Heute in den Feuilletons

Das beste aus einem schwachen Jahrgang

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.02.2009. In der Welt erzählt die Berlinalegewinnerin Claudia Llosa, warum sie keinen politischen Film machen wollte. In der NZZ wirft Beqe Cufaj einen skeptischen Blick auf das Kulturleben in Pristina. Die Berliner Zeiung erzählt, warum Norman Foster ein Büro in Berlin unterhielt. FR und taz berichten über den Prozess gegen die schwedische Musiktauschbörse Pirate Bay.

Welt, 16.02.2009

In der Berliner Axel-Springer-Passage wird gerade eine "kleine Ausstellung" mit Entwurfszeichnungen für das KZ Auschwitz gezeigt, informiert uns Sven Felix Kellerhoff. Und das kam so: "Im Herbst 2008 waren insgesamt 29 Pläne sowie ein Bündel dazu gehörender Dokumente überraschend bei einer Wohnungsauflösung aufgetaucht; die Bild-Zeitung erwarb diese Originale, um sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und Missbrauch beispielsweise durch Neonazis zu verhindern."

Mehrere Artikel sind der Berlinale gewidmet: Hanns-Georg Rodek zieht ein im großen und ganzen positives Resümee der Berlinale. Die mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Schauspielerin Birgit Minichmayr erzählt im Interview von den Dreharbeiten zu Maren Ades "Alle Anderen". Die Gewinnerin des Goldenen Bären, die peruanische Regisseurin Claudia Llosa erklärt im Interview, dass ihr Film "Milk of Sorrow" nur indirekt von dem 20jährigen Bürgerkrieg in Peru erzählt: "Ich wollte keinen rein politischen Film machen. Es gibt eine für mich viel interessantere Geschichte. Ich möchte etwas davon erzählen, wie sich diese Ereignisse auf unser Leben heute auswirken, wie unser Leben immer noch davon überschattet wird."

Weitere Artikel: Wenn Berlin Weltstadtglamour haben will, muss es auch dafür zahlen, meint Manuel Brug, für den es nur eine Lösung der Berliner Opernkrise gibt: eine Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper. In der Leitglosse ermuntert Uwe Wittstock die Frankfurter, nach dem Wegzug Suhrkamps junge Verlage zu unterstützen. Alan Posener schreibt über Fidel Castro als Popstar. Matthias Heine gratuliert Volker Spengler zum Siebzigsten, Berthold dem Historiker Christian Meier zum Achtzigsten und Gerhard Gnauck dem polnischen Regisseur Kazimierz Kutz ebenfalls zum Achtzigsten.

Besprochen wird eine Aufführung von Volker Löschs szenischem Geschichtsbilderbogen "Die Wunde Dresden".

NZZ, 16.02.2009

Der Schriftsteller Beqe Cufaj erzählt von den alltäglichen Absurditäten in der kosovarischen Stadt Pristina, vom elenden Zustand ihres Kultursektors, von Konformismus und allgemeiner Dysfunktionalität. Der Schnee, der derzeit die Stadt bedeckt, ist das Beste, was Pristina passieren könne, findet Cufaj. "Mit der wilden Bauerei wirkt die Stadt so amorph wie keine andere in Europa. Architektur zwischen Futurismus und Archaismus, aber vor allem unvollendete Arbeiten an Häusern und Wohnblöcken, die Gott weiß wann ihren endgültigen Anstrich bekommen werden. Den schwindelerregenden Bauboom hatte 2000 der Architekt Rexhep Luci mit seinem Projekt 'Pristina - Vision 2000 bis 2005' zu stoppen versucht. Aber er wurde ermordet."

Weitere Artikel: Susanne Ostwald befindet, dass die Berlinale durch den Vorzug kleiner Autorenfilme bei der Preisvergabe ihr Profil stärkt. Uwe Justus Wenzel gratuliert dem Historiker Christian Meier zum achtzigsten Geburtstag. Franz Haas berichtet über die abgemilderte Bildungsreform in Italien und prophezeit: Dass auch sie mehr Schaden als Nutzen bringen wird, ist jetzt schon abzusehen. Besprochen werden Igor Strawinskys Oper "Rake's Progress" im Opernhaus Zürich und ein Konzert der Tschechischen Philharmonie in der Zürcher Tonhalle.

Berliner Zeitung, 16.02.2009

Nikolaus Bernau erklärt, warum der Londoner Stararchitekt Norman Foster überhaupt ein Büro in Berlin hatte (das nun aber schließt und Dutzende Architekten und Ingenieure auf den Markt wirft): "Aus einer Londoner Perspektive war Berlin bisher ein Billiglohnland, ähnlich wie Istanbul, wo ebenfalls die Dependance geschlossen wird. Die Büros sind zwar etwas teurer als sie in Indien wären, aber dafür gibt es hier und auch in der Türkei dank des deutschen Diplomstudiensystems breit und gut ausgebildete Ingenieure... Hier sind junge Leute bereit, für wenig Geld Pläne zu schrubben, wie es im Architektendeutsch heißt - in Städten, in denen man so billig gut leben kann, geht das."
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FR, 16.02.2009

Auf der Medienseite berichtet Hannes Gamillscheg vom heute beginnenden Prozess gegen die Betreiber der Internet-Musikbörse Pirate Bay: "Drei schwedische Datenfreaks auf der Anklagebank und die gewieftesten Vertreter der mächtigen Film- und Musikindustrie im Zeugenstand, eine Schadenersatzforderung von umgerechnet elf Millionen Euro und drohende Gefängnisstrafen - dennoch ist Pirate-Bay-Sprachrohr Peter Sunde unbekümmert: 'Einsperren werden sie uns nicht, Bußen spielen keine Rolle, weil wir kein Geld haben, und meine Kumpels leben nicht einmal mehr in Schweden. Was macht es da aus, wenn sie hier Schulden haben?'"

Weitere Artikel: Klaus-Jürgen Göpfert berichtet von einer recht emotionalen Veranstaltung zu Suhrkamps Umzug nach Berlin. In Times mager bringt sich Judith von Sternburg in Karnevalsstimmung. Arno Widmann gratuliert dem Künstler Hans Imhoff zum Siebzigsten.

Besprochen werden Volker Löschs Stück "Die Wunde Dresden", eine Ausstellung zu Erich Schelling im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt und Wilhelm Genazinos Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten".

TAZ, 16.02.2009

In der tazzwei berichtet Reinhard Wolff vom Prozess gegen die weltweit größte Musiktauschbörse, den Bit-Torrent-Tracker Pirate Bay. "Im Herbst 2005 bekam das schwedische Justizministerium Besuch von Vertretern der US-Musik- und -Filmbranche. Und es gab offenbar auch Drohungen seitens der US-Administration in Washington, in denen sogar auf die Möglichkeit eines Handelsboykotts hingewiesen wurde, sollte Stockholm nicht gegen Pirate Bay aktiv werden. Wenige Monate später machte ein Großaufgebot von 50 Polizeibeamten eine Razzia gegen die 'Piraten' und beschlagnahmte 186 Rechner und Server. Auf denen sich allerdings kein urheberrechtlich geschütztes Material befand. Das hält Pirate Bay auch gar nicht bereit, sondern vermittelt nur ähnlich wie eine Suchmaschine 'Wegweiser' zwischen Anbietern und Interessenten."

Im Feuilleton: Der Goldene Bär für Claudia Llosas peruanischen Film "La teta asustada" geht für Cristina Nord absolut in Ordnung: "Überhaupt gelang es dieser Jury, das Beste aus einem schwachen Jahrgang herauszuholen." (Alle Bären hier) Christoph Schröder hat auf der Frankfurter Veranstaltung zum Umzug Suhrkamp nach Berlin "diskursive Verbitterung, Trauer und Liebesbekundung" erlebt. Besprochen wird Jean-Luc Nancys Abhandlung "Dekonstruktion des Christentums".

Und noch Tom.

SZ, 16.02.2009

Burkhard Müller sinniert über die neuerdings in Kunst und Kino wieder marodierenden Vampire und sieht in ihnen ein Sinnbild der medizinisch bald denkbaren "Abschaffung des Todes": "Sie liefern uns das einzige verfügbare, bekannte und darum erträgliche Paradigma, das uns, so unvollkommen es sonst auch sein mag, hilft, das Neue zu antizipieren. Vampire sind unsterblich, aber wenn sie es sein wollen, ohne zu Monstern zu werden, zahlen sie einen sehr hohen Preis dafür."

Weitere Artikel: Tobias Kniebe resümiert die Berlinale und ist mit dem Goldenen Bären für "La teta asustada" der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa ganz einverstanden. Im Aufmacher nimmt Thomas Steinfeld die allseits geschmähten Bankiers in Schutz, schuld an der Krise ist für ihn der zu seinem Bedauern "unbelangbare" Kapitalismus selbst. Dunkel auch die Ahnungen des Historikers Christian Meier, der zu seinem achtzigsten Geburtstag von Johan Schloemann interviewt wird: "Ich habe jedenfalls ganz allgemein das Gefühl, dass es so friedlich nicht weitergehen kann. Das widerspricht der historischen Erfahrung." In den "Nachrichten aus dem Netz" stellt Helmut Mauro die Website der Orel Foundation vor, die sich für Werke der von den Nazis verfemten Komponisten einsetzt. Reinhard J. Brembeck berichtet, dass der Komponist Mark Anthony Turnage und das Royal Opera House in London eine Oper über das glamouröse und tragische Leben des einstigen Starmannequins Anne Nicole Smith planen. Andrian Kreye schreibt zum Tod der Historikerin Alison Des Forges, die schon früh vor kommenden Massakern in Ruanda gewarnt hatte und nun bei dem Flugzeugabsturz in Buffalo ums Leben kam

Besprochen werden Rene Polleschs "Ping Pong d'amour" in München, die "Wunde Dresden", eine Textcollage von Regisseur Volker Lösch und seinem Dramaturgen Stefan Schnabel im Schauspielhaus der in Frage stehenden Stadt, darunter eine von einem Anhänger verfasste Biografie über den Bischof Lefebvre.

FAZ, 16.02.2009

Die Fatwa und der Fall Rushdie haben, so Tobias Göring, mindestens subkutan massive Auswirkungen bis heute. In seinem bestenfalls lauwarmen Berlinale-Resümee genehmigt sich Michael Althen einen sehr auffällig langen Ausflug aus dem Wettbewerb in die 70-mm-Retrospektive. Florian Balke berichtet von einer Diskussion, die die ihr gestellte Frage eher nicht mit der vom Titel "Frankfurt ohne Suhrkamp - na und?" vorgeschlagenen Gelassenheit beantwortete. Für einen "barbarischen Akt" hielte Michael Gassmann den sich abzeichnenden Abriss der Bonner Beethovenhalle. In der Glosse verabschiedet Jörg Thomann den wikipedianischen Wilhelm aus dem Guttenberg. Konstanze Crüwell war dabei, als in Frankfurt der Künstler Daniel Spoerri über seine Schausammlung "Musee Sentimental" sprach. Über Gourmets und exotische Küchen, über falschen Schmuck und über Glamour liest Joseph Croitoru in osteuropäischen Zeitschriften.

Die üblichen Montags-Gratulationen gehen an den Karikaturisten Manfred Deix (60), den Dichter, Aktionist, Liebeskünstler, Philosoph und Selbstverleger Hans Imhoff (70), den Dirigenten Marek Janowski (70), und an den Filmemacher und Schriftsteller Thomas Harlan (80), über den Edo Reents schreibt: "Seine Prosa hat, mit den üppig wuchernden Satzgebilden, der kraftvollen Wortwahl und der ungeheuren Präzision, wohl nicht Ihresgleichen in der Nachkriegsliteratur."

Besprochen werden die neue Choreografie "Homo ludens" des Choreografen Richard Siegal nach Don DeLillo, die Ausstellung "Opus Iustitiae Pax" zu Papst Pius XII. in Berlin, und Bücher, darunter Hans Wollschlägers Hommagen an seinen Lehrer "Die Insel und einige andere Metaphern für Arno Schmidt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).