Heute in den Feuilletons

Demeter ist für uns die Bibel!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.03.2011. Es ist zwar keine Flucht, aber der chinesische Künstler Ai Weiwei zieht nach Berlin, meldet die Berliner Zeitung. Amerikanische Medien feiern Werner Herzogs Dokumentarfilm über die Höhlen von Chauvet. In der Welt mokiert sich Andre Glucksmann über Deutschlands Leisetreterei gegenüber Libyen. Außerdem erklärt Martin Walser, warum er als CDU-Wähler ein Grüner ist. In der FR stellt Michael Borgolte fest: Historisch gesehen ist die Behauptung, der Islam gehöre nicht zu Europa, Nonsens.

Berliner Zeitung, 29.03.2011

Der Künstler Ai Weiwei will teilweise nach Berlin ziehen und eröffnet in Berlin ein Studio, berichten Bernhard Bartsch und Sebastian Preuss, die auch mit Ai gesprochen haben. "Als Flucht will Ai seinen Schritt nicht verstanden wissen und sein derzeitiges Studio in Peking weiter betreiben... Nachdem die Behörden den Künstler und seine Mitarbeiter zunehmend unter Druck gesetzt und zeitweise sogar unter Hausarrest gestellt haben, sieht er sich nun dennoch zur Suche nach Alternativen gezwungen."
Stichwörter: Ai Weiwei, Berlin

Weitere Medien, 29.03.2011

In den USA und Großbritannien startet jetzt Werner Herzogs Dokumentarfilm über die Höhlen von Chauvet (unsere Berlinale-Kritik, ob der Film jemals in deutsche Kinos kommt, weiß der Himmel). Leo Robson hat Herzog für Slate getroffen und ist beeindruckt, nicht so sehr von dem Film - "die Charaktere, die Herzog wirklich faszinieren, sind schon 30.000 Jahre tot. Der Film enthält Momente unwahrscheinlicher Schönheit, bietet aber wenig im Hinblick auf human interest oder Drama" - als von dem Mann. Im New Statesman ist Ryan Gilbey fasziniert von den Tönen, die nicht zuletzt Herzog produziert: "Seine wunderbar gedehnte Stimme, die eine Art unschuldigen, aber autoritären Irrsinn suggeriert, hat ihre eigenen mysteriösen Katakomben. Seine Persönlichkeit ist so überwältigend und rätselhaft, dass allein seine Neugier die unsere vergrößert. 'Cave of Forgotten Dreams' wäre ärmer ohne seine vertrauensseligen Kommentare. Die bedrückenden Choräle sind eine andere Sache."

NZZ, 29.03.2011

Joachim Güntner beobachtet indigniert die Reaktionen im großen Kanton auf die japanischen Katastrophen: "Dass die Deutschen einen Hang zu irrlichternder Panik haben, gilt seit langem als ausgemacht... Verstrahlt in Fukushima ein Atomkraftwerk die Umgebung, setzt im neuntausend Kilometer entfernten Deutschland ein Run auf Geigerzähler ein, verbunden mit dem Rat, japanischen Grüntee zu meiden, riecht das verdächtig nach Überreaktion. Egomanisch wirkt, dass die mediale Fixierung auf die AKW-Havarie das Mitleid für die Opfer des Tsunami überlagert, wenn nicht gar verdrängt."

Weiteres: Stephan Templ berichtet von den recht fragwürdigen Vorschlägen von Reinhard Heydrichs Sohn Heider, den ehemaligen Wohnsitz des Vaters, das Schloss Panenske Brezany, zu einem Museum umzugestalten. Christine Wolter besingt die Bar Zucca an der Mailänder Piazza Duomo. Besprochen werden Clemens Setz' Erzählungen "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" und Evliya Celebis bisher nur auf Englisch erschienenes "Fahrtenbuch" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 29.03.2011

"Wir erleben hier eine große geopolitische Premiere: Das universelle Recht zu leben und zu überleben steht über dem Recht des Herrschers zu töten", schreibt der Philosoph Andre Glucksmann in eines Essay zur Intervention in Libyen. Über Deutschlands Leisetreterei könnte er nur müde lächeln, "wenn es nicht die Neigung hätte, den anderen jene Grundregel aufzuzwingen, der seine nörglerische Nichtaktion folgt: Weil jede Gewaltanwendung Gefahr läuft, entweder zu entgleisen oder zu versanden, lassen wir die Mörder lieber in Ruhe weiter morden. Frei nach der Devise: Soll doch Europa den Despoten Waffen verkaufen, sich aber verpflichten, keine gegen sie zu benutzen! Damit rettet man die Moral - und das Geschäft."

Wahlbetrachtungen dagegen in der Kultur: Im Interview erklärt der Schriftsteller und überzeugte Bodensee-Anwohner Martin Walser, warum er im Wahlkampf zwar die CDU unterstützte, jetzt aber ganz klar auf Seiten der grünen Sieger steht: "Mein Lebensgefühl ist eigentlich grün. Wir leben hier in einer wahrhaft grünen Waldorf-Provinz, wir ernähren uns so gesund wie in kaum einer anderen Region der Welt. Demeter ist für uns die Bibel! Seit Jahren habe ich regen Umgang mit den hiesigen Grünen, das sind vernünftige Menschen. Die Berliner Grünen liegen mir dagegen nicht so, Renate Künast und diese Leute."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlings beschreibt, was grün respektive strukturkonservativ heute bedeutet: "Konkret braucht man aber einen Volvo-SUV, um die Kleinen zum Cello-Unterricht zu fahren. Die Flug-Erdbeeren aus dem Supermarkt redet man den Kindern aus; ein New-York-Kurztrip zum Hochzeitstag aber soll weiter drin sein." Und Hans-Joachim Müller hält fest: "Lustig ist Grün-Rot nicht." Dankwart Guratzsch widmet sich den Entwürfen zur Frankfurter Altstadt.

Besprochen werden eine Schau zum deutschen Expressionismus im New Yorker Moma und eine Ausstellung über Bildwelten des Krieges auf der Mathildenhöhe Darmstadt.

Tagesspiegel, 29.03.2011

In Libyen setzen Gaddafis Schergen Vergewaltigung als Kriegswaffe ein, berichtet Ralph Schulze. "'Wir werden alle Frauen, welche auf Seiten der Opposition sind, holen und vergewaltigen', drohten Gaddafis Militärs, die Adschdabija eine Woche lang belagert hatten. Ein Arzt berichtete nun im arabischen TV-Sender Al Dschasira, dass Gaddafis Schergen sexuellen Missbrauch als Kriegswaffe gegen die weibliche Bevölkerung einsetzten. Frauen der Stadt seien aus ihren Häusern oder von der Straße verschleppt worden. Er habe sogar Viagra-Pillen in den Jackentaschen toter Gaddafi-Soldaten gefunden. Erst vor kurzem hatte eine Libyerin aus der Oppositionshochburg Bengasi ausländischen Journalisten in Tripolis berichtet, sie sei an einem Kontrollposten des Militärs entführt und dann von 15 Männern vergewaltigt worden. 'Schaut, was sie mir angetan haben', sagte sie und zeigte Wunden der Misshandlung im Gesicht und am Rücken, Fesselspuren an den Handgelenken. Dann war sie vor laufenden Kameras von Gaddafis Geheimpolizisten erneut weggeschleppt worden."



Im Kulturteil spricht der Soziologe Heinz Bude über die Wahlergebnisse und erklärt, warum es gar keine "German Angst" mehr gibt: "Die Deutschen haben relativ ruhig auf den Crash der Finanzmarktkrise reagiert, sie haben jetzt auch relativ ruhig auf die ökologische Krise reagiert. Sie haben nur gesagt: Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen."

FR, 29.03.2011

Historisch gesehen ist die Behauptung, der Islam gehöre nicht zu Europa, totaler Nonsens, stellt der Historiker Michael Borgolte, Autor von "Christen, Juden, Muselmanen" im Interview mit Arno Widmann fest: "Große Teile Europas (wurden) viele Jahrzehnte lang muslimisch regiert. Spanien von 711 bis mindestens 1212. Seit 902 auch Sizilien. Bis dort die Normannen die Macht übernahmen. Als die Muslime aus Spanien und Portugal vertrieben wurden, hatte die Besiedelung Südosteuropas durch die Osmanen schon begonnen. So war Europa immer das Land der drei monotheistischen Religionen."

Weitere Artikel: Peter Michalzik fragt, ob die Grünen nun eine Volkspartei sind und inspiziert ihr Personal. Und Harry Nutt sinnt in "Times mager" der "emotionalen Eruption" der Baden-Württembergischen Wahl nach. Auf der Medienseite berichtet Ulrike Simon über die Neugründung einer Online-Zeitung namens Kontext durch Josef-Otto Freudenreich, ehemals Chefreporter der Stuttgarter Zeitung.

Besprochen werden Benjamin Brittens Oper "Billy Budd" in Düsseldorf und Neuinszenierungen am Theater Hannover, das Peter Michalzik als ein dezidiert politisches vorstellt, darunter der selten gespielte "Silbersee" von Georg Kaiser mit Musik von Kurt Weill sowie Bücher, darunter Christian Füllers Recherche "Sündenfall" über die sexuellen Umtriebe an der elitären Odenwaldschule.

TAZ, 29.03.2011

Huang Liaoyu, Germanistikprofessor an der Peking-Universität, freut sich auf die deutsch-chinesische Ausstellung "Kunst der Aufklärung", die Anfang April im Pekinger Nationalmuseum eröffnet wird. Und er erklärt im Interview, worum er die Deutschen beneidet: "Um ihre Hochachtung vor der Kultur und vor den Geisteswissenschaften. Ein Beispiel: In Deutschland sind viele Universitätsrektoren oder Präsidenten Germanisten. In China stehen Naturwissenschaftler an der Spitze der Hochschulen. Das ist vielleicht auch logisch. Jemand, der in der Lage ist, eine Atombombe zu bauen, ist sicher wichtiger als ein Literat."

Weitere Artikel: Bahman Nirumand hörte im Haus der Kulturen der Welt eine Diskussion über die arabischen Aufstände. Sven von Reden sah bei der Grazer Diagonalen Werke des Experimentalfilmers Peter Tscherkassky. Detlef Kuhlbrodt berichtet von der Feier im Berliner Ensemble für die abgeschlossene Brandenburger Kleist-Ausgabe ("Verglichen mit den herrschenden Zigarettenpreisen, sind die einzelnen Bände eigentlich auch nicht soo teuer.")

Besprochen wird Katharina Wagners Inszenierung von Eugen d'Alberts Oper "Tiefland" in Mainz

Und Tom.

SZ, 29.03.2011

Ingo Petz berichtet, dass in Weißrussland eine Liste von Künstlern zirkuliert, die von den staatsfrommen Medien geschnitten werden sollen. Alexander Menden beschreibt das Dezentralisierungskonzept des britischen Premiers David Cameron, das unter dem Namen "The Big Society" firmiert. Reinhard Brembeck konnte bei der Premiere der "Capuleti e i Montecchi" von Bellini in München nicht "überhören, dass sämtliche Beteiligten stilistisch ungenau in der Partitur herumstochern". Rudolf Neumaier stellt den Historiker Andreas Wirsching vor, der die Leitung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte übernimmt. Jörg Häntzschel feiert das Musical "The Book of Mormon" der South-Park-Macher (die anders als versprochen auf ihre zensierte Mohammed-Parodie nie wieder zurückgekommen sind, mehr hier). Jonathan Fischer stellt CDs lateinamerikanischer Musiker vor, die wild die Genres mischen. Kaspar Renner besuchte das türkische Literaturfestival "DilDile" in Berlin.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum 150. Jubiläum des geeinten Italiens in Turin, Mahlers Zweite unter Ivan Fischer in München und Bücher, darunter der Roman "Der letzte Patriarch" der in Barcelona lebenden Marokkanerin Najat El Hachmi (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 29.03.2011

Es sieht ganz danach aus, als gehörten die bislang schon heftig diskriminierten Frauen zu den Verlierern der ägyptischen "Revolution". Sogar die meisten Vorkämpfer für ihre Rechte halten sich derzeit zurück - die wichtigste Ausnahme, berichtet Lena Bopp, ist die achtzigjährige Frauenrechtlerin Nawal Al-Sawaadi: "Ihr wichtigstes Anliegen war deshalb, dass die neue Verfassung den Islam nicht mehr als Staatsreligion nennt. Denn das islamische Recht, die Scharia, richte sich gegen die Frauen und konterkariere das Gebot der Gleichberechtigung. In der geänderten Verfassung, welche die Ägypter in der vergangenen Woche per Volksabstimmung angenommen haben, wird der Islam allerdings immer noch als Ägyptens Religion genannt, und die Scharia als Quelle der Rechtssprechung." (Bei Telepolis erklärt Atef Botros im Interview die ägyptischen Reaktionen auf die Abstimmung.)

Weitere Artikel: Vom Literarischen Maerz in Darmstadt berichtet Beate Tröger. In der Glosse staunt Jürgen Kaube, wie Angela Merkel (deren Name nicht genannt wird) es immer so hinbekommt, dass alles ihr nützt. Jürg Altwegg ist zufrieden, dass Bernard-Henri Levy gestern in der Welt verkündet hat, Sarkozy, auch wenn er die Intervention in Libyen unterstützt, nicht wählen zu wollen. Paul Ingendaay teilt mit, dass Gerard Mortier als Opernchef in Madrid großen Ärger hat, weil sein Programm vielen zu unspanisch vorkommt. Gemeldet wird, dass Orhan Pamuk 2.800 Euro Strafe zahlen muss, weil er schrieb: "Die Türken haben 30.000 Kurden und eine Million Armenier in diesem Land umgebracht."

Besprochen werden Michael Laubs Wiener "Burgporträts"-Choreografie, Dedi Barons Uraufführungsinszenierung einer Theaterfassung von Eran Riklis' Film "Lemon Tree", eine seltene szenische Aufführung von Bellinis Shakespeare-Oper "I Capuleti e i Montecchi" in München, die Ausstellung "Orientalismus in Europa" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München, die Ausstellung "Gallimard 1911 - 2011" in der Pariser Nationalbibliothek und Bücher, darunter Chalid Al-Chamissis Kairo-Geschichten "Im Taxi" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).