Heute in den Feuilletons

Der Weg der Moderne ist richtig

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2011. In der Welt dankt Rafik Schami dem Westen (außer natürlich Deutschland) für das Engagement in Libyen, und der Japanologe Reinhard Zöllner ist fassungslos über die deutsche Reaktion auf die japanische Katastrophe. Spiegel Online fragt: Warum muss man überhaupt noch in eine Bibliothek fahren, um ein Buch zu lesen?  Die FAZ verabschiedet sich von der ungarischen Demokratie. Im Tagesspiegel wendet sich Gerhard Schulze gegen Ulrich Becks Begriff der "Risikogesellschaft".

Welt, 28.03.2011

Der Japanologe Reinhard Zöllner ist fassungslos angesichts der Rücksichtslosigkeit, Feigheit und Herablassung, mit der die Deutschen auf das Unglück in Japan reagierten. Allen voran das Technische Hilfswerk, das ganze drei Einsätze vorbereitete und alle drei abbrach: "Nach sieben Tagen reiste das THW ab: Es gebe nichts mehr zu retten. Das Rettungsgerät ließ man übrigens in Japan zurück. Einen Tag später traf das türkische Hilfsteam in Japan ein. Das koreanische Team, ungefähr dreimal so groß wie das deutsche und gleichzeitig eingetroffen, verließ Japan erst am 23. März. Da hatte das THW in Deutschland bereits zwei Botschaften verbreitet: Man sei haarscharf nicht radioaktiv verseucht worden (das interessierte die deutsche Öffentlichkeit am meisten), und es sei 'ein eher chaotischer Einsatz' gewesen - was natürlich nicht den Deutschen anzulasten war, sondern den Japanern, von denen Bayerns Innenminister Herrmann behauptete, 'die Funktionsweise ihres Katastrophenschutzes ist offensichtlich nicht optimal.' Zu dieser Zeit hatte der japanische Katastrophenschutz gerade 400.000 Menschen unter schwierigsten Umständen zu betreuen."

(Hingewiesen sei auch auf ein Interview mit der Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit, die in der Welt am Sonntag die "wüsten Stereotype" beklagte, die deutsche Medien über Japan verbreiteten.)

Auch der deutsch-syrische Autor Rafik Schami hält die Deutschen, die rein gar nichts tun, die arabischen Revolutionen zu unterstützen, für ziemliche Krämerseelen: "Abgesehen von Deutschland leistet der Westen gerade sehr gute Hilfe. In Libyen wurde es gefährlich für die ganze arabische Bewegung, die eine Revolution für Freiheit und Demokratie will. Die Hilfe des Westens kam spät, aber nicht zu spät. Das werden die Araber dem Westen nicht vergessen. Deutschland, wenigstens das im gegenwärtigen Merkel-Westerwelle-Format, hat hier einen historischen Rückschlag erlebt mit der Weigerung, eine Stimme abzugeben und sich klar zu positionieren."

Außerdem: In der Leitglosse tratscht Manuel Brug Gerüchte ums Bolschoi-Ballett weiter. Besprochen wird das Pet-Shop-Boys-Ballett "The most incredible thing" in London.

Berliner Zeitung, 28.03.2011

Der Germanist Kennosuke Ezawa staunt im Gespräch mit Kerstin Krupp selbst über die bilderbuchhaft japanische Reaktion der japanischen Bevölkerung und findet sie kritikwürdig: "Man kann aber nicht immer nur lächeln, ausweichen und verzweifelt den Schein aufrecht erhalten. Man muss sich auseinandersetzen. Das zeigt die aktuelle Katastrophe."

Tagesspiegel, 28.03.2011

Der Soziologe Gerhard Schulze wendet sich sich im Gespräch mit Peter Laudenbach gegen den Begriff der "Risikogesellschaft" des Kollegen Ulrich Beck: "Was geht denn nicht einher mit der Produktion von Risiken - etwa arm zu bleiben und auf technische Innovationen zu verzichten? Sollen wir nur auf den Hausmeister und den Besorgten in uns zu hören und uns im Alarmdilemma immer für die Warnung entscheiden? So sehr mich das Geschehen in Japan entsetzt hat, ich bin nach wie vor davon überzeugt, der Weg der Moderne ist richtig."
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Stichwörter: Ulrich Beck, Japan

Weitere Medien, 28.03.2011

(Via The Daily Beast) In der deutschen Synchronisation werden die "Simpsons" zensiert, berichtet die New York Daily: "In the wake of Japan's nuclear crisis, even jokes about a meltdown have become toxic. Broadcasters in Europe have begun reviewing episodes of 'The Simpsons' to make sure that one featuring a meltdown doesn't air."
Stichwörter: New York

Spiegel Online, 28.03.2011

Nach dem Scheitern des Google Books Settlement macht Konrad Lischka auf eine Kleinigkeit aufmerksam: "Es ist im Jahr 2011 absurd, dass Menschen, die Bücher nutzen wollen, überhaupt in eine Bibliothek fahren müssen. Warum kommen die Bücher nicht übers Netz zu ihnen? Das Internet ist das ideale Werkzeug, um einer der wesentlichen Aufgaben von Bibliotheken zu Erfüllen: Sie sollen Wissen ja nicht nur archivieren und ordnen, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich machen."

NZZ, 28.03.2011

Oliver Marc Hartwich schildert die Grundzüge australischer Einwanderungspolitik. Unklar bleibt allerdings, ob sie ihren Erfolg einer stringenten Integrationspolitik verdankt oder dem Multikulturialismus. Martin Alioth gibt einen Überblick über die Sparpolitik von Großbirtanniens konservativ-liberaler Regeirung.

Besprochen werden eine Ausstellung des Künstlers Sarkis im Genfer Mamco und ein Konzert des Zürcher Tonhalle-Orchesters unter David Zinman.

FR, 28.03.2011

Stephan Hebel greift die Befürworter der Intervention in Libyen an. Intellektuell anspruchslos findet er sie, vor allem aber nicht links: "Nicht wenige der einschlägigen Autoren - Fischer, Cohn-Bendit, Schneider, Klaus Staeck, Hans Christoph Buch - sind biografisch einen Weg gegangen, der mit fundamentaler Gesellschaftskritik begann. Dass sie aber bis heute das Etikett 'Linke' tragen, stellt einen Irrtum dar. Denn auf der Strecke, die sie bis zur Meinungsführerschaft gingen, blieben nicht nur Dogmen oder Feindbilder, wie sie die deutsche Linke oft allzu gern pflegte. Auf der Strecke blieb auch die wichtigste 'linke' Tugend überhaupt: das radikal kritische Denken."

Weiteres: Böse resümiert Georg Imdahl die Düsseldorfer Großausstellung des Fotografen Thomas Struth im K20: "Erhabene Langeweile breitet sich aus." Außerdem besprochen werden Jürgen Flimms Satie-Abend in der Werkstatt des Berliner Schiller-Theaters, ein Konzert mit Rolf Riehm, Arnold Schönberg und Luigi Nono in Frankfurt und Wolfgang Schlüters Roman "Die englischen Schwestern" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 28.03.2011

Im Kulturteil besucht Gabriele Goettle die Mutter (18 Kinder) und Kleinanlegerin Brigitte Platzek. "Frau Platzek schenkt uns Tee ein und sagt: "Ich gehe zwar jeden Donnerstag demonstrieren, vor der Commerz- und vor der Targobank, aber eigentlich nur aus Solidarität mit der Gruppe. Bei mir ist das anders als bei den anderen Geschädigten. Mich hat nicht eine Bank falsch beraten, sondern die Vermögensberatung hat Schuld. Die hätten für mich, weil's ja für die Altersvorsorge war, gar keine Risikopapiere kaufen dürfen. Es ist kompliziert, ich verstehe es ja selber kaum, aber ich versuche mal, Ihnen zu erklären, wie das kam."

Außerdem: Annette Schavan erklärt im Vorfeld der sechsten Islamkonferenz im Interview, warum sie muslimische Religionslehrer und Imame in Deutschland ausbilden lassen möchte.

Und Tom.

FAZ, 28.03.2011

Der Autor Maximilian Steinbeis erklärt, warum die von der mit Zweidrittel-Mehrheit regierenden Fidesz-Partei Viktor Orbans geplante neue Verfassung das Ende des demokratischen Verfassungsstaats Ungarn sein könnte: "Ein politisch auf Linie gebrachtes und entscheidender Kompetenzen beraubtes Verfassungsgericht, das eine unauslegbar gemachte Verfassung auslegen soll - damit hätte sich Orban nicht nur jeglicher gerichtlichen Kontrolle weitgehend entledigt, er hätte womöglich auch das Verfassungsrecht selbst als bindenden Rahmen seiner Machtausübung unschädlich gemacht."

Nur im Internet gibt es dazu ein Interview mit dem ungarischen Philosophen Janos Kis, der erklärt, wo im Detail der Bruch mit einer modernen Auslegung der Grundrechte liegt: "Das Volk als Verfassungsgeber ist dem Entwurf zufolge keine politische Nation von Staatsbürgern, sondern die ungarische Nation im ethnischen Sinne, die Gemeinschaft aller Ungarn, wo immer sie leben, ob im In- oder im Ausland. Konstitutiv für diese ungarische Nation ist laut Verfassungsentwurf das Christentum. Damit bricht diese Verfassung radikal mit dem republikanischen Geist der Verfassung von 1989. Und es gibt einen Bruch auch noch auf zwei weiteren Ebenen."

Weitere Artikel: Nach der Serie von Verhaftungen türkischer Journalisten fragt sich der Autor, Musiker, Filmregisseur Zülfü Livaneli, ob sein Land den Pfad Richtung Rechtsstaat gerade wieder verlässt. In neun Punkten - von "Deutsche Atomkraftwerke sind die sichersten der Welt" bis "Apokalyptiker! Die Menschheit hat ganz andere Sachen überlebt, sie wird auch das überleben" - unterzieht Frank Schirrmacher die Freunde und Verteidiger der Atomkraft einer Sprachkritik. Eine von Eitelkeiten und überflüssigen Auftritten nicht freie, aber enorm erfolgreiche und auch interessante lit.cologne resümiert Oliver Jungen. In deutschen Zeitschriften liest Ingeborg Harms manches über Sexualität als Triebfeder. Über die schwer fassbare "Heuchelei" von Oliver Bierhoff und Theo Zwanziger, die Randbemerkungen des vorletzten "Tatorts" um einen schwulen Fußballer irgendwie ehrenrührig für die Nationalmannschaft fanden, empört sich Dieter Bartetzko. Keinesfalls, warnte Rolf Dobelli, sollte man zu sehr der "ausgleichenden Kraft des Schicksals" vertrauen.

Besprochen werden Katharina Wagners Mainzer Inszenierung von Eugen d'Alberts Oper "Tiefland", die noch bis Ende April geöffnete Ausstellung im römischen Palazzo Farnese und Bücher, darunter zwei Bände über Theodor Fontane (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 28.03.2011

Ist die Weigerung Deutschlands, am Libyen-Einsatz mitzumachen, die die westlichen Partner Deutschlands sehr erstaunte, Ausdruck einer "Westerwelle-Doktrin"?, fragt der Politikredakteur Stefan Kornelius im Feuilletonaufmacher: "In Afghanistan setzte er Abzugstermine ohne Not - der amerikanische Präsident hatte längst hinreichend klargemacht, dass der Einsatz dort endlich sein würde. Und nun, in Libyen, ist er wieder zu beobachten: der Hang zum Doktrinären, zum Grundsätzlichen. Souveränität wird zum Lieblingswort. Es heißt, Deutschland entscheide alleine und ohne Blick auf seine Bündnisse."

Weitere Artikel: Willi Winkler zitiert vom Spiegel präsentierte Dokumente, wonach Israel beim Eichmann-Prozess Rücksicht auf Empfindlichkeiten der Adenauer-Regierung genommen und verhindert haben soll, dass Globke als Zeuge geladen wurde. Wolfgang Kaleck schreibt zum Tod des amerikanischen Bürgerrechtsanwalts Leonard Weinglass. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Michael Moorstedt über die Personalisierung bei Google, Amazon oder Facebook, die bei manchen Suchanfragen einer Bevormundung gleichkommt und den Nutzer aus der Blase seiner Privatinteressen gar nicht mehr herauslässt. Andreas Zielcke macht sich Gedanken über "Exit-Strategien" in der Demokratie.

Besprochen werden eine Ausstellung des Schrift-Designers Erik Spiekermann im Berliner Bauhaus-Archiv, Händels "Rodelinda" in Wien, die Ausstellung "Theatergarten Bestiarium" im Münchner Haus der Kunst, neue DVDs, zwanzig "Burgporträts" des Regisseurs Regisseur Michael Laub am Burgtheater, die einige Mitarbeiter des Theaters theatralisch vorstellen, ein kleines, von Jürgen Flimm arrangiertes Erik-Satie-Spektakel in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters (und also zur Zeit der Staatsoper) und Bücher, darunter Peter Handkes neue Erzählung "Der Große Fall" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).