Heute in den Feuilletons

Ein garstiger Reim

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2009. Im Tagesspiegel erinnert die iranische Autorin Sharnush Parsipur an das Schicksalsjahr 1989 in ihrem Land. Die NZZ fragt: Ist Aleksandar Hemons der neue Nabokov? In der Welt hält es Gert Ueding, Walter Jens' Nachfolger auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl, für infam und heuchlerisch, wie Jens' Sohn seinen Vater in einem Buch vorführt. In der SZ schimpft der isländische Autor Einar Mar Gudmundsson böse auf die Neokapitalisten seines Landes, die das ganze unschuldige isländische Volk in die Bredouille gebracht haben.

NZZ, 17.02.2009

Grandios findet Andreas Breitenstein den Roman "Lazarus" des bosnischen Autors Aleksandar Hemons, der seit 1992 in den USA lebt und dort mittlerweile als der neue Nabokov gefeiert wird. Erzählt wird hier die Geschichte des ostjüdischen "Anarchisten" Lazarus Averbuch, der 1908 in Chicago ermordet wurde. Und die des Erzählers Vladimir Brik, der sich - zumsammen mit dem Fotografen Rora - auf die Suche nach Averbuchs Herkunft und seinen eigenen Wurzeln nach Osteuropa begibt: "Es sind postsowjetisch verheerte Gegenden, Mafia-durchseuchte Orte und seelisch angeschlagene Menschen, die den beiden zwischen Schlaglöchern und Puff-Hotels, kruden Heimatmuseen und verfallenen Friedhöfen begegnen. In Kischinjow hatte Lazarus 1903 ein Pogrom mit Glück überlebt. Die Stille der Landschaft nach den Schlachten wird konterkariert durch Roras böse bosnischen Witze und seine schrillen Anekdoten aus dem belagerten Sarajevo, wo die Reise enden wird. Zwischen Melancholie und Irrsinn gerät den beiden 'Amerikanern' die modische Schtetl-Tour zum Höllentrip."

Weiteres: Joachim Güntner findet die Faktenlage zur Behauptung, Hans Werner Henze sei Mitglied der NSDAP gewesen, reichlich dünn. Besprochen werden eine Ausstellung zur venezianischen Vedutenmalerei des 18. Jahrhunderts in der Casa dei Carraresi in Treviso, eine "Lulu"-Inszenierung von Alban Berg am Theater Basel, "Der Gehülfe" am Luzerner Theater, Dieter Kühns Gertrud-Kolmar-Biografie und Michael Serres' Gespräche mit Bruno Latour, die erstmals auf Deutsch erscheinen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 17.02.2009

Die iranische Autorin Sharnush Parsipur, die heute im amerikanischen Exil lebt, erinnert sich an das Jahr 1989 im Iran. Eines der Ereignisse, die das Jahr prägten, war die Fatwa gegen Salman Rushdie: "Drohte Ajatollah Khomeini auch uns, die wir nach jahrelanger schrecklicher Stille wieder die Köpfe erhoben? War es eine Warnung, dass der kleinste Text, den die Herrschenden als islamfeindlich auslegten, den Tod des Verfassers zur Folge haben konnte? Das war mein Gefühl, als ich im Zimmer meines Sohns saß und hörte, wie in der BBC die Fatwa verlesen wurde."
Stichwörter: Fatwa, Salman Rushdie

FR, 17.02.2009

Mely Kiyak hat sich mit dem in den USA lebenden chinesischen Schriftsteller Ha Jin über ihren Chef, seine Berliner Nachbarin Angelina Jolie, sein neues Buch "Ein freies Leben" und die Folgen der Emigration unterhalten. "Heutzutage kann ich jeden Morgen die chinesischen Nachrichten aktuell lesen. Mich interessiert, was vor sich geht, weil ich von dort komme. Weil es ein Teil von mir ist. Und dennoch muss man akzeptieren, dass dieser Teil in der Vergangenheit liegt. Die meisten Immigranten können das nicht. Das gilt nicht nur für die chinesischen Einwanderer, das ist universell. Ich habe das in meinem Buch stark thematisiert, dieser Blick nach hinten ist jedoch Halt und Hürde zugleich. Er verhindert vieles, zum Beispiel das Erlernen der englischen Sprache. Von vorne anzufangen, wie ein Kind neu lernen zu müssen ist mit einem Schmerz verbunden. Denn Sie benehmen sich wie ein Kind und Sie werden wie ein Kind behandelt, das ist nicht leicht auszuhalten."

Weitere Artikel: Arno Widmann hat ein Kolloquium mit Restauratoren zur Ausstellung "Der Meister von Flemalle und Rogier van der Weyden" im Städel Museum besucht. Wolfgang Kraushaar schickt eine Aktennotiz zur Störung der Vorlesungen Adornos im Juni 1969. In Times Mager informiert Harry Nutt über Querelen über eine mögliche Berufung der CDU-Politikerin Erika Steinbach in den Stiftungsrat der geplanten Vertriebenen-Gedenkstätte in Berlin.

Besprochen werden eine Aufführung von Gounods "Faust" in der Berliner Staatsoper, zwei Choreografien in Wiesbaden, John von Düffels Dramatisierung von Thomas Manns "Joseph und seine Brüder" für das Düsseldorfer Schauspiel und zwei Bücher über den Kosovo seit der Unabhängigkeit (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 17.02.2009

Die AGB bei Facebook sind auch nicht ganz koscher, meint De:bug: "Jetzt gehört Facebook auch zu denjenigen, die sich nichts mehr wegnehmen lassen. Was immer man einmal reingestellt hat, ist und bleibt deren Inhalt. Seit den neuen 'Terms Of Service' ist folgender Teil nicht mehr drin: You may remove your User Content from the Site at any time."

So ganz ist die Sache mit dem holocaustleugnenden Lefebvristen Williamson ja noch nicht erledigt. Henryk Broder schreibt in der Achse des Guten: "Der von Benedikt XVI in-kommunizierte Bischof Richard Williamson glaubt, dass Gott die Erde in sechs Tagen erschuf, dass die Menschen von Adam und Eva abstammen, er glaubt an die unbefleckte Empfängnis und an die Jungfrauengeburt, Mariä Himmelfahrt und die Auferstehung Jesu - nur dass es den Holocaust gegeben hat, das mag er nicht glauben. Nach seiner Regensburger Rede hat sich der Papst nach drei Tagen bei den Moslems entschuldigt, jetzt lässt er sich erheblich mehr Zeit, mit Williamson abzurechnen. Was vermutlich damit zusammenhängt, dass auch die blödesten Juden noch nicht auf die Idee gekommen sind, Papstpuppen zu verbrennen."
Stichwörter: Facebook, Holocaust

TAZ, 17.02.2009

Der Historiker Michael Wildt fragt, warum auf einmal wieder Stauffenberg und nicht Georg Elser als unser großes sittliches Vorbild dienen soll: "Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den 'Führer' unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte."

Wolfgang Ullrich besucht für die "warenkunde" das Design von Helmen. Besprochen werden Volker Löschs Inszenierung "Die Wunde Dresden" am Staatsschauspiel Dresden, das Debütalbum von Telepathe ("In der Hauntologie wird das Primat des Seins von dem verdrängt, was im Sein herumspukt", behauptet Julian Weber).

Und Tom.

Welt, 17.02.2009

Die Bild-Zeitung druckt Auszüge aus Tilman Jens' Buch über seinen demenzkranken Vater Walter Jens, in der Welt hält es Gert Ueding, Jens' Nachfolger auf dem Tübinger Rhetorik-Lehrstuhl, für infam und heuchlerisch, wie der Sohn seinen Vater vorführt: "Wenn Tilman Jens von seinem Vater etwas geerbt hat, dann ist es diese Sucht nach Aufmerksamkeit, nach der Droge Publikum, die auch ihn umtreibt, ob in der Skandalgeschichte um Uwe Johnson oder dem Rachefeldzug gegen den engsten Freund des Vaters, Marcel Reich-Ranicki, oder jetzt bei der Krankheitsgeschichte des Vaters. 'Aber ich, sein erstgeborener Sohn, fühle mich von ihm um seine Geschichte betrogen.' Das ist wahrhaftig ein offenes Bekenntnis und vielleicht die letzte Schicht der Motive, die Tilman Jens dazu angestiftet haben, das Buch über seinen Vater zu schreiben. Wenn der ihn darum betrogen hat, wird er sich eben selber seinen Reim darauf machen, auch wenn ein garstiger Reim daraus werden sollte, der allen und jeden unter Verdacht stellt."

Weitere Artikel: Hendrik Werner meldet, dass man sich über Google jetzt ganze Bibliotheken von rechtefreien Büchern aufs Handy laden kann. Im Randkommentar begrüßt Matthias Heine die Absage zweier Premieren in Berlin; die Inszenierungen sollen seinen Informationen nach blamabel schlecht gewesen sein. Marko Martin schreibt über den Valentinstag in Bombay. Ingolf Kern porträtiert die Schauspielerin Jutta Wachowiak.

Besprochen werden das Album "Vom Feuer der Gaben" der Berliner Band Klez.e und eine Ausstellung über Schuhe im LWL-Museum für Archäologie in Herne.

SZ, 17.02.2009

Der isländische Autor Einar Mar Gudmundsson schimpft böse auf die Neokapitalisten seines Landes, die das ganze unschuldige isländische Volk in die Bredouille gebracht haben: "Islands Schulden, umgerechnet auf jeden einzelnen Bürger, sind höher als die Reparationsverpflichtungen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. In Isländischen Kronen gerechnet, sind sie ebenso hoch wie die Schulden des italienischen Staatshaushaltes. Dabei hat Island rund 310 000 Einwohner, Italien dagegen knapp 60 Millionen." (Hä? 1 Euro entspricht 284 Kronen. Island hat 310.000 Einwohner, Italien 60 Millionen, 193 mal so viel. Wenn die Isländer 100 Milliarden Kronen Schulden haben, und die Italiener 100 Milliarden Euro, dann liegt der Schuldenstand eines einzelnen Isländers bei 100 Milliarden durch 310.000 durch 284 = 1135 Euro, und der eines einzelnen Italieners bei 1666 Euro. Vielleicht hätte man die Isländer mal über die Existenz von Taschenrechnern unterrichten sollen.)

Weitere Artikel: Gunnar Herrmann berichtet über den Prozess gegen die schwedische Internettauschbörse Pirate Bay. Volker Breidecker verfolgte eine Frankfurter Podiumsdiskussion über den annoncierten Umzug des Suhrkamp Verlags. Susanne Klingner meint, dass von der Frauenpolitik Ursula von der Leyens und Angela Merkels bei näherem Hinsehen nicht viel übrig bleibt und fordert eine Frauenquote in Dax-Unternehmen statt Förderung des Kinderkriegens. Klaus Raab flaniert mit dem Situationskomiker Kurt Krömer durch seinen Berliner Heimatbezirk Neukölln. Tanjev Schultz feierte zusammen mit Bundespräsident und Ralf Dahrendorf den 40. Geburtstag des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Besprochen werden eine Ausstellung mit flämischen Tapisserie-Zyklen aus dem 15. und 16. Jahrhundert in Gent, eine Dramatisierung von Thomas Manns Joseph-Roman in Düsseldorf und Bücher, darunter Helene Berrs "Pariser Tagebuch" aus der Besatzungszeit.

Auf der Medienseite zitiert "flex" bewundernd einen kritischen Artikel der New York Times über ihren neuen Geldgeber, den mexikanischen Milliardär Carlos Slim.

FAZ, 17.02.2009

Bedenklich findet Dirk Schümer das Einreiseverbot, das Großbritannien gegen den niederländischen Anti-Islamismus-Pamphletisten Geert Wilders ("Fitna") verhängt hat: "Wilders' Folgerung, die islamische Intoleranz habe die Fundamente unseres freiheitlichen Zusammenlebens bereits untergraben, wird durch sein Einreiseverbot nun bestätigt." Mark Siemons liefert Impressionen von einer großen Jobmesse in Peking. In seiner Reportage stellt Martin Kämpchen die Arbeit der indischen Literaturakademie Sahitya Akademi vor. Paul Ingendaay schildert das erneute Scheitern eines Versuchs, die Gebeine von Jorge Luis Borges von Genf nach Buenos Aires umzubetten. Wiebke Hüster porträtiert den Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui, der am Sonntag den Kairos-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung erhielt. Dass die Butter nichts mehr wert ist, veranlasst Reinhard Wandtner zu dieser Erwägung und jener. In der Glosse schüttelt Kerstin Holm den Kopf darüber, dass sich im Fall Politkowskaja die "russische Justiz aufs Nebelwerfen spezialisiert".

Besprochen werden auf einen Streich Volker Löschs "Die Wunde Dresden" in Dresden und eine Theaterfassung von Dietmar Daths Essay "Maschinenwinter" in Leipzig, Anna Viebrocks und Malte Ubenaufs in Köln zur Anschauung gebrachtes Diorama "Der letzte Riesenalk", ein Konzert des Pianisten Grigorij Sokolow in Berlin, die große "Giorgio de Chirico"-Ausstellung in Paris, die Ausstellung "Die Wikinger" in Speyer, zwei neue Gesamteinspielungen der Brahms-Sinfonien, und Adam Zagajewskis Essays "Verteidigung der Leidenschaft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).