Heute in den Feuilletons

Pin-ups für lüsterne Humanisten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2011. Die FR steht vor den Bildern des niederländischen Renaissancemalers Jan Gossaert und staunt. Der Tagesspiegel erinnert an die goldenen Zeiten der Buchbranche. In der taz erzählt die Intendantin Karin Beier von der Schwierigkeit, populär zu sein. Der Ruf der Stadt Duisburg lässt sich nicht aufpolieren. Er ist zurecht ruiniert, finden die Ruhrbarone. Wir bringen Bilder und Links zu Eduardo Souto de Moura, der den Pritzker-Preis 2011 erhält.

NZZ, 30.03.2011

Urs Schoettli gibt einen Einblick in den Umgang der Japaner mit dem Tod und der Vergänglichkeit. Und er erzählt auch, dass hier Religion kaum Trost verspricht: "Jedes Neujahr wird in den Schinto-Schreinen eine Liste aufgelegt, in welcher die Jahrgänge verzeichnet sind, die im neuen Jahr mit Schwierigkeiten zu rechnen haben werden. Offensichtlich heißt die Botschaft, dass es helfen könne, wenn man mit einem entsprechenden Obolus sich der Gutwilligkeit der höheren Mächte versichere. Auch ein Schinto-Schrein benötigt Einnahmen, und in Japan gibt es keine komfortablen Kirchensteuern."

Weiteres: Wei Zhang schildert, wie sehr den Chinesen die gefasste Reaktion der Japaner imponiert: "Ihre Disziplin und Selbstbeherrschung, aber auch ihr Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten verlangt den Chinesen Respekt ab." Lilo Weber beschreibt, wie das Tanztheater Wuppertal ohne Pina Bausch weitermacht.

Besprochen werden eine Ausstellung des Grafikdesigner Stefan Sagmeister im Lausanner Musee de Design, Jan Karskis erstmals auf Deutsch veröffentlichte Autobiografie "Mein Bericht an die Welt", zwei Bände von Stephan Krass zum automatischen Schreiben und Dipesh Chakrabartys Schrift "Europa als Provinz" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 30.03.2011

Das nachhaltige Designblog inhabitat würdigt den Architekten Eduardo Souto de Moura, der den Pritzer-Preis 2011 erhält und bringt eine Bilderstrecke zu seinem Werk. "While he does not define his work as green, Souto de Moura takes care to pay attention to sustainable building elements. At a forum in 2004, he said, 'There is no ecological architecture, no intelligent architecture, no sustainable architecture - there is only good architecture.'"

Eine Menge Fotos von Mouros Bauten (aufgenommen von Luis Ferreira Alves) finden sich auf der Seite des Pritzer-Preises selbst:



Ein Bewerbungsschreiben sendet Gideon Böss auf der Achse des Guten an die ARD: "Sehr geehrte Damen und Herren von der ARD, gerne möchte ich mich auf diesem Weg für den Job als Japan-Korrespondent bewerben. Ich traue es mir zu, vor Ort (Tokio, nähe Flughafen) über die Katastrophe zu berichten, die in Japan über Deutschland hereingebrochen ist. Ebenso wie ihr aktueller Mann im Atom, Robert Hetkämper, verfüge ich über fehlende Kenntnisse in Bezug auf Japans Geschichte, Gegenwart, Wirtschaft und Gesellschaft und beherrsche, ebenfalls wie Herr H., die Landessprache weder in Wort noch Schrift..."

Das große und diskrete Familienunternehmen Haniel will den Ruf der Stadt Duisburg, der nach der Love Parade letztes Jahr ein wenig gelitten hat, wieder aufpolieren. Überflüssig, findet Stefan Laurin von den Ruhrbaronen: "Das Geld, die Mühe können sich die Duisburger Unternehmen sparen. Denn Duisburg hat kein Imageproblem. Ihren Ruf hat die Stadt zu Recht ruiniert." Und erinnert an den nach wie vor amtierenden Bürgermeister Adolf Sauerland: "Er wurde gestützt von der CDU und den Grünen im Rat, die ein Abwahlverfahren gegen ihn blockierten und so die Chance auf einen Neuanfang vergaben. Es sind die gleichen Grünen, die nun gemeinsam mit der SPD mit der von dem Antisemiten Hermann Dierkes geführten Fraktion der Linkspartei eine Koalition eingegangen sind."

(via BoingBoing) Die niederländische Künstlerin Nadia Plesner wurde von Louis Vuitton verklagt. Es ist das zweite Mal, berichtet Paul Schmelzer (die Welt hatte schon berichtet, unser Resümee). "Dutch artist Nadia Plesner got in hot water with Louis Vuitton in 2008 for depicting an African child with one of its high-end bags on one arm and a chihuahua in the other as part of her campaign urging divestment from Sudan over the conflict in Darfur. Now the company is suing her again: this time, the luxury goods company has filed a copyright infringement suit at The Hague that will penalize her 5,000 Euros for each day a likeness of its Audra bag in her painting Darfurnica remains on her website."

(via open culture) Ein Biologiekurs von Robert Sapolsky. Umwerfend!



Tagesspiegel, 30.03.2011

Katrin Hillgruber schreibt zu fünfzig Jahren dtv - und erinnert an goldene Zeiten der Branche: "Heinz Friedrich war als Gründungsmitglied der Gruppe 47 und Programmdirektor von Radio Bremen nach München gekommen, in einer Zeit, als nach der geistigen Isolation durch den Nationalsozialismus Taschenbuchauflagen von 50 000 Exemplaren keine Seltenheit waren. Taschenbücher kosteten ein Zehntel von Hardcovern, Buchhandlungen orderten komplette Jahresproduktionen."
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Stichwörter: Gruppe 47, München

TAZ, 30.03.2011

Die Kölner Intendantin Karin Beier erklärt im Interview, wie schwierig es ist, ein junges, nicht theateraffines Publikum anzuziehen: "Wie wir Theater machen, ist schon sehr deutsch. Wir wollen nicht populistisch sein, sondern haben den Anspruch, dass es auch anstrengend sein darf. Zum Anwerben von theaterfernen Schichten ist das nicht unbedingt der richtige Weg. Natürlich sitzt bei Planet Kultur ein anderes Publikum. Ich scheue mich aber als Regisseurin davor, ein Stück mit HipHop zu machen. Ich sage nicht, dass das im Stadttheater keinen Platz hat. Jugendkulturen erreicht man sicher leichter, wenn die Sachen direkter daherkommen. Aber das geht gegen meinen Begriff von Ästhetik."

Außerdem: Rudolf Walther berichtet über die Konferenz "Juden, Deutsche und Israelis", mit der das Fritz Bauer Institut und das Jüdische Museum Frankfurt eine Ausstellung zu Axel Springer vorbereiteten. Kübra Gümüsay notiert nach einer "top-besetzten" Podiumsdiskussion : "'Gehört der Islam zu Deutschland?' Wenn ich diese Frage noch einmal höre, knallt's." Und Peter Unfried trifft Bap-Sänger Wolfgang Niedecken.

Besprochen wird die Einzelausstellung von Stefan Panhans "Wann kommt eigentlich der Mond raus? Video und Fotografie" im Museum für Gegenwartskunst in Siegen.

Und Tom.

FR, 30.03.2011

Manfred Schwarz steht staunend in der National Gallery vor den Bildern des niederländischen Renaissancemalers Jan Gossaert. Diese kecken Madonnen, diese muskulösen Götter, diese antibürgerliche Attitüde! "Arg geschraubte, aber eben auch unverhohlene Pin-ups für lüsterne Humanisten, für den von Jacob Burckhardt gefeierten uomo nuovo der Renaissance, der in seinem Studiolo gerne den Blick von der zerfurchten Sängerstirn Homers zu den runden Hüften Aphrodites wandern lässt. Und wer würde solchen Lebemännern und Roues nicht zutrauen, dass sie gerade das goutieren, was uns Spießer befremdet - die eine oder andere seltsame Gespreiztheit im Körperbau, die anatomische Exzentrik. Die Unwahrscheinlichkeit, die Balletthaftigkeit der Pose."

Weitere Artikel: Nikolaus Bernau stellt den portugiesischen Architekten und neuen Pritzker-Preisträger Eduardo Souto de Moura vor. Christian Schlüter sieht in den Grünen eine neue, bessere FDP und hofft, dass sie jetzt in Baden-Württemberg "ausprobieren, wie viel den Menschen zuzumuten ist". Rüdiger Ahrens erinnert an Ernst von Salomons vor 60 Jahren erschienenen Roman "Der Fragebogen".

Besprochen werden ein "Idomeneo" am Theater Bremen und das Solo-Album des Ensemble-Modern-Posaunisten Uwe Dierksen.

Welt, 30.03.2011

Alan Posener fragt, ob Doppelmoral für Ethik-Kommissionen eigentlich doppelt qualifiziert und warum die Atomindustrie nicht mehr rein darf: "Obwohl man ihnen doch nicht nachsagen kann, dass sie flächendeckend über Jahrzehnte hinweg Päderastie gedeckt haben, wie jene Organisation, die weiter solche Kommissionen beschickt, als hätte ausgerechnet sie ein besonders Sensorium für Moral."

Weiteres: Ekkehard Fuhr unterhält sich mit dem Kunsthistoriker Beat Wyss über die Weltausstellung von 1889 in Paris, über Orientalisierung und den nachwirkenden Blick des Kolonialismus. Michael Pilz bespricht unter der hübschen, aber völlig abwegigen Überschrift "Dialekt der Aufklärung" Wolfgang Niedeckens Autobiografie "Halv su wild". In der Randglosse behauptet Peter Praschl, dass erst Starbucks den guten Kaffee nach Deutschland gebracht habe, um ihn dann aber wieder in Karamellsauce zu ertränken (aber da verwechselt er wohl etwas mit den USA, wir verdanken unseren Cappuccino doch wohl den Italienern!). Jan Küveler berichtet von der Wiedereröffnung des Ernst-Jünger-Hauses in Wilflingen.

SZ, 30.03.2011

Auf Seite 2 des politischen Teils stellt sich Aiman A. Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) gegen die Bundesregierung auf die Seite der Befürworter einer Intervention in Libyen: "Und haben wir nicht noch den Völkermord in Bosnien vor Augen? Weil Europa sich seinerzeit wegduckte, wurden Tausende Menschen in den Tod getrieben. Nicht wenige Experten sind heute der Meinung, dass durch gezielte Luftschläge die Massenmorde von Srebrenica hätten verhindert werden können. Umso unverständlicher ist der Sonderweg Deutschlands in der Libyenfrage."

Im Feuilleton schildert Johan Schloemann den Zwiespalt der zugleich bürgerlichen und grünen Seele nach ihrem Triumph im Daimler- und Porsche-Land. Gottfried Knapp würdigt den portugiesischen Architekten Eduardo Souto de Moura, der den Pritzker-Architektur-Preis 2011 erhält. Klaus Kreiser erzählt ausführlich die Geschichte einiger antiker Skulpturen, die Deutsche Anfang des 20. Jahrhunderts ausgruben und jetzt von türkischer Seite zurückgefordert werden. Almuth Spiegler verfolgte ein Symposion über NS-Raubkunst in Wien. Stefan Rethfeld berichtet über eine Tagung zum Thema "Stadt und Energie" in Dortmund.

Besprochen werden Debra Graniks Film "Winter's Bone", die Ausstellung "Thomas Struth - Fotografien 1978 - 2011" im K 20 in Düsseldorf, eine "Dreigroschenoper" in Köln und Bücher, darunter John Keegans Studie "Der amerikanische Bürgerkrieg" (mehr hier und in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 30.03.2011

In einem kurzen Interview erklärt der chinesische Künstler Ai Weiwei, warum er sich Berlin als Zweit-Wohn- und Galerie-Sitz erwählt hat: Seine Lage in China sei unsicher geworden. "Mein Atelier in Schanghai wurde zerstört, meine Solo-Schau in Peking wurde abgesagt. Ich kann hier nicht so viel tun". Hubert Spiegel inspiziert die neue Ernst-Jünger-Gedenkstätte, sein "Wohnhaus letzter Hand" in Wilflingen. Über die Kultur des "Moratoriums" als Politiktechnik denkt Christian Geyer nach. Robert Gast stellt das Element Plutonium vor. In der Glosse meldet Kerstin Holm, dass der russische Filmregisseur Nikita Michalkov, ein Günstling des Regimes, seine vielen Privilegien nun in einem eigenen Videoblog zu verteidigen gedenkt. Andreas Platthaus porträtiert den australischen Kinderbuchzeichner Shaun Tan, der in diesem Jahr den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis erhält. Auf der DVD-Seite geht es ganz und gar um Filme mit Elizabeth Taylor. Für die Geisteswissenschaftenseite verfolgte Tomasz Kurianowicz ein Symposion des Fritz-Bauer-Instituts über Axel Springer und Israel (mehr hier).

Besprochen werden Jürgen Flimms "Satiesfactionen" in Berlin, Debra Graniks Hinterwäldler-Film "Winter's Bone" und Bücher, darunter Erik Orsennas Roman "Lied für eine geliebte Frau" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).