Magazinrundschau

Finster, aber interessant

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
17.11.2015. Dem New Yorker graut vor Nick Bostroms Vision einer künstlichen Superintelligenz, die die Menschheit auslöscht. Im NY Times Magazine graut George Saunders vor der menschlichen Superintelligenz, die das Geheimnisvolle auslöscht. In Nepszabadsag erzählt László Garaczi von seinem Jahr als Stadtschreiber von Graz. Der Guardian beugt sich über die Akte des britischen Geheimdiensts MI5 zu Doris Lessing. Die London Review of Books feiert die Unwirklichkeit in den Portäts von Francisco de Goya als ästhetischen Triumph.

New Yorker (USA), 23.11.2015

Raffi Khatchadourian fragt sich, ob er dem Philosophen Nick Bostrom glauben soll, der in seinem jüngsten Buch "Superintelligence" behauptet, dass wir uns mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz selber abschaffen könnten: "Im Zentrum von Bostroms Überlegungen steht die Vorstellung von einer 'Intelligenz-Explosion', ein spekulativer Moment, da eine Form von künstlicher Intelligenz die Fähigkeit erlangt, sich selbst zu verbessern, und in kurzer Zeit unser eigenes Intelligenzvermögen weit überschreitet. Ein System dieser Art wäre tatsächlich eine neue und, wie Bostrom fürchtet, evolutionäre Lebensform, die die Menschheit überholen und auslöschen könnte. Bostrom verwendet gern einen Vergleich: die Entwicklung von Mensch und Gorilla. Beide sind Primaten, aber während der eine die Erde beherrscht, steht der andere vor der Ausrottung. 'Angesichts der Vorstellung von der Intelligenz-Explosion benimmt sich der Mensch wie ein Kind, das mit einer Bombe spielt', meint Bostrom. 'Wir wissen nicht, wann es zur Explosion kommen wird, aber wenn wir das Ding an unser Ohr halten, können wir ein leises Ticken hören.'"

Außerdem: Karen Russell berichtet, wie Computerspiele und Roboter Infarktpatienten helfen können. Und es gibt ein Dossier zu den Anschlägen von Paris. Darin u. a. George Packers aufschlussreicher Bericht aus den Pariser Banlieues vom vergangenen Sommer.
Archiv: New Yorker

Lidove noviny (Tschechien), 13.11.2015

Der ehemalige Diplomat und Havel-Gefährte Michael Žantovský hat unlängst die Leitung der Prager Václav-Havel-Bibliothek übernommen, in deren Archiv sich auch bisher unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen Václav Havels befinden, die demnächst publiziert werden sollen (die Lidové Noviny bringen in ihrer Print-Ausgabe einen exklusiven Auszug). Žantovský verteidigt die Wichtigkeit dieses Unterfangens: "In der Politik ist stark etwas verloren gegangen, worüber Václav Havel nie besonders viel sprach, was aber aus allem, was er tat, deutlich wurde: dass zur Politik der Dienst an der Öffentlichkeit gehört, der Dienst an etwas Größerem, als man selbst ist, der Dienst an den Werten und Idealen, die man hat. Und solche Ideale und Werte kann ich derzeit in der Politik nicht viele erkennen. Ich beobachte einen intensiven und geschickten Kampf um die Macht und sehe das Bemühen, so viel Einfluss wie möglich über die Dinge zu erlangen. Das ist nichts Schlechtes, das gehört auch zur Politik, aber ohne einen weiteren Horizont droht die Gefahr, dass die Politik sich aushöhlt und nur noch der Kampf um die Macht bleibt."

London Review of Books (UK), 19.11.2015












Francisco de Goya, "Die Herzogin von Alba" (1797), The Hispanic Society of America, New York und "Die Gräfin von Fernán Núñez" (1803), Colección Duques de Fernán Núñez, Madrid

T.J. Clark besucht in der National Gallery in London die große Goya-Schau. Vor den Porträts geht er auf die Knie, weil sie so lebensecht und traumhaft zugleich erscheinen können: "Unwirklichkeit beschleicht uns, und manchmal - im Falle der Gräfin von Fernán Núñez oder der Herzogin von Alba - schüchtert sie uns ein und stampft mit ihren hübschen Füßen. Aber was meine ich, wenn ich unwirklich sage? Unwirklichkeit muss, nach dem was Harry Berger sagt (und in Bezug auf Barthes Realitätseffekt) ein Effekt sein - eine Fiktion, etwas Erzeugtes, auf materieller und ideologischer Basis. Ich möchte diese Unwirklichkeit wertschätzen, wenn ich ihr begegne - ich möchte sie (unter bestimmten Umständen) als eine Form der Wahrhaftigkeit begreifen und als ästhetischen Triumph."

Weiteres: In die USA wandern kaum noch Mexikaner ein, berichtet Tom Stevenson aus dem amerikanischen Grenzgebiet in Texas, stattdessen fliehen die Menschen jetzt zu gleichen Teilen aus den in Gewalt versinkenden Ländern Honduras, El Salvador und Guatemala. Jacqueline Rose rollt noch einmal unter den Vorzeichen von Sexismus und Rassismus in Südafrika den Fall Oscar Pistorius auf.
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Nepszabadsag (Ungarn), 14.11.2015

Bis August dieses Jahres war der Schriftsteller László Garaczi für zwölf Monate Stadtschreiber von Graz. Über seine Zeit als artist in residence in der Steiermark sprach Sándor Zsigmond Papp mit Garaczi. "Die Atmosphäre und die Gerüche in Graz, als eine Stadt aus der Monarchie, sind mir vertraut und es gibt viele Ungarn dort: Studenten, Touristen, Gastarbeiter, Bettler, Kaffeehaus-Besitzer. Ich arbeite, schreibe und versuche auf diejenigen zu achten, die in meiner Nähe leben. Vielleicht ist es erstaunlich, doch ich bin kein Pessimist und auch nicht depressiv. Ich wohne in einer wunderschönen Stadt, hier erscheinen gute Bücher und das Kaffeehausleben ist bunt. Ich gehe viel spazieren im Stadtgarten: die Farben der herbstlichen Bäume, der Dampf über dem Bad - dagegen kann der Amoklauf einiger durchgeknallter Politiker wirklich nicht ankommen."
Archiv: Nepszabadsag

Politico Magazine (USA), 12.11.2015

Wie nach jedem Terroranschlag wird auch jetzt über die Ausweitung geheimdienstlicher Befugnisse diskutiert. Manchmal würde es allerdings auch reichen, wenn die Politik die Warnungen der Geheimdiensten ernst nähme. 9/11 jedenfalls hätte wohl verhindert werden können, erfährt Chris Whipple, der sich mit allen noch lebenden ehemaligen und amtierenden CIA-Direktoren unterhalten hat. "Das Drama der vergeblichen Warnungen begann, als George Tenet und Cofer Black Bushs neuem Team für nationale Sicherheit den Plan für einen verdeckten CIA- und Militäreinsatz vorschlugen. Er sah vor, 'in die afghanischen Unterschlupfe einzudringen, eine paramilitärische Operation zu starten und eine Brücke nach Usbekistan herzustellen' und so die Bedrohung durch Al Qaida zu beenden. 'Die Antwort, die wir bekamen', sagt Tenet, 'war: 'wir sind noch nicht bereit für solche Überlegungen. Wir möchten nicht, dass die Uhr anfängt zu ticken.'' (Übersetzung: sie wollten keine Datenspur, die dokumentieren würde, dass man gewarnt war.) Cofer Black, ein charismatischer Ex-Geheimagent, der an der Verhaftung von Carlos, dem Schakal durch die Franzosen beteiligt war, sagt, die Bush-Regierung begriff das Ausmaß der neuen Bedrohung einfach nicht: 'Ich glaube, sie steckten gedanklich noch acht Jahre in der Vergangenheit. Sie waren Terroristen gewohnt, die europäische Linksextreme waren, die nachts Champagner tranken und tagsüber Sachen in die Luft jagten. Wie schlimm kann das schon sein? Es war irrsinnig schwer, ihnen die Dringlichkeit dieser Sache zu vermitteln."

Dagens Nyheter (Schweden), 06.11.2015

Für eine opulente Multimedia-Reportage sind Lena Sundström und Lotta Härdelin auf ein Treffen mit Edward Snowden nach Moskau gereist. Das Gespräch bietet nicht nur eine ausführliche Darstellung der Snowden-Geschichte der letzten zweieinhalb Jahre, sondern birgt auch eine Einschätzung Snowdens seiner Exilantenposition. Die habe sich im historischen Vergleich zum Guten gewandelt - nicht zuletzt dank des Internets: Zwar vermisse er seine Familie, doch fühle er sich "mit den getroffenen Entscheidungen sehr wohl. Ich kann meine Familie noch immer sehen, wenn sie mich hier besuchen kommt. Ich kann noch immer mit allen an jedem Ort kommunizieren. Ich halte regelmäßig Vorträge an den renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten, vor Studenten, die sich für diesen Sachen wirklich interessieren. Früher war es so, dass Leute all ihre Verbindungen, ihre Signifikanz, ihren Einfluss in den politischen Debatten verloren, wenn sie ins Exil gedrängt wurden. Aus diesem Grund war das Exil als strategische Antwort auf politische Dissidenz auch immer so populär - ob nun die Sowjetunion die Schriftsteller, die sie nicht leiden konnte, deportierte oder amerikanische Dissidenten nach Kuba gingen. Aber Technologie wandelt das. Als Strategie verliert das Exil seinen Wert. Das ist etwas, was wirklich Mut macht und meine künftige Arbeit nährt. Wie kann ich Aktivisten und Dissidenten, die etwas zu sagen haben, die etwas an die Adresse ihrer Gesellschaften beizutragen haben, unterstützen? Indem man die Mauern der Opposition überwindet und sagt, dass es egal ist, wo man sich befindet, diese Stimme wird gehört. Und ich meine, das ist etwas außergewöhnlich mächtiges, dass die Regierungen wirklich zu bedrohen beginnt."
Stichwörter: Exil, Kuba, NSA, Edward Snowden

Guardian (UK), 14.11.2015

Jahrzehntelang hat der britische Geheimdienst MI5 die britische Schriftstellerin Doris Lessing überwacht, die aus ihrer kommunistischen Gesinnung nie einen Hehl machte. Die jetzt freigegebenen Akten geben Lara Feigel kaum Einblick in Lessings Denken, wohl aber in die Mechanismen des Geheimdienstes - und in die Beziehung von Partei und Intellektuellen, vor allem nach der Niederschlagung des Aufstands in Budapest 1956: "Im November unterschrieb Lessing zusammen mit Eric Hobsbawm, Christopher Hill und anderen einen Brief an den Daily Worker, in dem sie gegen die Ereignisse in Ungarn protestierten. Die Berichte des MI5 zeugen von einer wachsenden Kluft zwischen den Intellektuellen und den Bürokraten. Am 23. November verkündete jemand in einer abgehörten Unterhaltung in der King Street (wo sich die Parteizentrale der CP befand): 'Lessing hört auf.' Der Parteimann behauptete, dass ihm das nichts ausmache. Ihnen sei mit einfachen Leuten mehr geholfen; der Daily Worker sei viel besser, seit die Leser ihn schreiben. Von da an wird Lessings Akte seltsamer. Da sie sich öffentlich von der Partei distanzierte, wurde sie weniger gefährlich für die britische Sicherheit. Doch da die Akte nun mal existierte, brauchte sie neues Material, und die Spekulationen wurden spekulativer."
Archiv: Guardian

Ceska pozice (Tschechien), 13.11.2015

"Unklare Herkunft" stempelte man dem unsteten tschechischen Emigranten und Fotografen Josef Koudelka in England in den Pass, bevor er Jahre später die französische Staatsangehörigkeit erhielt. Eine Madrider Ausstellung in der Fundación Mapfre würdigt das Werk des späteren Magnum-Mitglieds, das in den 60er-Jahren durch seinen "Zigeuner"-Zyklus über die Roma in Rumänien, vor allem aber durch die Aufnahmen vom russischen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 bekannt wurde. In all seinen großen Foto-Serien findet sich "das Motiv der Unbehaustheit, der Entwurzelung und des Umherirrens", wie Pavel Besta berichtet. "Als Josef Koudelka vor vielen Jahren in einer Romasiedlung fotografierte, kam ein Mann auf ihn zu und fragte ihn, welcher Ort auf der Welt für ihn der beste sei, und der Fotograf antwortete: 'Ich bemühe mich verzweifelt, diesen Ort nicht zu finden.'"
Archiv: Ceska pozice
Stichwörter: 60er, Josef Koudelka, Rumänien

New York Times (USA), 15.11.2015

Wie sieht unsere Zukunft aus?, fragt das Magazin der NY Times. Und lässt den Schriftsteller George Saunders darüber nachdenken (und nebenbei erklären, was Literatur bezüglich der Darstellung von Zeit leisten soll und was nicht: "Irgendwann werde ich das Thema des wachsenden Materialismus angehen. Ein Art Science Fiction über den Glauben, mit unseren Möglichkeiten das Universum in seiner Gesamtheit verstehen zu können. Was heißt das? Es heißt, dass unser Respekt für alles Geheimnisvolle schwindet, Religion etwa verschwindet (oder sie wird von Fundamentalisten dazu benutzt, jedes Geheimnis zu zerschlagen, anstatt es zu beleben). Es heißt auch, dass Effektivität alle Fragen der Moral an Bedeutung überflügelt. Das Beharren auf Daten und Überprüfbarem und Pragmatischem macht aus uns halbe Menschen. Wie wird so eine Zukunft aussehen? Finster, aber interessant, würde ich sagen. Ich arbeite gerade an einem Roman, der in der Vergangenheit spielt. Für mich gibt es da Parallelen - zwischen dem Schreiben über die Vergangenheit und dem über Zukunft. Beides ist für mich nur interessant, wenn es um mehr geht, als darum, die Zeit glaubwürdig zu vergegenwärtigen. Es ist fast unmöglich, ein vergangenes Bewusstsein nachzuempfinden. Aber wieso auch? Dieses Bewusstsein gab es ja bereits. Das Ziel jeder Fiktion ist doch, eine Aussage über unser Leben zu treffen, nicht über einen besonderen historischen Moment, zukünftig oder vergangen, sondern über jeden einzelnen Moment. Auch wenn wir uns für eine präzise Zeit zu entscheiden haben - die korrekte Darstellung dieser Zeit sollte nicht das Ziel sein."

Außerdem: Geoff Manaugh weiß, wie selbstfahrende Autos in Zukunft unsere Sicht auf die Stadt verändern werden. Jon Gertner berichtet, was die großen Gletscher über unsere Möglichkeiten, mit dem Klimawandel umzugehen verraten. Und auf den Meinungsseiten erklären Steven Simon und Daniel Benjamin, warum die USA besser gegen den IS-Terror gewappnet sind.