Heute in den Feuilletons

Kalbshirn, in Milch gekocht

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2009. In der SZ outet Kurt Flasch den Papst als Piusbruder. In der NZZ hat der simbabwische Autor Chenjerai Hove ein exaktes Spiegelbild Lears erblickt: Robert Mugabe. In der Welt erinnert Wolf Lepenies an die Abschaffung der Nudel durch den Futurismus. Und Sophie Hunger verzaubert sowohl die Schweiz als auch die FR.

FR, 18.02.2009

Tobi Müller, selbst ganz behext, stellt die 25-jährige Zürcher Diplomatentochter und Sängerin Emilie Jeanne-Sophie Welti Hunger, kurz: Sophie Hunger vor, die gerade die Schweiz verzaubert. Das scheint aber auch ein gewisses Misstrauen auszulösen. "Sophie Hunger gilt bei Breitbandmedien als Interviewschreck. Dabei will sie bloß über Musik reden. Dies mitunter streng. Fragt einer, warum sie so viele 'tragische Liebeslieder' schreibe, sagt Hunger, sie wisse nicht, wovon die Rede sei und schweigt. Deshalb sprechen manche Sprachrohre, aber auch deren zahlende Zuhörer von Verweigerung und Arroganz. Oder: von Koketterie. Das sind alles Formeln, welche eine Verhüllung des Eigentlichen unterstellen. Wer ist diese Frau wirklich, lautet die alte und immer verzweifelt autoritäre Frage."

Besprochen werden eine Ausstellung mit den New-York-Fotografien Andreas Feiningers im Berliner Bauhaus-Archiv, die Uraufführung von Leonardo Baladas' und Fernando Arrabals Faust-Oper am Teatro Real Madrid (Faust heißt hier Faust-bal und ist eine Frau), die Aufführung von Nuran David Calis' Fassung von Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen! (live fast - die young)" am Staatstheater Mainz und Bodo Kirchhoffs "Erinnerungen an meinen Porsche" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 18.02.2009

Die Sammlung Wilde geht von Hannover nach München, in die Pinakothek der Moderne, die dafür neben Studiensaal und Kuratorin auch ein Forschungsinstitut für Fotografiegeschichte stellen wird, berichtet Ira Mazzoni. Das Goethe-Institut wird Träger der neuen deutschen Kulturakademie in Istanbul, berichtet Jürgen Gottschlich.

Besprochen werden Anna Viebrocks Kölner Theaterabend "Der letzte Riesenalk", das Buch "Verlorene Bilder, verlorene Leben", in dem Monika Tatzkow und Melissa Müller Geschichten von 15 Sammlern und Sammlerfamilien nachgeht, die von den Nationalsozialisten als jüdisch oder "jüdisch versippt" verfolgt worden sind.

Schließlich Tom.

NZZ, 18.02.2009

Angela Schader interviewt den simbabwischen Schriftsteller Chenjerai Hove, der sein krisengeschütteltes Land 2001 verlassen hat und zurzeit an einer Übertragung von Shakespeares "King Lear" in seine Muttersprache Shona arbeitet. Parallelen zwischen dem shakespear'schen Herrscher und dem simbabwischen Staatsoberhaupt Robert Mugabe sind für ihn nicht zu übersehen: "König Lear verkörpert für mich den Wahn des greisen Potentaten. Er beschließt, sein Königreich aufzuteilen, aber gleichzeitig will er die Macht nicht loslassen - es ist, als gäbe er seinen Töchtern die Fahne und behielte den Staat für sich. Robert Mugabe ist in seinem Starrsinn, in seiner Unfähigkeit, sich zu verändern, ein ziemlich exaktes Spiegelbild Lears; und ein Mensch, der sich so verhält, wird in einer ähnlichen Tragödie enden."

Weiteres: Roman Bucheli denkt am Beispiel von Daniel Kehlmanns Geschichte "Rosalie stirbt" über den oft viel zu kleinen Spielraum nach, den ein Autor seinen Romanfiguren und der Phantasie des Lesers lässt. Kunst macht nicht glücklich, bilanziert Paul Jandl eine Studie "Zur sozialen Lage Kunstschaffender".

Besprochen werden eine "Rosenkavalier"-Inszenierung des Berner Stadttheaters und eine "Salome" im Genfer Grand Theatre sowie Bücher, darunter der erste Band eines Oeuvrekatalogs zu Ferdinand Hodlers Gemälden, Viktor Pelewins Roman "Das fünfte Imperium" und Julia Zanges Erstling "Die Anstalt der besseren Mädchen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 18.02.2009

Peter Glaser hat schon einmal einen Eintrag aus einem Antiquariatskatalog des Jahres 2015 geschrieben: "KINDLE E-BOOK. Amazon, 2009. Erstausgabe nach der dritten Rückrufaktion, äußerst selten. Oktavformat. Original silberfarbene Plastikverkleidung, moderate Kratzspuren, leicht angeschmutzt, an den Bedienungsteilen berieben und bestoßen. Ladegerät und Stecker fehlen (Originalzustand?). Bildschirm gesprungen, aber funktionsfähig. USB-Kabel vorhanden. Batterien leer. Angetrocknete Flüssigkeitsspuren auf der Tastatur (vermutlich Starbucks-Kaffee)..."

Überall wird über die Zukunft der Zeitungen diskutiert. Thomas Knüwer wird in Indiskretion Ehrensache ganz blümerant, wenn er neueste Zitate aus Amerika liest. Robin Meyer-Lucht empfiehlt in Spiegel Online den neuen Dienst Kachingle: "Das Abrechnungsmodell soll folgendermaßen funktionieren: Der Nutzer zahlt pro Monat eine freiwillige Gebühr von circa fünf Euro. Das System überwacht die Nutzung aller entsprechend registrierten Angebote. Am Ende des Monats kann der Nutzer entscheiden, ob seine Zahlungen automatisiert oder nach einem von ihm festgelegten Schlüssel ausgeschüttet werden sollen." turi2 resümiert unterdes die Berichte über die Streichung von 300 Redakteursstellen bei der WAZ.

Welt, 18.02.2009

Wolf Lepenies erinnert daran, dass Filippo Tommaso Marinetti nicht nur den Futurismus in die Kunst, sondern auch in die Küche bringen wollte: Ziel war die Abschaffung der Nudel - als Symbol für Schlappheit, Pessimismus, nostalgische Untätigkeit und Neutralismus" - und die Spiritualisierung der Speisekarte: "Das 'Exaltierte Schwein' bestand aus einer abgepellten Salamischeibe, die in heißem Espresso schwamm, dem ein gehöriger Schuss Eau de Cologne beigemischt war. Mit guten Zähnen und ohne allzu großen Aufwand ließ sich das 'Huhn Fiat' in den Mund chauffieren: Es wurde mit Stahlkugeln gefüllt und mit Schlagsahne serviert. Die 'Meerestafel der befreiten Worte' dagegen beanspruchte die volle Aufmerksamkeit und Assoziationsbereitschaft des Gastes: 'Auf einem Meer von krausem Salat, der hier und da mit Quarkspritzern verziert ist, schwimmt eine halbe Wassermelone, an Bord die Skulptur eines kleinen Kommandanten aus holländischem Käse, der eine schlaffe Mannschaft befehligt, die von Kalbshirn, in Milch gekocht, angedeutet wird. Wenige Zentimeter vor dem Bug eine Klippe aus Pfefferkuchen aus Siena. Man bestreue das Schiff und das Meer mit Zimt oder rotem Pfeffer.'"

Weitere Artikel: Der indische Schriftsteller und Diplomat Shashi Tharoor beschreibt, was die Inder alles am Oscar-nominierten "Slumdog Millionaire" auszusetzen haben. Ulrich Weinzierl macht sich anlässlich der Ausstellung "The Porn Identity" in der Wiener Kunsthalle Gedanken über das Verhältnis von Pornografie und Kunst. Im Randkommentar stellt Uta Baier das Bremer Modell der Kunstverschickung vor. Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Regisseur Gus van Sant und Drehbuchautor Dustin Lance Black, deren Film "Milk" morgen in die Kinos kommt. Felix Müller stellt dar, wie der Mediävist Johannes Fried Heinrichs Gang nach Canossa nicht als Büßergeste, sondern als bilaterales Gipfeltreffen deutet.

Besprochen werden Calixto Bieitos "Lulu"-Inszenierung am Theater Basel und eine Ausstellung zu Klimawandel und Migration im Auswandererhaus in Bremerhaven.

FAZ, 18.02.2009

Felicitas von Lovenberg betreibt am Fall von Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm" Kritik der Kritik: "Erfolg macht einen Autor nicht sakrosankt - und darüber, ob ein Buch seinen eigenen Anspruch einlöst, lässt sich natürlich streiten. Aber hier werden ein Autor und ein Buch an einem Anspruch gemessen, den sie gerade nicht stellen: nämlich an einen Erfolg anzuknüpfen, den im Übrigen im sich stupend entwickelnden Erfolgsfall der 'Vermessung der Welt' niemand vorausgesehen hat. Und jetzt benimmt sich die deutsche Kritik wie die Jungs auf dem Schulhof, die dem guten Schüler - auch 'Strebertum' ist Kehlmann schon vorgeworfen worden - die Brille wegnehmen und drauftreten."

Weitere Artikel: Jordan Mejias konstatiert erfreut, dass auch die amerikanische Kultur von Obamas Finanzpaket etwas abbekommt (50 Mio Dollar nämlich) - und weniger erfreut, dass da mal wieder rein wirtschaftliche Argumente zur Begründung der Kulturförderung herhalten mussten. In der Glosse schreibt Gina Thomas über einen Londoner Auftritt des Dramatikers David Hare, bei dem dieser ausführlich darlegte, warum er Berlin nicht versteht. Mara Delius berichtet von der in Krisenzeiten seltsam unheimlichen Frankfurter Konsumgütermesse "Ambiente". Jan Brachmann hat eine wenig ergiebige Diskussion zur Berliner Opernsituation erlebt. Sabine Frommel fürchtet massive Entstellungen bei der Restaurierung des legendären Pariser Hotel Lambert. Das "Phänomen" TSG 1899 Hoffenheim beschreibt Jochen Hieber. Mechthild Küpper erläutert, was das Caritas-Jahresmotto "Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft" zu bedeuten hat. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazz-Schlagzeugers Louie Bellson.

Auf der DVD-Seite antwortet Michael Althen auf die Frage, ob man das neue Videoformat Blu-ray wirklich braucht, mit einem entschiedenen "Jein". Bert Rebhandl kann auch den auf DVD erhältlichen ersten Film "Madeinusa" der Goldenen-Bären-Gewinnerin Claudia Llosa nur empfehlen, während Ivo Ritzer für Klaus Lemkes Film "Die Ratte" schwärmt.

Besprochen werden Wolfgang Engels Inszenierung von John von Düffels Theaterfassung von Thomas Manns "Joseph und seine Brüder", die Ausstellung "Die Macht des Ornaments" in Wien, ein Auftritt der Countrysängerin Tift Merritt in Heidelberg, Gus van Sants biografischer Film "Milk" und Bücher, darunter Helen Garners Roman "Das Zimmer" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 18.02.2009

Der Philosoph und Historiker Kurt Flasch legt einen aufsehenerregenden Artikel über den Papst und die Pius-Brüder vor (den die SZ seltsamerweise nicht zum Aufmacher gemacht hat). Ob Bischof Williamson den Holocaust leugnet, ist für den Papst in seinem Versöhnungswillen nebensächlich, meint Flasch, überhaupt stimme der Papst mehr mit den Piusbrüdern überein als mit Theologen des Zweiten Vatikanischen Konzils, und dies vor allem im totalen Zugriff der Kirche, den sie restituieren wollen: "Ratzinger distanziert sich von Antisemitismus und vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus, aber den Ausschließlichkeitsanspruch forciert er wie die Piusbrüder und wie seine Vorgänger eh und je. Wer Pius IX. und Pius X. heiligspricht, gehört zu den Piusbrüdern, er mag sonst sagen, was er will. Er teilt mit diesen und mit einer langen römisch-katholischen Tradition den Antirelativismus, die Konzeption von Sünde, Taufe und einzig wahrer Kirche. Daher die Nähe. Daher das Interesse an der Wiedervereinigung."

Weitere Artikel: Für Seite 3 hat Frank Nienhuysen den Politkowskaja-Prozess in Moskau verfolgt, und er zitiert Vera Politkowskaja, die Tochter der ermordeten Journalistin: "Auf der Anklagebank sitzen Leute, die verdächtigt werden, Mittäter zu sein. Aber nicht der Killer, und nicht der Auftraggeber." Aufmacher des Feuilletons ist Wolfgang Schreibers Bericht über die Lage der drei Opern in Berlin, über die eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Gerard Mortier geführt wurde. Bernd Dörries meldet, dass sich das Land Baden-Württemberg mit dem Haus Baden um den Preis von 59,8 Millionen Euro geeinigt hat - das Haus Baden will jetzt nicht mehr um seinen angeblichen Besitz prozessieren. Jens Bisky berichtet von einer "verjuxten" Jubiläumsfeier des Berliner Wissenschaftszentrums. Jörg Königsdorf gratuliert dem Dirigenten Marek Janowski zum Siebzigsten. Stephan Opitz liest eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums über die Kultur- und Kreativwirtschaft (hier als pdf), in der sich herausstellt, dass die Kultur nach Maschinenbau und Autoindustrie drittgrößte Branche der deutschen Wirtschaft ist, mit einer Million Beschäftigten in 238.000 Unternehmen. Auf der Literaturseite untersucht Tobias Lehmkuhl den Einfluss Darwins auf H.G.Wells und die Science-Fiction-Literatur

Besprochen werden Gus Van Sants Film "Milk", die Ausstellung "Schwäne und Feuervögel" im Münchner Theatermuseum, Calixto Bieitos Inszenierung von Alban Bergs "Lulu" mit Marisol Montalvo in Basel und Bücher, darunter Peter Adolphsens Roman "Das Herz des Urpferds".