Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.01.2007. Der New Yorker denkt über die digitale Zukunft Hollywoods nach. In La Repubblica vergleicht Adriano Sofri die Hinrichtung Saddam Husseins mit der Mussolinis. Libanesische, irakische und syrische Autoren erklären in Al Hayat, warum die Hinrichtung ein Fehler war. Im Espresso ärgert sich Tahar Ben Jelloun, dass die Amerikaner nicht auch Pinochet aufgehängt haben. Die Gazeta Wyborcza fordert die Katholische Kirche zu einer Säuberungsaktion auf. In der Weltwoche wünscht sich Hans-Ulrich Wehler etwas mehr Biss von seinen Studenten. In der New York Times erzählt der Schriftsteller Richard Powers, wie er seine Bücher spricht.

New Yorker (USA), 15.01.2007

David Denbys Artikel über Hollywoods digitale Zukunft beginnt mit einem Selbstversuch. Er hat sich einen Video iPod auf den Bauch gelegt, um "Piraten der Karibik" zu sehen, "und da saß er nun, sich auf und ab bewegend mit jedem Atemzug. Ich stand auf der Black Pearl, na gut, stand auf ihrem Vorderdeck wie ein betrunkener Seemann, während sie durch die Wellen pflügte... Meine Ohren, von Kopfhörern gefüttert, lauschten Details wie dem Quietschen der Ankerkette oder Füßen, die über Stroh trampelten, aber tief unten duellierten sich Johnny Depp und Orlando Bloom wie zwei wütende Moskitos in einem Fass." Es ist der Auftakt zu einem langen Artikel über die irren Vorstellungen, die Hollywood von seinem Publikum hat

Weiteres: Neben allen anderem war Saddam Husseins Hinrichtung auch noch ein Paradebeispiel für das Desaster, das die Bushregierung im Irak veranstaltet hat, kommentiert Hendrik Hertzberg resigniert. In einem Brief aus Washington beschreibt Jeffrey Goldberg, wie unterschiedliche Auffassungen zur Außenpolitik die Demokraten spalten. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Bravado" von William Trevor.

Joan Acocella rezensiert den neuen Roman "House of Meetings" (Knopf) von Martin Amis. Pankaj Mishra bespricht das Gangsterepos "Sacred Games" von Vikram Chandra. Ted Friend stellt die letzte Staffel der TV-Serie "Rome" vor, die mit Caesars Tod beginnt. Und David Denby sah im Kino die "wunderbar unterhaltsame" Verfilmung eines Romans von Zoe Heller "Notes on a Scandal" von Richard Eyre und den neuen Film von Clint Eastwood "Letters from Iwo Jima", dessen Hauptfiguren leider bis zur Unglaubwürdigkeit "idealisiert" seien.
Archiv: New Yorker

Repubblica (Italien), 08.01.2007

In einem in La Repubblica veröffentlichten, im Internet online aber nur hier zu findenden Kommentar vergleicht Adriano Sofri (mehr) die Hinrichtung Mussolinis und Saddam Husseins. Beides, schreibt er, waren Akte des Krieges und noch dazu unrechtmäßig. "Der wahre Tyrannenmord - die draufgängerische Entscheidung des Augenblicks, nicht eines militärisch gestützten staatlichen Tribunals - war das edle Ideal der Antike, abgesehen davon, dass die Tat die Ziele verrät. Keine Gewalt anzuwenden, löst das Dilemma auch nicht, weder im Hinblick auf die Ziele noch die Mittel, weil die menschliche Natur nach wie vor habgierig bleibt. Eines Tages freunden wir uns vielleicht wieder mit der Todesstrafe an und versperren uns der Schönheit der Ausführungen von Cesare Beccaria: Wir sind schon soweit, sogar die Folter wieder anzuerkennen. Aber vielleicht schämt man sich aber auch eines Tages im Irak des Galgenstricks, wie wir uns für den Piazzale Loreto (Hinrichtungsort Mussolinis) schämen."
Archiv: Repubblica

Espresso (Italien), 08.01.2007

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun kreidet es den USA an, dass sich Augusto Pinochet nicht wie Saddam Hussein vor Gericht verantworten musste. "Der Mensch, das Individuum Pinochet interessiert dabei nicht. Er ist nur verachtenswert, der Abschaum der Menschheit. Aber seine politischen Taten, sein System ist von Interesse. Sie müssen beurteilt werden. Die Menschen gehen, die Verbrechen bleiben."
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Archiv: Espresso

Al Hayat (Libanon), 07.01.2007

In der wöchentlichen Beilage Tayyarat beschäftigen sich mehrere Kommentare mit der Hinrichtung Saddam Husseins. Die Kritik ist einhellig. Die libanesische Autorin Dalal al-Bizri bedauert es vor allem, dass die Chance vertan wurde, die Wahrheit über das verbrecherische Regime festzustellen: "Saddam Hussein hätte als blutiger Diktator ein gerechtes Verfahren verdient gehabt - nicht wegen der Idee der Gerechtigkeit als solcher... Aber ein gerechtes Verfahren wäre wichtig gewesen, angesichts all der Unterdrückten, die in diesem Prozess nicht vorkamen; wichtig, um die Geschichte von lebenden Zeugen in allen Details zu dokumentieren. Der Prozess gegen Saddam war nicht gerecht. Er beschränkte sich auf die Fälle 'al-Dajil' (ein Ort, in dem 1982 über 140 schiitische Dorfbewohner getötet worden waren) und 'Anfal' (die Bombardierung der Kurden im Nordirak). Nur von den Opfern dieser beiden Verbrechen war in dem Prozess die Rede. Die vielen anderen Opfer kamen nicht vor."

Ähnlich argumentiert der irakische Journalist Falih Abd al-Jabbar. Die Niederlage Justitias, die sich in dem Verfahren und in der Hinrichtung Saddam Husseins ausdrücke, bedeutet nichts anderes, als "dass der Eintritt des Iraks in eine neue Epoche weiter auf sich warten lässt. [?] Statt als Gesetzesbrecher erscheint der gehängte Präsident der Außenwelt als Opfer."

Auch der syrische Autor und Dissident Yassin al-Haj Salih sieht eine Chance vertan. Statt eine Epoche der Gesetzesherrschaft zu begründen, bedeutete die Hinrichtung eine Rückkehr im "Geiste der Rache und Vergeltung" zu einem Klima, für das Saddam Hussein ein Symbol war.
Archiv: Al Hayat

Gazeta Wyborcza (Polen), 06.01.2007

In den Wochenendausgaben der polnischen Zeitungen gab es nur ein Thema: die Spitzelarbeit des am Sonntag zurückgetretenen Warschauer Erzbischofs Stansilaw Wielgus für den kommunistischen Geheimdienst. Für Jaroslaw Makowski, Publizist der linksliberalen Zeitschrift Krytyka Polityczna, stellt sich die Frage nach dem Wie-Weiter für die polnische Kirche und ihrem Ansehen in der Gesellschaft. Er meint: "Ob Wielgus die päpstliche Nominierung nicht hätte besser ablehnen sollen, spielt keine Rolle mehr. Wichtiger ist die Frage nach den Folgen für die katholische Kirche. Der Ansehensverlust ist immens - zynische Journalisten haben das Sensationspotenzial der Geschichten über Pfarrer-Agenten entdeckt. Es ist im Interesse der Kirche und der Gläubigen, schnellstmöglich eine historische Kommission mit der Bearbeitung aller relevanten Akten des früheren Geheimdienstes zu beauftragen. Die Kirchenoberen haben keine Alternative - entweder sie säubern ihre Reihen selbst oder diese Aufgabe übernehmen sensationslüsterne Journalisten."

Figaro (Frankreich), 05.01.2007

In Frankreich bereitet man sich auf die Präsidentenwahl vor, deren erster Wahlgang am 22. April ansteht. Der Figaro bringt dazu nun wöchentlich Beiträge von Intellektuellen und Politikern, die das Verhältnis der Franzosen zur Politik ausloten sollen. In dieser Woche denkt der Philosoph und ehemalige französische Erziehungsminister Luc Ferry über das Verhältnis von Politik und Privatleben nach und benennt als Haupttendenz, dass die "Politik immer mehr zum Lebenshelfer für den Alltag wird und nicht umgekehrt". Ferry begrüßt das: "Nach meiner Überzeugung bedeutet die Sakralisierung der Privatsphäre als Hauptsinn des Lebens, die wir heute erleben, keineswegs einen 'Rückzug in den Individualismus', wie viele mit enttäuschter Herablassung konstatieren, sondern im Gegenteil eine ungeheure Erweiterung des Horizonts: die Wahrheit eines endlich zur Reife gelangten Humanismus und nicht sein Abdriften in den 'liberalen Egoismus'."

Zum gleichen Thema untersucht der Soziologe Dominique Wolton die Frage, ob die Franzosen von der Politik abgestoßen oder fasziniert sind.
Archiv: Figaro

Spectator (UK), 05.01.2007

"Innerhalb der nächsten zwölf Monate werden die Amerikaner oder die Israelis Militärschläge gegen den Iran führen, um dessen atomare Ambitionen zunichte zu machen. Diese Schläge werden eher früher als später kommen. Und sie werden wahrscheinlich atomar sein", schreibt Douglas Davis, der offenbar eine sprudelnde Quelle in Israel aufgetan hat. Das Problem für Davis ist nur, dass der Iran genau dies zu provozieren scheine: "Es gibt Berichte, nach denen der Iran zusätzlich zu seinem eigenen Atomprogramm mehrere Atombomben 'aus dem Regal' von Schurken-Technikern aus der früheren Sowjetunion gekauft hat. Der Iran könnte also, ganz abgesehen von der Aufregung um sein Atomprogramm, längst mehrere taktische Atomwaffen in seinem Arsenal haben. Wenn Israel sich zu einem Vorausschlag veranlasst fühlt, könnten die Iraner denken, dass die internationale Gemeinschaft eine atomare Antwort des Irans für proportional, wenn nicht gar gerechtfertigt ansehen würde."

In London soll die bisher größte britische Moschee gebaut werden: 70.000 Menschen sollen darin Platz haben, 300 Millionen Pfund sind als Kosten veranschlagt, berichten Irfan al-Alawi und S. Schwartz: "Unter Nicht-Muslimen wird die Errichtung einer solch großen Moschee auf Ablehnung stoßen. Aber sie weckt auch Unbehagen unter Muslimen. Die Markaz-Moschee wird keine Minarette habe - sunnitische Fundamentalisten hassen Minarette -, sondern ein System von Windturbinen, mit denen sie wie aus einem Science-Fiction-Film aussehen wird. Noch umstrittener ist jedoch, dass das Projekt von der islamischen Separatisten-Bewegung Tabligh-i-Jamaat unterstützt wird. Die Tabligh ist eine missionierende Sekte, die seit den Schreckenstaten vom 11. September unter scharfer Beobachtung steht. Mit ihrer Interpretation des Islams ist sie keine Hauptrichtung, sondern, nach eigenen Behauptungen, reformistisch - wie die von den Saudis finanzierten Wahhabiten, die extremistische Muslim-Bruderschaft in Ägypten und die Jamaat-e-Islami in Pakistan."

Weiteres: In einem aus dem Telegraph übernommenen Artikel kann sich Niall Ferguson die Tatsache, dass Saddam Hussein am Galgen endete, nur mit dessen Blödheit erklären: "Damit ein (allmächtiger) Diktator sein Leben am Strick oder vor dem Erschießungskommando beendet, braucht es eine seltene Kombination von Verruchtheit und Dummheit: Erstere um den Zorn seiner Landsleute zu erregen, letztere um sich mit Armeen anzulegen, die stärker als seine eigene sind."
Archiv: Spectator

Weltwoche (Schweiz), 04.01.2007

In einem langen Interview wünscht sich der Historiker Hans-Ulrich Wehler etwas mehr Biss von der jüngeren Generation. "Das irritiert mich zutiefst. Es herrscht professionelle Zurückhaltung. Und wenn ich einem Jüngeren sage: Schreib doch mal, dass die Türkei nicht nach Europa gehört, wenn du das schon denkst - dann sagt der mir: Muss das jetzt sein, sich so zu exponieren? Und die gehen auch gar nicht mehr so gerne raus, in fremde Länder, und setzen sich der Unsicherheit aus, andere Sprache, andere Studenten... Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Ihr müsst euch engagieren, egal für was. Im Augenblick ist mein Fleißigster der Paul Nolte, der macht die Klappe auf."

Thomas Widmer hat im Grand Casino Baden am Poker-Turnier teilgenommen: "Ich gestehe es an dieser Stelle: 'Tom The Mask' war leicht überfordert. 'Wenn du nach einer halben Stunde am Tisch noch nicht weißt, wer der Dumme ist, dann bist du der Dumme', hat die Pokerlegende Amarillo Slim einmal gesagt. Mir war auch nach vier Stunden am Tisch unklar, wer hier der Dumme war."

Weiteres: Lorenzo de' Medici erinnert an seine Urahnin Caterina de Medici, der die Franzosen die Schokolade, das Parfum und die Bartholomäusnacht verdanken. Und Bernard-Henri Levy fordert, nach Pinochet möge mit Castro nicht noch ein Diktator friedlich im Bett sterben.
Archiv: Weltwoche

HVG (Ungarn), 04.01.2007

Der Historiker Andras Gerö bilanziert die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Ungarn als die Zeit der Kleinbürger. Als solche seien die Ungarn zwar leidenschaftliche Patrioten, sobald konkrete politische Konsequenzen drohen, rudern sie aber schnell zurück, meint Gerö: "Es war ein pragmatischer Schritt, als sich die Ungarn in einem Referendum dagegen entschieden, dass mehrere Millionen Ungarn, die in den Nachbarländern leben, die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen sollen. Ihre Einbürgerung wäre kompliziert und kostspielig gewesen. ... Emotional identifizieren sie sich mit den außerhalb der Landesgrenzen lebenden Ungarn: die Hymne der Szekler (Ungarn in Transsylvanien, heute: Rumänien) wird in Budapester Massenkundgebungen gesungen, der Transsylvanien-Kult ist überall in Ungarn verbreitet. Die Krone gilt als Symbol von Groß-Ungarn allgemein als heilig. ... Das Land lebt in einem illusionären Nationalismus der kleinbürgerlichen Art: Was die Realität betrifft, ist man sehr rational, aber man steht emotional nicht dahinter. Und umgekehrt: die Illusionen, mit denen man sich emotional identifiziert, unterstützt man nicht politisch."
Archiv: HVG

Point (Frankreich), 04.01.2007

In "American Black Box", dem dritten Band seines Tagebuchs Theatre des operations (das nach seinem Rauswurf bei Gallimard nun bei Albin Michel erscheint), rechnet der nach Kanada ausgewanderte Schriftsteller Maurice G. Dantec mit dem "masochistischen" Westen und seinen "modernistischen" Auswüchsen ab. In einem recht vollmundigen Interview spricht der bekennende Reaktionär über seine politischen Überzeugungen und den neuen Band. "In meinem Buch nenne ich den Islam eine 'Götzenverehrung des einzigen Gottes'. Der Islamismus ist nichts weiter als eine orthodoxe Auslegung der Korangesetze, die systematische Anwendung der religiösen, ethischen und politischen Vorschriften des Islam. Man kann dennoch eine klare Differenzierung zwischen einem Muslim machen, der zum Dialog mit den 'Ungläubigen' bereit ist, und einem Muslim, für den diese 'Ungläubigen' ausgelöscht oder versklavt werden sollten. Man konnte sogar 1940 deutscher Nationalist sein, ohne Nazi zu sein."

In seinen Bloc-notes lässt Bernard-Henri Levy gewohnt eigenwillig das Jahr 2006 Revue passieren. Beispiel: "Es ist das Jahr, in dem sich Peter Handke, seine Serbenliebe (serbitude) bis zum Erbrechen zur Schau tragend, endgültig entehrt hat."
Archiv: Point

New York Times (USA), 07.01.2007

Von wegen Schriftsteller! Richard Powers (mehr) outet sich als Vokalist. Liegt im Bett und sabbelt seine Romane in ein Spracherkennungsprogramm, seit Jahren schon! Nichts naheliegender als das, schreibt, pardon, sagt Powers: "Was könnte dem Fluss unserer Gedanken hinderlicher sein als die ständigen Unterbrechungen, wenn sich das Kurzzeitgedächtnis müht, riesige musikalische Einheiten durch unsere Finger zu pressen, einen langweiligen Buchstaben nach dem andern ... Ich vergesse die Anwesenheit der Maschine. Ich kann mich über den Satz hinaus und in ganzen Abschnitten bewegen und die rhythmischen Bögen erfassen, bevor sie verschwinden. Ich muss nicht warten, verarbeiten, abschicken und wieder warten. Ich verwende weniger Zeit auf Orthografie und Fingerakrobatik und mehr darauf, meinen Figuren zu lauschen, wie sie sich ins Leben sprechen. Vor allem bin ich näher an der Bedeutung meiner Sprache, wie sie sich durch die innere Stimme des Lesers/Hörers materialisiert."

Weitere Artikel: Ethan Bronner wundert sich über die verquere Parteilichkeit in Jimmy Carters Darstellung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ("Palestine Peace Not Apartheid"). Fouad Ajami zweifelt, ob er Pervez Musharrafs "In the Line of Fire" für die Autobiografie eines Staatslenkers oder eines Popstars halten soll. Und Dave Itzkoff hält Michael Crichtons neuesten fiktionalen Wurf (Auszug "Next") für gezielte Desinformation.
Stichwörter: Richard Powers