, wie es eigentlich mit dem Verhältnis der Tschechen zum Slawentum bestellt ist. "Blickt man auf die Geschichte der europäischen Nationen zurück, scheinen die Slawen eine Ausnahme zu bilden: Die Griechen haben uns ein ganzes Pantheon von Göttern, Homers Epen, Tragödien und philosophische Texte hinterlassen, die die Grundlagen der europäischen Kultur bilden. Die Germanen und Kelten haben ihre Mythen, nordischen Sagen und Heldenlieder. Aber was ist mit uns?" Es gebe keinen slawischen Homer, Hesiod oder Apollodor, weil die Kultur der Slawen nicht auf Schriftlichkeit, sondern dem mündlichen Erzählen beruht habe. Legenden seien daher nur in Fragmenten erhalten, in den Erwähnungen der Chronisten, in Volksglauben, Liedern und Ritualen. Die Tschechen nun hätten ein besonderes, oft eher zwiespältiges Verhältnis zum Slawentum. "Es ist geprägt von historischen Erfahrungen, kulturellen Spannungen und der langjährigen Suche nach der eigenen Identität. Die tschechische Nationalgeschichte definierte sich nämlich die meiste Zeit hauptsächlich in Abgrenzung gegenüber den Deutschen, deren Sprache, Kultur und politische Macht den Rahmen unseres Lebens bildeten. Somit entwickelte sich die tschechische Identität im permanenten Gegensatz zu etwas Stärkerem und Selbstbewussterem. Später kam ein weiterer fragwürdiger Aspekt hinzu, nämlich der russische imperiale Panslawismus, der sich die slawische Idee zu eigen machte und sie in ein Instrument der Macht verwandelte. Das Slawentum war plötzlich eng verbunden mit geopolitischen Ambitionen, die mit authentischer Kultur wenig zu tun hatten. Die Abneigung gegen dieses Konzept des Slawismus kam nach der russischen Besetzung der Tschechoslowakei voll zum Ausdruck." Es habe bis heute einen spürbaren Schatten in Tschechien hinterlassen. "Jeder Erwähnung slawischer Wurzeln wird oft mit Vorsicht begegnet, als steckte dahinter etwas Verdächtiges, politisch Missbräuliches oder allzu Sentimentales." In der Folge ziehe sich ein Paradox durch die ganze tschechische Geschichte: "Kulturell, institutionell, mental, in unserer Auffassung von Recht, Literatur und Philosophie sind wir fest mit dem europäischen Westen verbunden. Unser älteres Wesen reicht jedoch in einen Raum hinein, den die meisten Menschen spontan als östlich bezeichnen würden. Und zwischen diesen beiden Polen ist ein Raum der Unsicherheit entstanden." Trotzdem oder gerade deshalb plädiert Rozehnal dafür, sich ideologiefrei für den Kulturraum der slawischen Mythologie zu interessieren. "Das muss kein Ausdruck von Nostalgie oder romantischem Nationalismus sein, sondern schlicht der Versuch, zu verstehen woher wir kommen. (…) Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, in dem wir aufhören können, uns vor unseren slawischen Wurzeln zu fürchten, ohne sie zu idealisieren." Schon allein, um sich das Slawentum nicht von Putin wegnehmen zu lassen.
Stichwörter: Tschechien, Slawentum

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Hlidaci pes

Rechtzeitig vor den tschechischen Parlamentswahlen im Herbst hat die APRA, ein Zusammenschluss tschechischer PR-Agenturen, eine Konferenz veranstaltet, um einen gemeinsamen ethischen Verhaltenskodex für politische Kommunikation und speziell Wahlkampagnen auszuarbeiten. Vertreter aller tschechischen Parteien waren eingeladen, wie Ondřej Neumann berichtet, jene Parteien, die eine Orientierung an ethischen Maßstäben am dringendsten nötig hätten, seien bei der Veranstaltung freilich nicht vertreten gewesen. "Der Kodex soll die Politikvermarkter zum Beispiel dazu verpflichten, den Gebrauch von KI zuzugeben und zu kennzeichnen, in den Kampagnen auf Falschbehauptungen zu verzichten, keine hasserfüllten Inhalte zu verbreiten, nicht zu Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufzurufen, außerdem die Medienfreiheit zu respektieren und nicht zu Angriffen auf Journalisten aufzurufen." Die Teilnehmer der Diskussion berichteten von ihren praktischen Schwierigkeiten. So sagt Jakub Skyva, Wahlkampfmanager des konservativen Parteienbündnis SPOLU, der durchschnittliche Tscheche widme der Politik täglich drei Minuten, und um diese begrenzte Zeit kämpften dann alle auf dem Markt der politischen Parteien und Ideen. "Das ist auch ein Grund, warum alles immer gröber wird; wir rangeln um ein Stück des medialen Kuchens. Der Wunsch, gesehen zu werden, und die Jagd nach Aufmerksamkeit ist enorm." Lukáš Novák, Wahlkampfmanager der Partei STAN, glaubt immerhin, das Konzept des Hasses habe sich erschöpft. "Manchmal ist die Form der Kommunikation Teil des Inhalts. Aber ich fürchte, dass diejenigen, die den Ethikkodex eigentlich unterzeichnen sollten, ihn nicht unterschreiben werden", sagte er auf der Veranstaltung.
Stichwörter: Tschechien, Rassismus

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - Hlidaci pes

Robert Břešťan unterhält sich mit der russischen Medienrechtlerin und Aktivistin Galina Arapova, Gründerin des Mass Media Defence Center, das wie so viele andere NGOs in Russland den "Ausländische-Agenten"-Status bekommen hat. Auf die Frage, ob es in einem autokratischen Unrechtsstaat überhaupt Sinn habe, Gerichtsverfahren zur Verteidigung von Journalisten anzustrengen, wenn schon klar ist, dass man nicht gewinnen kann, beteuert Arapova dennoch deren Wichtigkeit: "Wenn Ihre Rechte mit Füßen getreten werden, müssen Sie Ihre Stimme erheben, sich verteidigen, Ihre Missbilligung zum Ausdruck bringen. Es hat auch eine psychologische Bedeutung, denn wenn Sie nicht zeigen, dass Sie nicht einverstanden sind, heißt das, dass Sie mit dem Geschehenen einverstanden sind. Dass es Ihnen im Grunde nichts ausmacht, als ausländischer Agent abgestempelt zu werden, aus der Arbeit entlassen oder inhaftiert zu werden... Wenn Sie sich nicht wehren, denkt am Ende auch Ihre Umgebung, dass das, was Ihnen passiert ist, eigentlich in Ordnung ist. Man muss es einfach tun, man muss alle zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel nutzen. Auch wenn die russische Justiz nicht unabhängig ist, so ist sie doch sehr bürokratisch, folgt ihren Prozeduren und einzelnen Schritten, und das gehört zu unserer Strategie. (…) Es hilft uns, die Repressionen zu dokumentieren und zu schildern, die Behörden zur Herausgabe von Dokumenten und Informationen zu zwingen, die uns dann als Beweise dienen und helfen, die Mechanismen des Repressionsapparates zu durchleuchten." Was die vielen ins Ausland geflüchteten Journalisten betreffe, so machten die Bürokratien der Exilländer es ihnen nicht unbedingt leicht, so Arapova: "Russische Bürger sind in Europa heute so etwas wie Muslime nach dem 11. September in Amerika." Manchen Journalisten seien - vermutlich vom russischen Geheimdienst - tückischerweise Spionageprogramme aufs Handy installiert worden. Auch fürchteten sich russische Exiljournalisten zunehmend vor physischen Angriffen, denn neu sei, dass die russischen Geheimdienste für derartige schmutzige Arbeit Kriminelle im Ausland anheuerten.

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - Hlidaci pes

Während der 17. November, der Jahrestag der Samtenen Revolution, von den tschechischen Studenten genutzt wurde, um drei Tage lang in den Universitätsstreik für das Klima und einen "Kapitalismus mit menschlichem Antlitz" (so Martin Fendrych in Aktuálně) zu treten, sind gleichzeitig drei alte Herren, ehemalige Unterzeichner der Charta 77, in den Hungerstreik getreten, um ehemaligen Dissidenten eine würdige Rente zu ermöglichen. Der Streikanführer Jiří Gruntorád, Gründer der Bibliothek für Samizdat- und Exilliteratur Libri Prohibiti, saß während der kommunistischen Regimes zweimal im Gefängnis, "vier Jahre für versuchten Republikumsturz, für Verbreitung der Gedichte von Jaroslav Seifert und Bohuslav Reynek", wie Jan Urban berichtet: "Als er sich damals beschwerte, von den Wächtern geschlagen worden zu sein, bekam er zusätzliche vierzehn Monate Haft dafür, dass er sich angeblich selbst verletzt habe. Nach seiner Entlassung blieb er unter strengster 'Schutzaufsicht' und durfte nicht einmal als Heizer arbeiten." Auch viele andere Dissidenten konnten meist nicht in den Berufen arbeiten, für die sie eigentlich qualifiziert waren, oder verloren durch ihre Jahre in der Emigration weitere Rentenansprüche. Weshalb es nun für manche kaum zum Überleben reicht, während ehemalige Stasi-Angestellte von einer guten Rente profitieren. Eigentlich hatte sich die aktuelle Regierung auch auf die Fahnen geschrieben, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen, doch ihre Versprechen sind bisher nicht eingelöst worden, weshalb nun die drei ehemaligen Regimegegner, "deren Leben Stoff für jahrelange Serienstaffeln hergeben würde", so Jan Urban, sich für ihren Hungerstreik direkt vor dem Regierungsbüro positioniert haben, um auch für die zu kämpfen, die bereits älter und schwächer seien als sie. Urban hofft, die kommenden Tage würden zeigen, ob die Regierung sich dieser "beschämenden Situation" stellen werde. "Es geht um Würde und Gerechtigkeit, nicht mehr und nicht weniger."

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - Hlidaci pes

Nach dem Antritt der neuen slowakischen Regierung unter dem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Robert Fico übertrifft die sich abzeichnende Medienpolitik bereits jetzt die "wildesten Erwartungen", wie Vojtěch Berger berichtet. Der stellvertretende Parteivorsitzende von Smer, Ľuboš Blaha, hatte schon während der Wahlkampagne angekündigt, die Partei werde, wenn sie an die Macht komme, mit NGOs und den Medien "aufräumen". Und Ficos Beraterchef Erik Kaliňák wolle dem Premier vorschlagen, auf Auslandsreisen keine "sogenannt seriösen Mainstream-Medien" mehr mitzunehmen. Als neuer Chef des Medienausschusses des slowakischen Parlaments figuriert ferner Roman Michelko, ehemaliger Kommentator des russischen Nachrichtenportals Sputnik sowie der Verschwörungsplattform Zem a Vek. Die neue Kulturministerin ist ausgerechnet Martina Šimkovičová, eine ehemalige Fernsehmoderatorin, die seit einigen Jahren zusammen mit (dem Neuabgeordneten) Petr Kotlár den Youtube-Kanal TV Slovan betreibt, in dem regelmäßig Vertreter der extremen Rechten oder auch Kreml-Anhänger zu Wort kommen; in den Interviewthemen oder Ansichten der Moderatoren sei es häufig um Kritik an den Coronamaßnahmen, am Impfen sowie an den Mainstream-Medien gegangen, wie Berger berichtet. Kotlár habe auch angekündigt, er wolle in der Politik Aufklärung über die sogenannten Chemtrails betreiben. Fico selbst will offensichtlich auch dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk RTVS an den Kragen, der nun in Fernsehen und Hörfunk gespalten und mit neuen Chefposten besetzt werden soll. Einen ersten Eindruck vom neuen Medienumgang, so Vojtěch Berger, konnte man kürzlich auf der Pressekonferenz der Slowakischen Nationalpartei SNS gewinnen, wo der Pförtner keine Journalisten der investigativen Zeitung Denník N, der Tageszeitung SME oder des Portals Aktuality.sk mehr einließ, während Betreiber verschiedener Youtube-Kanäle oder Internetsendungen wie das tschechische Raptor TV hineindurften. In dem radikalen Setzen auf sogenannte "Alternativmedien", darunter eindeutig prorussische, sieht Vojtěch Berger auch im Vergleich mit Ficos früheren Regierungen und seinem Kampf gegen Journalisten noch einmal eine deutliche Verschiebung. "Die Slowakei tritt so in eine völlig neue politisch-mediale Realität ein, die (nach den wilden Neunzigerjahren unter Mečiar, Ficos Angriffen auf die Medien und zuletzt sogar dem Mord an dem Journalisten Kuciar) einmal mehr zeigen muss, wie viel der freie Journalismus dort noch aushalten wird."

Magazinrundschau vom 14.02.2023 - Hlidaci pes

Eine auf mittel- und osteuropäische Bedürfnisse zugeschnittene Version des eigentlich amerikanischen QAnon-Gemunkels zieht auch in Tschechien ihre Kreise, wie Jan Žabka zusammen mit der italienischen Investigativredaktion IrpiMedia untersucht hat. Eine tragende Rolle spielt dabei wieder einmal der Telegram-Messenger. Verschwörungstheorien plus Esoterik bieten dort auf zahlreichen Accounts den üblichen "Konspiritualität"-Mix, hinzu komme die rhetorische Heraufbeschwörung eines neuen Panslawismus. So werde etwa der Tod von Queen Elizabeth als Vorbote eines neuen Zeitalters propagiert, in dem die angebliche "angelsächsische Herrschaft über die Menschheit bald der Herrschaft der Slawen weichen werde". Auf einer beliebten Seite werde diese Theorie auch numerologisch unterstützt: "Die Königin starb am achten Tag des Monats September, dem 8.9., dessen Quersumme die 17 ist, was dem Buchstaben q entspricht, der für QAnon steht." Ferner werde vielfach Putins Narrativ bedient, nach dem der Westen eine rassistische Kampagne gegen die Slawen fahre. Diese werden im Gegenzug auf Seiten wie somslovan.sk im Vergleich zur moralisch verkommenen westlichen Konsumgesellschaft als geistig und moralisch auf der Höhe gesehen. Besonders erfolgreich, so Žabka, sei neuerdings die internationale Sekte AllatRa mit ihrer als "Bewegung" titulierten "Creative Society", die in Tschechien als "Tvořivá společnost" bereits Tausende von Anhängern habe. Die Gruppe unterhält ein Netz von über 200 Accounts mit Hunderttausenden Followern auf den wichtigen Social-Media-Plattformen. Ein gewisser Igor Mihajlovič Danilov (in diesem Fall offenbar ukrainischer Herkunft) fungiere als eine Art Guru der Sekte, nach dessen Worten Menschen, die sich gegen die Creative Society stellten, keine Menschen, sondern Tiere seien, die nicht die gleichen Rechte haben sollten. Andere Beispiele seien der tschechische Youtube-Kanal "Hovory ze země" (Gespräche aus dem Land), auf dem New-Age-Persönlichkeiten in Gesprächen über Spiritualität und Liebe zur Natur auch ihre Verschwörungs- und Desinformationsnarrative (etwa über den erfundenen Coronavirus) verbreiten dürfen, oder die konspirative Seite "Otevři svou mysl" (Öffne deinen Sinn) von David Formánek, dessen Telegram-Kanal mit rund zwanzigtausend Followern zu den beliebtesten von Tschechien und der Slowakei gehörten.

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - Hlidaci pes

Trinken in Zeiten des Sozialismus - Barbora Šťastná berichtet in einem interessanten Artikel davon, wie allgegenwärtig Alkohol in der Jahren der kommunistischen "Normalisierung" in der Tschechoslowakei war: Von den 60er- zu den 80er-Jahren habe sich die Anzahl der Alkoholiker verdreifacht. Die Atmosphäre allgemeinen Misstrauens und die Unmöglichkeit, bestimmte Ambitionen zu realisieren, machten, dass Trunkenheit zu einer willkommenen und gesellschaftlich relativ anerkannten Ausflucht aus der grauen Realität wurde. Auch in der Arbeit, auf Versammlungen, auf dem Bau. "In einer Gruppensitzung erzählte mir ein Arbeiter, wenn die Männer montags zur Baustelle kämen und kein ideales Wetter sei, setzten sie sich hin und fingen an zu trinken", berichtet Vladimír Řehan, damaliger Leiter eines Entzugssanatoriums. "Manchmal tranken sie eine ganze Woche. Der Bauleiter musste ihnen dann fiktive Leistungen ausweisen." Auch die heimische Schwarzbrennerei von Schnaps war weit verbreitet. Božena Beňová erinnert sich, in ihrer Kindheit in der Ostslowakei war Schnapstrinken ein so eingefahrener gesellschaftlicher Zwang, dass ihre Eltern in die Methodistenkirche eintraten, in der Alkohol verboten war: "In Zemplín wurde schlimm gesoffen, nach dem Gottesdienst ging man geradewegs in die Wirtschaft, und wer nicht wie die anderen trank, hatte keine Chance. Der Beitritt zu unserer Kirche war eine gewisse Lösung, dem Druck zu entkommen." Das kommunistische Regime sah Alkoholismus als großes Problem an, das anfangs freilich als "Erbe des Kapitalismus" deklariert wurde. Man versuchte, dem Problem unter anderem mit Preiserhöhungen für Luxusspirituosen zu begegnen. (Die Bierpreise zu erhöhen kam nicht in Betracht.) In der Gegend von Ostrava warb das Regime, um Hochprozentiges zu bekämpfen, sogar eigens für Wein und errichtete Weinanbaubetriebe, um die Gesundheit der Bergarbeiter wenigstens etwas zu bessern. Im medizinischen Bereich war Behandlung von Alkoholsucht oft eine Domäne politisch missliebiger Ärzte, da niemand anders diese Arbeit machen wollte. Eine wichtige Persönlichkeit sei der Arzt Jaroslav Skála gewesen, der schon früh einen Club nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker gründete - da sein Programm auch spirituelle Elemente enthielt, war es den Kommunisten ein Dorn im Auge. Um ihn sammelte sich über die Jahre ein Kreis von Ärzten und Therapeuten aus dem Dissidentenmilieu, die Alkoholiker behandelten und sich von der gängigen Aversionstherapie abwandten. Psychotherapeutische Übungen, bei denen Menschen von persönlichsten Dingen berichteten, wurden dann natürlich auch für die Staatssicherkeit interessant, die in den siebzger Jahren offenbar gezielt auch Psychiaterspitzel einschleuste.

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - Hlidaci pes

Eine "Gedenkstätte des dreifachen Widerstands" wird dieser Tage im böhmischen Lošany auf dem ehemaligen Gutshof der Mašíns eröffnet, wie Robert Břešťan berichtet. Die Familie Mašín ist in Tschechien so berühmt wie umstritten: Der Vater, General Josef Mašín senior, war während der deutschen Okkupation ein wichtiger Widerstandskämpfer und wurde von den Nationalsozialisten hingerichtet, er gilt als unumstrittener Held. Seine Söhne Ctirad und Josef junior - die "Mašín-Brüder" - gingen nach der kommunistischen Machtergreifung ihrerseits in den Untergrund und verübten Anschläge gegen das kommunistische Regime, wobei sie menschliche Opfer in Kauf nahmen. Ihre spektakuläre Flucht nach Berlin, bei der sie vier Volkspolizisten erschossen, spaltet bis heute die Gemüter, so Břešťan. Die einen betrachten sie als Helden, die anderen als Verbrecher. So ist auf der Webseite der Gedenkstätte auch möglichst neutral davon die Rede, dass sich "die ganze moderne Geschichte der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik anhand der Schicksale einer einzigen Bauernfamilie und ihrer Weggefährten ablesen lasse". Zur Eröffnung wird es auch eine Diskussionsrunde mit Zdena Mašínová (Schwester von Ctirad und Josef) geben, die das elterliche Gut (das von der Familie schon seit dem 17. Jahrhundert bewirtschaftet wurde) erst 2018, fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, zurück erhielt. Der tschechische Premier Petr Fiala soll immerhin bei der Einweihung zugegen sein. "Angesichts der Tatsache, dass die kommunistische Partei bei den letztjährigen Wahlen aus dem Parlament flog, wird darüber spektuliert, ob auch Josef Mašín, das letzte noch lebende Mitglied der Widerstandsgruppe, erstmals nach seiner dramatischen Flucht nach Berlin wieder nach Tschechien kommen werde", so Břešťan. "Aber die Organisatoren der Veranstaltung haben seine Teilnahme mit keinem Wort erwähnt."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Hlidaci pes

Der ukrainische Dichter und Übersetzer Oleh Kozarew ist derzeit die Kontaktperson für die tschechische Stiftung Charon, die ukrainischen Künstlern im Krieg hilft. Wie die Situation für viele seiner Kollegen aussieht, schildert Kozarew im Interview mit Lucie Sýkorová so: "Zum Beispiel der Dichter Ihor Mitrow. Bis Februar 2022 (…) hätte man ihm auf vielen Lesungen begegnen können. Jetzt ist er ein ukrainischer Soldat. Oder Oleg Kalashnyk, ein Künstler aus Charkiw. Seine Ausstellungen organisiert er in der Charkiwer U-Bahn und unterirdischen Tunnels. Warum? Weil sich viele Bewohner Charkiws in U-Bahn-Gängen und Kellern aufhalten, weil die Stadt unter regelmäßigem russischen Raketenbeschuss liegt. Mychajlo Ozerov ist Schauspieler in einem Puppentheater. Auch er spielt jetzt in U-Bahn-Vorführungen. Die Dichterin und Drehbuchautorin Luba Jakymtschuk war während der russischen Angriffe im Frühling in Kiew, als versucht wurde, die Hauptstadt einzunehmen. In dieser ganzen Zeit war sie als freiwillige Helferin tätig. Und Vasyl Riabko, Frontman der Rockband 'Papa Carlo', ein lustiger Festivaltyp, verteilt jetzt mit einem kleinen Bus humanitäre Hilfsgüter und evakuiert Zivilisten, die bombardiert werden. Die Dichterin und Übersetzerin Daryna Berezina war gezwungen, ihre Heimat und all ihr Hab und Gut zurückzulassen und aus Mykolajiw in den Westen des Landes zu fliehen. Der Bildhauer Arsen Pelushok ist nach der Eroberung und Befreiung von Butscha, wo er lebt, ohne Arbeit. Der belarussische Dichter Sergej Prilutsky verbrachte ebenfalls mit Frau und Sohn zwei Wochen im besetzten Butscha. Sie versteckten sich im Keller eines fremden Hauses. Erhitzten sich auf einem Feuer im Hof Wasser zum Kochen und Waschen, weil es in den Häusern weder Strom noch Gas noch Wasser gab. Überall um sie waren Schüsse und Explosionen zu hören. Nur einen Kilometer von ihnen entfernt brachten die russischen Soldaten Zivilisten um. Momentan versuchen dieser Dichter und die Stadt Butscha in ein normales Leben zurückzufinden. Die Lyrikerin und Übersetzerin Iya Kiva wurde zum ersten Mal 2014 zur Flüchtigen, als Russland ihre Geburtsstadt Donezk besetzte. Darauf zog sie nach Kiew um. Nach dem neuen russischen Angriff ging sie fort nach Lwiw, wo sie jetzt als freiwillige Helferin sehr aktiv ist." Oleh Kozarew betont auch noch einmal die Wichtigkeit der monetären Unterstützung, denn "diese Leute sind in einer katastrophalen finanziellen Situation, und gleichzeitig helfen sie alle der Armee, den Flüchtlingen, Ärzten und so weiter."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Hlidaci pes

Nachdem die norwegische Neuverfilmung des Weihnachtsklassikers "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" in Tschechien für einiges Rumoren gesorgt hat, glaubt Jan Žabka sich einmal dem Phänomen widmen zu müssen und die Filme zu vergleichen: "Sowohl das norwegische als auch das tschechische Aschenbrödel sind relativ emanzipierte weibliche Märchenfiguren." Anders als in der Version der siebziger Jahre stürze sich aber das norwegische Aschenbrödel nicht sofort bedenkenlos auf die Heiratsidee, sondern "macht sich bewusst, dass sie den Prinzen gerade mal ein paar Tage kennt. Sie ist sogar bereit, ihm klarzumachen, dass sie eine Entscheidung erst treffen wird, wenn sie sich ein bisschen besser kennengelernt haben. Die Möglichkeit eigener Entscheidung wird auch durch die Tatsache betont, dass die letzte der drei Nüsse kein Brautkleid enthält, sondern leer ist und Aschenbrödel die Wahl hat." Auch gebe die norwegische Version nicht zu erkennen, dass jemand, nur weil er den Königstitel besitzt, mehr wert sei als andere. Eine große Aufregung hatte sich zwischenzeitlich daraus ergeben, dass die norwegische Produktionsfirma für Tschechien (und andere Länder) zunächst eine Version vorgesehen hatte, in denen ein Kuss zwischen zwei männlichen Nebenfiguren nicht enthalten ist, weil man offenbar davon ausging, dass Homosexualität dort ein so rotes Tuch sei wie im aktuellen Polen oder Ungarn. Auf Protest der tschechischen LGBTQ-Szene bekam man dann doch die unzensierte Originalfassung zu sehen. Insgesamt macht sich Jan Žabka ein wenig lustig darüber, dass manche seiner Landsleute den Kultstatus des tschechischen Aschenbrödel bedroht sähen. Die norwegische Version wolle die tschechische weder abkupfern noch verwerfen. "Sie bietet lediglich eine Alternative für das 21. Jahrhundert, in der auch Behinderte sich im Alltag nicht verstecken müssen und Männer - stell dir vor - sich einfach auf der Straße einen Kuss geben können."