Magazinrundschau

Etwas Musikähnliches

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.06.2010. Der New Yorker zeichnet ein faszinierendes Porträt des Wikileaks-Gründers Julian Assange. Im Merkur versichert Udo di Fabio: Ohne Geld keine Befreiung. Der Economist beschreibt den neuesten Exportschlager nach Afrika: Homophobie. In MicroMega fragt Paolo Flores d'Arcais, warum ausgerechnet Roberto Saviano demontiert werden muss? In Paris herrscht wieder Aufbruchsstimmung, meldet das Magazin. n+1 vertieft sich in neue Berlin-Romane. Die New York Times erklärt, warum Job Cohen der neue niederländische Premier werden könnte.

New Yorker (USA), 07.06.2010

Raffi Khatchadourian zeichnet ein faszinierendes Porträt des Politaktivisten und Hackers Julian Assange, Gründer von WikiLeaks, einer Internetplattform, die allen Bürgern Zugang zu geheim gehaltenen Dokumenten von Regierungen und Institutionen verschaffen will. Zu den bekanntesten Veröffentlichungen (mehr hier) zählte jüngst Material über amerikanische Soldaten, die im Irak mindestens achtzehn Menschen, darunter Zivilisten, töteten. Khatchadourian war dabei, als Assange mit Helfern in Island das Video zu dem Vorfall fertigstellte, und er schildert, nachdem er auch mit Assanges Mutter gesprochen hat, die seltsame Jugend des 1971 in Australien geborenen Hackers und wie das alles zu Wikileaks führte: "2006 schrieb er in seinem Blog über eine Konferenz, die vom Australischen Institut für Physik organisiert war, 'mit 900 Karrierephysikern, von denen die meisten wehleidige, ängstliche Konformisten mit traurig, traurig inferiorem Charakter waren.' Für ihn war der entscheidende menschliche Kampf nicht mehr mehr links gegen rechts oder Glaube gegen Vernunft, sondern der von Individuum gegen Institution. Als Leser von Kafka, Koestler und Solschenizyn war er überzeugt, dass Wahrheit, Kreativität, Liebe und Mitleid von institutionellen Hierarchien korrumpiert werden, ebenso von Klientel-Netzwerken - einer seiner Lieblingsausdrücke -, die die menschliche Seele verzerren. Er entwarf eine Art Manifest, überschrieben 'Konspiration als Regierung', in dem er versuchte, die Graphentheorie auf die Politik zu übertragen. Assange schrieb, dass illegitime Regierungen per Definition verschwörerisch sind - ein Produkt von Funktionären, die 'gemeinsam heimlich zum Schaden einer Bevölkerung arbeiten'. Wenn die Verbindungen der internen Kommunikation unterbrochen werden, argumentierte er, muss der Informationsfluss zwischen den Verschwörern dünner werden. Wenn er auf Null schrumpft, ist die Verschwörung aufgelöst. Lecks sind ein Instrument der Informations-Kriegsführung. Diese Ideen entwickelten sich bald zu Wikileaks."

(Hier ein Video von Assange bei Stephen Colbert und hier noch ein Bericht aus der Zeit, wonach Assange vor zwei Wochen bei der Einreise nach Australien kurzzeitig seinen Pass abgeben musste.)

Außerdem: Pankaj Mishra widmet sich in einer ausführlichen kritischen Besprechung den neuen Büchern von Ayaan Hirsi Ali und Paul Berman. Peter Schjeldahl bespricht ein Buch über den amerikanischen Galeristen Leo Castelli. Anthony Lane sah im Kino Mia Hansen-Loves Drama "The Father of My Children" und die Komödie "Solitary Man" von Brian Koppelman und David Levien. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Extreme Solitude" von Jeffrey Eugenides und Lyrik von Carl Dennis und Jennifer L. Knox.
Archiv: New Yorker

Merkur (Deutschland), 01.06.2010

Verfassungsrichter Udo di Fabio besingt, allerdings nicht online, die emanzipative Kraft des Geldes: "Weil Geld in einer Geldwirtschaft indifferent gegen Person und Status ist, übersteigt es alle sozialen Schranken und zeigt eine unbezwingbare Tendenz zur Freiheit wie zum Egalitarismus, weil es ganz egal ist, wer Geld in Händen hat. Ohne Geld keine 'Befreiung', die zugleich empfunden wurde als 'soziale Entleerung' von Beziehungen, weil es doch immer nur um Geld geht."

Für den Sündenfall schlechthin hält der Jurist Horst Meier die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom November 2009, den verschärften Volksverhetzungsparagrafen für grundgesetzkonform zu erklären, obwohl er nicht mehr nur die Leugnung des Holocausts unter Strafe stellt, sondern auch die Verherrlichung oder Rechtfertigung des Nationalsozialismus: "Die Verfassung bietet ein Forum, auf dem alle über alles diskutieren können. Ohne Ausnahme. Permanent. Niemand darf diese Debatte für beendet erklären; und keine Staatsgewalt darf eine Ächtung des NS-Regimes als amtliche Wahrheit verordnen und Widerspruch dagegen bestrafen. Man mag sich damit begnügen, die Vergangenheitsbewältigungsverweigerer politisch zu isolieren - sie mit juristischen Zwangsmitteln zu überziehen ist überflüssig und schädlich."

Der Zoologe Hubert Markl macht sich verschiedenste Gedanken über Charles Darwin, die Natur und die Kultur und stellt klar: "Die Natur lernt immer hinzu!"
Archiv: Merkur

Economist (UK), 31.05.2010

Populistische Politiker in Afrika erklären Homosexualität gerne zum der eigenen Kultur fremden westlichen Import. Das stellt, wie ein Economist-Artikel betont, den wahren Sachverhalt ziemlich auf den Kopf: "Peter Tatchell, ein Veteran der Schwulenbewegung, meint, dass in Wirklichkeit nicht die Homosexualität, sondern die politisierte Homophobie importiert werde. Diese Tendenzen treffen zusammen mit dem Vordringen konservativer Christen, vor allem aus den USA, die afrikanische Priester gerne für ihren heimischen Kampf gegen die Homosexualität in Dienst nehmen... 'Afrika muss evangelischen Christen in den USA und andernorts als aufregender Ort erscheinen', meint Marc Epprecht, eine kanadischer Akademiker, der Homosexualität in Afrika untersucht. 'Sie können dort viel größere Erfolge im Kulturkampf erzielen als in ihren eigenen Ländern.'"
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Archiv: Economist

Polityka (Polen), 29.05.2010

Der polnische Filmkomponist ("A Single Man") Abel Korzeniowski sorgt sich um die Entwicklung der Filmmusik. "Seit einigen Jahren werden charakteristische Filmmelodien immer seltener. James Horner sagte mir, in einigen Fällen hätte der Regisseur offen erklärt, er wünsche keine", erklärt Korzeniowski im Interview. "Aber eine Titelmelodie beeinflusst doch die Identifizierung des Films - stellen wir uns mal 'Den Paten' ohne Nino Rota oder 'Star Wars' ohne John Williams vor! Diese Abkehr ist ein Phänomen, das zum einen von der populären Musikkultur, mit ihrer Vorliebe für wiederkehrende Rhythmen, beeinflusst wird, und zum anderen von einer Technik, dank derer man einfach und schnell etwas Musikähnliches produzieren kann: Man kauft einfach eine Loop-Bibliothek, stellt aus fertigen Material etwas zusammen, und erweckt den Eindruck, man hätte etwas Neues gemacht. Dieser Stil ist so allgegenwärtig, dass einige Produzenten ihn mögen."

Außerdem: Michal Slomorz erzählt (hier auf Deutsch) die Geschichte der oberschlesischen Wehrmachtsangehörigen.
Archiv: Polityka

MicroMega (Italien), 29.05.2010

Roberto Saviano, Autor des Buchs "Gomorra", der seit Jahren unter Polizeischutz leben muss, soll ein "Papierheld" sein? So behauptet es der Soziologe Alessandro di Lago in seinem Buch "Helden aus Papier". Paolo Flores d'Arcais, der Doyen der intellektuellen Berlusconi-Gegner fasst sich an den Kopf: "Um es vorweg zu sagen - man kann kritisieren, wen man will, von Jesus bis Mohammed. Man kann Bücher von Saviano oder Rushdie in der Luft zerreißen. Di Lago schreibt allerdings nicht als Literaturkritiker. Er ist ein Soziologe, einer unserer besten. Er will ein mythisches Buch und einen Autor, der ein Symbol ist, aus soziologischen Motiven demolieren. Warum? Worin besteht in einer geköpften und gedemütigten Demokratie wie der unseren, die in einen postmodernen Faschismus abzugleiten droht, die von Saviano verkörperte Gefahr? Was rechtfertigt den Aufwand an Zeit und Intelligenz, um ausgerechnet ein Buch gegen Saviano zu schreiben?"
Archiv: MicroMega

Prospect (UK), 28.05.2010

Zum Start des neuen Kinofilms erklärt Laurie Penny aus feministischer Perspektive, was Männer in der Welt von "Sex and the City" bedeuten. Sie erklärt aber auch, dass Männer sich das ansehen sollten, um zu begreifen, wie es Frauen umgekehrt bei den meisten anderen Hollywoodprodukten ergeht: "'Sex and the City' tut so, als übte es freche Opposition gegen Männermacht und stellt dabei keine Sekunde lang die Prämissen des Patriarchats in Frage. Es beschwört eine Dynamik, in der Männer zugleich der Feind und das Objekt der Begierde sind, in der jedwede Interaktion, die Frauen mit dem anderen Geschlecht haben, von einer rein-weiblichen Freundinnen-Gang streng reguliert wird. Das Franchise vermittelt überdies den Eindruck, dass nur reiche, attraktive, weiße und mächtige Frauen im Krieg der Geschlechter obsiegen können - und nur, indem sie die schlimmsten Aspekte der oberflächlichen patriarchalen Verdinglichung imitieren. Armer Mr. Big. Es ist nicht leicht, ein Phallussymbol zu sein... Big ist eine patriarchale Hülse ohne die mindeste emotionale Tiefe, ein leerer Inbegriff dessen, was Frauen an mächtigen Männern hassens- und begehrenswert finden sollen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten Ihn ihren Freunden vorstellen. Das wäre, als hätte man eine Freundin, die Titti heißt."

Recht geistreich verreißt Alexander Linklater die Autobiografie "Hitch 22" des von ihm eigentlich sehr geschätzten politischen Intellektuellen Christopher Hitchens. Andeutungsweise interessant werde es nur, wo sich das Buch in der Nähe dessen bewegt, was Hitchens in Essays schon besser gesagt hat. Ansonsten aber: "Jetzt, wo er das Licht auf sich selbst richtet, kommt man sich vor wie in der Gegenwart eines halbnackten alten Colonels, der in seiner Garderobe vor sich hin plappert. Seine Prosa mäandert ziellos vor sich hin."
Archiv: Prospect

Elet es Irodalom (Ungarn), 28.05.2010

In einem rasanten Gesetzgebungs-Tempo hat das neu gewählte ungarische Parlament in den ersten zwei Wochen zuerst das in den Nachbarländern für Bestürzung sorgende Staatsbürgerschaftsgesetz verabschiedet und nun auch noch einen sogenannten Trianon-Gedenktag eingeführt - durch die Pariser Friedensverträge von 1920 verlor Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets. Der Politologe Daniel Hegedüs meint dazu: "Sollte die Thematisierung der doppelten Staatsbürgerschaft bei den westlichen Meinungsmachern jenes allmählich unauslöschliche Bild noch nicht bekräftigt haben, wonach die Ungarn nationalistische Unheilstifter sind, so kann daran nach der Gesetzesvorlage 'über das Bekenntnis zur nationalen Zusammengehörigkeit' kaum noch gezweifelt werden. Natürlich sollte man den neunzigsten Jahrestag der Tragödie von Trianon würdevoll begehen, man sollte ihn aber besser den Historikern überlassen."

Odra (Polen), 01.05.2010

Anna Markowska skizziert den Werdegang des angesagten Video-Künstlers Artur Zmijewski. Sie sieht ihn auf dem Weg zum Celebrity-Künstler, was im krassen Gegensatz zu seinem Image als radikaler Künstler stehe. "Der geräuschlose Eintritt ins internationale Kuratorenbusiness bestätigte, was seit einiger Zeit offensichtlich ist: Zmijewski interessiert sich weder für das polnische Publikum noch für die gesellschaftliche Rezeption seiner Werke." Seine neuesten Projekte im Ausland sollen eher durch ihre "Exotik" anziehen als der Begegnung mit dem Fremden dienen und die Realität benennen. Sie dienen der Produktion von Galerieobjekten, so Markowska. "Es ist ein Produkt, das von Anfang für den Export gedacht ist, deshalb hat es Züge von kulturellem Neokolonialismus", schreibt sie.

Im Rezensionsteil wird Andrzej Stasiuks nicht mehr ganz so neuer Roman "Taksim" (deutsche Übersetzung steht noch aus) besprochen. "Es ist ein Recycling-Buch", meint Slawomir Nosal zu all den Anspielungen auf frühere Bücher des Autors, "ein kompliziertes Buch, die uns zu Irrungen durch all die Fragmente zwingt und dabei die Pfade verliert. Aber dank der Intertextualität zeigt es uns den Weg. Vielleicht sollte man 'Taksim' als Versuch begreifen, Erfahrungen zu verinnerlichen, einen Sinn zu schaffen. Und vielleicht ist das der einzig mögliche Weg, denn wir setzen uns aus unsortierten Erinnerungen, Sehnsüchten und Obsessionen zusammen."
Archiv: Odra
Stichwörter: Andrzej Stasiuk

Das Magazin (Schweiz), 29.05.2010

In Paris herrscht Aufbruchsstimmung, schreiben Daniel Binswanger und Finn Canonica, gespeist aus dem Gefühl, dass das angloamerikanische Modell versagt hat. Jetzt fühlen sich alle unheimlich inspiriert. Das merkt man sogar im Palais Royal. "Wo früher in staubdunklen Läden zwischen Louis-XVI.-Mobiliar verkauft wurde, bieten die Schuh- und Parfümgötter Pierre Hardy und Serge Lutens Luxus in einer 21.-Jahrhundert-Variante. Neben einem Laden mit nostalgischem Holzspielzeug für Mütter über 35 schneidert ein Amerikaner in Paris namens Rick Owens Kleider, welche die Mutterschaftsaussichten für Frauen unter 35 erhöhen dürften. Man hört sich um, schaut, notiert und trifft unter den Arkaden auf Stephane, einen Pariser mit hoher Lispelstimme, der acht Jahre in Japan gelebt hat. Zuvor in New York. Davor in London. 'Paris ist in den letzten zwei Jahren einfach in der Gegenwart angekommen', sagt er. Das tue der Stadt gut."

Und: Eugen Sorg hat den 1976 gebauten südafrikanischen Ponte Tower besucht, ein Mietshaus, das einst als höchstes und modernstes Gebäude der südlichen Hemisphäre galt und fast nur von Weißen bewohnt war. Sein Baumeister Rodney Grosskopff nannte es: "my big erection". Heute leben dort Afrikaner aus allen Nationen und das Miteinander ist prekär, wie Sorg erfährt.
Archiv: Das Magazin
Stichwörter: Luxus, Serge Lutens

New Statesman (UK), 31.05.2010

Mehdi Hasan fragt sich, ob das von so vielen europäischen Politikern geforderte Burka-Verbot wirklich ein Ausdruck der Sorge um muslimische Frauen sei. Und er findet ein Verbot eher kontraproduktiv. "Als der damalige Minister Jack Straw im Jahr 2006 enthüllte, darauf bestanden zu haben, dass Frauen in seinen Sprechstunden den Schleier ablegen, meldeten islamische Kleidergeschäfte in Nordwest-England einen Anstieg der Verkäufe von Niqabs, Burkas und anderen Ganzkörperschleiern. Ein junges muslimisches Mädchen sagte mir später, dass es Straws Ausführungen waren, die sie veranlasst hätten, von Kopftuch auf Niqab überzugehen."

n+1 (USA), 24.05.2010

Amelia Atlas vertieft sich in ein neues literarisches Genre, den Berlin-Roman: Drei Bücher rezensiert sie, zwei davon von 'Expats', also Amerikanerinnen, die in Berlin leben, Chloe Aridjis "Book of Clouds" (Auszug und Link zu einer Lesung) und Anna Wingers "This Must be the Place"(mehr hier). "Berlin ist nicht Paris oder Rom. Es gibt keine Montmartre-Romantik oder verblichene Glorie des Altertums. Die Demimonde aus Isherwoods Berlin ist mit dem Krieg vergangen so wie Bowies lärmende Gegenkultur mit der Mauer unterging. Und das gegenwärtige künstlerische Gesicht der Stadt mag ihnen folgen. Wirklich einzigartig an Berlin ist vor allem, wie lebendig die Geschichte dort noch wirkt. Aridjis und Winger haben Bücher geschrieben, die für den Exberliner Standpunkt repräsentativ sind - die Stadt wird ihnen darin zum Instrument ihres (unseres?) Solipsismus. Aber sie wird nicht immer so bleiben. Immer neue Apartmentkomplexe mit manikürten Rasenflächen stoßen in die Brachen vor. Sie müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, denn sie können auch zeigen, dass die Stadt in Bewegung bleibt."

Experimentelle Philosophie (kurz x-phi), die empirische Methoden auf philosophische Fragen anwendet, ist schwer angesagt. Justin E.H. Smith, ein Historiker der Philosophie des 17. Jahrhunderts, bringt eine scharfe Kritik einiger Neuerscheinungen, will die Sache selbst aber nicht verdammen: "Die Hauptkritik kommt von jenen, die eine Öffnung der Philosophie zu experimentellen Methoden von vornherein ablehnen, und gegen diese Kritik haben die neuen Experimentalisten ihre Verteidigung aufgebaut. In dieser Frage stehe ich auf ihrer Seite. An den Grundprinzipien der Bewegung finde ich viel Bewundernswertes. Die Frage, wie ihre gegenwärtigen Leistungen zu beurteilen sind, steht allerdings auf einem anderen Blatt."
Archiv: n+1
Stichwörter: 17. Jahrhundert

New York Times (USA), 30.05.2010

Russell Shorto porträtiert den niederländischen Politiker Job Cohen, der als Amsterdams Bürgermeister so großen Erfolg hatte, dass er als sozialdemokratischer Spitzenkandidat bei den Wahlen in der nächsten Woche Geert Wilders auf die Plätze verweisen könnte. Cohens Stunde schlug nach dem Mord an Theo van Gogh: "In Amsterdam betrieb Cohen seine eigene Agenda, in gewisser Entfernung von der nationalen Debatte. Das Management seiner äußerst multiethnischen Stadt in der Zeit nach dem 11. September ließ ihn Abstand nehmen von seinem traditionellen holländischen Liberalismus. Immigranten, meinte er, müssten Teil der Gesellschaft werden, und dies beinhaltet auch das Erlernen der Sprache, die Achtung der Gesetze und den Respekt vor dem, was er für den überragenden holländischen Wert hält: die Freiheit. Neuankömmlinge sollten, sagte er mir, einen holländischen Kanon wichtiger historischer Ereignisse und Persönlichkeiten lernen. Cohens Idee war, vom multikulturellen Extrem abzurücken, gleichzeitig aber das migrationsfeindliche Extrem zu meiden und eine pragmatische Einbeziehung zu betreiben. 'Die Dinge zusammenhalten', war, wie er mehrfach erklärte, das Motto seiner Stadtregierung." Die marokkanische Community steht übrigens geschlossen hinter ihm.

Einen ziemlich unterkomplexen Blick auf die Lage in Sri Lanka wirft Lynn Hirschberg der Agitprop-Rapperin M.I.A. vor. Verlobt mit Ben Bronfman, Sohn des Chefs von Warner Music, unterstützt sie in ihren Liedern gern den Kampf der Tamil Tigers ("You wanna win a war? / Like P.L.O. I don?t surrender") und liebt Provokationen: "'Ich möchte irgendwie ein Außenseiter sein', erklärte sie, Pommes mit Trüffelgeschmack kauend." Bei M.I.A. selbst hat das Interview schon wüste Reaktionen hervorgerufen.

In der Sunday Book Review verteidigt der konservative Kolumnist Nicholas D. Kristof den Islam gegen Ayaan Hirsi Ali und ihr neues Buch "Ich bin eine Nomadin": "Auf uns, die wir viel durch Afrika und Asien gereist sind, wirken Beschreibungen des Islams oft richtig, aber unvollständig. Die Unterdrückung der Frauen, der Verfolgungskomplex, der Mangel an Demokratie, die Unbeständigkeit, der Antisemitismus, die Schwierigkeit, sich selbst zu modernisieren, sein überproportionaler Anteil am Terrorismus, - das alles ist real. Aber wenn dies das einzige Gesicht des Islams sein sollte, wäre er heute nicht die am schnellsten wachsende Religion in der Welt. Es gibt auch die warmherzige Gastfreundschaft, die auch Christen und Juden einschließt; die Wohltätigkeit gegenüber den Armen; die ästhetische Schönheit des koranischen Arabisch; das Gefühl einer demokratischen Einheit, wenn Arm und Reich Schulter an Schulter in der Moschee beten."