Magazinrundschau

Andrzej Stasiuk: Sollen wir lernen uns zu waschen?

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.05.2007. Al Hayat will nichts wissen von einem Kopftuchzwang. Die Probleme im Nahen Osten werden einfach überbewertet, meint Edward Luttwak in Prospect. Tygodnik Powszechny predigt angesichts der Fußball-EM 2012 in Polen den technologischen Messianismus. Der Economist begutachtet die Folgen des Klimawandels am Murray-Darling-Fluss. Andrzej Stasiuk gibt dem Nouvel Obs Saures. Artnet listet die Künstler auf, die voraussichtlich an der documenta teilnehmen werden. Outlook India fragt sich, ob sexuelle Verweigerung wirklich ein Scheidungsgrund sein sollte. Die New York Times zeigt uns, wohin zu viel Andrea-Dworkin-Lektüre führt.

Al Hayat (Libanon), 29.04.2007

Dalal al-Bizri berichtet von einer Debatte über die rechtswidrige Entscheidung eines ägyptischen Schuldirektors, einen Kopftuchzwang für muslimische und christliche Schülerinnen anzuordnen. Selbst die Muslimbrüder gaben sich empört, bestanden freilich darauf, die Musliminnen würden das Kopftuch sowieso aus freier Entscheidung tragen. Bizri hält dagegen: "Der Spruch 'Das Kopftuch ist eine Frage der persönlichen Freiheit' könnte, bei aller Vorsicht, für die kopftuchtragenden Musliminnen im Westen gelten, die - ohne Druck durch die Familie oder einer Organisation im Viertel, in der Schule oder in der Moschee, sondern auf der Grundlage einer individuellen Entscheidung - im Tragen des Kopftuches eine 'identitäre' Antwort auf das sehen, was sie als Angriff der westlichen Zivilisation betrachten. Wenn man aber heute und hier bei uns im Orient vom Kopftuch als Zeichen einer 'persönlichen Freiheit' redet, dann zeugt dies von einer schreienden Ignoranz gegenüber dem riesigen Druck, der hier ausgeübt wird, um das Kopftuch zur religiösen Pflicht zu erklären und den unverschleierten Frauen schon jetzt die Hölle zu bereiten. (.) Warten wir solange, bis bewaffnete Milizen in den Straßen auftauchen und alle Unverschleierten töten, Muslime wie Christen? Solange, bis Flugblätter verteilt werden mit der Drohung: 'Kopftuch oder Tod', wie es im (von Islamisten ausgerufenen) 'islamischen Emirat' im Irak bereits der Fall ist?"

Eigentlich müsste man über die aktuellen Prozesse gegen die beiden syrischen Oppositionellen Anwar al-Bunni und Michel Kilo lachen, schreibt Nahla al-Shahal. Aber so unbeschreibbar absurd die Vorwürfe auch sein mögen, das Beispiel anderer Oppositioneller belehre eines Besseren: "Als sie endlich aus dem Gefängnis kamen, war ihr Leben und das ihrer Familien vollständig zerstört - eine echte Todesstrafe, nichts weniger als das."
Archiv: Al Hayat

Prospect (UK), 01.05.2007

Die Probleme im Nahen und Mittleren Osten werden einfach überbewertet, meint Edward Luttwak, Militärexperte beim Centre for Strategic and International Studies in Washington DC. Man sieht ihn förmlich die Achseln zucken. Der israelisch-palästinensische Konflikt sei zwar bedauerlich, aber begrenzt, und das Öl werde auch nicht teurer. Helfen könne man den übrigen islamischen Ländern eh nicht: "Der operative Fehler, den die Nahost-Experten immer wieder machen, ist, nicht zu akzeptieren, dass rückständige Gesellschaften sich selbst überlassen werden müssen, so wie die Franzosen klugerweise jetzt Korsika in Ruhe lassen. Wie es nun auch die Italiener stillschweigend mit Sizilien tun, nachdem sie gelernt haben, dass nach den Mammutprozessen eine neue, noch schlauere Mafia aus Ärzten und Anwälten die Oberhand gewonnen hat. Ohne Invasionen oder freundliches Engagement sollte es den Menschen im Nahen und Mittleren Osten möglich sein, ihre eigene Geschichte zu leben - was Nahost-Experten jeglicher Couleur ihnen streitig zu machen scheinen."

"Was stimmt nicht mit dem modernen Roman? Warum ist er so bieder und eintönig? Warum so ängstlich? So verdammt langweilig?", fragt Autor Julian Gough und gibt die Antwort: Weil wir die Tragödie höher bewerten als die Komödie. Selbst im Buch der Bücher findet sich kein einziger Witz! Nur die Griechen wussten es besser.
Archiv: Prospect
Stichwörter: Mafia, Sizilien, Washington

Tygodnik Powszechny (Polen), 29.04.2007

Ganz Polen spricht von einem neuen Fünf-Jahres-Plan: Bis zur Fußball-EM 2012 sollen bunte Stadien, weite Autobahnen und unzählige Hotels entstehen. Der Publizist Marek Bienczyk teilt die Begeisterung: "In diesem einen Moment eröffnet sich die Zukunft vor uns. Plötzlich denken wir mit Begeisterung daran, was kommen wird, alles macht wieder Sinn. Die Planungen, dieser technologische Messianismus, unser traditioneller Glauben im digitalen Gewand, erlaubt es uns, auf die Erfüllung hin zu arbeiten. Schon wird von einer nationalen Tat gesprochen, der Mythos der blitzschnellen Modernisierung hat seine fünf Minuten..." Es ist klar, warnt Bienczyk, dass es noch etliche alarmistische Warnungen geben wird, einige Investitionen werden virtuell bleiben und die zweite Metrolinie in Warschau wird eine Straßenbahn werden, aber: "Es wird schon klappen, es wird schon irgendwie klappen".
Anzeige
Stichwörter: Marek Bienczyk, Autobahn

New Statesman (UK), 30.04.2007

Die Titelgeschichte ist Pakistan gewidmet, wo militante Islamisten immer mehr Zulauf erhalten. Ziauddin Sardar berichtet von einer neuen Generation Taliban, die inzwischen immer mehr Landesteile beherrsche. "Die neue Generation von Militanten ist pakistanisch; sie sind eine Antwort auf die amerikanische Invasion in Afghanistan und eine Revolte gegen die amerikafreundliche Politik der pakistanischen Regierung. Die meisten von ihnen sind arbeitslos, nicht alle in Maddrassen geschult. Sie werden von jungen Mullahs angeführt, die sich - anders als die ursprünglichen Taliban - mit moderner Technologie und Medien auskennen. Und sie sind von verschiedenen indigenen Stammesnationalismen beeinflusst, wobei sie die Stammesgesetze hochhalten, die das soziale Leben in Pakistans ländlichen Regionen beherrschen."

Außerdem: die Autorin Kamila Shamsie versucht sich einen Reim auf die Fundamentalistinnen zu machen, die in Pakistan angeblich unmoralische Personen entführt und bedroht haben. William Dalrymple stellt eine Stiftung pakistanischer Geschäftsleute vor, The Citizens Foundation, die Pakistans Kinder mit einer guten und sekularen Ausbildung versehen will. Der Journalist Brian Cathcart zählt das populäre Genre der Nachrufe zu den größten Errungenschaften des britischen Journalismus. "Nachrufe in Zeitungen erleben ein goldenes Zeitalter. Für alle, die verdienstvoll oder irgendwie interessant sind, war es nie lohnender, zu sterben.
Stichwörter: Goldenes Zeitalter

Nouvel Observateur (Frankreich), 26.04.2007

In einem recht friedlichen Gespräch über das "andere Europa" gerät Andrzej Stasiuk erst in Rage, als zwei Journalisten des Nouvel Obs ihn fragen, ob es in den exkommunistischen Ländern eine "Sehnsucht nach Europa" gebe: "Der Kommunismus ist doch eine rein europäische Realität! Hier wurde er erfunden, und hier hat man versucht, ihn zu verwirklichen. Wir können doch nicht sagen: Bei euch war der Kommunismus, und bei uns war Europa. Das ist nur ein weiterer Eiserner Vorhand im europäischen Denken - dieser Glaube, dass der Kommunismus 'anderswo' war. Er war hier, unter uns, und darum gehört er genauso zum europäischen Erbe wie die Renaissance, der Barock und die Loire-Schlösser. Und dann verstehe ich auch nicht so recht, was Sie mit 'Sehnsucht nach Europa' meinen. Soll das heißen, dass wir hier eine Sehnsucht empfinden, dass man kommt, um uns zu zivilisieren? Dass wir lernen, uns zu waschen, uns die Haare zu schneiden und eine laizistische und liberale Weltsicht zu vertreten?"

Außerdem im Nouvel Obs: Der antiliberale Essayist Michel Onfray, der ein sehr scharfes Blog gegen Nicolas Sarkozy führt, berichtet über eine gründlich misslungene Diskussion, die die beiden für eine Zeitschrift führen sollten.

Gazeta Wyborcza (Polen), 28.04.2007

"Nach 1989 war die Kenntnis deutscher Geschichte und Gegenwart und der deutschen Gesellschaft ein wichtiger Vorteil Polens in den gegenseitigen Beziehungen. Heute wird dieses Wissen aus politischen Gründen hinterfragt. Tiefe Gräben, die durch Verunglimpfungen und falsche Anschuldigungen entstanden sind, erschweren die notwendige Debatte über die Zukunft der deutsch-polnischen Nachbarschaft", sorgt sich die Politologin Anna Wolff-Poweska. Besonders Besorgnis erregend sei dabei die Stigmatisierung des Teils der liberalen Elite, der Träger der gegenseitigen Versöhnung und Verständigung war.

Auch Polen hat seine Debatte über den Umgang mit den Hinterlassenschaften des Kommunismus. Aufgrund eines entsprechenden Gesetzes wird eine neuerliche Welle von Straßenumbenenungen erwartet, aber auch einige anerkannte Gestalten der polnischen Kultur könnten ihre Denkmäler und Patronate zum Beispiel für Schulen verlieren - wegen ihrer anfänglichen Nähe zu den Kommunisten oder ihrer Herkunft. Pawel Smolenski spricht von einer "Säuberung der Landschaft", die die Revolution der Konservativen zu Ende führen wird. Dabei hatte man schon 1990 bei der Entfernung des zentralen Dscherschinski-Denkmals in Warschau gespottet, dass man lediglich den Kopf entfernen müsse, und ein neues Sienkiewicz-Denkmal wäre fast fertig.

Foglio (Italien), 28.04.2007

Camillo Langone feiert "Terra matta", die Autobiografie des weitgereisten, chaotischen und orthografisch kreativen sizilianischen Abenteurers Vincenzo Rabito als Essenz des Italienischen. "Florenz 1920: Und so sind wir Soldaten im Palazzo Vecchio stationiert. Diesen Palast müssen wir verteidigen. Wenn die Kommunisten mit ihren roten Fahnen kommen, müssen wir sie erschießen, und wenn die Faschisten kommen und ihre schwarze faschistische Fahne hissen, müssen wir sie auch erschießen. Also sind wir mitten zwischen zwei Revolutionen."

Weiteres: In Neuseeland, weiß Ugo Bertone, gibt es eine treue Anhängerschaft des Fiat Cinquecento, der dort "Schneekätzchen" gerufen wird (auch in Liechtenstein wird der 500 geliebt). Carlo Panella hält das Köpfen von Entführten im Irak nicht nur für eine Hinrichtung, sondern für einen neuen Ritus des Islamismus. Besprochen wird eine Ausstellung über Albrecht Dürer (der laut Maurizio Stefanini ja eigentlich ein Italiener war) in den Scuderien im Quirinalspalast in Rom.
Archiv: Foglio

Spectator (UK), 28.04.2007

Christopher Howse trifft die 86-jährige Anthropologin Mary Douglas, die mit ihren Forschungen über die Wertesysteme von Gesellschaften viel über die Terroristen von heute zu sagen hat. "'Die Enklavisten bilden eine Gruppe von gleichgesinnten Freunden, die die Rangordnungen, Zeremonien und ungleichheiten der äußeren Gesellschaft ablehnen. Ihre Kultur ist radikal und wütend.' Al Qaeda und ihre extremistischen Vorgänger sind Beispiele von Enklavisten. Sie können gefährlich werden, wenn sie die Mainstream-Gesellschaft verlassen - wie Mohammed, der den Staub Mekkas abschüttelte und sich mit einigen Getreuen auf den Weg nach Medina machte, um dort neu anzufangen. Der gegenwärtige Enklavismus ist so gefährlich, weil das Internet mit ihrer Gesellschaft Unzufriedene, die bisher isoliert waren, über den Computerbildschirm mit einer gemeinsamen Sache in Berührung bringt."

Zwei Artikel in dieser Ausgabe liest der Kontinentaleuropäer mit wachsendem Erstaunen: Liam Byrne, Minister für Einwanderung und Staatsbürgerschaft, fordert die Engländer (nicht die Briten insgesamt) auf, sich stärker gegen die drohende Abspaltung Schottlands zu engagieren. Und Hywell Williams analysiert die walisische Labour-Regierung, die dem Land seiner Ansicht nach nichts Gutes gebracht hat, um schlussendlich für die Unabhängigkeit von Wales zu plädieren. Wäre die drohende Zersplitterung des Vereinigten Königreichs nicht Anlass für eine größere Debatte - zwischen Engländern, Walisern UND Schotten? Oder ist das alles nur ein Sturm im Wasserglas?
Archiv: Spectator

Artnet (Deutschland), 26.04.2007

Offiziell sind bisher nur drei Künstler von der documenta bestätigt, schreibt Ludwig Seyfarth, aber er weiß natürlich wesentlich mehr und schlägt eine Kategorisierung in offizielle und öffentlich bekannte Künstler, sowie stille und wahrscheinliche Teilnehmer vor. "Offiziell heißt also im weitesten Sinne so etwas wie 'bestätigt'. Auch die öffentlichen und stillen Teilnehmer werden sicher 'amtliche' Bestätigungen durch die documenta erhalten haben, die aber nicht öffentlich kommuniziert werden. Insofern sind sie eigentlich offizielle, in diesem Sinne aber dann doch stille Teilnehmer. Und dann gibt es noch Künstlerinnen und Künstler, deren Namen nicht offiziell bekannt gegeben werden können, weil niemand sie kennt - so zum Beispiel ein anonymer persischer Miniaturmaler aus dem 14. Jahrhundert." Das Interessanteste an Seyfarths Artikel ist natürlich die Liste der Künstler: Von Saadane Afif über Gerhard Richter, J.D. Okhai Ojeikere und Ai Wei Wei bis Artur Zmijewski.
Archiv: Artnet

Economist (UK), 26.04.2007

Wenn es in Australien weiterhin so trocken bleibt, dürfen die Farmer am Murray-Darling-Fluss im nächsten Jahr ihre Felder nicht mehr bewässern, warnt der Economist, der den fünften Kontinent als Modellopfer des Kilimawandels betrachtet. "Die Dürre hat Australiens Wachstumsrate um ein Prozent verringert, schätzt die Regierung. Sie überweist täglich zwei Millionen australische Dollar Dürrehilfe an die Bauern. Wenn die Rebstöcke und Obstbäume in den nächsten Monaten wegen Wassermangels eingehen, wird der wirtschaftliche Ausfall ernster und dauerhafter sein. Die Probleme am Murray-Darling sollen sogar noch schlimmer werden. Australiens Bevölkerung wächst, die Nachfrage nach Wasser steigt in den Städten und Anbaugebieten, die im Flusstal liegen. Die globale Erwärmung scheint das Becken aufzuheizen und auszutrocknen."

Außerdem geht es um den Ärger der Filmstudios mit selbstbewussten Kinos und Stars, die auch am DVD-Verkauf beteiligt werden wollen. Als "unfair und amateurhaft" bezeichnet der Economist das Komplott gegen Siemens-Chef Klaus Kleinfeld.
Archiv: Economist
Stichwörter: Australien, Farmer, Wasser

Point (Frankreich), 26.04.2007

Natürlich sind die Magazine von den französischen Wahlen beherrscht. Bernard-Henri Levy sieht in seiner Kolumne durch die Marginalisierung der extremen Linken die französischen Sozialisten auf dem Weg in die Godesbergisierung: "Michel Rocard, Bernard Kouchner und Daniel Cohn-Bendit hatten recht, wenn auch vielleicht zu früh. Wenn man einerseits den Durchbruch von Francois Bayrou und andererseits den Zusammenbruch der extremen Linken sieht, drängt sich eine Schlussfolgerung auf: Es gibt keine linke Regierungsmehrheit mehr mit der Unterstützung der extremen Linken. Die Strategien der 'gauche plurielle' oder gar der 'union de la gauche' sind Vergangenheit. Anders gesagt: Die Linke kann weiterhin siegen, aber nur wenn sie sich mit einer dritten - zentristischen - Partei verbündet."

Im selben Heft ein langes Gespräch mit dem großen Ideenhistoriker Jean Starobinski, der ein Buch über die "Gabe" vorlegt.
Archiv: Point

Outlook India (Indien), 07.05.2007

Die Herausgeberin der indischen Marie Claire, Shefalee Vasudev, kritisiert ein Urteil des obersten Gerichtshofs, wonach sexuelle Verweigerung in der Ehe künftig als "mentale Grausamkeit" und damit als Scheidungsgrund gilt: "Wer keinen Sex will, muss also einen triftigen physischen Grund haben. Der impulsivste und vielleicht komplexeste Teil einer Ehe erhält eine Verfassung ... Allerdings erkennt das gleiche Gesetz weder Mangel an Zuneigung, Selbst- oder Eifersucht noch Verschiedenheit an Temperament, Charakter oder Meinung als Scheidungsgrund an." Die schöne neue Sensibilisierung der Gerichte in Sachen Scheidung und, paradoxerweise, ehelicher sexueller Nötigung, findet Vasudev, schießt damit übers Ziel hinaus.

Weiteres: Als Aufmacher zum 60. Geburtstag der Nation am 15. August dient ein Auszug aus Ramachandra Guhas Buch "India After Gandhi", das die Geschichte der weltgrößten Demokratie erzählt. In einem anderen Beitrag fordert der indische Premier Manmohan Singh "religöse Harmonie" statt bloße Toleranz. Und Pavan K. Varma feiert von Khushwant Singh übersetzte Urdu-Dichtungen.

HVG (Ungarn), 25.04.2007

Russland verwandelt sich in eine Diktatur, befürchtet die Oppositionspolitikerin Irina Chakamada, Vize-Vorsitzende der Nationaldemokratischen Union Russlands im Interview mit Moskau-Korrespondent Andras Nemeth. "Offiziell gibt es zwar mehrere Parteien, aber es gibt zwischen ihnen keinen Wettbewerb, es ist immer klar, dass die Regierungspartei die Wahlen gewinnt. Wir leben unter ständiger Unterdrückung, das Regime duldet keine anderen Meinungen. Es gibt keine echte politische Alternativen, im Parlament sind keine politischen Plattformen präsent, oppositionelle Parteien dürfen nicht gegründet werden, also wir haben die russische Version Chinas etabliert." Aber die Russen, so Chakamada, "sind keine Chinesen, es gibt bei uns keine konfuzianistische Tradition. Wir sind Europäer, auch wenn das manchmal in Zweifel gezogen wird."
Archiv: HVG

Groene Amsterdammer (Niederlande), 28.04.2007

Yves Desmet, Chef der preisgekrönten belgischen Tageszeitung De Morgen, legt im Interview seine niederländischen Nachbarn auf die Couch. "Ihr altes Überlegenheitsgefühl ist angeknackst. Seither tritt die andere Seite der niederländischen Psyche, ihr Selbstbewusstsein, zum Vorschein." Holland, vor dem Schicksalsjahr 2002 so offen und tolerant, habe sich in ein Land der rauen Debatten verwandelt, ein Land wo, so Desmet, "alles gedacht und gesagt werden muss". Doch sei der Unterschied kleiner als es auf den ersten Blick erscheine: "Das hat etwas mit dem Fundamentalismus zu tun, der über den protestantischen Glauben in der niederländischen Volksseele genetisch verankert sind. Wenn die Niederländer beschließen, das toleranteste Land der Welt zu sein, nun, dann sind sie das. Und wenn sie beschließen, dass es damit genug ist - dann ist es aber auch wirklich genug."
Stichwörter: Holland

New Yorker (USA), 07.05.2007

Larissa MacFarquhar porträtiert Barack Obama. Sie beginnt mit Fachdialogen über Ethanol aus Mais, die er mit Farmern seines Wahlkreises führt und beschreibt dann Obamas selbstgewisse Ruhe als seine eindrucksvollste Eigenschaft: "Das Seltsame an dieser Selbstgewissheit ist, dass sie so auffällig ist, wie die unnatürliche Ruhe von jemand, der durch reine Konzentration in der Lage ist, seinen Blutdruck zu senken. Er versucht gar nicht, wie ein Jedermann zu erscheinen, er ist entspannt, aber niemals anbiedernd, eher gütig als vertrauensselig. Seine Oberfläche ist so glatt, seine Bewegungen sind so leicht und flüssig, seine Stimme so fest und wohlabgewogen, dass er wie ein Schauspieler erscheint, der einen Politiker spielt. Es wirkt zu unangestrengt, um real zu sein."

Außerdem im New Yorker eine neue Erzählung von Colm Toibin und Anthony Lanes Besprechung von "Spider-Man 3" und "The Treatment".
Archiv: New Yorker

Magyar Hirlap (Ungarn), 25.04.2007

1989 sei kein "Systemwechsel" - das ist der gängige Begriff in Ungarn für die "Wende" -, sondern nur ein Übergang gewesen, meint der Jurist Peter Techet. "Unter Systemwechsel verstehen wir den vollkommenen Bruch mit dem früheren System. 1989 gab es aber nur einen rechtstaatlicher Übergang: von einem als legal akzeptierten politischen System zu einem neuen System, das auf der Legitimation des früheren Systems basiert. Wenn es einen echten Bruch gab, dann nur für einige Sekunden, als Matyas Szürös, erster Präsident der neu gegründeten Republik, am 23. Oktober 1989 die Republik ausrief. Das heißt natürlich nicht, dass wir heute immer noch im Kommunismus leben. Das ehemalige System löst sich seit Anfang der 1980er Jahre allmählich auf, um durch einen formalen Akt, ohne einen echten Bruch zum ungezügelten Kapitalismus überzugehen. Entweder akzeptieren wir den rechtsstaatlichen Übergang mit den Konsequenzen, die wir in den letzten 17 Jahren erlebt haben, oder wir versuchen eine völlig neue moralische Grundlage für eine neue Politik zu finden."

Ist Prag oder Budapest die touristische Hauptattraktion Mitteleuropas? Die Frage ist längst zugunsten Prags entschieden, schreibt die Zeitung. Bis 2013 will Budapest 800 Millionen Euro für die Modernisierung der innerstädtischen Bezirke ausgeben, um diesen Rückstand aufzuholen. "Prag hat Budapest weit überholt, und wir grübeln immer noch, wie es weiter gehen soll."
Stichwörter: Mitteleuropa

New York Times (USA), 29.04.2007

Im Magazin der New York Times stellt Jon Mooallem die erfolgreiche Fetisch-Seite Kink.com vor, staunend über das Selbstbewusstsein der Online-Pornoindustrie: Für die meisten Angestellten ist das eine Karriere wie jede andere auch. "Später am Nachmittag, während wir darauf warteten, dass Wild Bill geknebelt würde, erzählte mir Cohen, dass eine überproportionale Anzahl von Kink-Angestellten, er selbst eingeschlossen, an der University of Califonia in Santa Cruz studiert hätten. 'Das ist lustig', sagte er, denn er habe das Gefühl gehabt, die Fakultät sei sehr in einer siebziger Jahre mäßigen Antiporno-Haltung verhaftet. Eine andere, die gerade in Santa Cruz ihren Abschluss gemacht hatte, hörte unsere Unterhaltung und widersprach. Die zwei debattierten. Cohen erklärte ihr, dass seine Professoren alle zuviel Andrea Dworkin gelesen hätten. 'Alles dort ist eine einzige marxistisch-feministische Analyse', sagte er geringschätzig."

James Traub ist tief eingetaucht in die Welt der Muslimbrüder, die in Ägypten eine echte Opposition zu Mubarak darstellen. Auf religiösem Gebiet findet er sie moderat, auf politischem vernünftig (solange es nicht um Israel geht). Alles in allem "könnten die Muslimbrüder - trotz ihrer rhetorischen Unterstützung der Hamas - genaud die Art von moderatem Islamkörper sein, den die (amerikanische) Regierung angeblich sucht."