Heute in den Feuilletons

"Dies ist sexueller Terrorismus"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.11.2007. Die taz berichtet von einem "Völkermord mit anderen Mitteln", der sich im Osten Kongos unter unbeschreiblichen Grausamkeiten vor allem gegen Frauen richtet. In der Welt warnt Andre Glucksmann: Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Somalisierug sein. Die NZZ beschreibt das Phänomen "Hallyu", mit dem zum ersten Mal eine länderübergreifende Popkultur in Asien entsteht. Die SZ befasst sich mit dem Genre des autobiografischen Comics. Die FAZ verteidigt Martin Mosebach als einen Modernen.

TAZ, 24.11.2007

In der zweiten taz berichtet Dominic Johnson von furchtbaren Szenen in einem Krankenhaus im Kongo, in dessen Kriegsregion Kivu die "übelsten Verhältnisse der Welt" herrschen: "Die Szenen, die sich auf der Station für vergewaltigte Frauen im Panzi-Krankenhaus des ostkongolesischen Bukavu abspielen, übersteigen zuweilen die menschliche Vorstellungskraft. Frauen, denen man nach Mehrfachvergewaltigung in die Vagina geschossen hat, sind keine Seltenheit. Eine Frau wurde vergewaltigt, während ihr Mann gefesselt zusehen musste; dann wurde der Mann bei lebendigem Leibe von den Bewaffneten zerstückelt, und die Frau musste sein Geschlechtsteil essen. 'Seit zehn Jahren kann ich nur mit Schlafmitteln schlafen', erzählt Christine Schuler-Deschryver, die im Auftrag der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) die Frauenstation von Panzi betreut. 'Dies ist kein Krieg, dies ist sexueller Terrorismus.'" Johnson spricht von einem "Völkermord mit anderen Mitteln", begangen von Hutu-Milizen, vor den Augen einer untätigen Welt.

In der Kultur: Tim Ackermann stellt das Düsseldorfer Künstler- und Galerie-Kollektiv "Konsortium" vor, das wie so viele im Betrieb unter prekärsten Bedingungen beträchtliche Szene-Erfolge vorzuweisen hat.Wiebke Porombka fragt sich, was der Erfolg von Julia Francks "Die Mittagsfrau" über die deutsche Gegenwartsliteratur aussagt - hat aber eigentlich keine klare Antwort darauf zu bieten. Bei seinem vorletzten Spreebogen-Besuch fühlte sich Dirk Knipphals sehr einsam in der Mitte der Berliner Republik. Auf der Meinungsseite schreibt Bildblog-Mitgründer Christoph Schultheis kontra die Zusammenarbeit von Greenpeace mit der Bild-Zeitung, Marlehn Thieme pro.

Besprochen werden Gavin Hoods Film "Machtlos", eine Essener Theater-Version von A.L. Kennedys Roman "Paradise" und Bücher, darunter die Giorgio-Bassani-Werkausgabe bei Wagenbach und David Blackbourns Studie "Die Eroberung der Natur" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Das taz mag hat heute einen großen Schwerpunkt zum Thema Stalinismus. Zum Beginn des "Großen Terrors" vor siebzig Jahren schreibt Christian Semler. Stefan Reinecke fragt, warum so viele westliche Intellektuelle von Stalin fasziniert waren. Wie sehr die stalinistische Vergangenheit im heutigen Russland verdrängt wird, berichtet Klaus-Helge Donath.

Außerdem gibt es heute eine literataz-Beilage, in der unter anderem Frank Schäfer Historien-Comics vorstellt.

Und Tom.

NZZ, 24.11.2007

Die länderübergreifende Ausbreitung einer eigenen Popkultur könnte Ostasien eine ganz neue Identität bescheren, überlegt Hoo Nam Seelmann in der Beilage Literatur und Kunst. Begonnen hat es mit "Hallyu" - der Koreawelle. "Das Phänomen 'Hallyu' hat zum ersten Mal in der modernen Geschichte Ostasiens Anlass geboten, über eine länderübergreifende Populärkultur in Ostasien zu debattieren. Medien in allen ostasiatischen Ländern haben dem Thema breite Aufmerksamkeit geschenkt, und Soziologen, Kulturwissenschafter und Kolumnisten analysierten ausführlich die Entstehung, die Interdependenz und den Wandel der Massenkultur. In der virtuellen Welt des Internets wurde noch intensiver diskutiert, man gründete Diskussionsforen und tauschte Informationen aus. Die öffentlich geführte Debatte erlaubte es den Ostasiaten, sich seit langem wieder der gemeinsamen kulturellen Wurzeln bewusst zu werden."

Weitere Artikel: Werner von Koppenfels ermuntert in einem sehr schönen Text, William Blake zu lesen. Roger Friedrich stellt den Theologen und Ketzerverteidiger Gottfried Arnold als Lyriker vor. Und Michael Ostheimer porträtiert den chinesischen Schriftsteller Lu Xun, der Anfang des 20. Jahrhunderts die moderne chinesische Literatur begründete. Stefana Sabin stellt neue Shakespeare-Studien vor.

Im Feuilleton resümiert Julia Albani die siebte internationale Architekturbiennale in Sao Paulo. Sensationell findet Eva Clausen die Entdeckung einer Grotte auf dem römischen Palatin, die die Kinderstube von Romulus und Remus gewesen sein könnte. Enttäuscht bemerkt Uwe Justus Wenzel nach dem Europäischen Futurologen-Konferenz in Luzern: Futurologie ist "heute vornehmlich eine Sache des Unternehmergeistes".

Besprochen werden ein Konzert von Maurizio Pollini und Andras Schiff beim Lucerne Festival, eine Karl-May-Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum und Bücher, darunter Julia Belomlinskajas "rotzfrecher" autobiografischer Roman über russische Emigranten in den USA, "Apfel, Huhn und Puschkin" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 24.11.2007

Herfried Münkler denkt nach über die Frage eines Ehrenmals für die gefallenen deutschen Soldaten in Zeiten humanitärer Einsätze: "Das rettende Opfer bringt der Soldat, wenn überhaupt, für die Menschen im Einsatzgebiet. Aber die stellen das Denkmal ja nicht auf. So verlängert sich das Dilemma der humanitären militärischen Interventionen schließlich bis zum Erinnerungsort für die dabei Getöteten: dass diese Interventionen zwar wie kaum ein anderer Militäreinsatz politisch und moralisch gut begründet sind, dass sie aber selten aus den vitalen Interessen des Entsendelandes heraus erfolgen."
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Welt, 24.11.2007

Andre Glucksmann gehörte 2003 zu den Befürwortern des Irak-Kriegs, nun beschreibt er die "Somalisierung" des Irak durch den Terrorismus und fragt: "Wäre es deshalb besser gewesen, Saddam Hussein nicht zu stürzen? Die Iraker sind, den Morddrohungen zum Trotz, drei Mal zur Wahl gegangen, en masse; sie scheinen den Sturz des Diktators nicht zu bereuen. Sollten die GIs sich jetzt zurückziehen, wie in Somalia? Der Kampf gegen die Somalisierung des Planeten hat erst begonnen und wahrscheinlich wird er das 21. Jahrhundert beherrschen. Wenn sie den Sirenen des Isolationismus widerstehen, werden die Amerikaner aus ihren Fehlern lernen. Europa wird sich entweder entschließen, ihnen zu helfen, oder sich der Fürsorge des Petro-Zaren Wladimir Putin ergeben, der bereitsteht, den alten Kontinent zu kontrollieren und Antiterror-Terrorismus predigt, mit Tschetschenien als anschaulichem Beispiel."

Weitere Artikel: In der Literarischen Welt verabschiedet sich Tilman Krause von seiner Kolumne "Klartext". Jacques Schuster porträtiert den amerikanischen Autor Gary Shteyngart. Außerdem bringt die Literarische Welt ein Interview mit dem britischen Krimiautor Ian Rankin und Kritiken der neuen Bücher von Ulf-Erdmann Ziegler (hier) und Georges-Arthur Goldschmidt (hier). Und Paul Michael Lützeler erinnert an Eichendorff, der vor 150 Jahren gestorben ist.

Im Feuilleton berichtet Rüdiger Sturm Neues vom Autorenstreik in Hollywood, wo besonders um Einnahmebeteiligungen aus der Internetverwertung gekämpft wird. Hanns-Georg Rodek kommentiert in diesem Zusammenhang die Forderung der Deutschen Filmakademie, dass alle Internetanbieter, die Bewegtbilder zeigen, drei Prozent ihrer Einnahmen an eine Art Verwertungsgemeinschaft Video abgeben sollen. Berthold Seewald schildert in einem persönlichen Artikel den bürokratischen Abgrund, in den Hinterbliebene nach dem Tod eines nahen Verwandten stürzen. Besprochen werden die Ausstellung "Die Schöninger Speere" über "Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren" in Braunschweig und die neue CD von Kylie Minogue.

Auf der Magzinseite porträtiert Inga Griese die Kinderfotografin Anne Geddes.

FR, 24.11.2007

Im Berliner Willly-Brandt-Haus haben Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der Philosoph Jürgen Habermas über Europa diskutiert. Von Optimismus waren, wie Harry Nutt berichtet, Habermas' Ausführungen nicht gerade geprägt geprägt: "In einem mit gewohnter Verve und zugleich beeindruckender Klarheit vorgetragenen Rede gab er seiner tiefen Europa-Skepsis Ausdruck... Zum einen nannte er einen sich immer deutlicher abzeichnenden Elitarismus, der sich zunehmend von den Bürgern entfernt. Das zweite große Problem, das das europäische Projekt behindere, sei das unausgewogene Verhältnis von Kern und Peripherie. Eine Politik des Nichtentscheidens führe dazu, dass die Gemeinschaft der 27 allzu bereitwillig in nationalstaatliche Muster zurückfalle."

Von einem Münchner Treffen der europäischen Literaturkritik berichtet Ina Hartwig, die vor allem die Informationen aus Osteuropa aufschlussreich fand: "Besonders extrem aber, und im übrigen heilsam für uns verwöhnte Westler, stellt sich der Vergleich mit den einstigen Diktaturen Ost-und Mitteleuropas dar. Die ehemals kommunistischen Länder ... bieten ein paradoxes Pflaster, auf dem ökonomisches Elend und der Enthusiasmus der Kritik nebeneinander, wenn nicht miteinander existieren".

Weitere Artikel: Hans-Christian Müller staunt über den Erfolg von "Schlag den Raab" - das Konzept der Show ist inzwischen in vierzehn Länder verkauft. Marcia Pally findet in ihrer Amerika-Kolumne, dass der amerikanische Optimismus keineswegs ausgestorben ist. In einem Times Mager zum Weltfrauentag erklärt Sylvia Staude, dass der Neandertaler ausstarb, weil die Neandertalerinnen emanzipiert waren. Gemeldet wird, dass Günter Grass jetzt tatsächlich gegen eine Formulierung in der Neuauflage von Michael Jürgs' Grass-Biografie klagt, dieser habe sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet.

Besprochen werden Anja Gronaus Strindberg-Variation "Nach D. - Erlebnis Religion", das Projekt "space of communication" im Frankfurter Portikus und in einem Essay von Norbert Hummelt zum 150. Todestag des Autors auch Hartwig Schultz' Joseph-von-Eichendorff-Biografie (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

nachtkritik, 24.11.2007

Petra Kohse antwortet auf die Forderung des Autors Rolf Schneider, das Theater möge vom Regietheater zur Werktreue zurückkehren: "Es liegt ein gewisses Kindkaisertum in der Vorstellung, ein womöglich vielhundertköpfiger, staatsgeförderter Apparat sei allein dazu da, den Ideen einzelner Schreiber zur Wirksamkeit zu verhelfen und zwar so, wie diese es im Innersten gemeint haben, ganz ohne eigene Kommentare und diskursive Anreicherungen."

FAZ, 24.11.2007

Martin Mosebach ist nicht biedermeierlich, sondern modern, verteidigt Lorenz Jäger den Schriftsteller noch einmal im Leitkommentar auf der Seite eins. Modern auf eine eigene, nicht in den "grobgestrickten Generationen- und Ideologiediskurs" passende Art. "Wollte man Mosebach unbedingt zum Sprecher eines Kollektivs machen, dann wäre er der Wortführer jener in den sechziger Jahren Herangewachsenen, für die alle Reformrhetorik nicht mehr den erhofften Neubeginn bedeuteten konnte, sondern nur noch das aktuellste Gesicht des Herrschenden und Geltenden. 'Moderne' wurde in einer betonierten Version überliefert - ausgeschlossen war es, sich mit ihr zu identifizieren."

Weitere Artikel: Gina Thomas berichtet von einem Rassismusstreit in England: Der marxistische Kulturkritiker Terry Eagleton (hier) und der irische Schriftsteller Ronan Bennett (hier) haben Martin Amis Rassismus vorgeworfen. Amis hat versucht, sich ehrlich mit diesem Vorwurf auseinanderzusetzen (mehr hier), Thomas bezweifelt jedoch, dass diese Ehrlichkeit taktisch klug war. Eine Meldung informiert uns, dass die aus Bangladesch vertriebene Schriftstellerin Taslima Nasrin von einem muslimischen Mob auch aus Kalkutta vertrieben wurde (mehr hier). Paul Ingendaay berichtet von einem Schulbuchstreit in Spanien - einige Autonomen Gemeinschaften lassen in den Schulbüchern lieber ihre eigene Geschichte beschreiben als die Spaniens. In der Leitglosse bewundert si. den "kosmischen Optimismus" des Dalai Lama. Dieter Bartetzko rühmt die Kunsthalle Weishaupt, die Wolfram Wöhr in Ulm gebaut hat. Teresa Grenzmann berichtet von einer deprimierenden Tagung über die Literaturkritik in Europa.

Auf der Medienseite lobt Jakob Augstein im Interview den scheidenden Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, bekundet aber auch Verständnis für die Entscheidung der Mitarbeiter KG, Austs Vertrag nicht zu verlängern: "Stefan Aust ist jetzt schon sehr lange Chefredakteur".

Für Bilder und Zeiten besucht Werner Spies David Lynchs Atelier in Paris, wo der Filmregisseur seiner neuen Leidenschaft für Litografien nachgeht. Alice Schwarzer verbeugt sich vor Simone de Beauvoir. Andreas Platthaus stellt den Comic-Zeichner Jens Harder vor. Judith Hermann und Fritzi Haberlandt sprechen im Interview über die Verfilmung des Hermann-Erzählbandes "Nichts als Gespenster".

Besprochen werden die Cranach-Ausstellung im Frankfurter Städel, ein Konzert der Fiery Furnaces in Berlin und Bücher, darunter eine deutsche Ausgabe der "Neuen Lieder" von Antonio Machado (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schalllplatten- und Phono-Seite geht's um Kevin Ayers CD "The Unfairground" ("das Hängematten-Gegenstück zu Dylans 'Time out of Mind'", schreibt Eric Pfeil), CDs von Fog und Murcof, eine Aufnahme der Dialogkantaten von Bach und Arien mit Teresa Stich-Randall.

In der Frankfurter Anthologie stellt Peter von Matt Joseph von Eichendorffs "Herbstklage" vor:

"Herbstklage

Herbstnebel ziehn über den Weiher,
Das ist recht des Todes Bild!
Und tagelang sinnet der Reiher
Am Ufer dort einsam wild.
..."

SZ, 24.11.2007

Mit der Verfilmung von Marjane Satrapis Comic "Persepolis" ist gerade ein autobiografischer Comic in aller Munde. Christoph Haas zeigt in einem historischem Abriss, dass es sich dabei um alles andere als einen Einzelfall handelt: "Die autobiografischen Comics lassen sich als Aufstand gegen die Übermacht der bunt kostümierten Helden begreifen, die in den USA seit Jahrzehnten den Markt dominieren... Im Vergleich zu dieser mitunter sehr sterilen Aufgeregtheit kultivieren die Zeichner, die von sich selber erzählen, einen dezidierten Minimalismus. Auch für die Größenfantasien, die zum unverzichtbaren Kern des Superheldenmythos zählen, ist bei ihnen kein Platz. An deren Stelle tritt die systematische Selbsterniedrigung des Autors oder seines Alter Ego."

Weitere Artikel: Auf einer Berliner Tagung zur Frage nach Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften hat Jens Bisky gelernt, dass es diese gibt - und dass sie sich von denen der Naturwissenschaften gar nicht so gravierend unterscheiden. Die neue Ulmer Kunsthalle Weishaupt (ein Eindruck) stellt Christian Marquart vor. Sehr geistreich unterstützen Hollywood-Stars, darauf weist Bernd Graff hin, in einer Internet-Serie mit dem Titel "Speechless" die im Ausstand befindlichen Drehbuchautoren. Jonathan Fischer berichtet über die "Rückkehr rassistischer Klischees in den Pop". Bei einer Versammlung europäischer Literaturkritikerinnen und -kritiker in München war Florian Welle zugegen: Viel Neues hat er nicht erfahren. Oliver Rathkolb informiert über den Nazi-nahen, in München gerade gespielten Komponisten Cesar Bresgen.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum grafischen Werk von Parmigianino in München, eine Ausstellung zu Varian Fry in der Berliner Akademie der Künste, eine Performance von Anselm Kiefer und Bill T. Jones im Pariser Louvre, Juliet Taymors Filmmusical "Across the Universe", Auftritte des Venice Baroque Orchestra und Magdalena Kozenas und Bücher, darunter das "Dictionnaire du monde germanique" .

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erzählt Michael Jürgs aus seinem Leben als Taugenichts. Patrick Baton porträtiert das japanische Architektenduo Sanaa. Auf der Historienseite geht es um den niederländischen Schlachtensieger Michiel de Ruvier. Im Interview spricht die Schauspielerin Natalie Portman über Kindheit.