Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
13.12.2004. In der Lettre erzählt William Langewiesche vom Ende der Flitterwochen in Bagdad. Im ungarischen ES warnt Peter Esterhazy eindringlich vor den Folgen, die das Nichtlesen von Julio Cortazar nach sich zieht. Im Espresso glänzt Umberto Eco mit seinem Wissen über Bond-Girls. In der Gazeta Wyborcza prophezeit Samuel Huntington eine neue Unordentlichkeit der internationalen Ordnung. Im Nouvel Obs streiten Daniel Cohn-Bendit und Jean-Louis Bourlanges über den Beitritt der Türkei zur EU. In der New York Times erinnert sich Erica Jong, wie es war, in den Sechzigern eine Frau und Schriftstellerin zu sein.

Lettre International (Deutschland), 13.12.2004

Atlantic-Monthly-Reporter William Langewiesche, der es bis in die Finalrunde des Lettre Ulysses Award 2004 geschafft hatte, schreibt über die Grüne Zone, die wie ein kleines, gefährliches Amerika im Herzen Bagdads liegt. "Die Dritte Infanteriedivision der US-Armee kämpfte sich im April 2003 unter schweren Verlusten auf irakischer Seite in die Grüne Zone vor, deren einst privilegierte Bewohner Hals über Kopf flohen und dabei Haus und Hof räumten, weshalb sich die Gegend für eine Nutzung durch die Amerikaner geradezu anbot. Später allerdings sollte sich der Entschluss, die Regierung der Besatzungsmacht im Zentrum der Stadt einzurichten und in eben jenen Gebäuden unterzubringen, die bislang von der Diktatur genutzt wurden, als gravierender Fehler erweisen - einer von vielen Fehlern, die in der Arroganz des Know-how der Yankees und in ihrem merkwürdigen Unvermögen wurzelten, das Ende der Flitterwochen und jene Feindseligkeit vorherzusehen, die selbst die aufgeklärteren unter den Invasoren provozieren sollten."

Der Journalist Suketu Mehta hat sich die Lebensgeschichte des indischen Taxifahrer Ramesh erzählen lassen, der in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist und mit zehn Jahren von seinem brutalen Vater nach Bombay geschickt wurde. "Es ist eine Chronik flüchtigen Lebens in der Metropole, des ständigen Hin und Her zwischen dem Dorf und der Stadt und dem Ausland; und die Geschichte eines Lebens, das immer von Gewalt bedroht ist."

Weitere Artikel: Sergio Benvenuto wirft einen italienischen Blick auf die "Mysterien von Paris". Und Ryszard Kapuscinski notiert seine Gedanken zum "Beruf Reporter".

Elet es Irodalom (Ungarn), 03.12.2004

In Budapest erscheint die erste Gesamtausgabe der Werke des Argentiniers Julio Cortazar. Für den Schriftsteller Peter Esterhazy ein Grund zum Jubeln: "Spiegel, Spiegelungen, Narrationen, Gesang und Heldenlied, Fußnoten und Marginalien, Aussagen des Unaussagbaren, Erfassen des Unfassbaren, das Unmögliche als einzige Chance, die Untauglichkeit der Sprache, ihre Perversion, die Sprache als Plan, die Wirklichkeit als Spiel, das Spiel als Dekonstruktion und Revolution." Und wenn Sie schon immer wissen wollten, was einem passiert, wenn man Cortazar nicht liest: "... du wirst womöglich schwermütig, blass wie der Vollmond (oder wie der Lieblingskäse von Kornel Esti, der Pecorino), und es kann passieren, dass unter dem schweren Winterhimmel, plötzlich zu fallen beginnen: deine Haare. Also los! Es gibt hier alles: Leben und Tod, Philosophie und Tango, Sex und City, Burleske und Hoffnung, Freundlichkeit und Wahnsinn, einen faszinierenden Typen und einen melancholischen Erzengel. Und Worte - in einer interessanten, noch nie gesehenen Reihenfolge."

Der Polen-Experte Gabor Körner feiert die erste ungarische Übersetzung der Erinnerungen des polnischen Schriftstellers Gustaw Herling an die "Welt ohne Erbarmen", seine Zeit im Gulag. Körner stellt eine merkwürdige Tendenz im ungarischen Umgang mit der Gulag-Literatur fest: "Viele meinen, nach der Wende seien bei uns 'zu viele' Bücher über die sowjetischen Lager erschienen, deshalb interessiere das Thema heute keinen mehr." Doch mehrere, auch literarisch bedeutende Werke über die Straflager in der Sowjetunion sind immer noch nicht übersetzt, weil sie oft "zu Unrecht als Sachliteratur gelten, ... die heute höchstens als historische Quelle von Interesse sei. So werden diese Bücher zum Vergessen verurteilt".

Weiteres: Der Philosoph und Essayist Miklos Gaspar Tamas schreibt einen langen und komplexen Beitrag zur Debatte, ob die ungarischen Minderheiten der Nachbarländer die ungarische Staatsbürgerschaft bekommen dürfen: Tamas macht darauf aufmerksam, dass die im Volksentscheid am 5. Dezember gestellte Frage "den juristischen Inhalt dieser Staatsbürgerschaft nicht definiert. Über den Inhalt darf paradoxerweise das Parlament der Republik Ungarn entscheiden, und es wird mit Wohltaten wahrscheinlich geizig umgehen." Und der Bach-Biograf Christoph Wolff korrigiert im Gespräch einige Klischees über Johann Sebastian Bach und ermuntert Musiker dazu, Bachs Musik auch mit modernen Instrumenten zu spielen. Allerdings sollte der Pianist zumindest "wissen, wie die polyphon komponierte Musik Bachs auf einem zeitgenössischen, in Deutschland gebauten Cembalo klang. Dann wird er Bach nicht so spielen wollen wie Glenn Gould, der das Cembalo für eine Art Nähmaschine hielt."

New Yorker (USA), 20.12.2004

Viel zu lesen, in dieser Doppelnummer. Sehr unterhaltsam und weit ausholend untersucht der Schriftsteller Dave Eggers das Phänomen Monty Python. Anlass ist die Musical-Komödie "Spamalot", eine Adaptation des Films "Die Ritter der Kokosnuss" aus der Feder des ehemaligen Python-Mitglieds Eric Idle. Das Stück soll in Kürze am Broadway Premiere haben. Eggers erzählt die Entstehungsgeschichte des Projekts und berichtet abschließend von einer Probe, auf der einige Mitwirkende ständig, andere überhaupt nicht kichern mussten. Eggers prophezeit deshalb: "Python wird einige Leute immer ratlos und perplex zurücklassen. Und so wird sich auch diese Produktion einem bestimmten Teil der Bevölkerung nicht im Geringsten erschließen. Doch denen, die begreifen, worum es geht - die Absurdität von Geschichte, Königshäusern und Religion - wird sie die Welt bedeuten."

Weitere Artikel: George Packer kommentiert unter der Überschrift "Invasion vs. Überzeugung" die unterschiedlichen Demokratisierungsprozesse im Irak und in der Ukraine. Zu lesen sind die Erzählungen "The Diagnosis" von Ian McEwan und "Adam Robinson" von Edward P. Jones. Bis Redaktionsschluss leider nicht aufrufbar: eine Auswahl von Briefen des Dichters Robert Lowell an die Lyrikerin Elizabeth Bishop (zur Entschädigung findet man hier eine Auswahl von Briefen Bishops, die 1994 im New Yorker erschienen sind.)

Peter Schjeldahl lobt eine "kluge und köstliche" Biografie über den amerikanischen Maler Willem de Kooning. David Denby sah im Kino "The Aviator", Martin Scorseses "brillant unterhaltsamen" Film über den Milliardär Howard Hughes mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle; außerdem "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood und "Hotel Rwanda" von Terry George, der die wahre Geschichte eines Hotelmanagers während der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi 1994 erzählt. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie der britischen Ballerina Margot Fonteyn.

Nur in der Printausgabe: ein Text von W.G. Sebald zur Frage, ob Literatur zur Versöhnung mit der Vergangenheit taugt, eine Erzählung von Hanna Krall sowie Lyrik von Wislawa Szymborska, Charles Simic und Edward Hirsch.
Anzeige
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 16.12.2004

Ben Schotts "Sammelsurium" (mehr) veranlasst Umberto Eco nicht nur dazu, sein Wissen über die Bond-Girls auszubreiten ("warum wird der Nachname von Domino nicht vermerkt, der Vitali lautet?"), sondern auch darüber zu sinnieren, wie viel Wissen die Kultur in ihrer Geschichte schon als nicht erinnerungswürdig ausgesondert hat. "Oft haben wir diesen Prozess beklagt, denn man hat Jahrhunderte gebraucht, um den unterbrochenen Weg wieder fortzusetzen. Die Griechen wussten fast nichts mehr von der ägyptischen Mathematik und das Mittelalter hatte ebenso die gesamte griechische Wissenschaft vergessen. In einem gewissen Sinn aber hat das den diversen Kulturen geholfen, sich zu verjüngen, indem sie von Null anfingen, um dann Schritt für Schritt das Verlorene wiederzuerlangen."

Im Kulturteil stellt ein unbekannter Autor Valeria Palumbos Buch "Le donne di Alessandro Magno" vor, in dem Palumbo die sexuelle Orientierung des Feldherrn diskutiert. Nicola Nosengo fragt sich auf den Gesundheitsseiten, warum Italien eine so niedrige Alkoholiker- und Selbstmordrate hat. Weil es hier noch die familia gibt, natürlich! In der Titelgeschichte rollt Ricardo Bocca den Fall des im Winter 1990 bei Cosenza gestrandeten Schiffs "Rosso" auf. Es geht um Waffenschmuggel, radioaktive Abfälle, und jetzt führt sogar eine Spur zum Mord an der Journalistin Ilaria Alpi in Somalia (mehr).

Leider nur im Print: ein Porträt des "König Midas der Kunst" Marco Goldin und eine Reportage über die Bedeutung des Konsums in Hongkong.
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 16.12.2004

Wie ein Schlag ins Gesicht hätte das neue MoMA sein müssen, trauert der Kunstprofessor Hal Foster, auf den das neu eröffnete Museum durchaus modern, aber nicht zeitgenössisch wirkt. Dazu rieche es einfach zu sehr nach stilvoll gehaltenem, didaktischem Sendungsbewusstsein, noch dazu mit dem obligatorischen Kniefall vor Adornos Auschwitz-Zitat: "Zwischen dem fünften und dem vierten Stockwerk wird die Chronologie im Jahr 1940 unterbrochen, so wie es in fast allen Lehrbüchern über das 20. Jahrhundert der Fall ist. Diese Unterbrechung zeugt davon, dass die Lücke von Faschismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust - Repression, Exil und Tod - stillschweigend akzeptiert wird, und die Broschüre im vierten Stock zitiert Adorno und die regelrechte Unmöglichkeit lyrischer Dichtung nach Auschwitz."

Weitere Artikel: James Wood lobt David Bezmozgis ("Natasha" and Other Stories?) dafür, dass er nicht im Fahrwasser von Tschechow ersäuft. In Short Cuts erfährt Thomas Jones alles, was er schon immer über Engel wissen wollte. David Elgar
hat in Stuart Christies Erinnerungen "Granny Made Me an Anarchist" ein fröhlich bilderstürmendes Pendant zum orthodoxen Leninismus gefunden. Und Peter Campbell ist begeistert von der Art, mit der Zaha Hadid den Betrachter ihrer Gebäude an eine "weitgreifendere, nicht geradlinige Welt" gewöhnt und empfiehlt eine Ausstellung von Bildern, mit denen Hadid ihre Architekturideen festhielt.

Gazeta Wyborcza (Polen), 11.12.2004

Der Politologe Samuel P. Huntington prophezeit im Interview mit der Wochenendausgabe der Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass die internationale Ordnung in nächster Zukunft "sehr unordentlich" sein wird. Der Autor des berühmten "Clash of civilizations" spricht über die zukünftige Außenpolitik der USA, die mehr auf Kooperationen mit kleineren Ländern (Polen!) statt Regionalmächten setzen wird und über die Lage in den USA nach den Wahlen. "Manche glauben, George W. Bush sei zynisch, wenn er die Verbreitung der Demokratie auf seine Fahnen schreibt. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass dies seinem Zynismus zuzuschreiben ist. Ich befürchte, dass er leider wirklich daran glaubt - und das ist erst gefährlich."

Was Europa zusammen hält, ist eine Frage, der eine von Romano Prodi eingesetzte Kommission nachgegangen ist. Kurt Biedenkopf, Bronislaw Geremek, Krzysztof Michalski und Michel Rocard präsentieren nun einen Entwurf, aus dem unter anderem zu entnehmen ist: "Da die traditionellen Intergrationsfaktoren (der Wille zum Frieden, die Bedrohung von Außen und der wirtschaftliche Aufschwung) an Wirkung verlieren, wächst zunehmend die Rolle der europäischen Kulturgemeinschaft - des seelischen Faktors - als einer Quelle der Einheit und der Kohäsion. Man soll dabei die Bedeutung der europäischen Kultur besser verstehen lernen, und ihr eine politische Relevanz zukommen lassen. Die bloße Aufstellung der gemeinsamen europäischen Werte reicht nicht aus als Basis für die Einheit Europas". Die Autoren plädieren auch dafür, dass "der Kulturraum Europa den geografischen Raum Europa bestimmt" und sprechen den Religionen einen positiven Einfluss auf den Integrationsprozess zu: "Man kann die europäische Kultur nicht durch ihre Opposition zu einer konkreten Religion, zum Beispiel dem Islam definieren".

Economist (UK), 11.12.2004

Großbritannien fürchtet um sein Recht auf Religionssatire, so der Economist. In der Tat plant die Regierung einen Gesetzeserlass, der neben Anstiftung zum Rassenhass auch Anstiftung zum Religionshass unter Strafe stellt. Nun befürchten britische Komiker, ihren Beruf nicht mehr anständig ausüben zu können. Doch auch die vermeintlichen Opfer des Spottes sprechen sich gegen ein solches Gesetz aus: "Ich bin mit dem, was Rowan Atkinson (alias Mr. Bean) über das Christentum sagt, nicht einverstanden", erklärt Don Horrocks von der Evangelical Alliance in einem wie der Economist findet sehr voltairehaften Moment. "Aber ich würde für sein Recht, mich beleidigen zu dürfen, jederzeit in den Kampf ziehen.?

Weitere Artikel: Russlands Vorwurf, der Westen versuche in der Ukraine einzugreifen, um die Region zu destabilisieren, findet der Economist selbst an sowjetischen Standards gemessen deprimierend scheinheilig. Frankreichs politische Riege zeigt sich zunehmend von ihrer privaten Seite, berichtet ein zutiefst verwunderter Economist und spricht das gruseligste aller Worte aus: Amerikanisierung.
Sie war die ideale Verkörperung der Giselle, seufzt der Economist in seinem Nachruf auf die prima ballerina Alicia Markova, die so sehr schwebte, dass ihre Tanzpartner mitunter Mühe hatten, sie auf die Erde zurückzuholen.

Außerdem zu lesen:
Dass die iranische Pressefreiheit sich wieder auf dem Rückzug befindet (oder warum schreibt ein großer Herausgeber über einen Nachrichtensprecher im Exil: "Es ist absolut notwendig, diesen verfluchten und gotteslästerlichen Kopf mit einer Kugel zu durchbohren. Und ach, wie sehr würde der Absender dieser Kugel geliebt werden!"?) Warum Linkshänder selten sind, aber keineswegs vom Aussterben bedroht. Und wie das chinesische Propaganda-Ministerium, das sich hübscherweise "Werbe-Abteilung" nennt, auf "öffentliche Intellektuelle" zu sprechen ist (schlecht).

Schließlich empfiehlt der Economist Bücher für Kinder jeden Alters.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 09.12.2004

Die beiden Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit und Jean-Louis Bourlanges diskutieren im Debattenteil über ihre unterschiedlichen Standpunkte in der Frage des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union. Cohn-Bendit hält "ein Europa mit und ein anderes ohne die Türkei" für möglich. "Ich bin für eine Aufnahme von Verhandlungen, auch ohne zu wissen, wie sie ausgehen. (...) Am Ende der Probephase wird es nicht die völlige Übereinstimmung in der Gesetzgebung sein, die es uns ermöglicht, eine Wertegemeinschaft festzustellen, sondern die globale Entwicklung des Lebensstandards, die Einstellung zu Religion, Laizismus und der Stellung der Frau." Bourlanges hält diesen "Empirismus" für "unzulässig" und entwickelt seinen Standpunkt entlang einer europäischen "Grenzziehung". Wenn man den Gedanken akzeptiere, dass die Europäische Union "politischer Ausdruck" eines abendländisch-christlich geprägten "kulturellen Erbes" sein solle, müsse man den Beitritt der Türkei ablehnen. Wenn man ihn umgekehrt befürworte, hieße das, "wie M. Erdogan folgerichtig nahe legt, aus der Union einen simplen 'Jahrmarkt der Kulturen' zu machen, der Hoffnungen auf eine unbegrenzte Ausweitung in Richtung Kaukasus, Mittlerer Osten und Maghreb weckt."

Mit dem Thema beschäftigt sich unter der Schlagzeile "Muss man sich vor der Türkei fürchten?" auch das Titeldossier dieser Woche.

Express (Frankreich), 09.12.2004

In einer Reportage berichtet der Express über diverse laizistisch orientierte islamische Gruppierungen in Frankreich. Angesichts der Fundamentalisten, welche derzeit die Debatte "monopolisierten", engagieren sie sich gegen die "Einmischung der Religion in die Politik" und für einen "liberalen, republikanischen Islam". Ihre Intentionen seien durchweg "löblich", die Probleme jedoch vielfältig. Zunächst ein rein numerisches: Die meisten Gruppierungen steckten noch in den Kinderschuhen, jede habe lediglich zwischen 500 und 2000 Mitgliedern; viele verfügten über keine eigene Website und ihr Mobilisierungskapazitäten beschränkten sich derzeit auf Treffen, von denen die islamische "Basis" nur selten etwas erfährt. Darüber hinaus gebe es aber auch ein "inhaltliches Problem: weil sie die Begriffe laizistisch und islamisch miteinander verknüpfen, gelten diese Erben der Integration als oberlehrerhaft" und sehen sich "innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft dem Vorwurf der Begriffsverwirrung ausgesetzt." Ihre teilweise unterschiedliche Zielsetzung, so das Fazit, lässt einen Zusammenschluss schwierig erscheinen. "Eine Synthese zwischen jenen, die vor allem den Kampf gegen den Islamismus betonen, jenen, welche die Diskussion erweitern wollen, und solchen, denen selbst Muslime propagandistische Ziele unterstellen, scheint schwierig. Dennoch: der Weg ist eingeschlagen."
Archiv: Express
Stichwörter: Integration, Islamismus

Polityka (Polen), 08.12.2004

In 100 Tagen vom Realsozialismus zum Kapitalismus! Im polnischen Magazin Polityka beschreibt Jerzy Baczynski, wie zwischen September und Dezember 1989 der bis dato nur Insidern bekannte Ökonomieprofessor Leszek Balcerowicz (Homepage) die Wirtschaft des Landes umkrempelte. Was später als "Schocktherapie" bezeichnet wurde und Vorbildcharakter hatte, begann als Notlösung in einer Situation, als die monatliche Inflation bei mehreren -zig Prozent lag und die Versorgungslage desaströs war. Balcerowicz (heute Chef der Nationalbank) wurde kurz vor seinem Abflug nach Großbritannien, wo er Gastdozent werden sollte, vorgeschlagen, Finanzminister und Vizepremierminister zu werden. Er willigte ein, weil "ihm der Premier Tadeusz Mazowiecki leid tat, wie er so alleine da stand". Statt mit einem "Dritten Weg" zu experimentieren, setzte die "Mannschaft von Balcerowicz" auf das erprobte westliche Wirtschaftssystem, wobei er die Unterstützung aller Parteien, inklusive der noch existierenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, sicher hatte. Von seinem Vorgehen wurden alle politischen Akteure überrumpelt. "Premierminsiter Mazowiecki wurde vom Chef des Internationalen Währungsfonds gefragt, ob er den Plan von Balcerowicz unterstütze. Er starrte zuerst sehr lange auf den Boden, sagte aber dann mit fester Stimme: ja!"
Archiv: Polityka

Times Literary Supplement (UK), 10.12.2004

Richard Wilson stellt Tom Bowers nicht autorisierte Biografie des ewigen zukünftigen britischen Premierministers Gordon Brown vor, die er trotz einiger Schwächen sehr lesenswert findet, weil "Bower ein professioneller und gewissenhafter Journalist" ist. "Sein Porträt von Brown ist scharfsinnig. Der Charme und die intellektuelle Energie, die Launenhaftigkeit und die Wut, der Hang zur Unterwürfigkeit und die Brutalität gegenüber jenen, die er ablehnt oder ihm im Weg stehen, die tiefe Missgunst, die Loyalität gegenüber engen Verbündeten, die Unordentlichkeit, die Tragetaschen voll Papier, das wilde Gekritzel mit dickem Filzstift ... und vor allem die Unsicherheit, die so viel erklärt. All das ist da."

Weitere Artikel: Nicola Shulman macht sich Gedanken über das Alter des grünbestrumpften, oft von Frauen dargestellten Peter Pan, der vor genau 100 Jahren von J. M. Barrie erdichtet wurde. Der kann eigentlich "kein kleiner Junge sein, weil er alt genug ist, um bei Wendy, Tiger Lily und Tinker Bell, einer maulfaulen 'gewöhnlichen Fee', die ein Neglige als Abendgaderobe bevorzugt, ... amouröse Hoffnungen zu wecken". Nicolas Barker hat sich in den sechzig Bänden des Oxford Dictionary of National Biographie verloren. James Hall nimmt die große Rafael-Ausstellung in der National Gallery in London zum Anlass, diverse Publikationen zum Thema zu sichten. Leider nicht online: George Steiner rezensiert Rüdiger Safranskis Schiller-Buch und Adam Feinstein widmet sich dem neuen Buch von Garcia Marquez.
Stichwörter: George Steiner

New York Times (USA), 12.12.2004

Laura Miller hat eine Internetseite gefunden, die sich zu besuchen lohnt. Die Zeitschrift Paris Review stellt unter dem Titel The DNA of Literature in den nächsten Monaten all ihre Interviews mit Schriftstellern online, beginnend mit den Fünfzigern. In diesen Gesprächen, schwärmt Miller, "haben die Schriftsteller des 20. Jahrhunderts Bemerkungen gemacht, die wir noch heute zitieren - dort sagte Faulkner (mehr): 'Wenn ein Schriftsteller seine Mutter ausrauben muss, wird er nicht zögern; die Ode on a Grecian Urn ist jede alte Frau wert'."

Anlässlich einer von der Tochter betreuten Neuausgabe von Sylvia Plaths Gedichtband "Ariel" erinnert sich Erica Jong ("Angst vorm Fliegen") daran, wie es war für eine Frau, die in den 60er Jahren schriftstellerische Ambitionen hatte. Der Kritiker Anatole Broyard erklärte den Studentinnen in Barnards, sie hätten nicht die nötige Lebenserfahrung, um Schriftstellerinnen zu sein. "Wir betranken uns nicht in den Bars von Pigalle oder nahmen Prostituierte in heruntergekommene Left Bank Hotels oder liefen mit den Stieren in Pamplona. Unser Leben war zu beschränkt. Wir tranken nicht genug. (Noch nicht jedenfalls.) Wir kotzten nicht auf die Straße (Noch nicht, jedenfalls.) Wir waren 'verdammt', zukünftige Ehefrauen zu sein. Gezähmte Tiere, zukünftige Mütter (viele Male, wie sich herausstellte), wir fuhren nicht im angemalten Bus von Neal Cassady oder rezitierten Blake mit Ginsberg oder rissen auch nur Barnard-Mädchen auf, wie es Broyard tat. Wir waren zu damenhaft."

Weiteres: Cristina Nehring klagt in ihrem Brief aus Paris über den schwachen Bücherherbst in Frankreich und liefert en passant eine nette Beschreibung der intensiven Beziehung zwischen Lesern und Schriftstellern im Hoheland der Kultur. Red Grooms liest Mark Stevens' und Annalyn Swans Biografie des Künstlers Willem de Kooning und kommt aus dem Bewundern nicht mehr heraus. "Er war so ein wilder Mann, dabei immer ein Vagabund, aber seine Errungenschaften werden größer und größer, je mehr wir von seiner Geschichte wissen." (Hier ein paar Fotos von de Kooning und seinen Werken.) John Leonard bespricht Amos Oz' "A Tale of Love and Darkness". Als Einführung in die iranisch-amerikanischen Beziehungen hält Ernest R. May Kenneth Pollacks "The Persian Puzzle" (erstes Kapitel) für "konkurrenzlos". Jonathan Teppermann gibt einen Überblick über die Neuerscheinungen, die sich aus jeweils verschiedenen politischen Perspektiven mit dem Phänomen des Antiamerikanismus beschäftigen. "Bewundernswert", wie "frisch" Teresa Riordan ihre Geschichte der weiblichen schönheitssteigernden Utensilien "Inventing Beauty" (erstes Kapitel) angegangen ist, lobt Liesl Schillinger. Und hier die Liste der zehn besten Bücher des Jahres.


Im New York Times Magazine widerspricht Michael Ignatieff der Annahme von Präsident Bush, dass mit der Verbreitung der Demokratie Gottes Werk vollbracht wird. Er zählt aber gute Grunde auf, warum es langfristig keine Alternative zur Demokratisierung gibt. "Für Demokratie zu werben, ist riskant, aber Autokraten zu unterstützen, verschiebt nur den Tag, an dem man dem Volkszorn entgegentreten muss. Während des Kalten Krieges unterstützten die Vereinigten Staaten autoritäre Regimes wie das des Schah im Iran, was die USA auf die falsche Seite eines Volksaufstandes brachte, die Revolution von 1979. Die Vereinigten Staaten haben seither den Preis dafür bezahlt, mit Terrorismus, der Verbreitung nuklearer Waffen und Feindseligkeiten."

Den Großteil des Magazins füllt eine Liste der Ideen des Jahres von A bis Z. Clive Thompson berichtet etwa von robotergestützten Untersuchungen in Frankreich, um herauszufinden, wie man am besten einen Stein übers Wasser hüpfen lässt. "Um die rekordbrechenden 41 Male zu schaffen, müsste man einen Stein von zehn Zentimeter Durchmesser mit 60 Meilen pro Stunde und einem Winkel von zehn Grad loswerfen. Man sollte diesen Trick auch auf einem spiegelglatten Teich versuchen, da die Tests der Wissenschaftler in einem perfekt ruhigen Experimentaltank gemacht durchgeführt wurden. Die Wissenschaftler geben zu, dass ihre Erkenntnis wahrscheinlich keinen praktischen Nutzen hat."