
Für viele intelligentere Menschen war
Michel Foucault, der vor vierzig Jahren an Aids starb, eine Gehirnerschütterung. Oft kamen sie aus dogmatischen Fraktionen und fanden in Foucaults verblüffenden Geschichtslektüren einen Ausweg aus ihren rigiden Theorien, der selbst allerdings in neue Irrungen führen konnte. Die Aufklärung war für Foucault ein Sturm im Wasserglas - was für eine Erleichtung! Ganz gegen Ende seines Lebens beschäftigte er sich zwar
mit Kant, doch das kam zu spät für die gewaltige Wirkung seiner früheren Werke. Er hat Theoriegebäude zum Einsturz gebracht,
erinnert Sohrab Ahmari, aber er "war ein
düsteres Genie. Die normative und metaphysische Leere im Herzen seiner Wissenschaft der Macht schuf die Bedingungen für die Bastardisierung seines Denkens. Das Ergebnis ist, dass sich heute einige der
mächtigsten Institutionen unserer Gesellschaft seiner Begriffe und seiner Sprache bedienen, um sich auf eine Art und Weise zu verewigen, die geradezu foucaldianisch ist." Ahmari beschreibt,
wie verführerisch Foucaults Analyse der Macht ist, aber auch die Rückseite des Denkens, das die Unterscheidung ziwschen
wahr und falsch in Fage stellte und alle Normierung durch die Institutionen der Moderne zum eigentlichen Verbrechen erklärte: "Da die Träger dieses 'Machtwissens' - Priester und Seelsorger, Pädagogen und Diszipliniarbeamte, Wissenschaftler, Ärzte, Psychoanalytiker, Richter, Sozialarbeiter und so weiter - ihre Subjekte zwangsläufig im Hinblick auf die oft moralischen Normen ihres Fachwissens untersuchen und kategorisieren, müssen das 'Normale' und Normierung als Auswüchse und
legitimierende Stützen eben dieser Macht betrachtet werden. In Anlehnung an seinen akademischen Mentor Georges Canguilhem, der ihn um ein Jahrzehnt überlebte, übte Foucault eine scharfe Kritik am
gesamten Apparat der gesellschaftlichen Normierung. Mit pseudowissenschaftlichem Prestige ausgestattet, wurden 'normal' und 'anomal' in der frühen Moderne dazu benutzt, Menschen mit abweichenden sexuellen Neigungen, ethnische Minderheiten, Geisteskranke, Behinderte und all jene, die aus dem einen oder anderen Grund nicht in die Gesellschaft passten, in einem bis dahin unbekannten Maße zu disziplinieren. Normalisierung war für Foucault ein
schweres Verbrechen - vielleicht das einzige, das er erkannte und verurteilte, sofern er überhaupt etwas verurteilen konnte."