Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.01.2007. Verbrennt die Burka!, ruft Taslima Nasrin in Outlook India. Die ungarischen Bischöfe sollen sich ein Beispiel an ihren polnischen Kollegen nehmen, wünscht sich Nepszabadsag. Vanity Fair sieht die Zukunft der Presse in den Händen von Milliardären. In Folio erzählt der Ethnologe Nigel Barley, wie er sich vom Schälen seines Penisses freikaufen konnte. Der New Yorker porträtiert einen Al-Qaida-Mann, der zuviel Monopoly gespielt hat. In Reportajes beschreibt der Waffenhändler Carlos Cardoen die ausgeglichene Persönlichkeit Saddam Husseins. Il Foglio schildert den Erbfolgekrieg der zwei mächtigsten Casino-Mogule von Macao. In Al Hayat ärgert sich die Schriftstellerin Ghalia Qabbani über die Teheraner Holocaust-Konferenz.

Outlook India (Indien), 22.01.2007

Die Burka soll brennen! Mit deutlichen Worten fordert die Schriftstellerin Taslima Nasrin den Aufstand gegen den im Koran verordneten Schleierzwang und die Unterdrückung der Frau: "Die Burka meiner Mutter erinnerte mich an die mit einem Netz verhangene Speisekammer im Haus meiner Großmutter. Die Absicht ist hier wie da die gleiche: Das Fleisch sicher zu verwahren... Warum müssen sich Frauen verschleiern? Weil sie Sexobjekte sind. Es erregt Männer, sie zu sehen. Warum sollen Frauen für die sexuellen Probleme der Männer bestraft werden? Frauen haben auch sexuelle Bedürfnisse. Aber Männer müssen sich nicht bedecken. In keiner von Männern formulierten Religion wird Frauen eine eigenständige Existenz zugebilligt, als Menschen mit eigenen Wünschen und Meinungen. Doch der Verschleierungszwang demütigt nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Als würden sich alle Männer lüstern auf eine unverschleierte Frau stürzen. Verlieren sie ihren Verstand, nur weil sie eine Frau ohne Burqa sehen?"

Weitere Artikel: Chander Suta Dogra berichtet über die befriedende Wirkung indisch-pakistanischer Theaterproduktionen. Und Khushwant Singh hält die Lebensgeschichte Gandhis ("Mohandas"), erzählt von seinem Enkel Rajmohan Gandhi, für ein beglückendes Ereignis.
Stichwörter: Burka, Mutter, Taslima Nasrin

Nepszabadsag (Ungarn), 12.01.2007

Nach dem polnischen Erzbischof Wielgus ist nun auch der Prälat der Krakauer Wawel-Kathedrale, Janusz Bielanski, wegen seiner Kontakte zum kommunistischen Geheimdienst zurückgetreten. Laszlo Kasza fordert, dass sich die ungarischen Kardinäle an ihren polnischen Kollegen ein Beispiel nehmen sollen: "Alle Vorsitzenden der Ungarischen Bischofskonferenz - Czapik, Grösz, Ijjas, Lekai, Paskai, Seregely - und die meisten Bischöfe haben mit der ungarischen Staatssicherheit zusammengearbeitet. Im Unterschied zu Polen äußern sie sich nicht mal öffentlich dazu. (...) Der Erzbischof Wielgus erklärte bei seinem Rücktritt: 'Ich weiß, dass ich meiner Kirche erheblichen Schaden zugefügt habe'. Solche Schuldbekenntnisse hört man in Ungarn nie. Es gibt auch keine einzige konservative Zeitung in Ungarn, die Kardinäle als ehemalige Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes enttarnen würde, wie das die Gazeta Polska tat." (Mehr hier und hier zur Spitzel-Debatte über den Kardinal Paskai.)

Einige Ungarn können von keinem Historiker überzeugt werden, dass sie nicht von den Hunnen abstammen. Der Unternehmer Janos Kocsi will sogar die Burg des Hunnenkönigs Attila wieder aufbauen. "Wenn die Rumänen Geld mit dem Drakula-Mythos verdienen, dann können die Ungarn auch nicht auf Attila verzichten", zitiert ihn Zoltan Ötvös, der bemerkt, dass praktischerweise "keine Quellen überliefert sind, wo die Burg Attilas stand und wie sie aussah. Der Phantasie des Architekten Tibor Hayde waren also keine Grenzen gesetzt."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Geld, Krakau

Vanity Fair (USA), 01.02.2007

Michael Wolff liefert einen scharfsinnigen Artikel über den neuesten Sport amerikanischer Milliardäre: Zeitungen kaufen. David Geffen hat für die Los Angeles Times geboten, Ron Burkle und Eli Broad für die Tribune Company, Jack Welch für den Boston Globe und Hank Greenberg kauft massenhaft Aktien der New York Times, deren Marktwert angeblich bei schlappen 3,3 Milliarden Dollar liegt. Könnten das die Retter der vom Internet gebeutelten Zeitungen sein? Wolff traf einen "wirklich, wirklich reichen" Mann, der es auch gern tun würde. "Ich wies ihn darauf hin, dass nur noch alte Leute eine Tageszeitung lesen - Durchschnittsalter: 56. Er sagte, dass seiner Ansicht nach die Leute überhaupt erst anfangen Zeitungen zu lesen, wenn sie geheiratet und sich niedergelassen haben. (...) Aber was ist mit dem Anzeigenmarkt, fragte ich... Sein Standpunkt war klar: nur ein Weichei kann in einem schwierigen Markt nichts verkaufen. Kurz darauf blickte der Milliardär auf seine Uhr und ich wurde entlassen. 'Er hat keine Ahnung', sagte ich beim Rausgehen zu einem Mitarbeiter. Der Mitarbeiter erwiderte strahlend: 'Er ist möglicherweise der führende Experte im Kauf von Unternehmen, von denen er keine Ahnung hat.'"

Ob Sie nun verheiratet sind oder nicht - lesen Sie Sebastian Jungers ausgedruckt 11-seitige Reportage aus Nigeria, dann wissen Sie, warum diese Ausgabe von Vanity Fair jeden Cent wert ist. Es geht um Korruption, Gewalt und die Rebellen von der Mend, die mit Entführungen und bewaffneten Angriffen die Ölproduktion von Amerikas fünftgrößtem Lieferanten zu zerstören drohen. Auf Seite drei kommt ein Trupp der Mend ins Lager eines kleinen nigerianischen Dorfes, nachdem das Boot des Journalisten und seines Fotografen Mike Kamber, weggefahren worden ist. "Sie stiegen aus dem Boot, ihre Waffen auf die Hüfte gestützt, die Gesichter unbeweglich und ausdruckslos. Sie machten sich nicht die Mühe, uns anzusehen und wir trauten uns kaum, sie anzusehen. Sie trugen schwere tschechische Maschinengewehre, die Munitionsgürtel über die nackte Brust drapiert wie tödliche Schlangen..."

Lesenswert auch James Wolcotts bewegende Klage über die Mittelmäßigkeit amerikanischer Sexskandale. "Wenn es darum geht, einen politischen Sexskandal in ein wüstes Volksfest hochzupeitschen, sind uns die Briten haushoch überlegen - sie wissen wirklich, wie man die Bettlaken aufbläht."
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Archiv: Vanity Fair

Folio (Schweiz), 15.01.2007

Der Ethnologe Nigel Barley beschreibt, wie hart es ist, Schmerzrituale anderer Kulturen zu studieren: "Ich erforschte einmal ein Volk, bei dem der zentrale Ritus im Leben eines Mannes darin bestand, sich den Penis der Länge nach schälen zu lassen. Es war das Markenzeichen, das den Knaben vom Manne trennte. Wer sich dem Ritus nicht unterzog, war eine Heulsuse. Durch die Verwandlung wurde man zu einem richtigen Mann, dem Besten, was der Herrgott hervorgebracht hatte. Man durfte umherstolzieren und jeden beliebigen Eid auf das Beschneidungsmesser ablegen. Ich lag die ganze Nacht wach und fragte mich, ob ich wirklich ein echter Mann oder vielmehr: ein echter, hartgesottener Ethnologe werden müsse. Schließlich bezahlte ich eine Strafe von sechs Flaschen Bier an die Männer, um als 'ehrenhalber beschnitten' klassifiziert zu werden. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass es das Geschäft meines Lebens war."

Im Gespräch mit Andreas Heller und Gudrun Sachse behauptet der Schmerzforscher Walter Zieglgänsberger: "Soziokulturell lässt sich feststellen, dass Menschen, die einer niedrigeren sozialen Schicht angehören und viele Geschwister haben, weniger über Schmerzen klagen. Auch geht ein Norweger anders mit dem Schmerz um als ein Südeuropäer, was man auf dem Fußballplatz unschwer erkennen kann."

Weitere Artikel befassen sich mit dem Leiden von Schmerzpatienten, mit dem Weltmeister im Chiliessen, Foltertraining für amerikanische Spezialkommandos und der Geschichte des Morphiums.

In seiner Duftkolumne gewinnt Luca Turin der Verfilmung von Patrick Süskinds "Parfum" etwas Gutes ab: Thierry Mugler hat ihm die limitierte Edition zum Film geschickt: Sie "enthält 15 Düfte, die von Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz komponiert wurden und verschiedene Szenen des Films versinnlichen... Am besten gelungen sind die Schusterwerkstatt (Atelier Grimal), ein bitterer Lederakkord, und der Duft mit dem deprimierenden Namen Human Existence, der die größte, fäkalischste Dosis Zibet seit Menschengedenken enthält."
Archiv: Folio

Tygodnik Powszechny (Polen), 14.01.2007

Der Sieg der Orangen Revolution in der Ukraine hievte Viktor Juschtschenko vor fast genau zwei Jahren ins Präsidentenamt. Andrzej Brzeziecki zieht eine vernichtende Zwischenbilanz: "Sein drittes Amtsjahr beginnt Juschtschenko eingeschlossen in seinem Sitz in der Bankenstraße. Er ist zerstritten mit der Regierung, und seine Beziehungen zum Parlament sind auch nicht die besten. Seine Popularität schwindet - laut Umfragen wurde sein größter Rivale, Viktor Janukowytsch, Politiker des Jahres 2006. Das alles ist Folge seines Politikstils - er laviert zwischen den Parteien und versucht, seine Gegner gegeneinander auszuspielen, wobei er als Technokrat wenig Gespür für solche Spielchen hat. Sein Ansehen als Staatmann leidet. Heute hätte er keine Chance mehr auf eine Wiederwahl."
Stichwörter: Viktor Juschtschenko

New Yorker (USA), 22.01.2007

In einem Porträt beschreibt Raffi Khatchadourian (mehr hier), wie aus dem inzwischen 29-Jährigen Südkalifornier Adam Gadahn ein prominentes Mitglied von Al-Qaida und einer der weltweit meistgesuchten Terroristen wurde. "Adam Gadahns nom de guerre ist Azzam al-Amriki - Azzam, der Amerikaner. Er kann in klassischem Arabisch fließend aus dem Koran zitieren, und sein Englisch hat seit den späten Neunzigern, als er sich dem Dschihad anschloss, einen vagen Mittlerer-Osten-Akzent bekommen. Gelegentlich spricht er etwas, das man Dschihadlisch nennen könnte: eine besondere Mischung aus amerikanischer Mundart und militanter islamistischer Theorie. Gadahn dürfte der erste Al-Qaida-Agent sein, der religiöse Drohungen mit einer Anspielung auf Monopoly verknüpft: 'Wenn du in der Schlacht gegen die Muslime als Ungläubiger stirbst, fahre direkt zur Hölle und gehe nicht über Los'."

Weiteres: Steven Shapin rezensiert eine Kulturgeschichte des Vegetarismus: "The Bloodless Revolution: A Cultural History of Vegetarianism from 1600 to Modern Times". Die Kurzbesprechungen widmen sich heute nur einem Buch, dem Roman "Paula Spencer" von Roddy Doyle. Und Anthony Lane sah im Kino "Miss Potter" von Chris Noonan, eine Verfilmung der Lebensgeschichte der englischen Kinderbuchautorin und -illustratorin Beatrix Potter, und den Dokumentarfilm "Abduction: The Megumi Yokota Story" von Chris Sheridan und Patty Kim, produziert übrigens von Jane Campion. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Heirs" von Amos Oz.

Nur im Print: ein Porträt des amerikanischen Physikers, Umweltaktivisten und Träger des Alternativen Nobelpreises Amory Lovins (hier die Hompage des von ihm und seiner Frau gegründeten Rocky Mountain Institute), eine Reportage über eine Spurensuche nach dem ausgestorbenen Dodo auf Mauritius, ein Bericht über die Farbindustrie und Lyrik.
Archiv: New Yorker

Reportajes (Chile), 14.01.2007

In einem lesenswerten Interview erzählt der berühmt-berüchtigte chilenische Waffenhändler Carlos Cardoen von seinen abenteuerlichen Erlebnissen u. a. mit Saddam Hussein, Augusto Pinochet, Fidel Castro und George Bush: "Verfügt ein autokratischer Herrscher über Intelligenz, kann er die beste Regierung der Welt organisieren, aber jeder Mensch hat seine Beschränkungen. Am besten von allen habe ich Fidel Castro kennen gelernt. Er schien mir extrem intelligent, jedoch verblendet. Saddam Hussein machte auf mich den Eindruck einer sehr ausgeglichenen Persönlichkeit, bestens informiert und höchst aufmerksam. Trotzdem hat Saddam den Westen nie richtig verstanden. Mit Fidel Castro habe ich oft darüber gesprochen, wir waren beide derselben Meinung: Saddam hat durch seine Ungeschicklichkeit das Vorgehen der USA gegen den Irak erst möglich gemacht."

Norberto Fuentes beschreibt den Sicherheitskordon, den Fidel Castro um seine Familie errichtet hat: "Nicht einmal Fidels Bruder Raul hatte Zugang zu Fidels Familie. Raul jubelte, als sein Sohn Alejandro mit 20 endlich seine Vettern kennen lernen durfte."
Archiv: Reportajes

Foglio (Italien), 13.01.2007

Ugo Bertone schildert den hässlichen Erbfolgekrieg der zwei mächtigsten Casino-Mogule von Macao, den Geschwistern Stanley und Winnie Ho - 85 und 83 Jahre alt, aber kein bisschen friedlich. Es geht um viel Geld. "Stanley, der, bevor die amerikanischen Tycoons 2003 nach Macao strömten, alleine für ein Drittel des Steueraufkommens in Macao zuständig war, ist der Kopf des Glücksspielgeschäfts in dem Stadtstaat. Aber nur er, mächtig und alles andere als konfliktscheu, kann es mit seiner teuflischen Schwester aufnehmen, die bis 2001 im Imperium der Glücksspielhäuser der Familie als oberste Richterin fungierte. Dann wurde sie in den Ruhestand gezwungen. Kalt gestellt, aber nicht ausgeschaltet, wenn man die dreißig Verfahren betrachtet, die sie seitdem gegen den Bruder angestrengt hat."

Fabio Sindici schaut mit unverhohlenem Neid auf Londons zeitgenössische Kunstszene, deren unbestrittenes Zentrum die sensationell erfolgreiche Tate Modern ist. "Die Tate Modern schlägt alle anderen Museen moderner Kunst. Hier werden mehr Tickets verkauft als im Moma in New York, als im Guggenheim in Bilbao und im alten Centre Pompidou in Paris. Mehr als 150 Millionen Euro werden so pro Jahr eingenommen. Der Beitrag der kulturellen Institutionen Englands zum Bruttososzialprodukt, kombiniert mit denen des privaten Sektors, beläuft sich auf mehrere Milliarden. Da sollte sich Italien ein Beispiel nehmen."

Weiteres: Stefano di Michele widmet der Journalistin Lucia Annunziata, die hierzulande durch ein hitziges Interview mit Silvio Berlusconi bekannt wurde, ein bissiges Porträt, in dem er sie als machtbewusste "Äbtissin" charakterisiert. Pasquale Rinaldis erinnert an den jüdischen Schauspieler Herschmann Steinschneider, der unter dem Namen Eric Jan Hanussen als rhetorischer Berater für Adolf Hitler arbeitete und 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft von der Gestapo ermordet wurde. Dass einige Bienen keine genmanipulierten Pflanzen bestäuben wollen, nimmt Alessandro Giuli als böses Omen der menschlichen Hybris. Manuela Madamma meditiert zweiseitig (hier und hier) über den Beitrag der Drogen zur Literatur, von den Griechen zu William Burroughs.
Archiv: Foglio

Guardian (UK), 13.01.2007

T.S. Eliot hat das Diktum ausgegeben, dass man beim Schreiben nicht seine Persönlichkeit ausdrückt, sondern ihr entrinnt. In einem großen Essay will die Schriftstellerin Zadie Smith dies nicht länger glauben: "Für Schriftsteller ist es nicht einfach eine Sache der Fähigkeit, gut zu schreiben, sondern eine Frage des Charakters. Was braucht es, gut zu schreiben? Welcher persönlichen Qualitäten bedarf es? In den meisten Gebieten menschlicher Bestrebungen scheuen wir uns nicht, eine Verbindung zwischen Persönlichkeit und Fähigkeit herzustellen. Warum sprechen wir nie über diese Dinge, wenn es um Bücher geht?... Schriftsteller wissen, dass zwischen dem platonischen Ideal eines Romans und einem tatsächlichen Roman immer das eigene vermaledeite Selbst steht - eitel, getäuscht, kurzsichtig, feige, kompromittiert. Deshalb ist das Schreiben eine Kunst, die jeder Kunstfertigkeit trotzt: Kunstfertigkeit allein wird niemals einen Roman zu einem großen machen."

Weiteres: Jenny Uglow preist William Hogarth als den literarischsten und theatralischsten aller Maler, die Tate Britain widmet ihm jetzt eine Ausstellung. Als Buch der Woche stellt Hilary Mantel Chris Skidmores Biografie Edward VI. vor: König mit 9, tot mit 16 Jahren.
Archiv: Guardian

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 12.01.2007

Trägt das Internet wirklich zur Meinungsvielfalt bei? Der New Yorker Soziologe Eric Klinenberg bezweifelt das. "Zum Beispiel ist die digitale Spaltung der Gesellschaft viel weiter fortgeschritten, als man denkt. Umfragen des Center for the Digital Future an der University of Southern California haben ergeben, dass 21 Prozent der Amerikaner das Internet im Jahr 2005 überhaupt nicht genutzt haben. Ein Drittel aller amerikanischen Haushalte hat keinen Internetzugang, und von den übrigen zwei Dritteln verfügen weniger als 50 Prozent über einen Breitbandanschluss, der das Abrufen von Video- und Audiostreams erleichtert. Belegt ist, dass wohlhabende und gebildete Bürger viel häufiger als ärmere - und weiße oder asiatische Amerikaner eher als Afroamerikaner und Latinos - zu Hause über einen Anschluss verfügen und daher viel geübter sind im Auffinden neuer Nachrichtenquellen, Informationen, Unterhaltungsangebote und Dienstleistungen." Klinenbergs Fazit: Das Internet baut die Ungleichheitung unter den Bevölkerungsgruppen nicht ab, sondern verstärkt sie.

In einem Brief aus Ljubljana erklärt Boris Cizej, warum Slowenien journalistisch so uninteressant ist: Dem Land geht es einfach gut, fast herrsche ein "lethargischer Hedonismus": "Wir Slowenen haben mit unserem Selbstbild spezifische Schwierigkeiten - wir mussten keine sowjetischen Erniedrigungen hinter dem Eisernen Vorhang erdulden. Wir haben in einem tragikomischen, aber relativ freien Experimentierstaat gelebt und in diesem alles andere als eine Nebenrolle gespielt. Wir waren der entwickelte Norden, das Musterländle. Wir haben es genossen, zu den Champions zu gehören. Wir haben die 'sozialistische Selbstverwaltung' erfunden. Wir haben auch als erste vernehmbar unser Streben nach Demokratie, unseren Drang nach Europa verlauten lassen. Im jugoslawischen Spiegel waren wir es gewohnt, unser Bild als das schönste zu sehen."

Weiteres: Wendy Kristianasen berichtet von den jüngsten Verwerfungen im multikulturellen Großbritannien. Nina Baschkatow fordert eine gemeinsame europäische Energiepolitik gegenüber Russland. Und Bernard Rougier untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen der sunnitischen Hamas und der schiitischen Hisbollah.

Economist (UK), 12.01.2007

Israel ist für die Identitätsbildung der Juden, die außerhalb von Israel leben, nicht mehr von maßgeblicher Bedeutung. Das gilt besonders für die jüngere Generation, berichtet der Economist. "Juden, die zu jung sind, um sich daran zu erinnern, dass Israel 1967 drei arabische Armeen in sechs Tagen besiegte, sehen Israel nicht mehr als heroisch, moralisch überlegen, hilfsbedürftig oder auch nur relevant an. 'Israel im Zeitalter von Eminem', ein Bericht, der 2003 für die Andrea and Charles Bronfman Philanthropies, eine jüdische Wohltätigkeitsorganisation geschrieben wurde, endet mit der Feststellung: 'Es gibt eine Distanz zwischen jungen amerikanischen Juden und ihren israelischen Cousins, die es zwischen jungen amerikanischen Arabern nicht gibt und die bis dato auch in der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft nicht existiert hatte.' In einer Untersuchung von Steven M. Cohen (ein Soziologe am New Yorker Hebrew Union College) erklärten nur 57 Prozent der amerikanischen Juden, 'die Sorge um Israel sei sehr wichtig für ihr Jüdischsein'. In einer ähnlichen Untersuchung 1989 hatten das noch 73 Prozent behauptet."
Archiv: Economist
Stichwörter: 1967

Groene Amsterdammer (Niederlande), 12.01.2007

Würden wir uns mit der Türkei ein trojanisches Pferd in die EU holen? "Diese Angst ist großer Unsinn", sagt der britische Historiker Michael Burleigh (mehr) im Interview. "Die Türkei ist in militärischer Hinsicht unglaublich wichtig, sie ist schon seit langem ein Brückenkopf der Nato. Im Gegensatz zu den Niederlanden oder Belgien gehört die Türkei zu den wenigen europäischen Staaten, die in der Lage wären, einen Krieg zu führen. Würde die Türkei Mitglied der EU, wäre das eine wichtige symbolische Botschaft für die restliche islamische Welt. Es wäre ein kosmopolitisches Signal - ich bevorzuge den altmodischen Begriff kosmopolitisch anstelle von multikulturell - an die Gruppen in diesen Ländern, die mit dem Westen sympathisieren." Auf diese Menschen setzt Burleigh, denn "die liberalen, gebildeten Kreise, die Sie überall in Istanbul, Kairo und den anderen Großstädten finden, sind unsere natürlichen Verbündeten. Es gibt eine große, kosmopolitische Bourgeoisie und es gibt viele gute Schriftsteller, denen wir die Hand reichen sollten. Einen Krieg der Ideen, einen Wettstreit um die Sympathie der Bevölkerung - und das ist es natürlich - können wir nicht allein mit militärischen Mitteln gewinnen."
Stichwörter: Belgien, Nato

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.01.2007

Der Schriftsteller Peter Esterhazy ist über den antisemitischen Zeitungsartikel des Schriftstellers Tibor Gyurkovics schockiert und kritisiert die zweitgrößte Tageszeitung Ungarns Magyar Nemzet, dass sie ihn am 6. Januar druckte. Gyurkovics behauptete dort, dass die ungarischen Juden keine Identität hätten und stellt ihren Beitrag zum historischen Fortschritt in Ungarn in Frage. "Vor zehn oder fünfzehn Jahren hätte ich geschrieen, wenn ich so etwas in einer Zeitung erblickt hätte, ich hätte meinen Augen nicht getraut, ich hätte geschrieen, in der Hoffnung... egal, in welcher Hoffnung. Heute scheint dieser Ton akzeptabel zu sein, denn keine konservative Dame und kein konservativer Herr hat öffentlich gegen den Artikel protestiert."
Stichwörter: Peter Esterhazy

Point (Frankreich), 11.01.2007

In seinen Bloc-notes denkt Bernard-Henri Levy noch einmal über die Hinrichtung Saddams nach, die er für einen Fehler hält. Mit Bezugnahme auf Gershom Sholem, der zu Hannah Arendt gesagt haben soll, die Hinrichtung Eichmanns sei keineswegs die Höchst-, sondern die Minimalstrafe gewesen, argumentiert Levy: "Das Gleiche gilt für die heimlich vollzogene Exekution Saddams, für diesen Diktator, dessen unabgeschlossener, eigentlich kaum begonnener Prozess einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Es ist eine bagatellisierende Strafe, eine banalisierende Strafe. Eine Strafe - und eine Hinrichtung -, die zu Recht befürchten lässt, dass sie den ersten Akt des großen revisionistischen Unterfangens markiert, das die Massaker in gewissem Maße immer begleitet. Ganz zu schweigen von den Deppen, die (...) angesichts der letzten, über Internet verbreiteten Augenblicke des Despoten nicht müde werden auszurufen: 'Welche Würde! Welche Haltung!' Das ist im Grunde das Schlimmste."
Archiv: Point

Al Hayat (Libanon), 14.01.2007

Mit Verbitterung nahm so mancher die Holocaust-Konferenz in Teheran vor wenigen Wochen zur Kenntnis. Der Schriftstellerin Ghalia Qabbani ging es ähnlich. Für sie ist es unbegreiflich, dass arabische Intellektuelle sich mit Rechtsextremen wie dem Briten David Irving solidarisch zeigen: "Angesichts der Debatte um den Holocaust und um die holocaustleugnende Konferenz in Teheran frage ich all jene, die sich über diese Veranstaltung erfreut zeigten: Was gewinnen die Araber dadurch, dass sie den Holocaust leugnen - oder dadurch, dass sie diejenigen unterstützen, die den Holocaust leugnen? Eine solche Leugnung ist für die palästinensische Sache von keinerlei Nutzen. Es ist im Gegenteil für die Araber besser, die Haltung derer zu unterstützen, die den Holocaust nicht leugnen, die aber gleichzeitig die Politik Israels kritisieren und den Vorwurf erheben, Israel würde den Holocaust an der palästinensischen Bevölkerung wiederholen."

Angesicht der Vorstellung, die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal könnte die Wahlen in Frankreich gewinnen, gerät Muhammad al-Haddad ins Schwärmen: "Die zweite Französische Revolution".
Archiv: Al Hayat

New York Times (USA), 14.01.2007

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Ishmael Beahs Erfahrungsbericht "A Long Way Gone: Memoirs of a Boy Soldier," der demnächst als Buch erscheint; grausige Eindrücke aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone: "Josiah, mit elf Jahren etwas jünger als ich, lag neben mir, seine Augen auf das unsichtbare Ziel im Sumpf gerichtet ... Ich hörte, wie Josiah nach seiner Mutter schrie. Noch nie hatte ich eine so durchdringende Stimme gehört ... Eine Raketengranate hatte seinen kleinen Körper in die Luft gerissen und auf einen Baumstumpf geschleudert. Seine Beine zuckten und sein Schrei verstummte ... Manchmal mussten wir raus, während wir einen Film ansahen. Wir töteten viele Menschen und dann schauten wir den Film weiter, als kämen wir nach der Werbepause zurück."

Außerdem: Jim Holt stellt mit leuchtenden Augen den neuen Teilchenbeschleuniger des Cern vor, neben dem die Alpen "fast ein wenig schlampig" aussehen. James Traub porträtiert den Vorsitzenden der jüdischen Anti-Defamation League, Abraham Foxman, der die Vorstellung von einer angeblich allmächtigen "Israel Lobby" bekämpft. Deborah Solomon plaudert mit dem Lyriker John Ashbery über amerikanische Selbstverliebtheit und postum veröffentlichte Texte.

In der Book Review der New York Times liest sich Daniel Handler durch einen Haufen "sinnloser" Benimmliteratur für Kinder. Robert Pinsky findet Barbara Ehrenreichs Geschichte der kollektiven Ekstase, "Dancing in the Streets", nicht uninteressant, allein: "Dieser Pop-Anthropologie fehlt es an Pep." Maggie Galehouse schätzt Isabel Allendes historischen Roman "Ines of My Soul" (Auszug) für sein Zeitkolorit. Und Liesl Schillinger vermisst in Martin Amis' Gulag-Roman "House of Meetings" ein Gegengewicht zu den düsteren Erinnerungen eines Rotarmisten.