Magazinrundschau

Die Aura des Gefühls

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.10.2021. Die NYRB beleuchtet die narzisstische Verzerrung, die mit Künstlicher Intelligenz einhergeht. Im Spiegel pocht Jonathan Rauch auf die Regeln der Wahrheitsfindung. Osteuropa blickt aufs pragmatische Tschechien. Der Merkur fragt, wer in Indonesien den Traum der Reisscheune träumt. Der New Yorker erinnert daran, wie Jasper Johns der Kunst den Macho-Existenzialismus austrieb. Die LRB begnadigt Bigger Thomas. Africa is a Country empfiehlt den Streamindiensten Investionen in die afrikanische Filmkultur. Und The Quietus lässt einen Hauch von West-Berlin durch die Londoner Glaspaläste ziehen.

New York Review of Books (USA), 21.10.2021

Künstliche Intelligenz kommt nicht als "deus ex machina" über uns, weiß Sue Halpern und liest in Kate Crawfords "Atlas of AI" nach, welche Kosten sie für den Planeten verursacht: Auch KI gründet auf Ausbeutung und führt zu gigantischen CO2-Emissionen, lernt Halpern, vor allem aber reproduziert sie Vorurteile und Stereotype. Letzteres liegt an den Daten, mit denen Entwickler die Systeme füttern: "Historische Daten haben zum Beispiel das Problem, dass sie historische Muster widerspiegeln und verstärken. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein so genanntes Talentmanagementsystem, das vor einigen Jahren bei Amazon entwickelt wurde. Ziel war es, die Einstellung potenzieller Software-Ingenieure durch ein KI-System zu automatisieren, indem es Hunderte von Lebensläufen sortierte und so bewertete, wie Amazon-Käufer Produkte bewerten. Die KI wählte die Bewerber mit der höchsten Punktzahl aus und lehnte den Rest ab. Als sich die Entwickler die Ergebnisse ansahen, stellten sie jedoch fest, dass das System nur Männer empfahl. Das lag daran, dass das KI-System mit einem Datensatz von Amazon-Lebensläufen von Mitarbeitern trainiert worden war, die das Unternehmen in den letzten zehn Jahren eingestellt hatte und die fast alle Männer waren. In seiner überraschend anschaulichen Untersuchung der KI-Regulierung 'We, the Robots?', verweist der Rechtswissenschaftler Simon Chesterman auf die Prüfung eines anderen Programms zur Lebenslaufkontrolle, bei der festgestellt wurde, dass 'die beiden wichtigsten Faktoren, die auf die Arbeitsleistung hinweisen, der Name Jared und die Tatsache sind, dass man in der High School Lacrosse gespielt hat.' Verzerrung kann auch auf andere Weise unbeabsichtigt in KI-Systeme einfließen. Eine Studie, in der die drei wichtigsten Gesichtserkennungssysteme untersucht wurden, ergab, dass sie in nur einem Prozent der Fälle das Geschlecht nicht erkennen konnten, wenn es sich um einen weißen Mann handelte. Handelte es sich jedoch um eine dunkelhäutige Frau, so lag die Fehlerquote bei zwei der Unternehmen bei fast 35 Prozent und bei dem dritten bei 21 Prozent. Dies war kein Fehler. Die Entwickler der Algorithmen trainierten ihre Algorithmen auf Datensätzen, die hauptsächlich aus Menschen bestanden, die ihnen ähnlich sahen."

Spiegel (Deutschland), 02.10.2021

Im Spiegel eröffnet der amerikanische Autor Jonathan Rauch, dessen Buch "The Constitution of Knowledge" bald auch auf Deutsch erscheint, eine Serie zur Zerstörung der Wahrheit. Rauch sieht die Etablierung von Wissen, die gemeinsame Realität von zwei Seiten in Gefahr: Einerseits durch die soziale Medien, deren Filter - anders als bisherige Wissensinstitutionen - Unwahrheiten, Propaganda und Desinformation  nicht stoppen, sondern befördern, andererseits durch die Cancel Culture, die Kritik mit Beleidigung gleichsetze: "Das Grundgesetz des Wissens hat zwei entscheidende Regeln. Die erste laut, dass niemand das letzte Wort hat. Eine Erkenntnis ist immer nur vorläufig und hat nur so lange Bestand, wie sie einer Überprüfung standhält. Niemand, keine Autorität, kein Aktivist, kann eine Debatte endgültig entscheiden oder unterbinden oder deren Ergebnis vorherbestimmen. Wer das versucht, entfernt sich aus der Wissensproduktion. Die zweite Regel fordert den Verzicht auf persönliche Autorität. Jede Aussage muss für jeden überprüfbar sein. Niemand, der eine These aufstellt, erhält einen Freifahrtschein, egal wer er ist oder zu welcher Gruppe er gehört.".
Archiv: Spiegel

Merkur (Deutschland), 05.10.2021

Jan von Brevern stellt das kuratorische Konzept des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa für die documenta 15 vor und erklärt, was es mit "lumbung" auf sich hat: Der Titel der im kommenden Jahr startenden Schau bezieht sich auf die traditionelle indonesische Reisscheune: "Im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum steht ein indonesischer Reisspeicher aus Sulawesi, mehr als sieben Meter hoch, gleich in der Eingangshalle  - nach eigener Auskunft das 'Wahrzeichen' des ethnologischen Museums. 'Reis ist das Grundnahrungsmittel in Tana Toraja', schreibt die ehemalige stellvertretende Direktorin dazu, 'und Reis spielt eine zentrale Rolle im rituellen Leben der Menschen.' Auf solche Rituale bezieht sich auch ruangrupa. Als Speicher für kollektiv verwaltete Lebensmittel stehe die Reisscheune für die 'gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Fürsorge'. Es ist, man muss es zugeben, ein schönes Bild, das das Künstlerkollektiv da gefunden hat. Sie nennen es ein 'künstlerisches und ökonomisches Modell' … Das ist ziemlich genau das Idealbild der 'warmen Gemeinschaft', wie es Ferdinand Tönnies gegen Ende des 19.  Jahrhunderts in einer Urszene der Soziologie  - allerdings für einen ganz anderen Kulturkreis  - als Gegenbild zur anonymen, städtischen 'kalten Gesellschaft' gezeichnet hatte. Gemeinschaft stand bei Tönnies für eine ursprüngliche Geborgenheit, die im Prozess der Moderne abhandengekommen war … Anruf bei Judith Schlehe. Sie ist Direktorin des Instituts für Ethnologie an der Uni Freiburg und auf Indonesien spezialisiert. Die Verwendung von 'lumbung' als Metapher für Gemeinschaft und Solidarität erstaunt sie. Tatsächlich gebe es Reisscheunen in ganz Indonesien zwar in sehr unterschiedlicher Form. Sie dienten aber allesamt keineswegs als kommunale Speicher, sondern seien bis heute ein Bestandteil der Gebäudeensembles der Eliten, erläutert sie. 'Für Umverteilung stehen sie also gerade nicht, sondern im Gegenteil für eine enorm stratifizierte Gesellschaft mit großen Ungleichheiten' … Offenbar hätte 'lumbung' das Zeug zu einer äußerst interessanten Metapher. Im Bild der Reisscheune könnten die Ambivalenzen sichtbar werden, die die Utopie von Gemeinschaft bis heute bereithält. Auch die merkwürdigen Prozesse, in denen Traditionen erfunden werden, an deren Urwüchsigkeit dennoch fest geglaubt wird, könnten thematisiert werden  - und damit die komplizierten Verstrickungen von Identität. Man wüsste ja gerne mehr darüber, wer in Indonesien den Traum von 'lumbung' aus welchen Gründen träumt  - und wer davon eher Albträume bekommt."
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Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 11.10.2021

Jasper Johns ikonische "Flag, 1954-55. Museum of Modern Art, New York

Und Peter Schjeldahl erkennt angesichts einer Retrospektive im Whitney New York und im Philadelphia Museum of Art die zeitlose Größe des Malers Jasper Johns: "Alles begann 1955 in einem baufälligen Gebäude in der Pearl Street in Lower Manhattan, das Johns mit seinem Liebhaber Robert Rauschenberg teilte. Der fünfundzwanzigjährige Johns, Kind eines zerrütteten Elternhauses aus South Carolina, dessen Erziehung größtenteils Verwandte übernommen hatten, hatte an der Universität von South Carolina studiert und eine Zeitlang in der Armee gedient. 1954 träumte er davon, die amerikanische Flagge zu malen, und er tat das mit einer damals ungewöhnlichen Technik: Pinselstriche aus pigmentiertem, klumpigem Enkaustik-Wachs, die das sachliche Motiv beleben, sodass eine besondere Aura des Gefühls entsteht. Diese abrupte Geste - Zeichenmalerei von besonderer Raffinesse - setzte der modernen Kunst ein Ende. Es torpedierte den Macho-Existentialismus vieler damals bekannter Stars des Abstrakten Expressionismus und nahm die volkstümlichen Quellen der Pop-Art und die Selbstverständlichkeit des Minimalismus vorweg. Es setzte Kunst in die Welt und umgekehrt. Politisch war das Flaggengemälde eine Ikone des Kalten Krieges und symbolisierte sowohl Freiheit als auch Zwang. Patriotisch oder antipatriotisch? Der Betrachter hatte die Wahl. Der Inhalt ist oberflächlich und erfordert sorgfältige Beschreibung statt analytischem Tamtam, wie es im Titel der Show 'Mind / Mirror' anklingt. Halt die Klappe und schau!"

In der neuen Ausgabe des Magazins warnt Ed Caesar vor einer Katastrophe mit Ansage. Vor der jemenitischen Küste zerfällt der gestrandete Supertanker "Safer" langsam in seine Bestandteile und mit ihm eine Million Barrel Öl: "Die 'Safer' hat viele Probleme, die auch noch miteinander verflochten sind. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt - uralt für einen Öltanker. Das Alter wäre nicht so wichtig, wenn das Schiff richtig gewartet würde, aber dem ist nicht so. 2014 starteten Angehörige der Huthis, einen erfolgreichen Putsch und zettelten einen brutalen Konflikt an, der bis heute andauert. Vor dem Krieg gab die staatliche jemenitische Firma, die das Schiff besitzt - die Safer Exploration & Production Operations Company, oder sepoc - jährlich etwa 20 Millionen Dollar für die Instandhaltung des Schiffes aus. Jetzt kann sich das Unternehmen nur noch die rudimentärsten Notreparaturen leisten. Mehr als fünfzig Leute arbeiteten vor dem Krieg an oder auf dem Schiff, heute sind es noch sieben. Diese Notbesatzung, die mit spärlichen Proviant und ohne Klimaanlage oder Belüftung bei hohen Temperaturen unter Deck operiert, wird von Soldaten der Huthi-Miliz überwacht, die das Territorium besetzt halten. Die Huthi-Führung hat Bemühungen ausländischer Einheiten bislang behindert, das Schiff zu inspizieren oder das Öl abzusaugen. Das Risiko einer Katastrophe steigt täglich."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Johns, Jasper, Jemen

London Review of Books (UK), 07.10.2021

Adam Shatz bemüht sich um ein sehr faires Porträt des afroamerikanischen Schriftstellers und Kommunisten Richard Wright, der literarisch und politisch zwischen allen Stühlen saß und für seinen Roman "Native Son" von vielen schwarzen Autoren und Autorinnen gehasst wurde. 'Native Son' erzählt von einem schwarzen Chauffeur, der in einer Mischung aus Hass, Angst und Verzweiflung erst die Tochter seines Arbeitgebers umbringt, dann seine eigene Freundin, wobei die Erfolgsausgaben des Romans, wie Shatz erklärt, aus Bigger Thomas einen Vergewaltiger gemacht hatten, was er im Original keineswegs war: "1949 beschrieb James Baldwin 'Native Son' als moderne Version von 'Onkel Toms Hütte', 'eine Fortsetzung, eine Ergänzung der monströsen Legende, die es zerstören sollte', und erklärte, dass Bigger Thomas 'die Möglichkeit zulässt, ein Untermensch zu sein' und dass Wright sich ebenso wie Harriet Beecher Stowe ein Denken vorwerfen lassen müsse, nach dem die 'Kategorisierung eines Menschen nicht überwunden werden kann'. Baldwin, zu dessen Erfolg Wright viel beigetragen hatte, war nicht der einzige seiner Schützlinge, der sich gegen ihn wandte. Ralph Ellison schrieb 1963, dass Wright in Bigger Thomas keine schwarze Figur geschaffen habe, die andere Schwarze wiedererkennen würden, sondern 'eine fast unmenschliche Anklage gegen die Unterdrückung der Weißen', die grob darauf angelegt sei, 'die Weißen in ihrer Apathie zu schockieren'. Ellisons eigener verkopfter Protagonist in 'Invisible Man' war eine pointierte Erwiderung auf Biggers unartikulierte und explosive Wut. Diese Wut war auch für Ellison einst wichtig gewesen. Während ihrer gemeinsamen Zeit in der CPUSA hatte er einen Brief an Wright geschickt, in dem er Biggers 'revolutionäre Bedeutung' pries. Leser, die über Biggers Gewalttätigkeit entsetzt sind, so Ellison, 'verkennen, dass das, was aus der Sicht der bürgerlichen Gesellschaft schlecht an Bigger ist, aus unserer Sicht gut ist ... Ich wünschte, alle Neger wären psychologisch so frei wie Bigger und so fähig zu positivem Handeln! Dieses Argument wurde 1966 von dem Black-Panther-Führer Eldridge Cleaver aufgegriffen, der Bigger als 'schwarzen Rebellen des Ghettos' bezeichnete, der 'keine Spur ... von der selbstverleugnenden Liebe zu seinen Unterdrückern des Typs Martin Luther King' habe. Für Cleaver, der in seinen Memoiren schrieb, dass er die Vergewaltigung schwarzer Frauen geübt hatte, bevor er sich weißen Frauen zuwandte, verkörperte Bigger eine authentische, revolutionäre schwarze Männlichkeit, die Baldwin, ein schwuler Mann, natürlich verachtete."
Stichwörter: Wright, Richard

Osteuropa (Deutschland), 04.10.2021

Das neue Osteuropa-Heft widmet sich Tschechien, dessen Demokratie einen stabileren Eindruck macht als Polens oder Ungarns und das sich in Europa eher seine Nische sucht, als ständig auf den Putz zu hauen. Doch täuschen lassen solle man sich nicht, befindet Volker Weisel in einem Gespräch mit Olaf Lang über die Lage im Land: "Anders als in Polen und Ungarn gibt es keine organisierte und mächtige politische Kraft, die in der Lage wäre, die legislative und exekutive Macht zu vereinen und die Judikative zu unterjochen. Wie wenig Widerstand die Institutionen des demokratischen Rechtsstaats leisten können, wenn eine politische Kraft mit unbedingtem Willen zur uneingeschränkten Macht über eine klare Mehrheit verfügt und zum Angriff auf diese Institutionen bläst, hat man in Polen und Ungarn gesehen. Das wäre auch in Tschechien kaum anders. Doch die tschechische Gesellschaft ist nicht in gleicher Weise polarisiert und politisiert. Die PiS und der Fidesz führen einen kalten Bürgerkrieg gegen ihre politischen Konkurrenten, die sie als Kommunisten und Verräter der Nation diffamieren. Ministerpräsident Babiš führt seit 2017 eine Regierungskoalition mit den Sozialdemokraten, die bis vor kurzem von der Kommunistischen Partei geduldet wurde - unvorstellbar in Polen und Ungarn. Das hat etwas mit politischer Kultur zu tun, die historisch bedingt ist. Tschechische Politiker sehen sich gerne als pragmatisch. Das ist nicht nur Stilisierung. Zugespitzt gesagt: In Ungarn und Polen kämpfen Politiker um das Schicksal der Nation, in Tschechien managen sie die Gesellschaft. Diese Depolitisierung kaschiert, dass es natürlich auch in Tschechien um Macht und Einfluss geht. Aber es ist kaum zu bestreiten, dass es in der tschechischen Politik weniger um unverhandelbare Identität als um den Ausgleich von Interessen geht."
Archiv: Osteuropa
Stichwörter: Tschechien, Babis, Andrej

Respekt (Tschechien), 05.10.2021

Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der zur Hälfte in Berlin lebt und neuerdings auch auf Deutsch schreibt, hat soeben von Präsident Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Rudiš, der sich immer schon für Kulturlandschaften und gemeinsame Geschichte interessiert hat, berichtet im Gespräch mit Petr Horký von der Vielfalt Deutschlands, wie er sie auf seinen Lesereisen erlebt: "Wenn ich in Dresden eine Autorenlesung habe, ist das gleichsam ein Heimspiel - die Nähe zu Böhmen ist dort eindeutig, es kommen eine Menge Leute. In Dresden ist die tschechische Kultur präsent und ich habe viele Freunde dort, die Tschechien so kennen, wie ich es gar nicht kenne. Sie machen Ausflüge dorthin, haben das Land in ihr Herz geschlossen und haben genauso wie ich unter dem Corona-Vorhang gelitten, der den Zugverkehr unterbrach. Meinen Lesern von Sachsen bis Berlin muss ich nicht erklären, wo ich herkomme und wo Liberec ist. Dasselbe gilt auch für Leser aus Bayern, aus Regensburg, aber auch München. Es gibt einfach nicht ein einziges deutsches Volk, Nationalismus ist Unsinn. Es gibt nicht eine einzige nationale Vergangenheit. Wenn ich in Köln oder Düsseldorf lese, ist das hingegen weit entfernt, dort kommt nur ein harter Kern von wirklich Interessierten."
Archiv: Respekt

HVG (Ungarn), 04.10.2021

Zum hundertsten Geburtstag des ungarischen Filmregisseurs Miklós Jancsó verehrt Istvan Balla den zum Nationalheiligen avancierten Künstler, der sich zu Lebzeiten nicht vereinnahmen lassen wollte: "Als oppositioneller Filmemacher trotzte er der Macht, obwohl diese ihn zum eigenen Kader zählte. Als marxistischer Künstler tänzelte er weg von der fröhlichen Gruppe der Oppositionellen, die ihn aber selbstverständlich für einen der ihren hielt. Die Volkstümlichen hätten ihn ebenfalls selbstverständlich zum Fahnenträger gemacht, doch stattdessen wählte er - scheinbar! - die Urbanen. Jeder, der damals in den Elfenbeinturm der hohen Kunst Einzug halten wollte, reklamierte ihn als seinen Paten ... Es steht außer Zweifel, dass Jancsós Lebenswerk bis zum heutigen Tage eines der bekanntesten ungarischen Kulturprodukte auf der Welt ist. Dessen Formsprache wird von Filmemachern wie Martin Scorsese, Guillermo del Toro, Michael Haneke oder Béla Tarr als Ausgangspunkt angesehen, seine Kunst wird an allen Filmhochschulen und Universitäten gelehrt."
Archiv: HVG
Stichwörter: Jancso, Miklos

Africa is a Country (USA), 04.10.2021

Schön, dass sich die Streamingdienste für afrikanische Inhalte interessieren, meint Sara Hanaburgh, aber noch besser wäre es, wenn sich Netflix - oder Canal Plus - auch für afrikanische Realitäten interessierten: Zum Beispiel dass nur 22 Prozent der Bevölkerung überhaupt Zugang zum Internet haben, nur ein Bruchteil davon zu schnellem Internet. Dass auf den afrikanischen Kanälen so gut wie keine afrikanische Produktionen gezeigt werden. Oder dass es kaum Produktionsmöglichkeiten gibt: "Die kulturelle Produktion auf dem Kontinent könnte florieren, wenn sie mehr Mittel zur Verfügung hätte. Von den Regierungen in Afrika erhält sie kaum Unterstützung, und die Situation hat sich durch COVID-19 noch verschärft. Wie Abderrahmane Sissako bereits feststellte ist es für Afrikaner aufgrund der geschlossenen Grenzen in Europa mittlerweile schwierig, zur Ausbildung dorthin zu gehen und sich Filmtechniken und Fähigkeiten anzueignen. Dabei gibt bereits verschiedene geeignete Modelle, die von einer Finanzierung zum Aufbau und zur Unterhaltung von Schnitt- und Produktionsstudios profitieren würden ... Das Festival Écrans Noirs von Bassek ba Kobhio beispielsweise, das sich seit 23 Jahren als erfolgreiches Festival behauptet, war auch maßgeblich an der Ausbildung von Schauspielern und Regisseuren beteiligt und förderte das lokale Kino in der Region Zentralafrika sowie auf dem gesamten Kontinent."
Stichwörter: Afrikanischer Film

epd Film (Deutschland), 24.09.2021

Mit seinem letzten James-Bond-Film hinterlässt Daniel Craig ein schweres Erbe, überlegt Georg Seeßlen in einem seiner legendären, ihr Sujet von vielen Perspektiven umkreisenden Essays, denn Craig betsätige das Image bestätigt, indem er es infrage stelle: "In seinen Filmen erscheint er oft, als würde er sich abwechselnd amüsieren oder ärgern, dass man ihn mit James Bond verwechselt. Er ist nicht weniger abstrakt und weniger offen als seine Vorgänger, aber vielleicht doch der Erste, der einen wirklichen Körper hat. Etwas, das man ist, nicht das, was man vorzeigt. Und das ist eine Hypothek für die zu besetzende Leerstelle. Kehrt man eher zurück zum Bond, der sich selbst kein Problem ist, oder schreitet man weiter auf dem Pfad der mehr oder weniger lustvollen Dekomposition? ... "Ein schwarzer James Bond, wie zum Beispiel Regé-Jean Page, bietet mehrere Vorteile: Er bringt ein Spannungsfeld mit, in dem sich Macho-Aktion legitimieren kann, und mit der Serie 'Bridgerton' hat er sich schon in das vormals so weiße, britische Genre aristokratischer Familiengeschichten eingeschrieben. Das Gegenstück wären superweiße Allzweckhelden wie James Norton oder Sam Heughton, ideale cineastische Knetmasse ohne große Hintergrundschatten. Wieder ein Gegenstück: Riz Ahmed, von dem es im obligatorischen Bond-Spekulationsartikel des Esquire wohl zu Recht heißt, er sei für die Rolle vielleicht einfach ein bisschen zu interessant. Die andere Option wiederum sind die ausgesprochenen 'Kleiderständer' à la Henry Cavill oder Aidan Turner, was despektierlicher klingt, als es gemeint ist. James Bond war ja immer einer, der nicht nur durch seine Kleidung definiert wurde, sondern auch umgekehrt gewisse männliche Kleidungsstücke mit semantischer Fülle belegt. Die Kunst, einen Smoking oder etwas in der Art zu tragen, alles zwischen lässig, narzisstisch und widerwillig, ist nicht zu unterschätzen."
Archiv: epd Film
Stichwörter: Craig, Daniel, Bond, James

Quietus (UK), 04.10.2021

Vom alten, grauen, baufälligen Westberlin, aus dem die Einstürzenden Neubauten einst ziemlich hungrig gekrochen kamen, um aus Schutt Instrumente und aus Geröll Musik zu machen, ist in Zeiten hipper Cafés, schöner Boutiquen und sanierter Albauten quasi nichts geblieben, stellt Jeremy Allen in seinem Rückblick auf das vor vierzig Jahren erschienene Neubauten-Debütalbum "Kollaps" bekümmert fest. Wie kam dieses Album eigentlich zustande, fragt er sich mit Blick darauf, dass Musikkarrieren heutzutage nach allgemeinem Verständnis nur jenen möglich sind, die schon von zuhause aus oder dank Förderung mit viel Geld ausgestattet sind. "Die Umstände, unter denen die Neubauten arbeiteten, waren düster, und doch gestatteten ihnen die einmaligen Rahmenbedingungen in Westberlin wahre Wunder. ... Wenn die Neubauten ihre eigenen Instrumente aus Metallschrott und objets trouvés bauten, sollte es dann heutzutage wirklich nötig sein, Bands zu finanzieren? Künstler können heute zwar ziemlich einfach Kunst machen, doch es ist das Marketing, das problematischer ist" und "Elend oder nicht - Westberlin bot damals einen wahren Sturm an Kreativität. ... London heute und das Berlin von damals - ein großer Unterschied besteht darin, wen diese Städte anziehen wollen. London baut unendlich viele teure Wohnungen, die von reichen Auswärtigen aufgekauft werden, während die Westberliner seinerzeit subventioniert wurden, um in einer Stadt zu leben, in der niemand wohnen wollte, außer wenn es darum ging, sich vor dem Militärdienst zu drücken. Traurigerweise gibt es heute keine Subventionen für die Existenzangst, die man heutzutage in Tory-Britannien erduldet. Die Kultur wird von der schrecklichsten Sorte Philister (und zwar mächtigen) demontiert, außerhalb von UK zu touren ist wegen des Brexits unnötig bürokratisch und nicht lukrativ, während die Sozialleistungen den Ärmsten der Gesellschaft genau zu jenem Zeitpunkt entrissen werden, an dem sie ihrer am dringendsten bedürfen, von einer Regierung, die offensichtlich noch nicht zufrieden ist mit all dem Elend, Leid und unnötigem Tod, den sie mit einer Politik der Sparsamkeit und der falschen Handhabung der Pandemie verursacht hat. Während die Rechnungen für Gas und Strom steigen und es keine Garantien dafür gibt, dass wir in diesem Winter noch das Licht anschalten können, mag es sich in der Tat kathartisch anfühlen, mit Metall auf Dinge einzuprügeln und dabei den Mond anzuheulen, während alles um uns herum kollabiert."

Archiv: Quietus