Gustaw Herling

Welt ohne Erbarmen

Cover: Welt ohne Erbarmen
Carl Hanser Verlag, München 2000
ISBN 9783446199347
Gebunden, 338 Seiten, 25,05 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hansjürgen Wille. Nach der polnischen Ausgabe vollständig revidiert von Nina Kozlowski. Mit einem Vorwort von Bertrand Russell. Als Gustaw Herling 1940 versuchte, aus Warschau über Litauen zur polnischen Armee in Frankreich zu gelangen, wurde er vom NKWD verhaftet und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er wurde im Lager Jercewo interniert und lebte dort unter schwersten Bedingungen eineinhalb Jahre. In eindringlichen Bildern und Episoden erzählt er vom Alltag des Lagerlebens, von Folter und Denunziation, von Willkür und Gewalt, aber auch von wunderbaren Beispielen der Menschlichkeit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2001

Autor zu entdecken! Mit einer recht weitläufigen Doppelbesprechung von "Welt ohne Erbarmen" und "Tagebuch bei Nacht geschrieben" (beide bei Hanser erschienen) stellt uns Andreas Breitenstein den polnischen Schriftsteller Gustaw Herling vor. Breitenstein geht es allerdings darum, uns den ganzen Menschen Herling nahezubringen, und so lesen wir eigentlich dessen Lebensgeschichte, unterbrochen immer wieder von Hinweisen auf die Verarbeitung seiner Erfahrungen im Gulag ("Welt ohne Erbarmen") und später dann als Autor in England, Deutschland und Italien, wie sie das "Tagebuch" festhält. Was der Rezensent an Herling im wesentlichen schätzt, sind zum einen dessen "Klar- und Tiefblick", die Fähigkeit, "als direkt Betroffener den inneren Kreis der Lagerhölle mit der Objektivität des Außenstehenden zu beschreiben" und auf diese Weise eine politisch intelligente und poetisch sensible "Pathologie des Kommunismus" zu unternehmen. Zum andern sind es die schillernde Intellektualität, der geistesgeschichtliche Bezugsreichtum und die Modernität der seit vergangenem Jahr in Auszügen vorliegenden Chronik der Jahre 1971-1996. Weshalb sich die beiden Werke Herlings dennoch so wenig ins Bewusstsein der deutschsprachigen literarischen Öffentlichkeit eingebrannt haben, kann sich Breitenstein kaum erklären. Ein merkwürdiger Vorwurf, wenn man bedenkt, dass die NZZ Herling als letzte große deutschsprachige Zeitung besprochen hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Schockiert und entsetzt ist Fritz J. Raddatz von diesem Buch, das den Schreckensalltag im sowjetischen Arbeitslager beschreibt. So unerträglich die Lektüre ist, so `dringend` empfiehlt er es den Lesern. Der polnische Autor, der nicht nur von den Deutschen verfolgt, sondern auch von den Sowjets interniert wurde, erreiche in seinem Buch eine `Intensität des Grauens`, die es von anderen Berichten dieser Art unterscheide. Eine weitere Ursache für das `Ergreifende` dieses Textes sieht der Rezensent in den Fragen, die der Autor stellt: wie eine Ideologie das Zerbrechen von `Menschenmaterial` für eine politische Utopie rechtfertigen konnte und, noch unverständlicher, wie so viele Lagerinsassen bis zum Schluss an den Kommunismus glauben konnten. Darin vor allem sieht Raddatz den `Rang` des Buches, das mit seinen Fragen ein `düsteres Geheimnis berührt`.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Offensichtlich tief beeindruckt von den geschilderten Szenen stellt Rezensent Michael Grus diesen autobiographischen Bericht des polnischen Autors Gustaw Herling vor, der hier seine zweijährige Gefangenschaft in einem sowjetischen Straflager Ende der dreißiger Jahre erzählt. Grus hält das Buch für unvermindert aktuell. Die Schilderung von Einzelschicksalen gebe den Gefangenen ihre Individualität zurück, "auf deren Zerstörung das Konzept des stalinistischen Strafvollzugs hinausläuft". Grus merkt an, dass die Rezeption dieses und vergleichbarer Berichte habe eine interessante Wirkungsgeschichte hat, da sie im Westen bei Intellektuellen zunächst auf viel Skepsis, ja geradezu auf "`die Weigerung, Wissen anzunehmen`" gestoßen waren.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.08.2000

Nach Verena Auffermann wird sich nach der Lektüre dieses Buchs niemand "unbeeindruckt davonschleichen" können - gerade angesichts der aktuellen Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Zunächst aber merkt die Rezensentin an, dass das Buch bereits 1953 zum ersten Mal in Deutsch erschienen ist und die damalige Übersetzung aus dem Englischen nun mit Hilfe der polnischen Originalausgabe bearbeitet wurde. Auffermann hebt einige Aspekte des Buchs als besonders beeindruckend hervor. So weiß sie sehr zu schätzen, dass Herling ausschließlich über das berichtet, "was er selbst erlebt hat"- die Zeit vorher bleibt außen vor, etwas wodurch sich Herling von Alexander Solschenizyn unterscheidet. Darüber hinaus betont die Rezensentin Herlings Position eines Beobachters, der ähnlich wie ein "Dokumentarfilmer" die Ereignisse schildert, nur dass Herling hier selbst zu den Beschriebenen gehörte. Aber auch überraschend poetische Passagen hat Auffermann entdeckt. Solche Augenblicke erscheinen ihr wie ein "Atemholen" des Autors, mit denen er die Schilderungen des Lagerdaseins bisweilen unterbricht. Insgesamt geht es in diesem Buch - wie Auffermann betont - nicht primär um die Schuldfrage. Vielmehr habe sich Herling selbst auch immer wieder die Frage gestellt, "wie sich der Mensch verhält, wenn er nicht wie ein Mensch behandelt wird".
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