Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
14.03.2006. Der New Yorker betrachtet einen schlanken Alien: Hedi Slimane von Dior Homme. Für Muslime gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Wissenschaft und Glaube, fürchtet Tahar Ben Jelloun in Le Monde diplomatique. Muslime in Dänemark könnten das Schicksal der Tutsi erleiden, fürchtet Al Ahram. Im Express erinnert sich der israelische Dichter Haim Gouri an den Sechstagekrieg. In der EU hat Polen die Rolle der geplagten Tante, meint Bronislaw Geremek in der Gazeta Wyborcza. Foglio beschreibt das erotische Vergnügen beim Wählen der falschen Partei. Le Point feiert Berlin. Die Weltwoche erklärt, wie die Mafia staatliches Versagen auffängt. Foreign Policy prophezeit Chinas Verfall.

New Yorker (USA), 20.03.2006

Nick Paumgarten macht sich ein Bild von Hedi Slimane (Homepage), dem gefeierten Chefdesigner von Dior Homme, der aber auch nach mehreren Besuchen ein buntes, fremdartiges Tier zu bleiben scheint. "Hedi Slimane kann nicht fahren. Er würde es gerne lernen, findet aber einfach nicht die Zeit dafür. In Paris ist rund um die Uhr ein Fahrer mit einem Wagen in Bereitschaft, falls er in den frühen Morgenstunden auf Modelsuche geht. Der Wagen ist ein Jaguar. Der Fahrer trägt Dior. 'Es wäre ein bisschen seltsam, wenn er in einem komischen Anzug daherkommen würde', sagt Slimane. Er unterscheidet sich von den meisten anderen Designern dadurch, dass er Unbekannte oder Laien für seine Shows castet. Wie alle in dem Gewerbe nennt er sie Boys. Er findet sie auf der Straße oder in Clubs - was Slimane 'Boy Safari' nennt. Er will nicht damit herausrücken, was seine Kriterien sind, und sie unterscheiden sich von Show zu Show, aber grundsätzlich bevorzugt er große, schlanke, leicht androgyne und englische Jungs. Normalerweise überlässt er einem Assistenten die Kontaktaufnahme, aber wenn er allein ist, macht er es auch selbst." Hier die sehenswerte Seite der Dior-Männerkollektion.

Weitere Artikel in dieser körperbetonten Ausgabe: Bei den 613 Centerfolds der vergangenen 60 Jahre, die im "Playmate Book" des Taschen Verlags abgebildet sind, erkennt Joan Acocella ein Urmodell: der Kopf von Shirley Temple, der Unterbau von Jayne Mansfield. Hilton. Als bewundert die Physis von Cate Blanchett in Andrew Uptons "stromlinienförmiger" Adaption von Henrik Ibsens "Hedda Gabler" in New York. Paul Goldberger bewundert die Bauten von Herzog und de Meuron, vor allem die Allianz-Arena in München. Und David Denby wendet sich angewidert von dem Film "V for Vendetta" ab, der die "reinigende Kraft von Gewaltakten" propagiere.
Archiv: New Yorker

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 10.03.2006

Man muss der islamischen Welt einfach noch etwas Zeit geben, Kirche und Staat zu trennen, meint Tahar Ben Jelloun anlässlich des Karikaturenstreits. "In einem Gespräch mit Studenten der Technischen Universität in Tanger hat mir kürzlich ein junger Mann, der Elektroingenieur werden will, erklärt: 'Für uns ist der Islam keine Religion, er ist unsere Verfassung. Er gibt uns eine Moral, Gesetze, Rechte und eine Kultur!' Ich habe ihm gesagt, dass er Glauben und Wissenschaft verwechselt. Überzeugen konnte ich ihn nicht. Der Karikaturenstreit zeigt, welch tiefer Graben zwischen dem Westen und der islamischen Welt klafft", obwohl letztere mit großer Begeisterung westliche Markenartikel und westliche Technologien kauft. "Aber vielleicht trügt der Schein. Das grundlegende Problem ist ein anderes, es liegt in der Identität eines Volkes, das mit seiner Religion, dem Islam, verschmilzt. Das schafft eine Schizophrenie, ein Zugleich von zwei entgegengesetzten Weltanschauungen in ein und derselben Person."

Le Monde diplomatique hat außerdem eine Reportage des britischen Historikers und Romanciers William Dalrymple über die Koranschulen in Pakistan übernommen. Der äußerst lesenswerte Artikel, der im Dezember in der New York Review of Books erstmals veröffentlicht wurde, erklärt, warum an diesen Schulen - so fundamentalistisch sie zum Teil auch sein mögen - kaum Terroristen herangezogen werden. Die sind eher Absolventen der London School of Economics, wie der Mann, der Daniel Pearl ermordete.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 09.03.2006

Anlässlich des Internationalen Frauentages zieht Amira El-Noshokaty eine für die ägyptische Frau deprimierende Bilanz: "Der Schutz der Frau, ihre politischen und zivilen Rechte, die Frauenforschung, die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten - das alles ist in Gang", zeitigt bisher jedoch nur bescheidene Erfolge. Die Realität ist immer noch dies: "Nach einem Bericht des ägyptischen Human Development Report von 2005 sind über 90 Prozent aller verheirateten Frauen Opfer von Genitalverstümmelung, die Analphabetinnen-Quote beträgt bis zu 85 Prozent auf dem Land und 57 Prozent in den Städten."

Abdallah Al-Ashaal, ehemaliger Assistent des ägyptischen Außenministers, plädiert dafür, Dänemark wegen der Karikaturen vor dem Europäischen Gerichtshof oder dem Internationalen Gerichtshof zu verklagen. Er ist überzeugt, dass die Dänen die Menschenrechte der Muslime verletzt haben und versteigt sich zu einem bizarren Vergleich: "Sicherlich ist der dänischen Regierung bekannt, dass ihr Land ein Zentrum für fremdenfeindlichen Hass und Gewalt gegen muslimische Immigranten geworden ist. Sicherlich wollen sie nicht, dass ihre Zeitungen das Feuer anfachen und eine Situation erzeugen, die für Muslime in Aussicht stellt, was die Tutsi in Ruanda erwartete."

Weitere Artikel: Nevine El-Aref verfolgt den mysteriösen Weg einer ägyptischen Totenmaske der 19. Dynastie in ein Museum in den USA. Youseff Rakha porträtiert die in London lebende arabische Schriftstellerin Hanan al-Shaykh. Und Eva Dadrian besucht eine Ausstellung zum 1600. Geburtstag des Armenischen Alphabets in der Bibliothek von Alexandria.
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Express (Frankreich), 13.03.2006

Anlässlich der bevorstehenden Wahl in Israel am 28. März startet L'Express eine Interviewserie. Den Beginn macht Haim Gouri, ein bekannter israelischer Lyriker, Schriftsteller, Journalist und Dokumentarfilmer. Der 1923 in Tel Aviv geborene Sohn russischer Juden gibt darin Auskunft über seine Kindheit und Jugend im jungen Staat Israel, seinen zionistischen Traum und die gegenwärtige Realität. Über seine Teilnahme am Sechstagekrieg 1967 erzählt er: "... auf dem Weg nach Norden war alles wie ausgestorben. Auf den Dächern wehten weiße Fahnen und die Menschen hatten sich hinter den Mauern verkrochen. Am Wegrand sah ich eine junge arabische Frau, ganz in Schwarz, sehr schön, wie erstarrt und unter Schock. Es war, als wollte sie mir sagen: 'Ich bin hier, und ich bin euer Problem.' Das war die brutale Rückkehr der Wirklichkeit: Unsere beiden Völker sind aneinander gebunden, man kann sie nicht voneinander trennen, aber man kann sie auch nicht vermischen." Seinen alten Traum von einem Staat, in dem Israelis und Araber zusammen leben, hält er heute für "nicht realistisch. Wir müssen uns trennen. Zwei Staaten für zwei Nationen." Die Serie wird in der kommenden Woche mit dem israelischen Historiker und Politologen Ilan Greilsammer fortgesetzt.
Archiv: Express
Stichwörter: Tel Aviv, 1967, Sechstagekrieg, Haim

Gazeta Wyborcza (Polen), 11.03.2006

In einem langen, lesenwerten Interview zeigt sich der EU-Abgeordnete und ehemalige Außenminister Polens Bronislaw Geremek überzeugt von der Idee der europäischen Einigung. "Eine Vertiefung der Integration ist gut für Polen, denn in einer schwachen Union werden wir unsere Interessen nicht realisieren können. Polen sollte seine historischen Erfahrungen einbringen und unterstreichen, dass die EU eine antitotalitäre Struktur hat. Und wir sollten die Ostpolitik mitbestimmen. Bisher konnten wir unsere Partner nicht davon überzeugen, dass sie Polens Stimme als eine aus Erfahrung kluge behandeln sollten und nicht wie den Aufschrei einer geplagten Tante."

Piotr Buras ist enttäuscht vom Besuch des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski in Deutschland. "Die Beziehungen zu Deutschland sind in letzter Zeit Geisel innenpolitischer Auseinandersetzungen geworden. Die neue Regierung behandelte den Nachbarn lange wie eine oppositionelle Partei im heimischen Parlament: wenn wir uns in prinzipiellen Dingen unterscheiden, dann haben wir nichts zu besprechen."

Außerdem: Wojciech Orlinski empört sich sich über die Klischees vom unheimlichen Osten, die Eli Roth in seinem von Quentin Tarantino produzierten Horrorfilm "Hostel" bediene. Es geht um zwei amerikanische Rucksacktouristen, denen in einer entlegenen slowakischen Herberge Schlimmes widerfährt. Auch die slowakische Regierung sah sich zu Protesten veranlasst. "In der westlichen Massenkultur gilt Ostmitteleuropa als exotisch und nah zugleich. Ein Schriftsteller bezeichnete dies einmal als 'familiar outlandishness'".

Foglio (Italien), 11.03.2006

Edoardo Camurri wettert gegen die Allgegenwart und Allmacht der Zahlen, sei es in den Bestsellerlisten oder in Wahlumfragen (Artikel als pdf). "Die Politik ist wie das Kamasutra. Es ist offensichtlich, dass während einer Umfrage einige befragte Bürger gut dastehen wollen und nicht zugeben, jemanden zu wählen, gegen den es irgendwelche gesellschaftlichen Vorbehalte gibt. Wie mit jedem großen erotischen Vergnügen besteht das Schöne darin, es hinauszuzögern, es erst in der Wahlkabine zuzugeben: die luxuriöse Enthüllung des eigenen politischen Es in der Form des ungewünschten Kreuzchens, hinter einem schützenden Vorhang. Die wissenschaftliche Umfrage ist in gesellschaftlicher und qualitativer Hinsicht ein Hirngespinst."

Andrea Pipino porträtiert den umstrittenen russischen Autor Eduard Limonow, der die nationalbolschewistische Partei gegründet hat und sich als einziger moderner Schriftsteller seines Landes bezeichnet (pdf).
Archiv: Foglio
Stichwörter: Eduard Limonow

Espresso (Italien), 16.03.2006

Umberto Eco wird nicht müde, die Abwahl Berlusconis herbeizuschreiben. Diesmal geht es um den sagenhaft erfolglosen Außenpolitiker. "Bevor Bush den Krieg im Irak lostrat, ging Berlusconi zu ihm und sagte (laut den eigenen Aussagen, die in allen Zeitungen veröffentlicht wurden), dass er das nicht tun sollte. Prompt sammelt Bush die Marines und fängt an, Bagdad zu bombardieren. Berlusconi lädt Putin in seine Villa ein, zupft ihn am Ärmel und sagt "Hier bin ich der Chef". Prompt kürzt uns Putin die Gaslieferungen. Berlusconi reist zu Gaddafi, kommt zurück und meint, dass alles klar ist, dass wir mit Libyen einig sind, dass die kleinen Vorfälle überwunden sind, dass man Freundlichkeiten ausgetauscht hat. Prompt droht Gaddafi mit scheußlichen Massakern, durchsetzt mit Beleidigungen."

Im Titel ruft Denise Pardo das Ende des Fernsehens alter italienischer Prägung aus, dass die ganze Familie vor dem Flimmerkasten versammelte.
Archiv: Espresso
Stichwörter: Umberto Eco, Irak, Libyen

Point (Frankreich), 10.03.2006

Berlin erfreut sich "beispielloser Beliebtheit" und hat sich zur "Modestadt der unter Vierzigjährigen" entwickelt, konstatiert die Deutschlandkorrespondentin des Point, Pascale Hugues. In ihrer ausführlichen Reportage berichtet sie über die Abwanderungsbewegungen junger Familien ins grüne Umland, die damit Platz für die Jungen schafften, die Entwicklung der beliebtsten Wohnquartiere und die diversen Berliner Talentszenen. "Berlin hat auch Hamburg und das Rheinland entthront, um, zusammen mit München, zur deutschen Kinohauptstadt zu werden. Die jungen Regisseure der neuen deutschen Welle arbeiten in Berlin, und die Studios in Babelsberg locken Großproduktionen an. Berlin ist die Stadt, in der sich die neue deutsche Realität abspielt, der Ost-West-Schock, der für Münchner oder Hamburger so abstrakt bleibt. Eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Filmemacher und Schriftsteller. In den Cafes im Prenzlauer Berg sitzt einer von zwei Besuchern vor einem Notizblock. Die neue deutsche Literatur wird in Berlin geschrieben."
Archiv: Point

Reportajes (Chile), 12.03.2006

Am 28. März feiert Mario Vargas Llosa seinen 70. Geburtstag. Seinem chilenischen Hausblatt Reportajes gewährte er ein ausführliches Vorab-Interview zu Leben und Werk: "Ich glaube, in vielerlei Hinsicht bin ich ein sogenannter Linker: jemand, der an die Trennung von Staat und Kirche glaubt, an gesellschaftliche Reformen, der die Homosexuellen-Ehe, das Recht auf Abtreibung und die Legalisierung der Drogen befürwortet. Aber zugleich liebe ich die Freiheit, und das bringt mich oftmals in radikalen Gegensatz zur Linken, weil Teile der Linken anderer Auffassung sind, sie sind bereit, die Freiheit zugunsten der Macht zu opfern. Also attackiere ich Diktatoren, auch linke Diktatoren wie Castro oder Chavez, so wie ich vom ersten bis zum letzten Tag Pinochet kritisiert habe."

Sohn Alvaro Vargas Llosa hat für dieselbe Ausgabe den brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva befragt. Angebliche hegemonische Bestrebungen Brasiliens für den südlichen Teil Amerikas bestreitet Lula: "Nehmen wir uns doch lieber die europäische Einigung zum Vorbild: Wer hat dort das Sagen - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien? Was ich dort entdecke, ist der von allen geteilte Versuch, eine Integration herbeizuführen."
Archiv: Reportajes

Guardian (UK), 13.03.2006

Die Book Review war noch nicht online, also sind wir einfach ein bisschen auf der Seite rumgesurft und haben ein interessantes blog beim Guardian gefunden. Leser empfehlen Lesern Autoren aus einem Land. Diesmal ist es Tschechien - beziehungsweise Autoren, die Tschechisch geschrieben haben. Rilke und Kafka fielen damit raus, was heftig kritisiert wird. Kontrovers diskutiert wird die Güte von Kunderas Werk, Sieger in der Lesergunst ist wohl Bohumil Hrabal (kann man nix gegen sagen), aber es werden auch eine Menge weniger bekannter Autoren vorgeschlagen. Und ein Leser gibt einen nützlichen Link zu einem tschechisch-deutsch-englisch-französischem Portal für tschechische Literatur. Das Archiv ist offenbar noch im Aufbau, lesen kann man aber immerhin auch die Empfehlungen für polnische und finnische Autoren.
Archiv: Guardian
Stichwörter: Bohumil Hrabal, Tschechien

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.03.2006

Der Vorstand der Ungarischen Reformierten Kirche unternahm jüngst einen recht verblüffenden Schritt - er nahm die wegen der Mohammed-Karikaturen aufgebrachten Muslime in Schutz und verurteilte die Karikaturen. Damit, schreibt der Religionswissenschaftler Peter Buda, hat die Führung der Reformierten Kirche "der Meinungsfreiheit und dem säkularen Staat den Krieg erklärt und sich den 'religiös Radikalen' angeschlossen, die nach der politischen Exklusivität ihrer religiösen Ansichten streben. Genau das ist aber das eigentliche Problem, das sich hinter diesem Phänomen verbirgt: Die zentrale Frage unserer Zeit ist nicht der 'Kampf der Kulturen', auch nicht der Kampf 'religiös Radikaler' gegeneinander, sondern der zunehmende Konflikt zwischen denen, die für die religiöse Rekolonisation des öffentlichen Lebens kämpfen und dem säkularen, 'weltlichen Staat'."

Die Spitzel-Debatte um Istvan Szabo und Laszlo Paskai zieht weiter ihre Kreise. Der Politologe Ivan Horvath fordert die vollständige Öffnung der Archive. "Meines Erachtens hatten sich die Spitzel und ihre Führungsoffiziere nicht nur moralisch, sondern auch juristisch gesehen versündigt, als sie Personen bespitzelten, die sich keiner Straftat verdächtig gemacht hatten. Die Gefährlichkeit dieses alten Verbrechens für die heutige Gesellschaft ist zwar unbedeutend und deshalb nicht zu verfolgen - doch das Verbrechen selbst ist kaum verjährt. Die Verbrechen gegen die Mensch(lich)keit - und die auf Einschüchterung gründende Unterdrückung der gesamten Gesellschaft ist sicherlich zu diesen zu zählen - verjähren nie. Wer die Enttarnung dieser Verbrecher vereitelt, wie der Datenschutzbeauftragte des ungarischen Parlaments, begeht vielleicht selber ein Verbrechen."

Weltwoche (Schweiz), 09.03.2006

Der Rechsanwalt Valentin Landmann beschreibt in seinem Plädoyer die Ökonomie des organisierten Verbrechens. Erst wenn der Staat gewünschte Dienstleistungen wie Prostitution dem legalen Markt entzieht, treten die Gangster auf den Plan. "Es ist kein Zufall, dass die legendärsten Verbrechersyndikate des vergangenen Jahrhunderts in den USA und in der Sowjetunion agierten. Die realitätsfremde Alkohol- und Drogenprohibition im einen und die Planwirtschaft im anderen System schafften Versorgungslücken, die von Gangstern gefüllt wurden. Auch die famosen Mafiaorganisationen im südlichen Italien waren in ihren Ursprüngen Selbsthilfeorganisationen, die nach ihren eigenen strengen Gesetzen das Volk vor Willkür schützten. Das organisierte Verbrechen ist letztlich nichts anderes als ein natürliches Regulativ, das immer dann zum Zuge kommt, wenn der Staat als Ordnungsmacht versagt oder seine Macht missbraucht."

Weiteres: Daniel Binswanger bemerkt bei den Pariser Modeschauen, dass viele Designer gar keine Läden mehr haben, in denen die Kleider gekauft werden könnten. Max Wey, der bei der Weltwoche den Posten des Chefkorrektors inne hat, mokiert sich über die reformierte deutsche Rechtschreibreform. Leider nur in der Printausgabe sind ein Interview mit der ehemaligen CIA-Agentin und Autorin Melissa B. Mahle sowie Georg Brunolds Geschichte des Perserreiches zu lesen.
Archiv: Weltwoche

Foreign Policy (USA), 01.03.2006

"Chinas Zukunft ist Verfall, nicht Demokratie." Die endemische Korruption und die wachsende Ungleichheit werden China zerreißen, prophezeit der Politikwissenschaftler Minxin Pei. Demokratie wird es bis dahin nicht geben. Sie ist im Gegenteil "ein Opfer der wirtschaftlichen Expansion des Landes. Wie fehlerhaft und führungslos auch immer, das rapide Wachstum hat Pekings Legitimität gestärkt und den Druck auf die herrschenden Eliten vermindert, die Liberalisierung voranzutreiben. Demokratische Übergänge in Entwicklungsländern werden oft durch Wirtschaftskrisen hervorgerufen, für die das alte Regime verantwortlich gemacht wird. China hat eine solche Krise noch nicht erlebt. Die Reichtümer, die der herrschenden Klasse zur Verfügung stehen, verhindern jede demokratische Entwicklung innerhalb der Elite. Politische Macht ist wertvoller geworden, weil sie sich in Wohlstand und Privilegien umwandeln lässt, die in der Vergangenheit undenkbar waren. Momentan hat Chinas ökonomische Entwicklung einen perversen Effekt auf die Demokratisierung: Sie veranlasst die regierende Elite, noch mehr an ihrer Macht zu hängen."

Weitere Artikel dieser lesenswerten Ausgabe: Durch seine höheren Geburtsraten wird das Patriarchat sich als das langfristig erfolgreichste Gesellschaftsmodell der Welt herausstellen, meint Philip Longman. Der Frauenmangel in Asien wird noch Kriege verursachen, prophezeit Martin Walker. Simon Holliday wirft einen Blick auf das Geschäft mit dem Glücksspiel, das durch das Internet weltweit einen beispiellosen Boom erlebt.

New York Times (USA), 12.03.2006

In seinem neuen Essay-Band (Leseprobe "Consider The Lobster") entpuppt sich David Foster Wallace (Autorenfeature) eher als Nostalgiker denn als Moralist, findet Pankaj Mishra: "Nur wenige seiner Zeitgenossen haben sich derart eloquent und feinfühlig zu den gesteigerten Anforderungen moralischer Vorstellungskraft geäußert, die die amerikanische Gegenwart ihnen auferlegt. Dennoch scheint er oft zu sehr seiner Zeit - dieser endlosen postmodernen Gegenwart - anzugehören, um uns seine Schwierigkeiten mit ihr überzeugend auseinanderzusetzen."

Zwei "leidenschaftliche, gut recherchierte" Bücher zum hoch wichtigen Thema Klimawandel stellt Carl Zimmer vor: "The Weather Makers" (Leseprobe), das die historische Perspektive wählt, und das phänomenologisch vorgehende "Field Notes From a Catastrophe" (Leseprobe). Obwohl beide Bücher Schwächen haben - ersteres, schießt übers Ziel hinaus, wenn es die Ausbreitung der Malaria mit dem Klimawandel erklärt, letzteres ermangelt der wissenschaftlichen Durchdringung der Materie -, wünscht Zimmer ihnen einen Haufen gewissenhafter Leser und "dass sie uns darin bestärken, mehr Verantwortung zu übernehmen für unser kollektives Handeln."

Weiteres: T Coopers Diaspora-Roman "Lipshitz Six, or Two Angry Blondes" über einen jungen Mann namens T Cooper erinnert Lucinda Rosenfeld angenehm an einen jungen Mann namens Safran Foer. Naomi Wolf stellt fest: In Teenager-Romanen dreht sich alles um Sex und Shoppen. Und Lee Siegel imaginiert, was wäre, wenn Fakten-Fetischisten der Literatur wie Oprah Winfrey recht bekämen: Jahve und Marx müßten nachsitzen.

Im Magazin der New York Times erklärt Patrick Radden Keefe, was die Geheimdienste von der Netzwerktheorie lernen können (Muster und Links in riesigen Datenmengen zu erkennen und zu analysieren) und welche Fährnisse diese birgt: "Das Problem ist, dass ein Mensch über drei Ecken mit Hunderttausenden anderen Menschen verbunden ist. So kommt es zu einer großen Menge von 'falschen Treffern' - lauter unschuldige Zivilisten in einem sich unendlich ausbreitenden Netz von Verbindungen ... Besorgniserregend in puncto Grundrechte und ein praktisches Problem bei der Suche nach Terrornetzwerken: Informationsüberfluss."

Weitere Beiträge: Im Aufmacher porträtiert Matt Bai den Demokraten Mark Warner - möglicher Ersatzkandidat für die Präsidentschaftskandidatur, falls Hillary Clinton doch noch bei ihrer Partei durchfallen sollte. James Traub beschreibt die Hoffnungen, die die Demokraten in die Wahlen 2006 setzen. Im Interview erklärt der Harvard-Professor und Buchautor Harvey C. Mansfield ("Manliness") Männlichkeit zu einer seelischen Qualität. Und Jeff Koons fotografiert die Schauspielerin Gretchen Mol als B-Movie-Star Bettie Page (Slideshow).