Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.09.2006. In der New York Review of Books denkt Timothy Garton Ash über den Islam in Europa nach. In Outlook India fragt Vikram Seth, ob seine Bisexualität ihn zu einem Kriminellen macht. In Nepszabadsag verteidigen Peter Esterhazy und Peter Nadas ihren Ministerpräsidenten Gyurcsany - auch wenn er gelogen hat. Im Nouvel Obs schreibt Julian Barnes eine neue "Madame Bovary". Economist, Al Ahram und Le Point grübeln über die Regensburger Rede.

New York Review of Books (USA), 05.10.2006

Timothy Garton Ash stellt Ian Burumas "Murder in Amsterdam" und Ayaan Hirsi Alis Essaysammlung "The Caged Virgin" (die seiner Meinung spürbar werden lässt, wie sich Hirsi Ali von einer islamischen Fundamentalistin zu einer Aufklärungsfundamentalistin wandelte) vor. Dabei verliert er auch einige grundsätzliche Worte über den Islam in Europa: "Kürzlich ergab eine Umfrage des Pew Research Centers, dass die Hauptsorge unter Muslimen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien die Arbeitslosigkeit ist. Angesichts der historischen Trägheit europäischer Arbeitsmärkte, der harten Konkurrenz billiger Wertarbeit aus Asien und einer reflexhaft-fremdenfeindlichen Diskriminierung in vielen europäischen Ländern dürfte dies leichter gesagt als getan sein. Die Wohnverhältnisse sind eine weiterer Missstand... Europas Problem mit seinen muslimischen Einwanderern, die Pathologie der Menschen zwischen allen Stühlen, gäbe es auch, wenn ein blühendes unabhängiges Palästina existierte, und die USA, Großbritannien und einige andere europäische Staaten nicht im Irak einmarschiert wären." (Die gleiche Studie ergibt übrigens, dass in Europa nur die Deutschen mehrheitlich muslimische Einwanderung als etwas Negatives betrachten.)

Joan Didion befasst sich in einem ausführlichen Porträt mit dem amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney und dessen lang gehegtem Plan, den Kongress bedeutungslos zu machen. "Es sei schon bemerkenswert, dass Cheney Kongressabgeordneter wurde, sagt sein früherer Kollege Tom Downey, wo er doch dachte, dass wir nur eine schreckliche Unannehmlichkeit für die Regierung darstellen. Bruce Fein, Mitarbeiter im Justizministerium unter Ronald Reagan, sagte Jane Mayer vom New Yorker, dass Cheney bereits der Enthusiasmus für Checks and Balances abging, als er noch nicht Mitglied einer Kriegspräsidentschaft war: 'Dies war schon vor dem 11. September so. Vielleicht wäre er nicht so weit wie bis zu den ungenehmigten Abhöraktionen gegangen. Aber die Idee, den Kongress auf ein bloßes Symbol zu reduzieren, war von vornherein im Spiel. Es war Cheneys politische Agenda.'"

Weiteres: Nicholas D. Kristof berichtet von einigen frustrierenden Erfahren in Entwicklungsländern, in denen humanitäre Hilfe mehr schadete als half. Besprochen werden, gewohnt ausführlich, Michael Winterbottoms halbdokumentarischer Film "The Road to Guantanamo", Flavio Biondos erstmals ins Englisch übersetztes Renaissance-Band "Italy Illuminated" und Daniel Mendelsohns Buch über seine Suche nach sechs Verwandten, die während des Holocausts verschollen sind, "The Lost".

Outlook India (Indien), 02.10.2006

In einem sehr persönlichen Interview mit Sheela Reddy erklärt der indische Bestseller-Autor Vikram Seth ("Eine gute Partie") sein Engagement für die Abschaffung des Paragrafen 377, der Homosexualität in Indien unter massive Strafe stellt: "Es ist um so schlimmer, als es sich um ein selektiv angewandtes Gesetz handelt. Rechtsstaatlichkeit gerät zur Willkürherrschaft einzelner Leute. Was mich selbst betrifft, so war ich beunruhigt und verängstigt, als ich merkte, dass ich Gefühle für Frauen und Männer hatte. Bin ich ein Krimineller? Es hat lange gedauert, damit zurecht zu kommen. Man kann sich vorstellen, was das für jemanden mit einem weniger liberalen Umfeld bedeutet."

Ferner: Seema Sirohi erörtert das Paradox, die Aussagen des Papstes über einen gewalttätigen Islam, mit Gewalt zu beantworten. In der Titelstory zeigt Saikat Datta, wie leicht sich der Sprengstoff RDX erwerben lässt. Daniel Lak preist das Buch "In Spite of the Gods: The Strange Rise of Modern India" des ehemaligen Südasien-Korrespondenten der Financial Times, Edward Luce. Im Gespräch mit Ashish Kumar Sen stellt die "indische Jane Fonda" Sarina Jain den neuen Fitnesstrend Masala Bhangra vor.

Nepszabadsag (Ungarn), 23.09.2006

Der Schriftsteller Peter Esterhazy verteidigt im Interview mit Zsolt Greczy die geheime Rede des Ministerpräsidenten Gyurcsany, in der er parteiintern zugab, die Wähler im Wahlkampf belogen zu haben. Die Veröffentlichungder Rede hatte in Ungarn schwere Unruhen ausgelöst. "Wir lügen uns selbst an, wenn wir behaupten, nicht gewusst zu haben, dass Politiker lügen. Wir wissen es, wir erwarten es sogar ein bisschen. Wir möchten die Realität ein bisschen schöner sehen. Die ungarische Gesellschaft hat die Chance verpasst, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Aufrichtigkeit anerkennt wird - unser Umgang mit der Stasi-Vergangenheit demonstriert es. Ich möchte nicht zynisch wirken, aber die moralischen Fragen von Wahrheit und Lüge werden in der Politik anders gewertet als bei Privatpersonen. " Für Esterhazy ist unklar, was die Demonstranten eigentlich erreichen wollen: "Die Studenten in Paris haben wochenlang für etwas demonstriert, was aus Budapest gesehen eine Kleinigkeit scheint. Sie haben es erreicht, ein Teil der Gesellschaft hat ein Teilproblem gelöst, von dem er betroffen war. Aber die Demonstranten in Budapest fordern eine neue Republik - wo ist denn der Konsens dafür?"

In einem Fernsehinterview mit Sandor Friderikusz, das in der Zeitung am 21. September in Abzügen abgedruckt wurde, verteidigt auch der Schriftsteller Peter Nadas die geheime Rede von Premier Gyurcsany. Das in der Rede formulierte Ziel sei es gewesen, "das feudale, sozialistische System von Privilegien, mit dem das Land seit sechzehn Jahren regiert wird", zu beseitigen. Die bisherigen Regierungen "haben verteilt, was ihnen nicht gehörte. Das ist in der europäischen Praxis inakzeptabel. Ungarn hat kein Sparpaket, sondern eine umfassende Reform des Staatshaushalts nötig, die Bekämpfung der Korruption und Abbau der Privilegien beinhaltet." Die größte Oppositionspartei Fidesz habe im Wahlkampf "ein sozialistisches Verteilungssystem entworfen, obwohl sie eine national-konservative Partei ist. Die Lage Ungarns würde sich erheblich verschlechtern, wenn die Gyurcsany-Regierung gestürzt würde."
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Archiv: Nepszabadsag

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.09.2006

Janos Szeky kritisiert die Berichterstattung des amerikanischen Nachrichtensenders CNN über die Unruhen in Budapest: "Nic Robertson stand in der Nacht auf Mittwoch auf der Rakoczistraße, und informierte die Welt mit erregter Stimme, dass die gerade vorbeirennenden jungen Männer wütend seien, weil der Ministerpräsident gelogen habe, und dass sich der Sitz des Regierungschefs da hinten am Ende der Straße befinde. (Meinte er den Ostbahnhof oder das Einkaufscenter East-West?) ... Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass nicht einmal die finanziell traumhaft ausgestattete CNN-Redaktion in London über Experten verfügt, die dem Reporter erklären könnten, wie ein Budapester Fußballhooligan zu erkennen ist oder was in der aktuellen Presseerklärung des ungarischen Staatspräsidenten Solyom stand, der die Gewaltakte als Straftaten verurteilte und von der Verantwortung jener Demonstranten sprach, die die Randalierenden tatenlos zusahen. (Dieser letzte Teil wurde aus fast allen Presseberichten weggelassen - warum eigentlich?)"
Stichwörter: CNN

Times Literary Supplement (UK), 22.09.2006

Kenneth Anderson findet Francis Fukuyamas Buch "After the Neocons" im Ganzen zwar nicht überzeugend, aber Fukuyamas Erklärung dafür, warum der Irak der falsche Ort für den Kampf gegen Terror war, erscheint ihm interessant: "Selbst wenn der Irak stabilisiert werden könnte, argumentiert Fukuyama, würden dort nicht die Wurzeln des Terrorismus gefunden werden. Sie liegen an Orten, die wir nicht mit militärischer Macht angreifen können - in Hamburg, London und der Pariser Banlieue. Daher ist der islamistische Terrorismus kein regionales, politisches oder soziologisches Problem, er ist vielmehr eine Akkumulation individueller Psychologien, die alle eine höchst individuelle Geschichte aus Ablehnung und Exklusion teilen sowie eine Suche nach Integration, vor allem der Mittelschicht, in eine pluralistische europäische Moderne. Selbst wenn die Attentäter vom 11. September in Saudi-Arabien und Ägypten geboren wurden, ihre spirituelle Wandlung zu Dschihadisten hat sich in Westeuropa vollzogen.
Nach dieser Einschätzung hat die Bush-Regierung einen Krieg gegen die falsche Region und das falsche Land geführt."

Weiteres: Höchstes Lob vergibt Katherine Duncan-Jones an John Stubbs fabelhaft geschriebene Biografie des großen John Donne "The Reformed Soul". Besprochen werden auch Pedro Almodovars Film "Volver", John LeCarres neuer, im Kongo angesiedelter Thriller "The Mission Song" und Judith Flanders Studie über das viktorianische England "Consuming Passions".

Nouvel Observateur (Frankreich), 21.09.2006

Vor 150 Jahren, am 1. Oktober 1856 erschien in der Revue de Paris ein Vorabdruck von Flauberts Roman "Madame Bovary". Aus diesem Anlass hat der "flaubertsche unter den britischen Schriftstellern", Julian Barnes, für den Nouvel Obs exklusiv eine Geschichte geschrieben, in der Emma Bovary nicht stirbt und stattdessen erzählt, wie ihr Leben weiterging, nachdem sie und ihr Mann Charles Yonville verlassen hatten. "Die Pilze enthielten nicht genügend Gift. Ich habe überlebt. Ich bin betrübt darüber, die Geschichte verpfuscht zu haben, aber die Tatsachen sind die Tatsachen. Ich habe mich nicht aus Verzweiflung getötet; stattdessen wäre ich beinahe auf Grund meiner Rührseligkeit gestorben. Und ich versichere Ihnen, dass ich niemals daran gedacht habe, mich umzubringen." Barnes lässt diese Erzählung so enden: "Er hat zugenommen; und meine Haare sind grau geworden, ein Los, vor dem mir einst graute. Charles fährt jeden Tag mit seiner Kutsche zu seinen Patienten. Man vertraut ihm hier. Er behandelt einen Bauern, der sich ein Bein gebrochen hat, der Bauer gibt ihm dafür ein Huhn, das werden wir am Sonntag essen. Es ist ein Leben wie jedes andere. Ich habe meine Erinnerungen. Die Paare leben weiter. Und die Frauen leben auch weiter."

Prospect (UK), 01.10.2006

Der Abgeordnete Sion Simon weigert sich standhaft, die Labour-Regierung als gescheitert anzusehen. Im Gegenteil, verkündet er in seiner glühenden Hommage an die neue britische Linke, New Labour habe Großbritannien wieder zu sich selbst finden lassen. "Während ich hier sitze und schreibe, scheint die Blair-Ära sich dem Ende zu neigen. Doch all der augenscheinlichen Widerwärtigkeiten, dem sogenannten 'spin', den Fehlern, dem Rufmord zum Trotz habe ich das überwältigende Gefühl, dass Großbritannien dank New Labour wieder zum Anstand zurückgefunden hat. Thatchers Anhänger haben sich geirrt: Die Leute denken nicht nur an sich. Die Leute in Großbritannien halten zusammen und sorgen sich umeinander. Nicht ganz so, wie die Skandinavier es zu tun scheinen oder wie die Kubaner gezwungen sind, es zu tun. Uns liegen unsere Nachbarn am Herzen, auf eine ruhige, praktische, ausgewogene, absolut britische Art. Wir wollen es nicht ständig eingeimpft bekommen, aber wir glauben an die Gesellschaft."

Das sieht Peter Wilby anders. Seiner Meinung nach, hat Labour während seiner Regierungszeit die Gelegenheit versäumt, linke Politik zu machen. Jetzt ist es zu spät, und damit hat Margaret Thatcher gewonnen.

Weiteres: Andrew Brown verreißt Richard Dawkins' religionsfeindliches Traktat "The God Delusion" als "uninteressant, dogmatisch, weitschweifend und sich widersprechend". Stephen Oppenheimer beraubt die Briten ihrer Ahnen (kaum Kelten, dafür viele Basken!). Und schließlich berichtet Josephine Wall von einer ungewöhnlich humorlosen Eskalation in einem Mütter-Chat.
Archiv: Prospect

Economist (UK), 25.09.2006

Mit seiner Zitatwahl war der Papst zugegebenermaßen schlecht beraten, doch seine Botschaft ist es Wert, gehört zu werden, kommentiert der Economist die umstrittene Regensburger Rede. "Zwei Dinge liegen ihm besonders am Herzen. Zum einen, dass Christen in vielen muslimischen Staaten nicht die selbe religiöse Freiheit genießen wie die meisten Muslime im Westen. Zum anderen, dass zu viele islamische Geistliche im Namen des Glaubens verübte Gewalt zu befürworten oder zumindest zu dulden scheinen. Dies war das Hauptanliegen seiner Regensburger Rede, in der er versucht hat, wie er später darlegte, 'zu erklären, dass nicht Glaube und Gewalt zusammengehören, sondern Glaube und Vernunft'. Der Wert dieser Botschaft angesichts der derzeitigen weltpolitischen Situation ist kaum zu überschätzen. Es ist nur schade, dass sie auf solch ungeschickte Art und Weise formuliert wurde, dass sie ausschließlich Antworten in Form von verbrannten Bildern, grausigen Drohungen und viel aufrichtig empörtem Protest hervorrief."

Weitere Artikel: "Wähle, als hinge Dein Leben davon ab. Das tut es nämlich" - Die Republikaner üben sich angesichts der anstehenden Kongresswahlen im Angsteinjagen, wie der Economist säuerlich berichtet. Noch saurer stoßen ihm allerdings die Aufnahmepraktiken der Ivy-League-Universitäten auf, die Daniel Golden in seinem Buch "The Price of Admission: How America's Ruling Class Buys Its Way into Elite Colleges - and Who Gets Left Outside the Gates" aufgedeckt hat. Der Economist widmet der kämpferisch engagierten Kriegberichterstatterin und gefürchteten Journalistin Oriana Fallaci einen hymnisch-deftigen Nachruf. Und empfiehlt allen Gläubigen, Atheisten und Agnostikern, Richard Dawkins' erfrischend respektlose Religionskritik "The God Delusion" zu lesen.

Und schließlich ist es wieder Zeit für das Dossier Technology Quaterly, in dem es diesmal unter anderem um Chinas Vision einer auf erneuerbare Energien zurückgreifenden, energetisch selbstgenügsamen Ökopolis (als Audio-Interview), um Software zur Bekämpfung von Versicherungs- und anderen Betrügern, und um den Paradigmenwechsel von der Glühbirne zur LED geht.
Archiv: Economist

Al Ahram Weekly (Ägypten), 21.09.2006

Dass die islamkritischen Äußerungen Benedikts XVI. aus politischem Kalkül erfolgten, suggeriert ein Beitrag von Gihan Shahine: "Benedikts Rede folgte auf die israelischen Massaker in Libanon und Palästina und auf Bushs Wort vom 'Islamofaschismus' - zu einer Zeit, als die muslimische Welt sich von den Auswirkungen der Mohammed-Karikaturen erholte, und die Welt der Anschläge vom 11. September und der Initiierung eines 'Feldzuges gegen den Terror' gedachte. Die Bemerkungen des Papstes werden nach den Worten von Irans oberstem Führer Ayatollah Khamenei interpretiert als 'letztes Glied einer Kette der Konspiration, die einen Feldzug einleiten soll'. Indem er Islam und Terror in einen Topf warf, so die Meinung vieler Analysten, gab der Papst grünes Licht für die Okkupationspläne der USA in Nahost und mobilisierte den Westen gegen die europäische Muslimgemeinschaft."

Weitere Artikel: Nehad Selaiha bilanziert das Internationale Festival für Experimentelles Theater in Kairo. Der irische Dramatiker Andrew McKinnon macht sich Gedanken über Professionelle und Amateure beim Theater und findet, Professionalität sollte wieder mehr mit Können zu tun haben, als mit einem festen Gehalt. Und Amira El-Noshokaty sichtet Reaktionen auf das erste Sexualerziehungsprogramm im ägyptischen Fernsehen.

Point (Frankreich), 21.09.2006

"Der Papst hatte Recht", zu diesem Schluss kommt Bernard-Henri Levy in seinen Bloc-Notes. Und außerdem schreibt er: "Nicht nur nicht hinnehmbar, sondern beunruhigend ist der geistige Terrorismus - jawohl: Terrorismus -, der einem Nicht-Muslim auch noch den geringsten Kommentar zum Islam verbieten will... Und nicht nur beunruhigend, sondern schlicht lächerlich sind jene Leute, die hier im Westen diese Argumentation verinnerlichen und im Voraus verteidigen oder die schlimmsten Auswüchse der Paranoia verstehen oder entschuldigen... Und nicht nur lächerlich, sondern widerlich ist das Spektakel all der Stammtischkommentatoren, die die notorische 'arabische Straße' als einen Gerichtshof betrachten, dessen Urteile man zu antizipieren hätte."

Unter der Schlagzeile "Ein neuer Religionskrieg" beschäftigt sich Le Point auch in seinem Titelthema mit der Affäre. In einem beigestellten Interview mit dem Philosophieprofessor Remi Brague erklärt dieser, dass beide Religionen über die Vernunft sprächen, allerdings nicht in gleicher Weise.

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Ökonomen, Wirtschafts-Nobelpreisträger und Vordenker der Globalisierungskritik Joseph Stiglitz, der in seinem neuen Buch "Un autre monde. Contre le fanatisme du marche" (Fayard) ein "echtes Programm zur 'Demokratisierung' der Globalisierung" entwerfe.
Archiv: Point

The Nation (USA), 09.10.2006

Mit sichtbarer Schadenfreude berichtet Max Blumenthal vom Erbfolgekrieg bei der erzkonservativen Washington Times, der sich nicht mehr in den bisherigen Rassimus-, Sexismus- und Dilettantismusvorwürfen zu erschöpfen scheint. "Preston Moon, der jüngste Sohn des Führes der koreanischen Einheitskirche und Finanziers der Times, Sun Myung Moon, hat ein Besetzungskomitee eingerichtet, um den Chefredakteur Wesley Pruden zu ersetzen - und zwar mit jemand anderem als Prudens Wunschkandidaten, dem leitenden Redakteur Francis Coombs. Preston Moon will laut einem Redaktionsmitglied Pruden und Coombs die Kontrolle der Zeitung entreißen, um das Blatt aus der konservativen Ecke zu holen, die von extremen rassistischen Neigungen und Verbindungen zu nativistischen und neo-konföderalen Organisationen geprägt wird."
Archiv: The Nation
Stichwörter: Rassimus, Sexismus, Washington

Figaro (Frankreich), 25.09.2006

Die Sensation der rentree litteraire haben wir im Perlentaucher leider verpasst: Jonathan Littells 900 Seiten starker und in Frankreich bereits 170.000 mal verkaufter Roman "Les bienveillantes". Die Geschichte des Buchs ist allein schon verrückt genug: Ein unbekannter jüdischer Amerikaner schreibt auf französisch die fiktiven Memoiren eines SS-Manns, reicht sie bei Gallimard ein - und das Buch wird trotz stolzer Honorarforderungen sofort angenommen! Der Figaro litteraire meldet in der letzten Woche, dass das Buch als Favorit für praktisch alle Literaturpreise des Jahres gehandelt wird. "Wahre Spannung" liegt laut Figaro über der Angelegenheit, vor allem zwischen zwei der wichtigsten Preise, dem Prix Femina und dem Prix Goncourt: "Es gab schon einmal einen Streit. Im Jahr 1959 war Andre Schwarz-Barts Roman 'Dernier des Justes' eindeutiger Favorit für den Goncourt. Die Goncourt-Akademiker fürchteten, dass die Damen vom Femina ihnen zuvorkamen und verliehen den Preis einfach zwei Wochen vor dem vorgesehenen Datum."

Der Nouvel Obs macht Littells Buch in dieser Woche zum Anlass für ein online leider nicht zugängliches Titeldossier. Verwiesen sei zum Trost noch einmal auf Jürg Altweggs sehr instruktiven - vom Perlentaucher stiefmütterlich zitierten! - FAZ-Artikel vom 11. September, auf eine Besprechung in der NZZ, eine Kritik in Telerama und auf ein kleines Interview mit Littell in Le Monde. Recht polemisch eine Kritik in der NZZ: "ein Hauch von Obszönität".

Außerdem lobt Umberto Eco in einem Interview den europäischen "Sinn für Geschichte", den er dem amerikanischen "Verlust der kollektiven Erinnerung" gegenüberstellt. Als zweiter europäischer Alt- und Großintellektueller nach Habermas skizziert Eco hier auch eine Kritik des Internets: "Die Herrschaft des Internets, das eine Masse nicht hierarchisierter Elemente liefert, verschärft den Verlust der historischen Perspektive noch. Gerade die Überfülle an Informationen kann genau so gefährlich sein wie ihr Mangel." (Mit anderen Worten: lieber eine bibliotheque nationale mit Zugangsbeschränkung für zertifizierte Forscher als Google Book Search!)
Archiv: Figaro

New Yorker (USA), 02.10.2006

Bill Buford - Autor des wunderbaren Buchs "Heat. An Amateur's Adventures As Kitchen Slave, Line Cook, Pasta-Maker, and Apprentice to a Dante-Quoting Butcher in Tuscany", das im Frühjahr auch auf Deutsch erscheinen wird - beschreibt einen Selbstversuch, bei dem er sich dem Boom von Kochsendungen aussetzte, die auch das amerikanische Fernsehen überschwemmen. "Das erste Anzeichen, dass ich ohne es zu merken unter den Einfluss von Kochsendungen geraten war, zeigte sich an einem Sonntagmorgen, als ich feststellte, dass ich mit mir selber sprach. Ich machte gerade Toast. 'Zuerst schneiden wir unser Brot', flüsterte ich, 'und wissen Sie auch, warum?' Ich unterbrach meine Tätigkeit und schaute auf. 'Ich werde es Ihnen sagen.' Es war halb neun. Und es war Stunde 25 einer 70-Stunden-Verpflichtung, die ich eingegangen war; sie bestand darin, rund um die Uhr Kochsendungen anzuschauen (und nur zu schlafen, wenn um Mitternacht die Wiederholungen anfingen)."

Weiteres: Woody Allen gerät in die Klauen eines Zahnarztes. Jim Holt stellt zwei Studien über die String-Theorie (hier eine kurze Einführung) vor, Louis Menand rezensiert Charles Fraziers zweiten Roman "Thirteen Moons", und die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie von John Wilkes, der im England des 18. Jahrhunderts als "radikaler Bösewicht" galt, nun aber als Vorreiter der Aufklärung in England gewürdigt wird. Hilton Als bespricht Theaterinszenierungen von "Richard II" und "The Pain and the Itch". Sasha Frere-Jones porträtiert den Rapper Chris Ludacris Bridges und sein neues Album "Release Therapy". Und David Denby sah im Kino "All the King's Men" von Steven Zaillian mit Sean Penn in der Hauptrolle als aufstrebender Politiker, der gerne Gouverneur werden will, und "The Last King of Scotland" von Kevin Macdonald über den schottischen Leibarzt von Idi Amin (Forest Whitaker als Idi Amin gibt "die Vorstellung seines Lebens"). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Other People's Death" von Lore Segal.

Nur im Print: Porträts der Schauspielerin Helen Mirren und eines Soldaten, der im Südpazifik kämpfte, eine Reportage über den Edelsteinrausch in Madagaskar und Lyrik.
Archiv: New Yorker

Weltwoche (Schweiz), 21.09.2006

Simon Brunner porträtiert den ersten und wohl für lange einzigen Schweizer, der in der NBA Basketball spielen darf: Thabo Sefolosha, der zwar nur knapp zwei Meter groß ist, dafür aber 2,20 Meter Spannweite aufweisen kann, wurde in der Draft Night am 28. Juni "als 13. von 60 gewählt, von der ältesten Franchise der Liga, den Philadelphia 76ers. Wie unsentimental die Branche funktioniert, erfuhr er am selben Abend. Kurz nach dem Draft teilte man ihm mit, er werde nicht für Philadelphia spielen, sondern für die Chicago Bulls. Diese hätten ihn bereits am Nachmittag für eine Million Dollar eingetauscht - man habe nur vergessen, ihn darüber zu informieren. An der Pressekonferenz sagte Bulls-Manager John Paxson: 'Jerry [Reinsdorf, der Klubbesitzer] brachte etwas Cash mit und wir bekamen den Spieler, den wir wirklich mochten.'"

Weiteres: Daniela Niederberger lässt Eva Herman ihre Thesen aus "Das Eva-Prinzip" klarstellen und die heftigen Reaktionen auf das Buch schildern. In einem langen Interview erklärt der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke, wie man Kindergehirne optimiert. Stefanie Schramm fragt sich, ob am Neandertaler der erste Genozid der Menschheit verübt wurde. Und Hanspeter Born findet, die Kritiker der Regensburger Papstrede sollten sie erstmal lesen.
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Chicago, Genozid

New York Times (USA), 24.09.2006

Ein starkes Stück "investigativer Empathie" nennt Ron Rosenbaum Daniel Mendelsohns "The Lost" über das Schicksal seiner Familie im Holocaust: "Mendelsohns Suche nach lebendigen Einzelheiten bringt uns der Erfahrung der mächtigen Katastrophe näher als es möglich schien. Dieser Blick auf die Menschen nicht als bereits vom Schatten der kommenden Tragödie Gezeichnete, sondern als durch ihre unschuldige Einfachheit Erleuchtete ist selten in der Literatur über den Holocaust." (Hier ein Audiointerview mit dem Autor.)

In einem Essay stellt Rachel Donadio die extrem erfolgreiche "For Dummies"-Buchreihe vor - eine "Parallelgeschichte zeitgenössischen Bewusstseins", findet sie, und typisch amerikanisch: "Liebenswürdig und ungefährlich, sind diese Bücher weniger von populistischem Antiintellektualismus geprägt als von dem tiefen Glauben, dass Wissen etwas Demokratisches ist, dass sich die Dinge meistern lassen, ohne Hilfe von Experten, die auf einen herabschauen."

Außerdem: Jennifer Senior hält Lewis H. Laphams "Pretensions to Empire" und Sidney Blumenthals "How Bush Rules" (Leseprobe) für zwei abschreckende Beispiele von Bush-feindlicher Regierungskritik. Ron Powers freut sich über "brillante" literaturkritische Essay von E. L. Doctorow (Leseprobe "Creationists" + Autorenfeature). Und in seiner Sci-Fi-Kolumne outet Dave Itzkoff sich als "Dunehead", Fan von Frank Herberts 40 Jahre alter "Dune"-Saga.
Stichwörter: Empathie, Empire