Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
23.06.2003. In der Lettre genießt der Schriftsteller Peter Zilahy das Menü "Drei schrille Schreie". The New Republic fühlt sich von der Bush-Regierung hintergangen. In L'Espresso ärgert sich Andrej Stasiuk über die polnische Regierung und die EU. In Profil ärgert sich Verleger Alfred Goubran über die Literaturbetriebsschickeria in Klagenfurt. Im Spiegel ärgert sich Peter Schneider über ein besserwisserisch-geschwätziges Europa a la Habermas. In der London Review of Books ärgert sich Edward Said über die Road Map. Und im Nouvel Obs bescheinigt Jean Baudrillard den Autoren der Matrix, seine Theoreme des Virtuellen missverstanden zu haben.

Lettre International (Deutschland), 01.07.2003

Wie immer viel Stoff in der besten deutschen Kulturzeitschrift! Olaf Arndt, Mitglied der Künstlergruppe BBM (Beobachter der Bediener von Maschinen) macht sich Gedanken über die Neuentwicklung "intelligenter" Waffen für die Innere Sicherheit, die zwar nicht mehr töten, aber "weit mehr verletzen als das Schamgefühl". Er fragt sich, was diese als "human" bezeichneten Waffen, die lediglich "Schlaf, Schmerz, Blindheit, Lähmung, Erbrechen oder spontane Defäkation" verursachen, über den Zustand unserer Kultur aussagen mögen: "Was erlebt eine Person, die von 500 000 Volt getroffen wird, die sich in einem durch UV-Laser ionisierten Luftraum über 200 Meter Distanz in ihren Körper entladen? Ist das die lange erwartete Humanisierung der berüchtigten Grenzschutzmine, die aus einem mit Sprengstoff gefüllten Behälter 5 000 Mikropfeile an dünnen Kabeln in den Körper des Opfers jagt und es so lange, wie die Batterie hält, bei vollem Bewusstsein lähmt?" Arndt beschreibt anschaulich die Wirkungen mehrerer der nicht-letalen Waffensysteme und prophezeit eine neu entstehende "Mythologie der Polizei im 21. Jahrhundert".

Carl von Siemens liefert eine Reportage über das Kultspektakel "Burning Man" in der Wüste Nevadas. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende wird dort eine zweieinhalb Meter hohe Holzfigur verbrannt. Menschen aus der ganzen Welt reisen an, um auf dem ausgetrockneten Bett eines Salzsees bei Temperaturen bis zu 40 Grad ihre "alternative Version des amerikanischen Traums" auszuleben. "Dieses Land hat einen seltsamen Effekt auf die Besucher aus San Francisco. Die Einsamkeit verkleinert und vergrößert sie gleichzeitig. Sie schließen die Augen und beginnen zu rennen, in der Gewissheit, dass es für Meilen und Meilen nichts gibt, worüber man fallen kann. Das alkalische Mehl kleidet ihre Füße in gespenstische Stille. Sie mögen sich die Seele aus dem Leib schreien, aber es gibt kein Echo und niemanden, der sie hört. Vielleicht reißen sie sich einfach die Kleider vom Leib und beginnen zu ficken. Dann kugeln sie wie Kinder über den Boden, und als sie wieder aufstehen, hat der Staub ihnen das Aussehen von Kannibalen verliehen."

Im Schwerpunkt Australien erklärt der australische Romancier David Malouf, was die weißen Australier von den Ureinwohnern unterscheidet: Die Neuankömmlinge aus Übersee hätten den Kontinent immer als Insel betrachtet. "Keine Gruppe australischer Ureinwohner, wie alt und tief ihr Wissen von dem Land auch je gewesen sein mag, kann die Landmasse jemals auf diese Art gesehen haben. Das erzeugte einen trennenden Unterschied." Der Künstler Paul Carter räsoniert über "Papageien des Paradieses in der mythischen Topographie Australiens". (Leider findet sich in dem Auszug, den wir im Netz lesen dürfen, kein einziger Papagei.)

Weitere Artikel: Slavoj Zizek versucht zu erklären, warum eine irakische Demokratie nach westlichem Vorbild für die USA "einer geopolitischen Katastrophe" gleichkäme. Die russische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch erzählt das Schicksal einer Liebe in Russland. Stuart Pigott beschreibt in einer ausführlichen Reportage die sich nach und nach von Europa emanzipierende Weinkultur des Napa Valley in Kalifornien.

Nur im Print: Politische Denkanstöße gibt der französische Philosoph Jacques Ranciere mit seinem Essay über die Demokratie und "die Logik des Dissens". Der tunesische Intellektuelle Abdelwahab Meddeb schreibt in seinen Chroniken zur Irak-Intervention über Gründe, Motive und Folgen für West und Ost. Michael Maar klärt Missverständnisse in Thomas Manns "Doktor Faustus" auf, und Armin Wertz zeichnet das Leben des vielseitigen Künstlers Walter Spies (1895-1942, mehr hier und hier) nach, der lange auf Bali lebte. Den Schnee entziffert der Philosoph Michel Onfray ("Theorie des verliebten Körpers") bei den Schamanen der Inuit.

Und dann noch dies: Der Schriftsteller Peter Zilahy beschreibt mit makabrem ungarischen Humor seine Beobachtungen auf einer kulinarischen Reise durch China. Tiere kommen in chinesischen Restaurants demnach oft noch lebend auf den Tisch, so auch die Rattenembryos im Menu "Drei schrille Schreie". Der Name, erläutert Zilahy, ist der Tatsache geschuldet, dass "das lebendige Tier seinem Missfallen darüber Ausdruck verleiht, dass es A: mit den Essstäbchen gepackt wird, B: in die Sojasauce getunkt wird und C: im Mund verschwindet".

New Republic (USA), 30.06.2003

In einem riesigen Hintergrundartikel analysiert das an sich kriegsfreundliche Magazin die Argumentation der Bush-Regierung für einen Krieg und kommt zum Schluss, dass sie auf Lügen und Übertreibungen beruhte: "Die Regierung ignorierte oder unterdrückte Uneinigkeit in den Geheimdiensten und drängte die CIA, ihre Lieblingsversion von der irakischen Bedrohung zu stützen. Außerdem versuchte sie, internationale Waffeninspektoren zu diskreditieren, deren Untersuchungen ihre Behauptungen zu unterminieren drohten. Drei Monate nach der Invasion mögen die Vereinigten Staaten noch chemische und biologische Waffen entdecken. Aber sie werden wohl kaum Hinweise auf ein Atomprogramm oder Verbindungen zu Al Qaida finden... Wie auch immer: Für die amerikanische Demokratie ist es wesentlich, dass die Amerikaner ihr Wissen ehrlich darstellten. Bis jetzt sieht es so aus als hätten sie dies nicht getan. Der amerikanischen Demokratie könnte das auf Jahre hinaus schaden."

In einem Kommentar legen die Redakteure der Zeitschrift noch einmal ihre kriegsfreundliche Position dar, die vor allem auf der Annahme eines irakischen Atomprogramms beruht habe. Da nichts gefunden wurde, "ist eines der Hauptargumente des Magazins für den Krieg geschwächt worden", wie man in bemerkenswerter Offenheit zugibt. Dennoch revidiert das Magazin seine bellizistische Position nicht: "Dieser Krieg, für den mit betrügerischen Argumenten geworben wurde und der somit der Demokratie daheim schadete, mag Demokratie in eine der Ecken der Welt bringen, die sie am dringendsten braucht."
Archiv: New Republic
Stichwörter: CIA

Spiegel (Deutschland), 23.06.2003

Viel zu lesen diesmal. Der Schriftsteller Peter Schneider teilt in einem Essay heftig an beide Seiten aus: die Gegner und die Befürworter eines Irakkriegs. Am Ende plädiert er für eine neue Arbeitsteilung zwischen Europa und den USA: "Der anmaßende und selbstgerechte Stil der gegenwärtigen amerikanischen Administration sollte von den Europäern als eine Gelegenheit wahrgenommen werden, sich endlich ein politisches Gesicht zu geben. Die erste Bedingung für diesen Qualitätssprung wäre freilich die Verabschiedung von einer Arbeitsteilung, aus der Europa viel falsches Selbstbewusstsein zieht: Wenn es darauf ankommt, sagen wir, verstehen sich die Amerikaner nur aufs Schießen und aufs Bomben, wir schicken dann die Sanitäter und bauen wieder auf. Die Überzeugung, dass 'das Böse', von dem die Amerikaner so gern sprechen, nur eine amerikanische Obsession sei, ist selbstverständlich eine europäische Illusion. Ein neues Europa mit der alten Arbeitsteilung - es wäre nur das alte, besserwisserisch-geschwätzige und ohnmächtige Europa."

Alice Schwarzer fordert anlässlich des "Kopftuchstreits", der demnächst vom Bundesverfassungsgericht entschieden werden muss, "endlich Schluss zu machen mit der gönnerhaften Pseudotoleranz - und anzufangen mit ernsthaftem Respekt." Kopftücher in Schulen zu tolerieren, würde ein fatales politisches Symbol setzen, meint Schwarzer. Das Kopftuch sei kein Ausdruck freier Religionsausübung, sondern - weil kein zwingender Bestandteil islamischer Religösität - vor allem ein Mittel zur Unterdrückung muslimischer Frauen. Auch die klagende Lehrerin Ludin ist, wie Schwarzer zu belegen versucht, eine politisch motivierte Fundamentalistin.

Weitere Artikel: Dieter Bednarz schreibt über die Lage im Iran. "Etwa zwei Drittel der 70 Millionen Iraner sind jünger als 30 Jahre, leiden unter Arbeits- und Perspektivlosigkeit, jeder zweite ist ohne festen Job. Das ganze Ausmaß der Frustration lassen die Ausschreitungen der vergangenen Woche allenfalls erahnen." Und er zitiert den Chef des exil-iranischen Senders NITV: "Iran kann sich jetzt befreien". Im Interview verrät Hamas-Führer Mahmud al-Sahar in einem abgründigen Moment, wonach er den Erfolg seiner Terrororganisation bemisst. Früher, sagt er, "entsprachen einem getöteten Israeli etwa 20 palästinensische Opfer. Heute ist das Verhältnis eins zu drei." Bernhard Zand berichtet, dass der neue amerikanische Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, sich von den irakischen Oppositionsgruppen abwendet. Und Thomas Schulz berichtet, wie gerade das Großprojekt der deutschen Musikindustrie zu scheitern droht, dem Apple-Vertrieb von Musik im Internet Konkurrenz zu machen.

Im Print: der Regisseur Rassul Sadr-Ameli ("I'm Taraneh, 15") spricht über die Demonstrationen in Teheran. Ein Bericht stellt die Initiative "Film 20" vor, die private Geldgeber für deutsche Kinofilme auftreiben will. Und der Titel? Schwamm drüber.
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Archiv: Spiegel

Nouvel Observateur (Frankreich), 19.06.2003

Der Nouvel Obs widmet dem Phänomen "Matrix Reloaded" ein ganzes Dossier. In einem Interview erklärt der Philosoph und Soziologe Jean Baudrillard (mehr hier), was er von der expliziten Verwendung seiner Theoreme des Virtuellen und der Simulation im Film hält: "Im Grunde liegt hier das gleiche Missverständnis vor wie bei den simulationistischen Künstlern der Achtziger in New York. Diese Leute halten die Hypothese vom Virtuellen für eine Tatsache und übertragen sie in sichtbare Fantasmen. Aber das Wesen dieses Universums besteht gerade darin, dass die Kategorien des Realen nicht dazu taugen, darüber zu sprechen."

Weitere Deutungsversuche liefern der Schriftsteller Stephane Zagdanski (hier), der Romancier und Essayist Jean-Michel Truong (hier) sowie der Philosophiedozent Elie During (hier), und in einem fiktiven Dialog zeigen die Filmfiguren Neo und Fanfan la Tulipe, wie groß der "Kulturschock" zwischen zwei Superhelden aus einem Cyberthriller und einem "französischen Ausnahmefall" wirklich ist.

Weitere Artikel: Im Debattenteil fragt sich anlässlich des Buchs von Moshe Lewin über die Geschichte der UdSSR ("Le Siecle sovietique", mehr hier) die Gründerin der italienischen Zeitung il Manifesto, Rossana Rossanda, wie Stalin zu beurteilen sei, und der ehemalige französische Premier Laurent Fabius kritisiert die "seltsame Milde" gegenüber Fidel Castro, der für ihn - zumal nach der letzten Repressionswelle - "schlicht ein Diktator" ist. Zu lesen ist ein Interview mit Ursula Vian Kübler, Witwe von Boris Vian (mehr hier), von dessen Gesamtwerk gerade die letzten beiden Bände erschienen sind (Fayard). Vorgestellt wird außerdem ein Band mit Abschiedsbriefen, die während der Okkupation von der Gestapo zum Tode Verurteilte an ihre Familien geschrieben haben ("La Vie a en mourir. Lettres de fusilles 1941-1944", Tallandier).

Literaturen (Deutschland), 01.07.2003

Diese Ausgabe von Literaturen widmet sich "old Europe": Sigrid Löffler und Michael Rohrwasser haben Romane und Erzählungen aus Deutschland, Polen, Ungarn oder Tschechien daraufhin untersucht, wie sie mit der jüngsten Geschichte Europas umgehen. Während Karl Schlögel (mehr hier) dem Glanz des alten Kontinents anlässlich der Berliner Europa-Ausstellung (mehr hier) huldigt, unternimmt Gustav Seibt (mehr hier) eine politische Verortung Europas zwischen Amerika und dem Islam. Dies alles ist nur in der Printausgabe zu lesen.

Auch das Literaturen-Special, das diesem Doppelheft beiliegt, ist den wechselseitigen Wahrnehmung von Alter und Neuer Welt gewidmet - dem Roman "Handbuch für einen russischen Debütanten" des russisch-jüdisch-amerikanischen Autors Gary Shteyngart. Im Vorgriff auf den Russland-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2003 veröffentlicht Literaturen einen Auszug. (Einen Auszug aus der Originalversion finden Sie hier.)

Im Internet lesen dürfen wir Frauke Meyer-Gosaus anregende Besprechung des vierten Bandes der Tagebücher von Virginia Woolf. Der Band aus den Jahren 1931-1935 beweise, dass Woolf keine Ähnlichkeit mit der deprimierten Tranttüte hat, die der Film "The Hours" von der Schriftstellerin entwarf. "Die Filmmacher hätten einen Blick in die Tagebücher werfen sollen, um einen Eindruck von Woolfs lebendigem intellektuellen Leben im London der dreißiger Jahre zu bekommen. Dort hätten sie energiesprühende Sätze gefunden: "Laß das ganze Lob & den ganzen Tadel auf den Grund sinken oder an die Oberfläche steigen & laß mich unbekümmert meiner Wege gehen. Und Menschen zugetan sein. Und losfeuern, im Leben, in alle Richtungen." Für Meyer-Gosau beschreiben diese Sätze zugleich, "was die Lektüre der Tagebücher von Virginia Woolf zu einer Glücks-Erfahrung macht: ihre irritierbare, aber ungebrochene Lust an einer intensiven Existenz - am Schreiben und Leben."

Nur im Print: Wolfgang Schneider porträtiert den niederländischen Romancier Willem Frederik Hermans. Manuela Reichart liefert eine Liebeserklärung an die irische Autorin Elizabeth Bowen. Und ein Text widmet sich "ganz großen Gefühlen": Es geht um die Probleme von Teenagern und das Leben der Ulrike Meinhof.
Archiv: Literaturen

Espresso (Italien), 26.06.2003

Umberto Eco schwärmt in seiner Bustina vom amerikanischen Comic-Künstler Art Spiegelman (mehr), der bei einem Besuch in Mailand "auf einen Aperitif" bei Eco vorbeischaute. Spiegelman wunderte sich, warum manche alten amerikanischen Comics wie "The Phantom" und "Flash Gordon" (alles) in Italien immer noch so ungewöhnlich populär sind. Eco erklärt das einerseits mit Nostalgie, andererseits mit Politik (ein Aufsatz zu dem Verhältnis von Comics und Faschismus in Italien hier). "Verglichen mit den Comics des Mussolini-Regimes (es genügt Dick Fulmine anzuführen, Romano den Legionär, die Halbstarken des 'Correire die Piccoli', die die Zivilisation nach Abessinien brachten oder unglaubliche Heldentaten vollbrachten, mit den Falangisten gegen die grausamen roten Milizen), kam Gordon zu den Italienern und zeigte ihnen, dass man für die Freiheit des Planeten Mongo kämpfen konnte, gegen ein abscheuliches und blutrünstig autokratisches System wie das der Ming, dass das Phantom nicht gegen die Farbigen kämpfte, sondern mit ihnen, um die weißen Abenteurer zu besiegen."

Andrzej Stasiuk (mehr) deutet in seinem wütenden Essay das überwältigende Ja der Polen zum EU-Beitritt vor allem als 'Nein' gegen "die heutigen Eliten in der Regierung, die korrumpiertesten, arrogantesten, unfähigsten und auch noch dümmsten in der vierzehnjährigen Geschichte des unabhängigen Polens. (...) Man kann zwar die Stimmen zählen. Niemand zählt jedoch jene, die mit einer Geste aus purer Verzweiflung 'Ja' gestimmt haben, weil ihnen alles andere erträglicher erschien als die aktuelle Situation, die Misere, die Arbeitslosigkeit und die totale Auflösung des Staates."

Weitere Artikel: Kevin Kelly, Mitbegründer des High-Tech-Visonsblatts Wired, schildert in der Titelgeschichte, wie Gentechnik und Informatik sich verbünden, um das Geheimnis aller Geheimnisse zu lüften: "Noch ist nicht klar, ob Gott das grundlegende Programm, der Orignalcode oder der erste Programmierer ist. Oder ob er das unfassbar Andere ist, die außerkosmische Maschine, die das Universum schafft." Lorenzo Soria widmet sich mit Hingabe dem Mythos der oberflächlichen, eitlen Blondine, der gerade umgekrempelt wird. Jetzt schon im Kino, morgen auch im richtigen Leben. Monica Maggi macht an zwei Beispielen deutlich, wie Sex a la Freud Kultur schafft: eine Schule für professionelle Begleitdamen und ein legendäres Bordell, das zum Museum wird.
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 19.06.2003

Für die London Review of Books liefert Edward Said (mehr hier) einige Anmerkungen zur Road Map, die für ihn weniger ein Plan zum Frieden als vielmehr zur Befriedigung ist. "Es geht allein darum, das Problem Palästina loszuwerden. Deshalb die ständige Wiederholung des Begriffs 'Performance' in der hölzernen Prosa des Dokuments - womit allein das Verhalten der Palästinenser gemeint ist: Keine Gewalt, keine Proteste, mehr Demokratie, bessere Politiker und Institutionen. All dem liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Heftigkeit des palästinensischen Widerstands das eigentliche Problem ist und nicht die israelische Besatzung, gegen die er sich richtet. Von Israel wird nichts Vergleichbares erwartet, abgesehen davon, dass die als 'illegale Vorposten' bekannten Siedlungen aufgegeben werden müssen (eine völlig neue Klassifizierung, die suggeriert, dass die anderen legal sind). Kein einziges Wort darüber, was die Palästinenser seit 1948, und noch einmal verstärkt seit 1967, unter israelischer und amerikanischer Ägide erlitten haben. Nichts über die Abwicklung der palästinensischen Ökonomie, die mindestens 5.000 Gefangenen, die Politik gezielter Tötungen, die Abriegelungen seit 1993, die gesamte Zerstörung der Infrastruktur, die unglaubliche Zahl von Toten und Verstümmelten - all dies ging ohne ein Wort durch."

Ziemlich verärgert kommentiert John Sturrock Tony Blairs Geständnis in kleiner Runde, wonach es der eigentliche Zweck des Irakkrieges gewesen sei, Staaten wie Syrien oder dem Iran eine Lektion zu erteilen, als um die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.Diese waren eher der Rote Hering. "Wenn das stimmt, ist es - gelinde gesagt - irritierend, dass Blair dies nicht erwähnt hat, als er zum Parlament, zur Nation oder zu den Soldaten sprach, deren Leben er im Irak aufs Spiel setzt."

In einem weiteren sehr lesenswerten Artikel verteidigt Terry Eagleton George Orwell (mehr hier und hier) gegen seine Bewunderer vom Schlage eines Christopher Hitchens ("Orwell's Victory" und "Why Orwell Matters") ebenso wie gegen seine Biografen. Vor allem Scott Lucas zeichne in "Life and Times" das Bild eines zweitklassigen Schriftstellers, eines antisemitischen, antiintellektuellen, homophoben "kleinen Engländers", dessen Fantasien von Big Brother und herrschende Schweine nicht über reißerische Stereotypen hinausreichten. Nina Auerbach bedauert, dass Sally Clines Biografie über Zelda Fitzgerald der Dame das Recht auf ein eigenes Versagen abspricht und ihrem Mann Scott die Verantwortung für alles zuschreibt. Dabei war es für Auerbach Zeldas eigene Entscheidung, lieber vergnügt zu dilettieren, als hart zu arbeiten. Jenni Disky empfiehlt wärmstens Alan und Iris Macfarlanes Kulturgeschichte des Tees "Green Gold". Andrew O'Hagan feiert den Grafik-Designer Peter Saville, dem das Londoner Design Museum eine Ausstellung widmet.

Profil (Österreich), 23.06.2003

Im neuen profil-Heft äußert sich der Schriftsteller und Verleger Alfred Goubran (Autor des "Pöbelkaiser" und Gründer der Wiener edition selene) über die "Viehauktion zu Clagenfurth", den zum 27. Mal stattfindenden Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (Tage der deutschsprachigen Literatur, 25.bis 29. Juni.). Verleger Goubran hat unter anderm zwar den Bachmann-Preisträger 2001 Michael Lentz im Programm, sieht aber nur jedes Jahr die sich selbst inszenierende "Literaturbetriebsschickeria auf Urlaub" in die "Kärntner Bonsaikulturlandschaft" an den Wörthersee reisen. Es seien jene, "die von der Vernutzung von Literatur und Autoren existenziell abhängig sind und für die der Autor nur im Kalkül der Profitmaximierung und des gesellschaftlichen Statuserhaltes existiert, für diese Leute ist der Autor Stückvieh. Aber die Vernutzer wie die Vernutzten sind in Ferienlaune. Die Veranstalter betreuen sie wie Animateure. Gemeinsame Abendessen, Bürgermeisterempfang, Fußballspielen. (?) Texte werden besprochen. Immerhin. Ein Nachhall. Von dem, was Literatur sein könnte. Moderatoren halten ihre Gesichter in die Kameras. Journalisten sind interessiert. Auch Verlage. Man isst im Loretto. Uschi Glas wird aus einem der vorbeischaukelnden Boote aus Übermut ins Wasser fallen ?"

Eckhard Henscheid erhält schon zu Lebzeiten eine Gesamtausgabe, die mit zwei Romanen und einem "'Wuchtbrummer' Polemiken stark Karl-Kraus'schen Eingedenkens" gestartet wird. profil hat den "kompetentesten Kenner" des Werks um eine Würdigung gebeten: Eckhard Henscheid selbst, der sich nun in die Rolle des Klassikers gedrängt sieht: "Klassiker: Das bedeutet, zu Recht oder Unrecht und durch unendliche Begriffskonfusionen hindurch, ja nicht allein Denkmal, sondern auch einen starken Hauch Gestorbenheit; Totheit schon zu noch recht kreglen Lebzeiten. Nun, an mir soll?s nicht liegen, ich werde nicht fehlen, durch möglichst vitales Weiterkrähen in allen Medien von der Groupiebetreuung zu schweigen, Elan extrem vital nachzuweisen und ? aber mal ganz seriös: lebende Klassiker - gibt es das überhaupt?" Nein, gibt's nicht.
Archiv: Profil

New Yorker (USA), 30.06.2003

Die Zeitungsredaktion als Haifischbecken: Elizabeth Kolbert hat sich in der Redaktion der beharrlich als ehrwürdig geltenden New York Times umgesehen, und berichtet über Klatsch, Rivalitäten und die "chronische Unsicherheit", die das "Los" jedes Times-Reporters sei. Sie zitiert in ihrem Text unter anderem den einstigen Mirtarbeiter und heutigen Geschichtsprofessor Robert Darnton, der die Redaktion als einen "rigide hierarchisierten, fast neurotischen Ort des Standesbewusstseins" beschreibt. Demnach "besetzten" die Starreporter den vorderen Teil des Nachrichtenraums, während die jüngeren - die "greenhorns" - an dessen Ende verbannt seien. Darnton schrieb: "Ständige Unsicherheit erzeugt Verbitterung. Während die Reporter gegeneinander um die Anerkennung der Redakteure kämpfen, entwickeln sie eine regelrechte Feindseligkeit gegenüber den Männern am anderen Ende des Raums. (...) Sie fühlen sich vereint in einem 'Wir-gegen-sie-Gefühl', das sie in Saufgelagen und rüden Bürowitzen ausleben. (Ich erinnere mich an ein Geheimtreffen auf der Herrentoilette, wo einer der Reporter einige Techniken 'auf sie zu pissen' vormachte.)"

Zu lesen ist des weiteren die Erzählung "Harvey's Dream" von Stephen King (mehr hier) und Besprechungen: Adam Gopnik las mehrere neue Biografien über Benjamin Franklin, Kurzbesprechungen gibt es unter anderem zu einer Studie über den berühmten englischen Landschaftsmaler William Turner. Alex Ross berichtet über das Festival Bang on a Can, auf dem eine lose Vereinigung von Komponisten und Musikern Musik machen wollen, die "zu funky für die Akademie und zu strukturiert für die Clubs" ist. Hilton Als bespricht eine Adaption von Studs Terkels Oral-History-Protokoll "Race: How Blacks and Whites Think and Feel About the American Obsession", Joan Acocella sah neue Choreografien des American Ballet Theater und des New York City Ballet und Anthony Lane stellt neue Filme vor: den britischen Horrorfilm "28 Days Later" von Danny Boyle und den Dokumentarfilm "Bonhoeffer" von Martin Doblmeier über den von den Nazis ermordeten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer (mehr hier).

Nur in der Printausgabe: ein Text zu der spannenden Frage, ob man mit einer Wurmzucht reich werden kann, eine Reportage über den US-General Tommy Franks und die Zukunft des Militärs, ein Porträt des Regisseurs Ang Lee ("The Hulk") und dessen "inneres grünes Monster" und Lyrik von John Updike und Mary Karr.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 30.06.2003

Anita Pratap hat zwei Jahrzehnte lang über Indiens Konflikte berichtet und genug gesehen für ein paar grundsätzliche Worte: "Als Nation sind wir herausragend im Krisenmanagement. Wenige Länder der Welt wären mit dem Stress zurechtgekommen, den Indien seit der Unabhängigkeit durchstehen musste - Armut, Krankheit, Korruption, Bevölkerungsexplosion, sektiererische Gewalt, Naturkatastrophen, politisch motivierte Attentate. Wir haben diese Probleme nicht besiegt, aber zumindest haben wir sie überlebt. Das Problem ist, dass wir furchtbar schlecht sind, wenn es um Krisenprävention geht." Zum Beispiel die kürzlichen Kastenunruhen in einem Dorf in Punjab ...

Seit der Unabhängigkeit steht die nordindische Stadt Ayodhya im Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen und Fragen nationaler Identität, berichtet Bhavdeep Kang. Genauer gesagt: ein Grundstück, auf dem bis zu ihrer Zerstörung im Jahr 1992 die Barbri-Moschee stand und wo Hindu-Nationalisten einen Tempel zu Ehren des Gottes Ram errichten wollen. In Ayodhya manifestiert sich Geschichte (im Augenblick sind sogar archäologische Grabungen im Gange, um die Frage zu klären, ob schon einmal ein Hindu-Tempel an der Stelle stand), noch mehr aber ist es ein Austragungsort der politischen Kämpfe der Gegenwart. Militante Hindu-Organisationen, die Vertretungen der muslimischen Bevölkerung, die hindu-nationalistische, im Moment aber um Ausgleich bemühte Regierungspartei BJP - wie kompliziert die Angelegenheit ist, noch dazu mitten in einer Wahlkampfphase, welche Frontverläufe und Koalitionen es gibt, und wie wenig absehbar im Moment eine Lösung ist, das macht dieser Artikel deutlich. Was Indiens Muslime über die Sache denken, zeigt die exklusive Umfrage, die es in dieser Wochen auf den Titel geschafft hat.

Weitere Artikel: Nitin A. Gokhale berichtet über die Probleme von Assams Teeindustrie, die sich zunehmend in Gewalt entladen. V. Sudarshan lässt anlässlich des China-Besuches von Premierminister Vajpayee die Beziehungen der benachbarten Mächte Revue passieren. Und Nilanjana S. Roy empfiehlt wärmstens den Roman "Trespassing" der pakistanischen Autorin Uzma Aslam Khan.

Economist (UK), 19.06.2003

Äußerst streng ist das Urteil des an sich europafreundlichen britischen Magazins über den europäischen Verfassungsentwurf, der letzte Woche vorgelegt wurde. "Es bestand immer ein Risiko, dass der Konvent keine besonders gute Verfassung verabschiedet", lautet ein Kommentar. "Schwerer vorzustellen war, dass der Konvent einen Text hervorbringt, der die Probleme, die er beheben soll, verschlimmert. Aber irgendwie hat er das hingekriegt. In vielerlei Hinsicht macht der Verfassungsentwurf die konstitutionelle Architektur Europas noch schwerer verständlich als bisher." In zwei Punkten zeigt sich ein Hintergrundartikel zur Verfassung besonders enttäuscht: "In gewisser Hinsicht schafft der Entwurf Institutionen, ohne ihnen Substanz zu geben. Der sogenannte Außenminister kann keine Politik über die Köpfe der Regierungen hinweg führen, die ein Vetorecht über die Außenpolitik und die Kontrolle über ihre Armeen behalten. Und die EU wird nicht fähig sein, Steuern zu erheben oder sie auch nur zu harmonisieren. Zwei zentrale Gewalten eines Staates - die Macht, Steuern zu erheben und Krieg zu führen - bleiben außerhalb der Reichweite Brüssels."

Weitere Artikel: Der Titel ist aus Anlass eines indischen Staatsbesuchs in China dem Verhältnis zwischen den beiden Riesenländern gewidmet. Ein Artikel des Dossiers ist online freigegeben. Die Inder, so der Kommentar, hätten "von den Chinesen weniger zu fürchten als sie denken". Und dann noch ein kleiner Kommentar zur Frage: "Wer zum Himmel ist Leo Strauss?" Wie nunmehr in Dutzenden von Publikationen festgestellt, berufen sich einige der Regierungsintellektuellen in Washington auf den hierzulande fast vergessenen, nach Amerika emigrierten Philosophen. "Der Aufstieg macht auch ein weiteres Mal eine kleine Kuriosität des amerikanischen Konservatismus deutlich. Trotz aller Galle, die sie über das 'Alte Europa' schüttet, hat die amerikanische Rechte ihre Inspiration stets in europäischen Denkern gefunden. Vor einigen Jahren berief sie sich auf einen österreichischen Libertär namens Friedrich Hayek (mehr hier). Und jetzt haben wir es mit einem deutschen Juden zu tun, der das alte Griechenland als Quelle aller Weisheit ansah."
Archiv: Economist

Times Literary Supplement (UK), 20.06.2003

Zum hundertsten Geburtstag von George Orwell (mehr hier) laufen die Druckerpressen auf Hochtouren. Stefan Collini findet es in seinem eigenen - leider nur auszugsweise zu lesenden - Jubiläumsartikel bemerkenswert, mit welch hohem Grad an Selbstidentifikation vor allem politische Journalisten über Orwell schreiben. Als hätten sie mit ihrem Arbeitsplatz auch gleich sämtliche Orwellschen Tugenden übernommen, die da wären: "Ehrenhaftigkeit, Tapferkeit, Klarheit, Unabhängigkeit, unverblümte Offenheit und so weiter."

Die meisten Künstler sind unwillig oder unfähig, über sich und ihre Arbeit zu sprechen, stellt der Soziologe Richard Sennett (mehr hier oder hier) ein wenig frustriert fest und nimmt dankbar zwei Bücher auf, die diese künstlerischen Verteidigungslinien ein wenig durchbrechen: John Tusas "On Creativity", für das der frühere Chef von BBC World zwölf Künstler über ihre Arbeit befragt hat, und "Parallels and Paradoxes", in dem sich Daniel Barenboim und Edward Said (der ebenfalls ein hervorragender Pianist sein soll) über die Bedeutung von Musik unterhalten haben. Besonders erfreulich findet Sennett, dass beide Bücher mehr darüber erzählen, "was Kunst schafft, als darüber, was sie bedeutet".

Karl Orend feiert die englische Ausgabe von Brassais "impressionistischen" Erinnerungen an Henry Miller, "Happy Rock", als eine ganz meisterhafte Einführung in Millers Leben und Werk. David Macdonald schließlich enthüllt ein Monument biologischer Feldforschung: Scott Creel and Nancy Marusha Creels Studie "The African Wild Dog".

New York Times (USA), 22.06.2003

Porträts und Sachbücher beherrschen diese Ausgabe. Zwei exzellente neue Biografien widmen sich legendären Seestrategen: Edgar Vincent hat mit "Nelson" (erstes Kapitel) ein Buch geschrieben, dass Hilary Spurling "in jeder Hinsicht bemerkenswert" findet, "technisch, historisch und psychologisch". Was sie aus dem meisterhaften Poträt gelernt hat: Horatio Nelsons "Entschiedenheit, zusammen mit seiner unglaublichen strategischen Kühnheit und Einfachheit, ließ ihn auf See praktisch unbesiegbar erscheinen. Hinter den Kulissen war er ebenso unwiderstehlich: sanft, höflich, überlegt, herzlich und phänomenal effizient." Wie eine Abenteuergeschichte liest sich Evan Thomas' "John Paul Jones" (erstes Kapitel) über Nelsons gleichnamigen amerikanischen Widerpart, schreibt Nathaniel Philbrick. Trotz seiner dunklen Vergangenheit schaffte es Jones, erster Lieutenant in der jungen amerikanischen Kontinentalmarine zu werden. Er verstand, "dass das Meer einen Weg bot, um den Krieg zum Ufer des Feinedes zu bringen", und "unternahm eine Serie von gewagten Kommandounternehmen". Er tat auch, was "herzlich wenige amerikansiche Marineoffiziere bisher versucht hatten - ein Schiff der Royal Navy angreifen".

Bill Keller verweist auf zwei politische Essays , die das andere Amerika jenseits der internationalen Arroganz der Bush-Regierung aufscheinen lassen. "Rogue Nation" von Clyde Prestowitz und "At War With Ourselves" von Michael Hirsh. "Beide Bücher sind multilateralistische Widerlegungen der herrschenden 'Wir über alles'-Doktrin. Beide Bände sind kurz und für eine breite Leserschaft gedacht. Beide kommen zu dem Schluss, dass der Unilateralismus der Bush-Regierung falsch ist, nicht weil er irgend einen abstrakten moralischen Code verletzen würde, sondern weil er den amerikanischen Interessen schadet."

Außerdem: Faszinierend findet Bernard Weinraub "When Hollywood Had a King" (erstes Kapitel), Connie Brucks Biografie des letzten großen Hollywoodmoguls Leo Wassermann. Auch wenn der Rezensent Brucks Stil als oft schwerfällig kritisiert, hat ihre Recherchearbeit ihn beeindruckt. Bruno Maddox empfiehlt Jasper Ffordes bizarren Roman "Lost in a Good Book" (erstes Kapitel) - der zweite Band mit der literarischen Detektivin Thursday Next - als "immens vergnügliches Lesererlebnis". Next muss sich in Klassiker hineintelepotieren, um ihren Ehemann zu retten. Taylor Antrim lobt Heidi Julavits für ihr Talent zum kreativen Detail, das sie in ihrem zweiten Buch "The Effect of Living Backwards" voll auslebt. Ihre Heldin etwa lässt sie ob der Frage, ob sie und die Passagiere die Flugzeugentführer a la 9/11 überwältigen wollen, die wunderschöne Bemerkung machen: "Wir können die Möglichkeit einer guten altmodischen Entführung nicht ausschließen. Wir dürfen die Retro-Strömungen innerhalb des Terrorismus wirklich nicht unterschätzen."
Stichwörter: Heidi, Retro