Heute in den Feuilletons

Wasser, Haselnussöl und Salz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2011. In der New York Review of Books verrät George Soros, was geschehen muss, damit der Euro eine Zukunft hat. Techcrunch bringt empörte Stimmen über die Entlassung des Chefs von... Techcrunch. Der Freitag berichtet über geheimnisvolle Zwangshandlungen in der Gattung der Kulturjournalisten. Die FAZ bringt eine Hymne auf Alice Schwarzer und einen deprimierten Artikel Gil Yarons über die Lage Israels. Die linke Zeit findet: Berlin ist bürgerlich geworden. Und wo ist Michel Houellebecq?

Welt, 15.09.2011

Marko Martin kann einem Moralisten wie Bernard-Henri Levy in Libyen ein ganzes Stück weit folgen - aber doch nicht ohne Nachfrage in die Weltgeschichte entlassen: "Ist es tatsächlich nur ein sogenannter Nebenwiderspruch, wenn aus der terroristisch national-sozialistischen 'Volks-Dschmahirija' Gaddafis nun ein tribalistischer Scharia-Staat werden könnte, aus dem man überdies schon heute Raketen schmuggelt, die vom Gazastreifen aus gegen Israel abgefeuert werden?"

Im Feuilleton kann Elmar Krekeler nicht umhin, das Entstehen der Rezepte von Ferran Adria, das in dem Film "El Bulli" dokumentiert ist, zu bewundern: "Allein der Aperitif aus Wasser, Haselnussöl und Salz braucht ein geschlagenes halbes Jahr (und beinahe die Gesamtdauer des Films), bis der Meister einigermaßen zufrieden ist - ein typischer Adria-Gang, besteht aus beinahe nichts, erzählt eine kleine Texturgeschichte, verschafft der Zunge eine unerwartete Sensation."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings prognostiziert nach der Bekanntgabe der Shortlist, dass der deutsche Buchpreis zum dritten Mal nacheinander von einer Frau gewonnen wird - aber er beklagt auch eine gewisse Rückwärtsgewandtheit vieler der nominierten Romane. Stefan Koldehoff schreibt zum Tod des Pop-Art-Veteranen Richard Hamilton. Andrea Backhaus unterhält sich mit dem deutsch-iranischen Regisseur Samadi Ahadi über den arabischen Frühling.

Besprochen werden außerdem der Film "Männerherzen", eine CD eines von Mick Jagger zusammengestellten All-Star-Ensembles und ein Buch über ein Projekt von Jochen Gerz.

Aus den Blogs, 15.09.2011

Michel Houellebecq ist verschwunden, meldete bereits gestern das französische Blog rue89 (und bis heute gibt es keinen neuen Stand). Er sollte in diesen Tagen in den Niederlanden und Belgien lesen, ist aber nicht zu Terminen erschienen, und keiner weiß, wo er ist. Die Vermutung von rue89: "Es scheint, dass Houellebecq seine Tournee hat platzen lassen und es vorzog, in der Natur und für sich zu bleiben. Mehrere Quellen behaupten, er habe sich in die Natur, nach Südspanien zurückgezogen. Keine dieser Quellen stellt für die nächste Zeit eine Rückkehr unter die Menschen in Aussicht."

Die Rausschmiss des Techcrunch-Erfinders Michael Arrington durch AOL sorgt nach wie vor für empörte Äußerungen - auch in Techcrunch selbst. Jason Kincaid zitiert eine Äußerung des Medien-Tycoons Barry Diller gegen die Entlassung des Charismatikers: "Here you buy a company for whatever they paid for it - And you buy it because it is absolutely the voice of a single person primarily, with some other people working for him - but it's Michael Arrington's voice, and you know when you buy it, that that voice is biased and mean and capable of saying anything, and is playing a hundred different games. And you know that. And that's why you buy it - because it's a good voice, and you like it. This is, to me, the definition of that rocket going up and then getting underneath... And then somebody calls you up and says, 'I'm the Editor in Chief, and you can't let him do that, because he's now in a conflict of interest."

Weitere Medien, 15.09.2011

Spekuliert er gegen den Euro? Hält er griechische Anleihen? Auf jeden Fall äußert sich der angesehene Spekulant George Soros in der New York Review of Books über die Zukunft der europäischen Währung und stellt weitreichende Forderungen auf: "There is no alternative but to give birth to the missing ingredient: a European treasury with the power to tax and therefore to borrow. This would require a new treaty, transforming the EFSF into a full-fledged treasury."

In der arte-Mediathek ist noch für wenige Tage das kürzlich ausgestrahlte Portrait über den Comiczeichner Art Spiegelman in voller Länge zu sehen:

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NZZ, 15.09.2011

Paul Andreas besichtigt die ehemalige Raketenstation Hombroich bei Düsseldorf, wo der portugiesische Architekt Alvaro Siza einen Ausstellungspavillon in die Ödnis des ehemaligen Militärgeländes gesetzt hat: "In Hombroich materialisiert sich Sizas Ansatz dadurch, dass der Flachbau aus Ziegeln zunächst einmal nahezu unsichtbar bleibt." Zum Tod von Richard Hamilton schreibt Samuel Herzog über den letzten Pop-Art Künstler, der zu jeder Zeit alles war: "ein würdiger alter Herr, ein Mann in den besten Jahren seiner Schaffenskraft und ein Kind mit lauter Flausen im Kopf."

Besprochen werden der Erstlingsfilm des kolumbianischen Regisseurs Carlos Cesar Arbelaez: "Los colores de la montana" und "The Woman with a Broken Nose" von Srdan Koljevic, ein Episodenfilm mit Alltagsbildern aus dem heutigen Serbien, Liu Xiaobos Essayband "Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass", der "das moralische Totalversagen der chinesischen KP illustriert", wie Katharina Borchardt meint (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FR/Berliner, 15.09.2011

Richtig gesprächig wird Aki Kaurismäki im Interview mit Anke Westphal. Es geht um seinen neuen Film "Le Havre" (mehr hier), um Marx, Kalifornien und den wahren Glauben: "Ich bin Katholik im Sinne von Luis Bunuel. Er ist mein Oberhaupt! Diesen spanischen Regisseur bewundere ich so sehr wie den Japaner Yasujiro Ozu. Beide sind meine Lehrmeister. Natürlich gibt es noch eine Reihe anderer großer Regisseure. Aber ich mochte immer besonders die Ironie, mit der Buñuel die Kirche behandelt hat. "

Weiteres: Brigit Walter erinnert anlässlich der Eröffnung des Tränenpalasts als Gedenkstätte an das immense Gefühl des Ausgeliefertsein. Sebastian Preuss verabschiedet den britischen Popart-Pionier Richard Hamilton. Ingeborg Ruthe schreibt zum Tod des Berliner Fotografen Arno Fischer, dem sie eine geradezu fellinihafte Bildsprache attestiert.

Besprochen werden Jan Schombergs Film "Über uns das All" und der Gangsterfilm "EasyMoney" des Schweden Daniel Espinosa.

Freitag, 15.09.2011

Michael Angele berichtet über unheimliche Symptome in der Kulturjournalistenschaft: "Dunkle Mächte zwingen mich, ­einen Artikel über die Finanzkrise zu verfassen, und weil ich mich in Fragen der Ökonomie wenig kompetent fühle, bleibt mir nichts ­anderes ­übrig, als zu schauen, wie die Kollegen diese Aufgabe meistern. Zu meiner Beruhigung sind ja kaum ausgebildete Nationalökonomen und ­Betriebswirte unter ihnen." Auch die Konsequenzen für die Spekulanten sind unabsehbar: "Gell, Finanzmarkt, da schaust du aus der Wäsche."

Außerdem schreibt Helmut Schödel eine Hommage auf den Filmemacher und Autor Richard Blank.

TAZ, 15.09.2011

Tilman Vogt stellt einen in Frankreich erschienenen Reader der 2010 gegründeten Organisation JCall vor, die sich als europäisch-jüdische Lobbygruppe gegen die derzeitige israelische Außenpolitik stellt und mit ihrem Appell an die Vernunft bekannt wurde. Versammelt sind darin Beiträge prominenter Unterstützer verschiedenster politischer Couleur wie Daniel Cohn-Bendit, Alain Finkielkraut, David Grossman und Bernard-Henri Levy, was auf interessante Einsichten hoffen lasse. "Das Ergebnis ist jedoch, zumindest aus linker Perspektive, betrüblich. Denn schon im Problemaufriss spiegelt sich bei allem Goodwill die Verfahrenheit der derzeitigen Situation."

Weiteres: Dirk Knipphals kommentiert die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Heide Oestreich hat den ersten Teil von Alice Schwarzers Biografie "Lebenslauf" gelesen, in der sie den ersten Teil ihres Lebens erzählt und in der man Schwarzer "in ihrer heutigen öffentlichen Erscheinung kaum wiedererkennt". Ulf Erdmann Ziegler schreibt zum Tod des Londoner Pop-Art-Malers Richard Hamilton, der u.a. das weiße Klappcover für das "White Album" der Beatles entwarf. Thomas Groh informiert über die Aufhebung der Beschlagnahme des Horror-Klassikers "Texas Chainsaw Massacre" durch ein Frankfurter Gericht. Und Juliane Streich gratuliert dem Leipziger Kulturzentrum Conne Island zum 20-jährigen Bestehen. Und in seiner Dvdesk-Kolumne bespricht Ekkehard Knörer Pedro Costas Film "Juventude em marcha" ("Colossal Youth") von 2006.

Und Tom.

FAZ, 15.09.2011

Schwarz in schwarz malt der Publizist Gil Yaron die aktuelle Situation Israels im Nahen Osten. Besonders bitter erscheint ihm der Aufstieg Tayyip Erdogans zum Helden der arabischen Welt: "Der neue Held der Arabellion ist ein Mann, der den Völkermord an den Armeniern leugnet; der Sudans Präsident Omar al Baschir, einem international gesuchten Massenmörder, einen Persilschein ausstellt, weil 'ein Muslim unfähig ist, einen Völkermord zu verüben'; der menschenrechtswidrigen Raketenbeschuss israelischer Städte durch die Hamas ignoriert und noch vor acht Monaten Syriens Diktator Baschar Assad als 'meinen Bruder' bezeichnete."

Eine Hymne auf Alice Schwarzer, kaum eine Kritik ihrer nun erschienenen Autobiografie ist Petra Gehrings Rezension des Buchs, das den schlichten Titel "Lebenslauf" trägt: "Dieses Buch hält fest: Die Frauenbewegung war ein Fanal der Freiheit. Sie wurde von denjenigen auf den Weg gebracht und getragen, welche den unwiderstehlichen Geschmack des Freiseins (nicht zuletzt dank ihrer Mütter) bereits gekostet hatten. Welche ihn auf der Zunge haben, auf den Lippen tragen. Welche lieben, zu Aufbrüchen, zur Arbeit und zu dröhnendem Lachen sich hinreißen lassen."

Weitere Artikel: Über die Klage der amerikanischen Authors Guild gegen US-Universitäten, die in Kooperation mit Google Bücher digitalisieren ließen, berichtet Jordan Mejias. Den als Museum neu eröffneten Tränenpalast besucht Regina Mönch - und verlässt die Ausstellung "GrenzErfahrungen" mit der Hoffnung, dass sie dem Museum am Checkpoint Charlie mit seinen "schrägen Geschichtsdeutungen" den Rang ablaufen könnte. Das Musikfest Stuttgart hat Gerhard R. Koch besucht. In der Glosse geht es um einen Spendenaufruf zur Rettung des Gartenschuppens von Roald Dahl. Swantje Karich schreibt zum Tod des Pop-Art-Pioniers Richard Hamilton. Den Nachruf auf den Fotografen Arno Fischer verfasst Regina Mönch. Auf der Kinoseite berichtet Verena Lueken vom Festival in Toronto; Bert Rebhandl hat ebendort den neuen Sechsstundenfilm "A Century of Birthing" des philippinischen Regisseurs Lav Diaz gesehen. Auf der Medienseite hat Jürg Altwegg steigende Auflagenzahlen und auch digitale Erfolge für französische Zeitungen zu vermelden.

Besprochen werden Jelineks "Winterreise" und der Ayn-Rand-Abend "Capitalista, Baby!" von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am Deutschen Theater Berlin, die erklärtermaßen letzte Platte "Ghost on the Canvas" des an Alzheimer erkrankten Country-Musikers Glen Campbell, Mikael Hafstroms Historienfilm "Shanghai" und Bücher, darunter Josef Bierbichlers erster Roman "Mittelreich" und Jean-Luc Marions philosophische Gedanken über "Das Erotische" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 15.09.2011

Ijoma Mangold hat Berlins unangefochten Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit durchschaut: Nur öffentlich gebe Wowereit den Partyhasen, tatsächlich aber betreibe er die Verbürgerlichung der Stadt: "Er selbst, der smarte Aufsteiger aus Tempelhof, ließ sich auf der Fashion Week Champagner nachfüllen, während sein Kultur-Staatssekretär Andre Schmitz die bürgerliche Repräsentationskultur mit Schinkel, Stadtschloss und Staastopern-Klassizismus vorantrieb."

Weiteres in der Kultur: Josef Joffe eilt im Schweinsgalopp durch die Weltgeschichte, um mit Blick auf Ägypten zu erklären, warum Länder immer dann am gefährlichsten werden, wenn sie von der Despotie zur Demokratie übergehen. Der Steuerrechtler und frühere Verfassungsrichter Paul Kirchhof fordert, auch auf den entfesselten Finanzmärkten wieder die Grundideen von Markt und Wettbewerb in Kraft zu setzen und verbindet dies mit einem sehr konkreten Maßnahmenkatalog. Drei Tage vor der Berliner Wahl streiten Kultur-Staatssekretär Andre Schmitz und seine CDU-Kontrahentin Monika Grütters über Opernstiftung, Akademie und Tempelhofer Feld. Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister erkennt in der Multiplizierung der ARD-Talkshows vor allem eine "mediale Spielart der Establishment-Reproduktion".

Hanno Rauterberg begeistert sich für den argentinische Künstler Tomas Saraceno, dessen himmelsstürmende Arbeiten im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sind: "Dieser Künstler ist nicht cool, er glüht für etwas." Volker Hagedorn stellt den Komponisten Georg Friedrich Haas vor, dessen Streichquartett zu Fukushima in Lucerne uraufgeführt wurde. Schwungvoll bilanziert Katja Nicodemus die Filmfestspiele von Venedig: "Teufel auch, die Mischung macht's!"

Besprochen werden die Wiener Eröffnungsinszenierungen von Kleists "Zerbrochenem Krug" und Thomas Vinterbergs "Kommune", Tim Fehlbaums Actionfilm "Hell" und Bücher, darunter Jacqueline Kennedys "Gespräche über ein Leben mit John F. Kennedy" und Alice Schwarzers Autobiografie "Lebenslauf", und zwar in dieser Reihenfolge (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und natürlich wird der anstehende Papstbesuch freudig und ausgiebigst erwartet. Die Schlagzeile gibt allerdings Rätsel auf: "Wer ohne Sünde ist" steht da über einem Foto vom Papst, von dem man denken kann, dass er eine Frau küsst.

SZ, 15.09.2011

Nannina Matz und Florian Kessler erleben, wie die deutsche Minderheit im oberschlesischen Kandrzin-Cosel mit einer großen Schlagergala echte Gemütlichkeit fröhliche Urstände feiern lässt: "130 Kilometer hinter Breslau gibt nachmittags um 15 Uhr der Musikantenstadl Schub. Schunkelhölle, Mitklatschzwang! Schlagerstar Toby ruft Gute-Laune-Befehle ins Mikrofon: Wir wollen fröhlich sein! Alle Hände in die Höhe! Rot sind die Rosen, alles mitsingen jetzt! Wummernde Bässe und Halbplayback, Blümchenblousons und Mehrzweckwesten. Schwere Damenparfums und verschwitzte Männerhemden, Streuselkuchen und Kaffeespritzer."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld ist auf den Spuren Giorgio Vasaris in Italien unterwegs. Noch vor dessen Amtsantritt als Chefdirigent eröffnet Lorin Maazel heute Abend die Saison der Münchner Philharmoniker - Michael Stallknecht hat sich zu diesem Anlass mit ihm unterhalten. Den Nachruf auf den britischen Pop-Art-Künstler Richard Hamilton hat Alexander Menden verfasst.

Besprochen werden die Ausstellung "Grenzerfahrungen" im Berliner Tränenpalast, neue anlaufende Filme, darunter die Doku über Ferran Adrias "El Bulli" (mehr) und Ulrike Ottingers Japanfahrt "Unter Schnee" (mehr), und Bücher, darunter Fatih Akins "Im Clinch - Die Geschichte meiner Filme" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).