Heute in den Feuilletons

"irrationalistisch-spätbürgerliche Ichbesessenheit"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.11.2007. In der Welt fragt Rolf Schneider: Ist das linke Regietheater in Wirklichkeit reaktionär? Die NZZ beschreibt, wie im Balkan mit Straßenschildern Politik gemacht wird. Die taz bespricht das Buch zur Perlentaucher-Debatte über "Islam in Europa" und verteidigt anders als gegen Mosebach den Jakobinismus nun nicht mehr. Der Freitag seufzt: Gib mir meine Sontag wieder. Und die Jungle World stellt klar: Solidarität mit Israel ist links.

Welt, 23.11.2007

Auf den Forumsseiten ruft der Schriftsteller Rolf Schneider seine Autorenkollegen auf, dem Regietheater von "Castorf, Thalheim, Pucher, Kriegenburg, Kimmig, Perceval e tutti quanti" die Bühne nicht kampflos zu überlassen: "Die Protagonisten des Regietheaters begreifen sich mehrheitlich als Vertreter von linkspolitischen Gesinnungen. Zu denen gehört, seit je, ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein und dessen Beförderung. Die Produkte des Regietheaters liefern weder Geschichten noch Einsichten in Geschichte noch Impulse für engagiertes Kollektivverhalten. Sie bleiben Emanationen einer einigermaßen reaktionären, nämlich irrationalistisch-spätbürgerlichen Ichbesessenheit, ihr behaupteter Avantgardismus ist, im Wortsinn, die reine Formsache. Derart widersprechen und verraten die Regisseure mit ihren Inszenierungen sich selber."

Heute versucht der Libanon noch einmal, einen Präsidenten zu wählen; der in Berlin lebende libanesische Autor Jacques Naoum schreibt dazu: "Ein Geist der Erstarrung, der Ratlosigkeit und der Heuchelei drückt auf das Drei-Millionen-Volk des Libanon. Pläne, Wünsche, Visionen, mal dogmatisch-religiös motiviert, mal zugunsten auswärtiger Mächte, befördern eine kollektive Psychose. In dieser Situation ist es ungewiss, ob die nach mehreren Verschiebungen nun für heute angesetzte Wahl des Staatspräsidenten auf einen Konsens-Kandidaten fällt, der weitgehend von allen Konfessionen akzeptiert wird. Die Alternative wäre eine politische Leere, die einem neuen Bürgerkrieg den Weg bereiten könnte."

Weiteres: Uta Baier feiert die Ausstellung zu Lucas Cranach d.Ä. im Frankfurter Städel, stellt aber klar, dass der Schnellmaler Cranach hinter Dürer doch nur Zweiter bleiben kann. Nach den desaströsen Einspielergebnissen von Robert Redfords oder Paul Haggis' Filmen in den USA konstatiert Uwe Wittstock: "Die Amerikaner, ob kriegsmüde oder kampfbereit, wollen im Kino nichts vom Irak wissen." Am Rande erinnert Uwe Wittstock daran, dass heute Vorlesetag ist. Im Interview mit Hanns-Georg Rodek erzählt Heino Ferch von den Arbeiten zu seinem neuen Film "Meine schöne Bescherung". Manuel Brug schreibt zum Tod des Choreografen Maurice Bejart. Peter Dittmar informiert über anonyme Beerdigungen.

NZZ, 23.11.2007

Andreas Ernst erzählt, wie auf dem Balkan mit Straßenschildern Politik gemacht wird: "Im fast ausschließlich serbisch besiedelten Nordzipfel Kosovos sind alle albanischen Ortsbezeichnungen säuberlich überstrichen. Es ist ein Warnsignal: Ein albanisch beherrschtes Kosovo werden wir niemals akzeptieren. Die Doppelbezeichnungen in Kosovo haben manchmal absurde Züge. Dort nämlich, wo die albanische und die serbische Ortsbezeichnung identisch sind. Dennoch wird zweifach beschriftet: Junik/Junik oder Gazimestan/Gazimestan. Die Botschaft: Der Name ist zwar derselbe, aber er bezeichnet nicht das Gleiche. Es gibt eine albanische Realität und eine serbische."

Weitere Artikel: Gelitten und gegähnt hat Paul Jandl im Wiener Burgtheater bei James Goldmans "Der Löwe im Winter" unter Regie von Grzegorz Jarzyna, "einer Inszenierung, in der selbst die Gefühle aus dem Möbelladen zu kommen scheinen". Einen Nachruf auf den gestern im Alter von 80 Jahren gestorbenen französischen Choreografen Maurice Bejart schreibt Christina Thurner.

Besprochen werden die Aufführung von Joseph Haydns "Orlando paladino" am Theater an der Wien, Philip Roth' Roman "Exit Ghost", der Comic "Bardin der Superrealist" des spanischen Zeichners Max sowie die Erzählungen des Comic-Kenners Christian Gasser "Blam! Blam! Und du bist tot!" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Internetbashing ist gerade überall angesagt, besonders bei Journalisten der MSM (Mainstream-Media). Aber Christian Meier ist auf der Medienseite der NZZ nicht ganz einverstanden mit Andrew Keens in Buchform publizierter Polemik gegen das Internet "The Cult of the Amateur" (Auszug): "Auch wenn der Journalist betont, dass er das Internet an sich gutheiße - dessen Innovationskraft, Lebendigkeit und Respektlosigkeit -, bleibt am Ende der Eindruck: Das Internet ist wie unser kleiner böser Bruder, der Unwahrheiten verbreitet, Süßigkeiten klaut und Mädchen unter die Röcke schaut."

Gemeldet wird, dass der WAZ-Konzern mit seinen Medien in Osteuropa jetzt nicht mehr nur Geld machen, sondern sich auch um Inhalte kümmern will. S.B. stellt das neue Lesegerät Kindle von Amazon vor, mit dem der Verkauf von E-Books vorangetrieben werden soll. Marc Zitzmann erzählt neueste Episoden aus dem Psychodrama um die Pariser Wirtschaftszeitung Les Echos, die an den Pariser Multimilliardär Bernard Arnault verkauft wurde.

Tagesspiegel, 23.11.2007

Auf der Meinungsseite warnt Mark Terkessidis vor einem "Kreuzzug zur Befreiung der 'muslimischen Frau', den eine "Koalition aus Ex-Feministinnen, an der Spitze Alice Schwarzer, bestimmte Organisationen wie Terre des Femmes und eine Reihe von 'authentischen' Gewährsfrauen türkischer Herkunft" gegen das islamisch geprägte Patriarchat führten. "Wenn Frauen mit Migrationshintergrund bei Diskussionsveranstaltungen darauf hinwiesen, dass solche Vorstellung übertrieben sei und die Lage differenzierter, dann mussten sie sich von einheimischen Frauenrechtlerinnen oftmals als Büttel von Patriarchat und Islamismus beschimpfen lassen. Als Kronzeuginnen fungierten Autorinnen wie Serap Cilelei, Seyran Ates oder eben Kelek, die primär mit Erzählungen aus der eigenen Biografie zu 'Expertinnen' avancierten."

Die Kritik am Internet soll vor allem als Entschuldigung für Fehler der Verleger herhalten, meint Tyler Brule, Chefredakteur von Monocle, im Interview. "All dieses Blabla, dass Printmedien verschwinden werden, zeugt von Faulheit und Kurzsichtigkeit. Viele Fehlentwicklungen hat es gegeben, weil die falschen Leute an der Spitze von Medienunternehmen sitzen."
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TAZ, 23.11.2007

Unter der Überschrift "Jakobinischer Schauprozess" lässt Daniel Bax im Meinungsteil kein gutes Haar an dem Sammelband, der die Beiträge der Perlentaucher-Debatte über den "Islam in Europa" auf Papier zusammenfasst. "Entzündet hatte sie sich an dem Vorwurf, die niederländische Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali vertrete gegenüber Muslimen einen 'Fundamentalismus der Aufklärung', weil sie deren Integration in Europa von letztlich unerfüllbaren Vorbedingungen abhängig mache. Im Kern liefen ihre Forderungen darauf hinaus, dass Muslime ihrer Religion abschwören sollten, meinten der Publizist Ian Buruma und der britische Historiker Timothy Garton Ash. Nun ist Ayaan Hirsi Ali ein gewisser jakobinischer Zug durchaus zu eigen, ob sie nun gegen islamische Krankenhäuser oder Moscheen zu Felde zieht. Doch den Freundeskreis der 'schwarzen Jeanne dArc' (Henryk M. Broder), der überwiegend aus männlichen Publizisten reiferen Alters zu bestehen scheint, brachte die Kritik an ihrer Lichtgestalt in Rage." (Ich lasse mich ja zur Not als männlich beschimpfen, aber "reiferen Alters" geht zu weit! Mitherausgeberin Anja Seeliger)

Im Medienteil resümiert Daniela Weingärtner eine belgische Diskussion über die "Rolle der Medien in der belgischen Krise". Im Kulturteil werden die drei Wolfsburger Ausstellungen "Green Dreams", "Japan und der Westen" und "Araki, Miyamoto, Sugimoto: Japanische Fotografie der Gegenwart" besprochen sowie Kylie Minogues Album "X".

Und Tom.

FR, 23.11.2007

"Impulse", das Festival der deutschsprachigen Off-Theater, kämpft mit dem eigenen Erfolg, beobachtet Stefan Keim. "Zum ersten Mal leiten Tom Stromberg und Matthias von Hartz das vom kürzlich verstorbenen Dietmar N. Schmidt entwickelte und etablierte Festival. Fast alle Entdeckungen der vergangenen Jahre sind inzwischen bekannte Größen an den Stadttheatern: Rimini Protokoll, Sebastian Nübling, Sandra Strunz, die Liste ist lang. Fast jede kommunale Bühne fördert inzwischen junge Autoren und spielt Uraufführungen, was früher ebenfalls eine Profilierungsmöglichkeit der Off-Theater war. Das hat Folgen für die Auswahl der 'Impulse'. Sie bewegt sich weitab vom Mainstream und sucht Kreatives in abgedrehten Fantasien und extremen Formen."

Weiteres: Harry Nutt beschreibt das Vorhaben der Grabpyramide in Streetz in Sachsen-Anhalt. In Times mager meldet Nutt außerdem den Diebstahl seines Markenkugelschreibers im Bundestag. Peter Michalzik aktualisiert das allgemeine Nichtwissen um die Nachfolge von Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust. Sylvia Staude würdigt den verstorbenen französischen Choreografen Maurice Bejart. Tim Gorbau empfiehlt den Besuch des Exground Filmfestivals in Wiesbaden.

Besprochen wird Kylie Minogues Album "X".

SZ, 23.11.2007

"Die 99" heißt der Comic, in dem der Autor Naif Al Mutawa 99 islamische Superhelden in den Kampf gegen das Böse schickt, wie Sonja Zekri berichtet. "Natürlich klingt sein Konzept ein bisschen wie die Weihnachtsfeier der Vereinten Nationen, und so sieht der Comic auch aus. Die Helden stammen aus Saudi-Arabien und Portugal, Kanada und vom Golf. Die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, oft kaum mehr als ein ideologischer Kampfbegriff oder eine ferne Utopie, findet bei Al-Mutawa ihre Verkörperung in einer knallbunten Taskforce, die ein äußerst diskreter Islam eint. Für manche ein zu diskreter. Moscheen sieht man nur auf den Bildern von Bagdad, der Prophet findet keine Erwähnung." Hier gibt es das erste Heft frei als pdf.

Weitere Artikel: Andreas Zielcke notiert erfreut, wie "heiter und neugierig" sich der Manager Nikolaus von Bomhard und der literarische Mensch Hans Magnus Enzensberger in der aktuellen Ausgabe des Manager Magazins unterhalten. Eva Elisabeth Fischer schreibt den Nachruf auf den französischen Choreografen Maurice Bejart. Für ihre Weiterentwicklung des Völkerrechts erhält Rosalyn Higgins den Balzan Preis, informiert Alexandra Kemmerer. Während in Frankreich die Herbstproteste abflauen, streiken die Studenten erst einmal weiter, wie Johannes Willms weiß. "skoh" trägt weiter, was Experten von der von Bernd Neumann angekündigten "Zentralstelle Provenienzforschung" erwarten.

In der Serie über die Kriegsberichterstattung schildert Andrian Kreye online den Verlust der Neutralität. Auf der Medienseite beschreibt Viola Schenz, wie der WAZ-Konzern auf den Skandal um die tendenziöse Berichterstattung seiner bulgarischen Zeitungen (mehr hier) reagieren will.

Besprochen werden das Dokumentartheater "SOKO Sao Paulo", bei dem auf dem Münchner Festival Spielart Polizisten aus Sao Paulo und München auftraten, die Ausstellung "Cranach der Ältere" im Städel-Museum Frankfurt und Bücher, darunter der wiederaufgelegte "Kodex des Archimedes", Wolfgang Matz' Exegese "1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter" und die von Helmut Friedl herausgegebene Würdigung der drei Gerhard-Richter-Bilder "Rot - Gelb - Blau" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

Weitere Medien, 23.11.2007

In der Jungle World erklärt Stephan Grigat, warum Solidarität mit Israel links und abdingbar ist: "Die den Verwertungsimperativen des Kapitals und den Herrschaftsimperativen des Staates gehorchende Gesellschaft bringt den Antisemitismus als wahnhaften Versuch der Konkretisierung des Abstrakten immer wieder hervor. So wie Ökonomie nur als Einheit von Ökonomie und Staat zu begreifen ist, wäre auch der Fetisch nur als Einheit von Fetisch und wahnhafter Konkretisierung der Abstraktion zu verstehen. Genau in diesem Sinne ist der Antisemitismus eine Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft. Der israelische Staat ist die Reaktion auf diesen Antisemitismus - die Solidarität mit diesem Staat schon daher für jede Kritik des kapitalbedingten Verhängnisses zwingend." Alles klar?
Stichwörter: Antisemitismus, Israel

Freitag, 23.11.2007

Der eine kommt als Intellektueller in Betracht, der andere nicht. wir brauchen wieder eine Susan Sontag, meint Daniel Schreiber, Autor eines Buchs über Sontag, im Freitag: "So unzeitgemäß diese Vorstellung angesichts der Vanity-Fair-Ära von Paris Hilton bis Ayaan Hirsi Ali auch klingen mag, die Zeiten scheinen wieder reif für eine solche Figur. Eine Figur, die mit Brillanz, Charme und Rücksichtslosigkeit das Risiko eingeht, einen Hut in die öffentliche Arena zu werfen, der erst nach provokativen Denkanstößen und kollektiver Selbstbefragung passt. Eine Figur, die das beherrscht, was Derrida einmal die 'Kunst des öffentlichen Wortergreifens' nannte."

FAZ, 23.11.2007

Jürgen Kaube macht Bemerkungen zu neuesten Wohltaten des Wohlfahrtsstaates, etwa die jüngste Erhöhung des Bafög. Wiebke Hüster schreibt zum Tod Maurice Bejarts, Dieter Bartetzko glossiert einen Streit um die Echtheit von Michelangelo-Zeichnungen, der den Direktor der Wiener Albertina zu deftigen Äußerungen über Kunsthistoriker hinriss, die Werke aus seinem Bestand anzweifelten. Oliver Jungen gratuliert dem Literaturwissenschaftler Walter Haug zum Achtzigsten. Katharina Teutsch weist auf die Probleme der Deutschen Bibliothek in Helsinki hin, einer großen Privatbibliothek, der Geldentzug von finnischer Seite droht. Walter Haubrich schreibt zum Tod des spanischen Schauspielers Fernando Fernan-Gomez.

Auf der Medienseite porträtiert Josef Oehrlein den brasilianischen Stefan-Zweig-Biografen und Journalisten Alberto Dines, der mit seinem Observatorio da Imprensa in Sao Paolo den vielfach skandalösen Verstrickungen zwischen brasilianischen Politikern und Medien nachgeht.

Für die letzte Seite unterhält sich Andreas Platthaus mit Marjane Satrapi über die Verfilmung ihres berühmten Comicepos "Persepolis" (sie wolle zeigen, "dass ein Mensch unabhängig von seiner Umgebung und seinen Erfahrungen Mensch bleibt", sagt sie). Stefanie Peter porträtiert den neuen polnischen Kulturminister Bogdan Zdrojewski. Und Joachim Müller-Jung stellt die Arbeit einer Forschergruppe vor, die Hirnstudien über die Motivationen des "Homo oeconomicus" betreibt.

Besprochen werden eine Matthew-Barney-Ausstellung in München, eine Ausstellung über die Ursprünge der Seidenstraße in Berlin, ein Opernabend mit Puccini und Elliott Carter am Münchner Prinzregententheater und Bücher, darunter Hanna Kralls Roman "Herzkönig" und ein Buch von Norah Vincent, die ein Jahr als Mann verkleidet lebte und ihre Erfahrungen notierte.