Magazinrundschau - Archiv

Compact

3 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 12.05.2026 - Compact

Der nigerianische Dichter Ernest Jesuyemi stand letztes Jahr in der engeren Auswahl für das Emerging Critics Fellowship des National Book Critics Circle. Daraus wurde jedoch nichts, nachdem jemand einen zwei Jahre alten Tweet von ihm ausgegraben hatte, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe abgelehnt hatte, "weil die Bibel Homosexualität nicht unterstützt". Das wars dann, erzählt er im Compact Magazin, wo er über die wachsende Politisierung der Künste nachdenkt. Sie hatte durchaus ihre Vorteile, aber inzwischen wird klar, dass auch etwas verloren geht, meint er. "In der heutigen Zeit, in der der Dichter Aktivist ist (oder umgekehrt), fangen die Gedichte auch an, stark nach Phrasendrescherei auszusehen. Ein kürzlich in Poetry erschienenes Gedicht von Cornelius Eady, das zur Feier des Wahlsiegs von Zohran Mamdani als Bürgermeister verfasst wurde, hat über diesen Anlass hinaus keinen erkennbaren Nutzen. Und doch ist ein von Sentimentalität verdorbenes Gedicht nur ein schlechtes Gedicht, wie (un)angenehm die Sentimentalität auch sein mag. Poesie ist der Ausdruck einer eloquenten, aufgeklärten und erleuchtenden Subjektivität. Jede Subjektivität ist von Vorurteilen geplagt, guten wie schlechten. Manchmal sind die ungesunden Vorurteile raffiniert und tief verwurzelt (man denke an T. S. Eliots Antisemitismus), manchmal sind sie billig und irritierend (wie bei Ezra Pound). Keines von beiden ist ein legitimer Grund, einen Dichter oder sein Werk zu ächten. Die Fähigkeit, widersprüchliche Emotionen auszuhalten, so zu reagieren, dass deutlich wird, dass man alle Nuancen einer Sache erfasst hat - das ist es, was die Poesie ermöglicht. Anthony Hecht, der eines der verstörendsten Gedichte zum Gedenken an den Holocaust schrieb ('More Light! More Light!'), der sein ganzes Leben lang von dieser schrecklichen Gräueltat verfolgt wurde und für Antisemitismus sensibel und unauslöschlich geprägt war, war dennoch fähig, Eliot - und Pound - zu lieben und von ihnen zu profitieren. Er trennte die Kunst nicht vom Künstler; das ist unmöglich. Er nahm die Kunst so, wie sie ist, denn gute Kunst verliert nicht an Wert, nur weil sie (für uns) beunruhigende Gefühle enthält."

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - Compact

Für viele intelligentere Menschen war Michel Foucault, der vor vierzig Jahren an Aids starb, eine Gehirnerschütterung. Oft kamen sie aus dogmatischen Fraktionen und fanden in Foucaults verblüffenden Geschichtslektüren einen Ausweg aus ihren rigiden Theorien, der selbst allerdings in neue Irrungen führen konnte. Die Aufklärung war für Foucault ein Sturm im Wasserglas - was für eine Erleichtung! Ganz gegen Ende seines Lebens beschäftigte er sich zwar mit Kant, doch das kam zu spät für die gewaltige Wirkung seiner früheren Werke. Er hat Theoriegebäude zum Einsturz gebracht, erinnert Sohrab Ahmari, aber er "war ein düsteres Genie. Die normative und metaphysische Leere im Herzen seiner Wissenschaft der Macht schuf die Bedingungen für die Bastardisierung seines Denkens. Das Ergebnis ist, dass sich heute einige der mächtigsten Institutionen unserer Gesellschaft seiner Begriffe und seiner Sprache bedienen, um sich auf eine Art und Weise zu verewigen, die geradezu foucaldianisch ist." Ahmari beschreibt, wie verführerisch Foucaults Analyse der Macht ist, aber auch die Rückseite des Denkens, das die Unterscheidung ziwschen wahr und falsch in Fage stellte und alle Normierung durch die Institutionen der Moderne zum eigentlichen Verbrechen erklärte: "Da die Träger dieses 'Machtwissens' - Priester und Seelsorger, Pädagogen und Diszipliniarbeamte, Wissenschaftler, Ärzte, Psychoanalytiker, Richter, Sozialarbeiter und so weiter - ihre Subjekte zwangsläufig im Hinblick auf die oft moralischen Normen ihres Fachwissens untersuchen und kategorisieren, müssen das 'Normale' und Normierung als Auswüchse und legitimierende Stützen eben dieser Macht betrachtet werden. In Anlehnung an seinen akademischen Mentor Georges Canguilhem, der ihn um ein Jahrzehnt überlebte, übte Foucault eine scharfe Kritik am gesamten Apparat der gesellschaftlichen Normierung. Mit pseudowissenschaftlichem Prestige ausgestattet, wurden 'normal' und 'anomal' in der frühen Moderne dazu benutzt, Menschen mit abweichenden sexuellen Neigungen, ethnische Minderheiten, Geisteskranke, Behinderte und all jene, die aus dem einen oder anderen Grund nicht in die Gesellschaft passten, in einem bis dahin unbekannten Maße zu disziplinieren. Normalisierung war für Foucault ein schweres Verbrechen - vielleicht das einzige, das er erkannte und verurteilte, sofern er überhaupt etwas verurteilen konnte."

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - Compact

Es ist noch nicht lange her, aber bereits gründlich vergessen: die Vertreibung von über hunderttausend Armeniern aus der Region Bergkarabach vor etwas mehr als einem halben Jahr. Sie ist der vorläufige Endpunkt eines jahrzehntelangen Konfliktes in dem es auch zu massiven Vertreibungen von Aserbaidschanern durch Armenien gekommen war, 600.000 Flüchtlinge hatte es 1992 gegeben. "Was folgt, ist ein Bericht über die letzten Tage einer verschwundenen Gesellschaft, erzählt von sechs Frauen, die ihr Verschwinden überlebt haben", schreibt Sohrab Ahmari im neuen amerikanischen Online-Magazin Compact (about). "Basierend auf ausführlichen Interviews mit den Frauen, die in Armenien selbst geführt wurden, stellt diese Erzählung die erste 'oral history' eines der deutlichsten Fälle von ethnischer Säuberung im 21. Jahrhundert dar, die am helllichten Tag und unter minimalem Protest aus westlichen Hauptstädten durchgeführt wurde." Die Frauen schildern ein Chaos aus Hungersnot wegen der aserbaidschanischen Blockade, dann hektischen Fluchten innerhalb Bergkarabachs wegen der Angriffe der aserbaidschanischen Armee. Aber es kam auch zu Momenten trügerischen Friedens vor dem Exodus. "Als ich nach Hause kam, pflanzte mein Mann gerade Koriander im Garten", erinnert sich die 34-jährige Naira Danielyan, eine der vom Autor befragten Frauen. "Wenn ich jetzt zurückblicke, weiß ich nicht, ob ich verrückt, naiv oder patriotisch war. Aber obwohl wir das Geräusch der Panzer und anderer schwerer Militärtechnik hören konnten, die im Rahmen des Waffenstillstands an die Aseris übergeben wurden, fühlte ich mich ruhig. Ich ging in unser Schlafzimmer und schlief zum ersten Mal seit langer Zeit tief und fest. Dies ist mein Zuhause, sagte ich mir. Mein Verstand wusste, dass jederzeit alles passieren konnte. Aber ich war in meinem Zuhause."