Magazinrundschau

Von der Weichheit der Jugend

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.07.2017. Der New Yorker begibt sich nach Colorado und stößt dort auf die unterschiedlichsten Trump-Anhänger und friedliche Geiger. In Open Democracy fordert der türkische Politologe Umut Ozkirimli etwas weniger Appeasement von seinen Kollegen gegenüber Erdogan. Gatt ist besser als Freihandel, lernt der Guardian. Was hat man mit der chinesischen Aufklärung gemacht, fragt La vie des idee. Harper's denkt über Macht und Raum nach. Food52 rühmt die unbesungenen Architektinnen der vegetarischen Küche Bengalens.

New Yorker (USA), 24.07.2017

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker taucht Peter Hessler in tiefstes Trumpland. Im Städtchen Grand Junction in Colorado begegnet er so vielen verschiedenen Trump-Anhänger, dass man anfängt zu begreifen, wie wenig dieses Phänomen tatsächlich noch verstanden wird. Hass auf die Medien spielt eine Riesenrolle - deshalb lieben die Fans - darunter eine handvoll Hippies und Peace-Corps-Mitglieder - auch Trumps unmögliches Benehmen, über das sich die Zeitungen so gern aufregen: "Trumps negative Qualitäten, früher als Mittel zum Zweck beschrieben, haben jetzt einen ganz eigenen Wert. Es geht nicht mehr notwendigerweise darum, die Dinge zu verändern, es geht jetzt mehr darum, sich an den Medien und anderen Feinden zu rächen. Das schien zwar immer ein Bestandteil von Trumps Anziehungskraft zu sein, aber die Leute haben es während des Wahlkampfs selten zugegeben. 'Für diejenigen unter uns, die die Presse schon lange für korrupt halten, ist es eine Gelegenheit, es ihr ordentlich heimzuzahlen', erklärt mir Karen Kulpa im April. 'Nur um sie wütend zu machen." Wochen später sitzt Hessler mit dem Trump-Anhänger Patterson, einem ehemaligen Zauberer mit Universitätsabschluss, der heute PR gegen die Gewerkschaften macht, in einem Cafe zusammen. "Patterson trägt seinen Gothik-Look: Silberschmuck und dunkel lackierte Fingernägel: 'Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so emotional bewegt von einem politischen Führer', sagt er. 'Je mehr sie ihn hassen, desto mehr möchte ich, dass er gewinnt. Denn was sie an ihm hassen, hassen sie an mir.'"

Aber auch das gibt es in Colorado: Alex Ross besucht einen alten Wasserturm in Rangely, dem der Komponist Bruce Odland mit der offenen Nutzung als Klangraum unerwartetes neues Leben eingehaucht hat: "Was Odland nicht wollte, war eine Kunstenklave ohne Kontakt zur Gemeinde. 'Es ist ein Anti-Marfa', meint er mit Hinweis auf die inzwischen komplett durchgentrifizierte Künstlerkolonie in Texas. In Rangely haben die Anwohner das freie Konzept sehr gut angenommen. Ein Zufahrtsweg wurde angelegt, eine Pipeline-Firma stellte Rohmaterial zur Verfügung, das als Perkussions-Instrumente Verwendung findet. Ein Gastronom hat eine spezielle Turm-Pizza entwickelt. Rangely ist eigentlich eine konservative Gemeinde, Trump-Wähler überwiegen, aber avantgardistische Didgeridoo-Spieler sind jetzt willkommen, und einige der eifrigsten Klangtüftler, die sich im Turm ausprobieren, sind von hier. Ein Veteran zum Beispiel findet Frieden beim Violinespiel im Turm. 'Die Leute empfinden eine aufrichtige Ehrfurcht', erklärt Odland. 'Sie schreiben es dem Turm zu, aber ich denke, es hat eher mit dem Erwachen der Ohren in einem visuellen Zeitalter zu tun. Unsere Ohren werden tagtäglich derart gemartert. Wir nutzen das Gehör nicht mehr wie es gedacht war, als Jäger und Sammler, die mit der Natur interagieren. Hier im Turm spürt man den Klang direkt auf der Haut, im Bauch. Was die Leute daran so umhaut, ist die wiedererlangte Fähigkeit, wieder richtig zu hören.'"

Außerdem: Nathan Heller überlegt, was die veröffentlichte E-Mail-Korrespondenz des über seine schiefen Geschäfte gestrauchelten Energiekonzerns Enron uns lehrt. Kelefa Sanneh porträtiert den höchst erfolgreichen Countrymusiker George Strait.
Archiv: New Yorker

Open Democracy (UK), 13.12.2016

Warum werden die Opfer der türkischen Säuberungspolitik oft noch selbst von Kollegen mit Hass und Häme verfolgt, fragt sich der derzeit in Schweden lehrende Politologe Umut Ozkirimli, der dieses Verhalten in akademischen Kreisen beobachtet hat. Ist es Angst? "Kann Unsicherheit die Komplizenschaft der Horden von Verwaltungsangestellten - darunter Universitätsrektoren und Direktoren von Zentren und Think Tanks - rechtfertigen, die Listen mit 'Verrätern' bereitstellen; oder der machthungrigen 'Akademiker' aus dem unteren Feld, die für eine Promotion ihre Kollegen verraten? Und werden wir ein autoritäres Regime zufrieden stellen, dass alle Anzeichen von Widerspruch getilgt wünscht, in der akademischen Welt und auch sonst überall, indem wir eine Politik des Appeasement betreiben?" Ozkirimli hält das für abwegig und unterstützt eine gezielten Boykott akademischer Einrichtungen in der Türkei.

Guardian (UK), 14.07.2017

Auch unter Ökonomen sind die einstigen Befürworter der Globalisierung kleinlaut geworden, bemerkt Nikil Saval mit Blick auf Paul Krugmann oder Thomas Friedman oder sie sind ganz ins Lager der Protektionisten übergelaufen wie der einstige Oberglobalisierer Larry Summers. Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik hat allerdings schon immer gewusst, dass Globalisierung dann am besten funktioniert, wenn man es nicht mit ihr übertreibt, wie zum Beispiel im guten alten Gatt-System, dem General Agreement on Tariffs and Trades: "Gatt bestand aus einer Reihe von Freihandelsregeln, die von den Mitgliedsländers in etlichen multinationalen Runden ausgehandelt wurden und viele Bereiche der Weltwirtschaft unbehelligt ließen, etwa die Landwirtschaft. 'Das Ziel von Gatt war nie ein Maximum an Freihandel', schreibt Rodrik, sondern ein Maximum an Handel zwischen Nationen, die ansonsten ihr eigenes Ding machen. In dieser Hinsicht war das System extrem erfolgreich. Weil Gatt nicht dogmatisch auf den Freihandel blickte, erlaubte es den meisten Ländern, sich in einem mehr oder weniger internationalen Rahmen eigene wirtschaftliche Ziele zu setzen. Wenn ein Land befand, dass ein spezieller Teil des Abkommens seinen nationalen Interessen zuwiderlaufe, fand es 'Schlupflöcher, durch die auch ein Elefant gepasst hätte', wie Rodrik schreibt. Wenn ein Land zum Beispiel seine Stahlindustrie schützen wollte, konnte es nach den Gatt-Regeln eine Art Verletzungspause reklamieren und die Zölle anheben, um von Stahl-Importe abzuschrecken: Aus Sicht des Freihandels eine Abscheulichkeit. Aber das war sinnvoll für die Länder, die sich vom Krieg erholen und über Zölle eine eigene Industrie aufbauen mussten. Von 1948 bis 1990 wuchs der Welthandel im Jahr um durchschnittlich sieben Prozent - schneller als in den postkommunistischen Jahren, die wir für den Höhepunkt der Globalisierung halten."

Weiteres: Überhaupt ist Ökonomie die neue Religion geworden, glaubt John Rapley. Und David Runciman erklärt noch einmal, warum der Klimawandel die entscheidende politische Frage unserer Zeit ist.
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Archiv: Guardian

La vie des idees (Frankreich), 14.07.2017

Gerade vor dem Hintergrund des Tods von Liu Xiaobo und dem Umgang der chinesischen Zentralmacht damit (Auslöschung qua Verbrennung und anschließender Seebestattung) liest sich der manchmal etwas umständlich daherkommende Artikel David Bartels sehr faszinierend. Bartel erzählt unter dem Titel "Was hat man mit der chinesischen Aufklärung gemacht?", wie der Bürger- und Studentenaufstand vom 4. Mai 1919, der Wege in ein modernes China zu weisen schien, von der Kommunistischen Partei gekapert wurde und heute als Feiertag eher eine Peinlichkeit darstellt: unter anderem auch deshalb, weil die Abkehr von der Tradition im Namen der Aufklärung, als die die Partei den 4. Mai ursprünglich inszenierte, heute in mehrfacher Hinsicht vergiftet ist. Zum einen bezieht sich die Partei heute wieder positiv auf den einst einst verhassten Konfuzianismus, zum anderen erinnert der 4. Mai an etwas, das heute sowohl im Westen wie im China mit postmodernem Besteck dekonstruiert wird: Und "dieses Etwas ist die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte, das Recht auf die Freiheit, in Würde zu leben und zu atmen. Ein Tyrann, eine Clique oder ein Priester können diese Rechte natürlich stets begrenzen, behindern oder auf eine hypothetische Zukunft verschieben, aber sie können sie nicht zerstören. Da sie unveräußerlich und unauslöschlich sind, hängen sie weder vom menschlichen Willen noch von politischen Entscheidungen ab. Ihr Genuss kann bedroht werden, die Rechte selbst nicht. Hier sieht man, wie der universale Sockel der Aufklärung ein radikales Potenzial der Infragestellung für Regimes darstellt, die sich wenig um demokratische Legitimität scheren." Die KP arbeite also zusammen mit postkolonialen Vertretern der westlichen Linken daran, so Bartel, die Idee universaler Werte als "kulturelle Maske des westlichen Kapitalismus und Ursprung der Totalitarismen und ihrer 'rationalen' Massaker'" darzustellen.

Filmmaker Magazine (USA), 17.07.2017

Sehr beeindruckt schreibt die Filmemacherin Gina Telaroli über das Comeback von David Lynchs Kultserie "Twin Peaks": "Mir ist bislang noch nichts untergekommen, dass so umfassend und aus sich heraus vom Verständnis dessen getragen wird, wie es sich anfühlt, im Jahr 2017 zu leben im Vergleich dazu, wie es sich angefühlt hat, im Jahr 1990 zu leben. Diese Facette ist in Bestandteil zahlreicher Aspekte der Serie - und am monumentalsten im Bild selbst. In den rund 25 Jahren sind wir fortgeschritten von der Weichheit der Jugend, eingefangen von der Sanftheit des Filmmaterials und betrachtet auf Fernsehröhren mit ihren Texturen und Ausfranzungen, zur Härte des Alters, in all seiner erschreckenden Ehrlichkeit digital eingefangen und betrachtet auf Computern und LCD-Bildschirmen, von denen viele - ob nun beabsichtigt oder nicht - wahrscheinlich im übermäßig hellen Sport-Übertragungsmodus eingestellt sind. Nicht nur in dieser Hinsicht befasst sich 'Twin Peaks: Die Rückkehr' wesentlich mit dem (oftmals vertuschten) Prozess des Alterns und Sterbens. ... Jeder Twist und jeden Wendung, jedes lose verbundene Segment ist schlussendlich die Antwort auf die unerwartete Abwesenheit einer bestimmten Person. In dieser Hinsicht ist 'Twin Peaks: Die Rückkehr' selbst noch als 'Revival' und mit Lynchs Gabe, Dinge zu verunheimlichen, nicht nur anti-nostalgisch, sondern schüttet sich, zumindest bislang, geradezu aus vor Lachen über dieses Konzept."

Harper's Magazine (USA), 17.07.2017

In der neuen Ausgabe von Harper's Magazine macht sich Rebecca Solnit anlässlich einer Hundeattacke auf ihr Hosenbein Gedanken über Macht, Status, Territorien und ihre Grenzen: "Der Zusammenstoß auf dem Weg hatte mich nicht nur verstört - er hatte meine Prinzipien verletzt. Ich ging an Wurmfarnen, Frauenhaarfarnen, Schwertfarnen vorbei, ohne sie zu sehen. Alle Macht, überlegte ich, kann in Begriffen von Raum gedacht werden. Physischen Raum kann man sich ebenso wie Wirtschaft, Konversation und Politik als ungleich besetzte Orte denken. Eine Landkarte dieser Territorien wäre eine Landkarte der Macht und des Status: Wer hat mehr, wer hat weniger. ... Vor fast zwanzig Jahren führte ich den Hund einer Freundin aus. Dabei kamen mir drei große junge Männer entgegen. Es war eine Situation, in der ich immer ausweiche, zur Seite trete. Aber diesmal hatte ich einen Pitbull an der Leine. Ich ging einfach direkt durch die Männergruppe hindurch wie Moses durch das Rote Meer. Ich habe das nie wieder getan, aber ich habe nicht vergessen, was ich in diesem Moment gelernt habe: Das Wissen, wem der Bürgersteig gehört, war so tief in mir verankert, dass ich ohne es auch nur zu bemerken immer auswich. Seitdem habe ich Berichte von Transfrauen gelesen, die nach ihrer Umwandlung ständig mit anderen Menschen zusammenstießen - als Frauen stand ihnen das Drauflosgehen nicht mehr zu."
Stichwörter: Macht

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.07.2017

Nicht immer greift die ungarische Regierung auf so drastische Mittel zurück wie in der Kampagne gegen George Soros. Oft agiert sie unspektakulärer, wie der Kunsthistoriker Péter György mit Blick auf zwei Ereignisse aus der Kunstszene schreibt. Bei einer Vernissage im westungarischen Székesfehérvár wurde eine regierungskritische Rednerin ausgeladen, für die Schau "Real Hungary" im Collegium Hungaricum Wien ein nicht genehmes Bild abgehängt. Hier will die Politik die Kunst für sich in Anspruch nehmen, ahnt György: "Die Frage wem sie gehört ist so niederschmetternd, wie die Zeit, die diese Frage beschwört. Die Kunst gehört niemandem. Kunst kann nicht angeeignet werden. Beziehungsweise gehört Kunst nicht einmal allen. Kunst entsteht in entsetzlicher Einsamkeit und wenn es jemanden gibt, der sie verwendet, ist das in Ordnung. Doch es gibt keine politische Gemeinschaft, welche große Kunst selbstverständlich für sich beanspruchen kann ... Wenn die direkte Politik, welche die Autonomie der Bilder aufkündet und ihre Interpretation und Verwendung bestimmt wichtiger wird als die unveräußerliche Kunst, dann werden solche Museumsereignisse möglich: welche wiederum als Symptome eines fürchterlich erscheinenden Zeitgeistes sichtbar werden ... Wenn dies der herrschende Zeitgeist ist, dann stehen uns schändliche Zeiten bevor."
Stichwörter: George Soros

Reportermagazin (Tschechien), 11.07.2017

Martin Jaroš, der regelmäßig aus Katar berichtet, wirft ein anderes Licht auf die Burkini-Frage. "Freunde!", spricht er seine tschechischen Landsmänner an. "Schauen Sie, wir haben hier direkt in der Stadt einen offiziellen Strand. Da gibt es hübsche Liegestühle, aufblasbare Burgen, und alles ist wunderbar sauber. Aber was passiert? Niemand geht zu diesem Strand. Denn dort gelten strenge Regeln (Knie und Schultern bedecken), die den Europäerinnen nicht gefallen. Gleichzeitig fühlen sich auch die Araberinnen dort nicht wohl, weil es da so viele Gaffer gibt, die sich als Kontrolleure ausgeben. Und was tun alle? Sie gehen zu einem freien Strand hinter der Stadt. Unsere Schönheiten liegen dort mit ihren drei Fädchen und daneben die Araberinnen in Burkinis. Und allen geht's gut."
Stichwörter: Burkini

Vanity Fair (USA), 06.07.2017

Auch wenn der deutsche Verleihtitel "Babyspeck und Fleischklößchen" es kaum vermuten lässt: Mit der 1979 entstandenen Komödie - Originaltitel: "Meatballs" - schrieben Regisseur Ivan Reitman und sein Team Filmgeschichte. Nicht nur hatte Bill Murray, bis dahin ein aufstrebender TV-Komiker, darin seine erste große Kinohauptrolle, sondern es handelte sich auch um eine der ersten US-Adolszenz-Komödien aus dem Umfeld der Sendung "Saturday Night Live", die das Genre bis heute bestimmen. Nicht zuletzt gelang es dem Film, der von einigen Wochen Sommerurlaub im Jugendcamp handelt, einen ganz bestimmten Moment in der Adoleszenz zahlreicher US-Jugendlicher prägnant einzufangen. Vanity Fair bringt dazu eine große Oral History, in der zahlreiche der damals Beteiligten zu Wort kommen. Bill Murray ist natürlich nicht dabei - damals wie heute gehört es zu seinen Markenzeichen, sich zu zieren und zu entziehen. "Ich erinnere mich, wie famos er am ersten Tag war, an dem er zu den Dreharbeiten auftauchte", erinnert sich Reitman. "Ich drückt eihm das Skript in die Hände - ich glaube, er las es damals zum ersten Mal. Er blätterte es durch, sagte bloß: 'Eh' und warf er es mit theatralischer Geste in den nächsten Abfalleimer. Da fährt einem schon ein bisschen der Schreck in die Knochen, wenn ein Schauspieler das macht,  unmittelbar vor der ersten Szene, die du mit ihm drehen willst." Schlechte Stimmung herrschte dennoch nicht bei den Dreharbeiten, wie den Erinnerungen des Schauspielers Russ Banham zu entnehmen ist: "Wir waren alle in unseren Zwanzigern und es war die Jahreszeit der ausschlagenden Triebe, sagen wir es mal so. Da ging so einiges. Wir sind heute alle in unseren 60ern, haben Familie und Kinder, einige sogar schon Enkel, also werde ich ganz gewiss nicht alles erzählen. Aber ich hatte schon auf die eine oder andere Weise mit gewissen weiblichen Mitgliedern des Casts zu tun, wir alle. Auch Bill. Die Frauen strahlten, sie waren witzig, talentiert und hatten alle Lust auf eine gute Zeit - den Männern ging es nicht anders. Wir waren alle ziemlich eng miteinander - das kommt im Film schon sehr authentisch rüber."
Archiv: Vanity Fair

Granta (UK), 01.07.2017

Sehr ehrfürchtig unterhalten sich Sarah Ladipo Manyika und Mario Kaiser mit Toni Morrison, die ihnen verrät, dass nicht einmal eine Nobelpreisträgerin die Titel ihrer Bücher wählen darf, warum sie vor allem über und für Schwarze schreibt und warum sie nicht an den Fortschritt der USA glaubt: "Sie haben ja gerade mal angefangen, die gelynchten Leute, die ermordeten jungen Schwarzen in die Zeitung zu bringen. Früher hat darüber niemand gesprochen. Es war nicht der Rede wert. Jetzt bekommen Trayvon Martin und die anderen Jungs viele Schlagzeilen. Ich fragte meinen Sohn, ob er sich eigentlich bewusst mache, dass ich fünfzig, sechzig Jahre lang auf der Welt war, bevor jemand glaubte, das sei einen Artikel wert. Es gab nichts. Es hat sich was verändert, obwohl ich denke, dass wir gerade wieder einen Schritt zurück machen unter diesem sogenannten Präsidenten."
Archiv: Granta
Stichwörter: Toni Morrison

Tablet (USA), 14.07.2017

Marc Weitzmann führt die ungläubigen (und gläubigen) Leser in die Labyrinthe der jüdischen Gemeinden in Frankreich ein. Anlass ist der Tod der Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Ministerin Simone Veil und der Streit darum, dass auf ihren Wunsch der Kaddisch bei ihrer Trauerfeier von einer Rabbinerin gelesen wurde. Das führte zu Attacken orthodoxer Juden: "Die liberale Bewegung unter den französischen Juden wird seit Jahrzehnten marginalisiert. Eine Frau, noch dazu als Rabbinerin, den Kaddisch lesen zu lassen, wird von einem beträchtlichen Teil der in den Gemeinden aktiven Juden als unkoscher betrachtet. Die meisten von ihnen kommen aus dem Maghreb und haben sich in den sechziger Jahren angesiedelt, nachdem sie aus den ehemaligen Kolonien geflohen waren. Die meisten Lubawitscher und orthodoxen Juden, die man heute im traditionell jüdischen Pariser Stadtteil Marais sieht, kommen aus Tunesien und sprechen das Jiddisch, das sie an der Schule und nicht etwa zu Hause gelernt haben."

Dass es auch in den jüdischen Gemeinden der USA Reibungen gibt, zeigt Emma Greens Atlantic-Artikel über die Frage, wie konservative und orthodoxe Juden (was nicht dasselbe ist) mit "gemischten" Ehen umgehen.
Archiv: Tablet

Food52 (USA), 05.07.2017

Bengalen ist berühmt für seine vegetarische Küche. Wo die herkommt, hat Mayukh Sen von seiner eigenen Familie gelernt: Verwitwete Frauen der Oberklasse mussten früher allem Fisch, Fleisch, roten Linsen und dies und jenem anderen entsagen, weil sie aphrodisiakisch sein sollen. Das schickte sich nicht für eine Witwe. "Obwohl meine Urgroßmutter nicht auf das leben einer bidhobha, einer Frau ohne Ehemann, vorbereitet war, akzeptierte sie pflichtbewusst diesen neuen Lebensstil. Ohne die Ingredienzien, die sie früher routinemäßig benutzt hatte, entwickelte sie ihre vegetarische Küche zu einer eigenen Kunst, voller sensorischer Eindrücke. Meine Mutter war verrückt nach ihrem mochar ghonto, einem trockenen Curry mit Bananengeschmack oder echorer tarkari, einer Soße aus Jackfrucht. Diese Gerichte waren gefüllt mit Trost und gemischt mit Schmerz. ... Verwitwete Frauen waren gezwungen, mit wenigen Zutaten auszukommen. Aber diese kulinarischen Beschränkungen trugen unbeabsichtigt zu einer reichen vegetarischen Küche bei, die oft aus Abfallprodukten gekocht wurde. Diese Frauen sind die unbesungenen Architektinnen dieser Küche, die ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten in ihrem Verlust erkannten."
Archiv: Food52