Magazinrundschau - Archiv

Lidove noviny

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Magazinrundschau vom 07.01.2025 - Lidove noviny

In einem Artikel für die Lidové noviny kritisiert der ehemalige liberalkonservative Präsident Tschechiens Václav Klaus Angela Merkels Buch "Freiheit", das er nach eigenem Bekunden allerdings nicht wirklich gelesen hat ("Ich habe nicht die Energie, gründlich die 700 Seiten eines Buchs zu studieren, das Merkel obendrein nicht allein geschrieben hat und das durch seine Wortwahl nicht nach authentischen Erinnerungen klingt. So schreibt man nicht über sich selbst.") Gleichwohl hat er offenbar die Stellen inspiziert, an denen sein Name vorkommt, und sieht etwa die Diskussionen rund um den Lissabon-Vertrag als viel zu friedlich geschildert, in Wahrheit habe er mit Merkel heftig gestritten. Merkels Kanzlerschaft bewertet Klaus im Ganzen so: "Ich denke, Angela Merkel erschuf kein Deutschland, sie war ein Produkt Deutschlands. Des Deutschlands, wie wir es heute kennen. (…) Sie führte es nirgendwohin und wollte das auch nicht. Sie verkörperte es lediglich. Sie tat nichts, was die Deutschen massenhaft abgelehnt hätten." Und eine Bemerkung könne er sich nicht verkneifen: "Das Erinnerungsbuch hat überraschender- und unlogischweise den Titel 'Freiheit': Mit Angela Merkel kann mal alles Mögliche verbinden, aber wohl nicht Freiheit."
Stichwörter: Klaus, Vaclav, Merkel, Angela

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - Lidove noviny

Vor achtzig Jahren wurde er geboren, vor dreißig Jahren starb er, und in Tschechien ist er eine Legende: der Liedermacher und Dichter Karel Kryl. Das Prager Museum widmet derzeit seinem Leben und Werk eine Austellung, wie Zbyněk Petráček berichtet. Kryls Lieder liefen seit 1966 im Radio, doch seinen größten Erfolg hatte er mit einem Lied, das er 1968 direkt in der Nacht nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag geschrieben haben soll: "Bratříčku, zavírej vrátka" (Brüderchen, schließ das Tor). Es hielt sich monatelang in der Hitparade und erschien 1969 auch noch auf Platte, bevor es schließlich verboten wurde. Im September 1969 emigrierte Kryl nach Deutschland, doch in seiner Heimat blieb er "Symbol des Widerstands gegen die kommunistische Normalisierung, ein Symbol der Unangepasstheit, ja eines gewissen Eigensinns", so Zbyněk Petráček. "Es war üblich, seine Lieder am Lagerfeuer zu spielen, was nicht ganz ungefährlich war." In der Ausstellung werden nun nicht nur Fotos, Manuskripte, Liedaufnahmen, Gitarren oder Kryls wenig bekannte Gemälde präsentiert, "mithilfe der MetaHuman-Technologie von Studio Yord kann man Kryl auch von Angesicht zu Angesicht hinter der Glasscheibe sehen und hören. Wobei man wohl lieber nicht darüber nachdenkt, was der nonkonformistische Dichter zu dieser Projektion gesagt hätte." Im November 1989 war Kryl erstmals wieder aus seinem Exil nach Prag zurückgekehrt. Doch auch angesichts der neuen Realitäten blieb er ein kritischer Kopf, fügte sich laut Zbyněk Petráček nie so ganz in die postsowjetische Gesellschaft, sondern "blieb so unangepasst, wie er sein Leben lang gewesen war".

Der damals 25-jährige Kryl ein Jahr nach dem sowjetischen Einmarsch:

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Lidove noviny


In Tschechien wird gerade viel diskutiert über den Kinofilm "Amerikánka" ("Die Amerikanerin") des Regisseurs Viktor Tauš, die Geschichte eines aufmüpfigen Mädchens, das während des Kommunismus im Waisenhaus lebt (dessen Tor im Film Ähnlichkeiten mit Auschwitz aufweist) und ihrem emigrierten Vater nach Amerika folgen will. Tauš ist der obdachlosen jungen Frau selbst vor 25 Jahren begegnet, als er, heroinsüchtig, wie sie auf der Straße lebte. Filmrezensent Petr Fischer zeigt sich begeistert: Der Film, ein Rausch von Bildern, erzeuge eine starke hypnotische Wirkung, er "ist unterbewusst und bewusst zugleich; wir versenken uns nicht nur in die psychische Struktur der Heldin, sondern parallel dazu auch in unser eigenes Reich des Unterbewussten, aus dem allerlei assoziative Bilder strömen oder die schrecklichsten verdrängt werden. Und doch, paradoxerweise, wollen wir das alles irgendwie verstehen." Es stelle sich die drängende Frage, warum solche "Visionen" so selten im Kino zu sehen seien. "Haben die Filmemacher vergessen, dass der Film ein Spektakel ist, das in der Psyche Orte und Winkel eröffnet, die wir normalerweise nicht sehen, weil dort Dinge vergraben sind, die wir lieber nicht mehr wissen wollen oder die wir schlicht nicht aufdecken und sprechen lassen können? Der Film 'Amerikánka' beweist, dass man sich auf diesem Gebiet nicht nur auf Leute wie David Lynch verlassen muss, sondern dass auch tschechische Filmemacher hier ihren Platz haben."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - Lidove noviny

Dagmar Hochová: Jiří Hájek, ehemaliger Minister, 1987


Radim Kopáč bespricht begeistert die Retrospektive der tschechischen Fotografin Dagmar Hochová (1926-2012), die noch bis 29. September in der Brünner Moravská Galerie zu sehen ist. Hochová? Das ist doch die, die Kinder fotografiert hat, beschreibt Kopáč das gängige Wissen über die Fotografin, "wie Kinder spielen, lachen, sich in alle möglichen Abenteuer wagen. Wie sie einen Hund begraben, in Fässern herumrollen, an einer Schranke turnen, zu zweit gegen eine Mauer springen. Und sie fotografierte im humanistischen Geist, im Stile eines Cartier-Bresson, eines Ronis oder Doisneau. Doch die Brünner Ausstellung, plus begleitende Monografie, erzählt über Hochová noch etwas anderes, letztlich vor allem etwas anderes, viel mehr, als man aus dem Kanon kennt." Die Fotografin hatte nämlich ihr Archiv - fast 130.000 Negative - der Moravská Galerie vermacht, und die aktuelle Ausstellung ist als eine erste Auswertung zu verstehen. Zu entdecken ist nun unter anderem "Hochovás Interesse für die sozialen Randgebiete, für jene Facetten der Gesellschaft, die dem damalige Regime nicht in den Kram passten - für geistig oder körperlich Behinderte, für Alte und Schwache. Schließlich blühte doch der Kommunismus der Normalisierungszeit, es lebte sich dort herrlich, da hatten traurige Gestalten, existenzielle Tragödien keinen Platz! Oder die Politik: von den späten Sechzigern bis zu den frühen Neunzigern. Es ist eine Schau der Gesichter, die alles sagen, ohne sprechen zu müssen. Über die Zeit und sich selbst."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Lidove noviny

Mehrere Zeitungen verabschieden sich von dem tschechischen Liedermacher und Gitarristen Oldřich Janota, der vor wenigen Tagen starb. Deník Referendum etwa würdigt ihn "als einen nachdenklichen, in seinen Urteilen gänzlich unabhängigen, nicht einzuordnenden, radikal persönlichen und charismatischen Songwriter". Und die Lidové noviny nennt ihn einen "Solitär und durchweg originellen Künstler, der sonst mit niemandem in der tschechischen Musikszene vergleichbar ist". Ursprünglich hatte Janota in den Sechzigerjahren als dichtender Folk-Sänger begonnen, probierte sich aber bald als experimenteller Musiker aus. (Oder, wie Deník Referendum schreibt: "Er hörte nie auf sich zu verändern.") Anfang der Achtziger wurde Janotas damalige Band Mozart K. regelrecht Kult im tschechischen Underground. Bis in die Neunzigerjahre erschien nie ein offizielles Album von ihm, die Aufnahmen verbreiteten sich in Samizdat-Form. Später widmete Janota sich einer eher spirituellen, minimalistischen Musik. "In seinen Texten konnte er meditativ tiefgründig und existenziell sein, im Kern sehr emotional, aber er zeigte auch, wenngleich nur in Spuren, ironischen Abstand und Humor. Jedenfalls beeinflussten seine Lieder eine Reihe von nachfolgenden Songwritern, die ähnlich einzelgängerisch waren wie Janota", so die Lidové noviny.

Hier hört man ihn mit Mozart K.:

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - Lidove noviny

Kateřina Černa, Praha od Ladvi, 1962. Foto: Museum Kampa


In ihrem Nachruf auf die hierzulande nahezu unbekannte tschechische Künstlerin Kateřina Černa (1937-2024) würdigt Jana Machalická das Werk "einer der eigensinnigsten Künstlerinnen aus der Generation, die sich in den 1960er-Jahren etablierte". Mit ihren verspielt-poetischen und schwer einzuordnenden Grafiken und Gemälden sei Černa (der das Prager Museum Kampa vergangenes Jahr eine Ausstellung widmete), zwischen Gruppen und Strömungen immer ein Solitär gewesen. "Auf ihren Kollagen, Zeichnungen, gemalten Postkarten finden sich meist weiblichen Figuren. Puppen, Prinzessinnen, Eiskunstläuferinnen, Schwimmerinnnen, Bräute, Mädchen am Meeresstrand (…), die ebenso aus der Welt der Märchen und Geschichten wie aus der Realität stammen, sowohl zart als auch stark sind, während in der Welt um sie herum allerlei passiert." Das Schaffen Kateřina Černás bestricke vor allem dadurch, dass die Künstlerin findig und fantasievoll unterschiedliche Techniken zu nutzen verstand, so Machalická. "Es hat in sich etwas von der Unmittelbarkeit Naiver Malerei und dem ungetrübten Reiz der Volkskunst, gleichzeitig aber sind ihre Werke raffiniert und anspruchsvoll und erzählen ihre Geschichten mit kluger Distanz und Ironie."

Magazinrundschau vom 24.10.2023 - Lidove noviny

Zu ihrem 90. Geburtstag feiert Radim Kopáč die hierzulande völlig unbekannte Zdena Salivarová als große Dame der tschechischen Literatur. Mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Josef Škvorecký, emigrierte sie nach der Zerschlagung des Prager Frühlings 1969 nach Toronto und gründete dort den legendären Exilverlag Sixty-Eight Publishers, in dem namhafte tschechoslowakische Dissidentenliteratur erschien, "ein unverzichtbarer Kanon, Gedächtnis und Identität: Blatný, Effenberger, Hiršal, Heisler, Hostovský, Peroutka, Seifert, aber auch Gruša, Havel, Hrabal, Kliment, Kundera, Lustig oder Vaculík." Zdena Salivarová- Škvorecká war aber nicht nur eine wichtige Verlegerpersönlichkeit, sondern auch selbst Schriftstellerin, erinnert Kopáč, "eine der wenigen Frauen der tschechischen Literatur der Sechzigerjahre", die zudem "gegen die Männer aufbegehrte". Auf Milan Kunderas "Buch der lächerlichen Liebe", der doch recht "machohaften Darstellung von Liebesbegegnungen, in denen der Mann als raffinierter Beziehungskombinator erscheint und die Frau als Spielobjekt fungiert", antwortete Salivarová mit ihrem Erstling, der Erzählsammlung "Pánská jízda" (Herrenfahrt) von 1968, in der sie den männlichen Helden als selbstverliebten Zyniker in Sachen Sexualität darstellte, "zu jener Zeit ein vergleichsweise kritischer, gewagter Ton". Zugleich betont Kopáč die Kosmopolität der Literatin, die sie angesichts ihrer Familiengeschichte zwangsläufig pflegte: "Der Vater Jaroslav Salivar, ein Buchhändler und Verleger, geriet 1949 in stalinistische Gefangenschaft und emigrierte nach seiner Freilassung in die USA. Ihr Bruder Lumír überlebte als Widerständler gegen das kommunistische Regime die schlimmen Jahre 1949-1959 als Zwangsarbeiter in den Uranminen von Jáchymov und floh 1976 nach Kanada." Existenzielle Erfahrungen, denen Salivarová in ihrem Werk und Leben jedoch stets den Humor entgegengesetzt habe. (Ein Beispiel ihres unnachahmlichen Tons ist der Roman "Ein Sommer in Prag", der im Frühjahr erstmals auf Deutsch im Mitteldeutschen Verlag erscheint.)

Magazinrundschau vom 25.04.2023 - Lidove noviny

Josef Mánes: "Näherin", 1858/59. Nationalgalerie Prag


Jiří Machalický berichtet von einer Ausstellung in der Prager Nationalgalerie mit Werken des böhmischen Künstlers Josef Mánes (1820-1871). Mánes, der selbst aus einer Künstlerfamilie stammte, verarbeitete in seinem Werk Strömungen der Romantik, des Klassizismus und des Realismus und übertraf laut Machalický seine Künstlerverwandten in seiner "lockeren Wiedergabe von Landschaft, die für seine Zeit sehr modern war". Er habe es verstanden, mit bloßen Andeutungen Atmosphäre zu schaffen, wenn er etwa räumliche Ebenen mit Leichtigkeit in der Ferne verschwinden ließ. "Ebenfalls mit zarten Andeutungen und ohne akademische Routine erfasste er Schönheit und charakteristische Züge von Gesichtern und hob das Wesentliche hervor." Als er nach München ging, hatte das Werk von Malern wie Moritz von Schwind oder Carl Spitzweg einen wichtigen Einfluss auf ihn. Machalický schwärmt vor allem von Mánes' freien malerischen oder zeichnerischen Studien, die gerade weil der Künstler sich nicht allzu sehr mit Details aufhielt, so lebendig und authentisch wirkten.

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - Lidove noviny

Das legendäre Theater Rote Fackel im russischen Nowosibirsk hat kurzfristig die Premiere von Karel Čapeks Stück "Die Weiße Krankheit" abgesagt, wie die Lidové noviny berichtet. Eigentlich sollte die Inszenierung diesen September starten. "Manchmal werden Themen in einer bestimmten Zeit plötzlich irrelevant", habe der Regisseur Gleb Tscherepanow die Absage begründet - was nur die enorme Relevanz dieses Theaterstücks beweist. Der tschechische Dramatiker Karel Čapek schrieb das Stück im Jahr 1936 und nahm damals visionär den Überfall der Nationalsozialisten auf die Tschechoslowakei vorweg: Während einer weltweit herrschenden Pandemie einer unbekannten, tödlichen Krankheit beschließt ein Diktator, sein Nachbarland anzugreifen. Doktor Galén, der ein Heilmittel entwickelt, will dieses jedoch nur den Armen zukommen zu lassen, allen anderen erst dann, wenn die Regierung vom Krieg ablässt. Die Theaterkompanie führt an, der Spielplan stamme noch aus dem Jahr 2020, und seither hätten sich "viele Umstände verändert". Der frühere Leiter des Hauses, der kremlkritische Regisseur Timofei Kuljabin hatte die Rote Fackel bereits dieses Jahr verlassen - "auf eigenen Wunsch", wie die Kompanie mitteilte.

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - Lidove noviny

Der Schriftsteller Miloš Urban, dessen neuer Roman "Továrna na maso" ("Die Fleischfabrik") im Prag der Zwanzigerjahre spielt und in einer schwarzen Groteske um den Holešovicer Schlachthof kreist, spricht im Interview auch über seine ursprüngliche Heimat Karlovy Vary, das einstige Karlsbad: "Als ich dort aufwuchs, wurde man ständig daran erinnert, dass es ein 'Kurbad von Weltrang' sei. Auf gewisse Weise stimmte das, in den siebziger Jahren versammelten sich dort ähnliche Nationalitäten wie heute - Russen, Deutsche, Schweizer, die Highsociety des Ostblocks. Die Stadt erschien einem bunt und lebendig. Nach der Samtenen Revolution haben Russen allerdings die halbe Stadt aufgekauft und dann in der Folge festgestellt, dass sie es wieder loswerden müssen - und das lange vor der Invasion in die Ukraine. Und daher kommen jetzt die riesigen Probleme der Stadt, angefangen mit den verfallenden Hotels und endend mit einem generellen Ohnmachtsgefühl. In der Umgebung konnte zwar einiges restauriert werden - es gibt jetzt zum Beispiel eine schöne Bibliothek, aber das liegt alles am Stadtrand, außerhalb des historischen Zentrums. Ich bin froh, dass Karlovy Vary jetzt zusammen mit Mariánské Lázně (Marienbad) und Františkovy Lázně (Franzensbad) ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, aber wie viel das helfen wird, weiß ich nicht. Wer es fertigbringt, diese Stadt zu erhalten, sollte irgendeinen Staatspreis bekommen."