Heute in den Feuilletons

"großartig polymorph-perverses Filmdebüt"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.11.2007. In der Welt fordert Bernard-Henri Levy die Europäische Union auf, der europäischen Bürgerin Ayaan Hirsi Ali Personenschutz zu geben. In Spiegel Online bewundert Henryk Broder den Realismus von Gazprom-Manager Gerhard Schröder. In Dagens Nyheter feiert Aris Fioretos den Perlentaucher. Die SZ verabschiedet das Hardcover in der britischen Belletristik. Die FR findet: Das islamische Kopftuch könnte reizvoll sein, sofern der Rest der Dame nackt ist. Und laut FAZ gleicht die russische Gesellschaft unter Putin einer Herde. Die Zeit übernimmt eine Antwort von Paolo Flores D'Arcais auf Jürgen Habermas' Verteidigung der Religion.

Welt, 22.11.2007

Im Interview mit Nathan Gardals analysiert Bernard-Henri Levy die Lage in Pakistan, unterstützt Bernard Kouchners Iran-Politik - und er fordert die Franzosen auf, Ayaan Hirsi Ali, die von den Niederlanden keinen Personenschutz mehr bekommt, den Status einer Ehrenbürgerin zu geben: "Frankreich ist die Geburtsstätte der Aufklärung, und wir sollten dieses Erbe verteidigen. Ayaan Hirsi Ali verkörpert die universelle Freiheit der Vernunft und riskiert ihr Leben dafür. Wir sollten das Prinzip des Rechts auf Schutz über die Grenzen hinaus auf sie übertragen. Ich hoffe, dass Sarkozy einwilligt, sie zur Ehrenbürgerin Frankreichs zu machen. Darüber hinaus bitten wir die Europäische Union als Ganzes, für Hirsi Alis Schutz aufzukommen, jederzeit und wohin sie auch geht. Schließlich ist sie eine Bürgerin Europas!"

Im Feuilleton wirft Hannes Stein einen Blick auf die schließlich auch existierende religiöse Linke in den USA und stellt mit Kathleen Kennedy Townsend eine ihre Wortführerinnen vor. Manuel Brug beobachtete den Triumphzug der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle in New York, wo Kinder in Problemkiezen zum "Sacre" tanzten. Stefan Keim unterhält sich mit Matthias von Hartz und Tom Stromberg über ihre Neuerfindung des NRW-Theaterfestivals "Impulse". Matthias Heine berichtet, dass Peter-Jürgen Boock ein Stück über Stammheim schreibt. Besprochen werden Filme, darunter der Beatles-Film "Across the Universe", der Politthriller "Machtlos" und Marjana Satrapis "Persepolis"-Verfilmung, und schließlich Vorstellungen des europäisch-arabischen Theaterfestivals "Meeting Points".

NZZ, 22.11.2007

Marc Zitzmann stellt die Musiklandschaft in der "ville rose" in Toulouse vor, dessen Capitole zugleich Oper und Rathaus beherbergt. Andrea Eschbach erfreut sich im New Yorker Noguchi Museum an der Aktualität der Stühle des Designer-Duos Isamu Noguchi und Isamu Kenmochi aus den 50er und 60er Jahren.

Besprochen werden die historisch-kritische Ausgabe der Briefe Eduard Mörikes, Georges Didi-Hubermans Reflexionen über Fotografien von Auschwitz "Bilder trotz allem" sowie die Adorno-Vorlesungen des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Stephen Greenblatt über "Shakespeare: Freiheit, Schönheit und die Grenzen des Hasses" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite lobt Claudia Schwartz Maria Schraders Regiedebüt "Liebesleben", weil sie Zeruya Shalevs Roman weder zur Liebesschnulze noch zum Erotikstreifen geraten lässt. Rainer Stadler bedauert, dass Hans Weingartners Medienkritik "Free Rainer" mit Moritz Bleibtreu der Biss zur Befreiung "aus der TV-verschuldeten Unmündigkeit" fehlt.

FR, 22.11.2007

Kräftig schlucken musste Elke Buhr bei einer Ausstellung der israelischen Künstlerin Sigalit Landau in den KunstWerken Berlin. Es geht um Fleisch, Essen, Tod und Verwesung. Nach der poetischen Eingangsinstallation "öffnet sich Landaus 'Dining Hall' in eine Art Vorhölle, bevölkert von menschlichen Gestalten mit abgezogener Haut, die sich wie im Todeskampf umeinander krallen, deren Köpfe brutal in Essensschüsseln einbetoniert wurden, die selbst mit Messern und Schneidbrennern großen modernistischen Skulpturen oder, noch bizarrer, einem gigantischen Döner-Spieß zu Leibe rücken. Aus Pappmache sind Landaus Untote gemacht, Zeitungen sind ihr Ausgangsmaterial; unter ihrem blutig roten Anstrich kann man hier und da noch die Reste der vergangenen Kriegs- und Krisennachrichten lesen."

Fleisch sieht auch Arno Widmann in der Cranach-Ausstellung im Frankfurter Städel, zum Beispiel "die lebensgroße 'Venus mit dem Honig stehlenden Amorknaben' aus der römischen Galleria Borghese. Die junge Frau hat ihr Haar strengsten islamistischen Vorschriften entsprechend nicht nur unter einem riesigen Hut versteckt, sondern auch noch in einem kostbaren Goldtuch allen Blicken entzogen. Desto mehr knallt das nackte Fleisch der Dame, die so gar nichts Göttliches an sich hat, dem Betrachter entgegen.".

Weitere Artikel: Das Times Mager widmet Christian Thomas dem ins Zwielicht geratenen Arp-Verein. Eine Meldung informiert uns, dass Christoph Schlingensief sich für die Leitung von Bayreuth interessiert - vielleicht zusammen mit Matthew Barney oder Paul McCarthy oder Doug Aitken. Auf der Medienseite stellt Christoph Albrecht-Heider den Film "Das Schweigen der Quandts" vor, der heute abend um 21 Uhr vom NDR gezeigt wird. Maybritt Illner bleibt Tilmann P. Gangloff im Interview nichts schuldig.

Besprochen werden Marjane Satrapis Verfilmung ihres Comics "Persepolis", Cristian Mungius Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", Julie Taymors Film "Across the Universe" und Bücher, nämlich Misha Asters Untersuchung "Das Reichsorchester und zwei Bücher über den "emotional turn" in der Psychologie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 22.11.2007

Mark Terkessidis überlegt in einem längeren Text, was der Kulturbetrieb für Integration und Diversity tun kann. Petra Hallmayer berichtet atemlos von der Begegnung brasilianischer und Münchner Polizisten in der "SOKO Sao Paulo" beim Münchner Spielart Festival

Besprochen werden Cristian Mungius "völlig zu Recht mit der Goldenen Palme ausgezeichneter" Film "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", ein Hives-Konzert in Berlin, Joao Pedro Rodrigues' "großartig polymorph-perverses" Filmdebüt von 2000 "O Fantasma" auf DVD und Vanessa Jopps Weihnachtskomödie "Meine schöne Bescherung".

Schließlich Tom.

Spiegel Online, 22.11.2007

Während Angela Merkel laut Gazprom-Manager Gerhard Schröder eine arg emotionale Außenpolitik macht, geht Schröder selbst nach rein sachlichen Kriterien vor, analysiert Henryk Broder in Spiegel Online. Und diese Kriterien heißen: "Was ist gut und was ist schlecht für das heutige Russland, das 'in keinster Weise mit der damaligen Sowjetunion gleichgesetzt werden kann'. Was zwar auch eine Binse, aber dennoch richtig ist. Denn die Sowjetunion war bei ihren PR-Anstrengungen noch auf Satrapen wie die DKP angewiesen, das Russland von heute schickt einen ehemaligen deutschen Kanzler in die internationale Arena."

Weitere Medien, 22.11.2007

Der Autor und Kulturattache an der schwedischen Botschaft in Berlin Aris Fioretos feierte am Samstag in Dagens Nyheter den Perlentaucher. Der Artikel stand nicht online, wir entdecken ihn mit leichter Verspätung. Auch auf den Prozess von FAZ und SZ gegen Perlentaucher geht er ein und kommentiert: "Perlentaucher widmet sich einer der ältesten Kulturtechniken in der Geschichte der Menschheit: dem Lesen. Geld verdient man nicht mit Abschreiben, sondern mit schlagfertigen Konzentraten der Ansichten anderer. Letztendlich garantieren Breite und Nuancierung das Überleben dieser Geschäftsidee. Wenn man die regelmäßige Beobachtung von Zeitschriften mit einbezieht, tauchen die Mitarbeiter nunmehr in rund ein Dutzend Sprachen von Arabisch bis Ungarisch ein."

SZ, 22.11.2007

Ein "seismisches Beben" meldet Ijoma Mangold von den britischen Inseln: Mit der Ankündigung des Verlags Picador, künftig 80 Prozent seiner Belletristik zugleich als Taschenbuch herauszugeben, scheinen die Tage des Hardcovers gezählt, das in Großbritannien nie einen guten Stand hatte: "Der Hardcover-Markt ist in Großbritannien in den vergangenen Jahren fast völlig zusammengebrochen. Ein Hardcover, von dem ein Verlag zwischen 3000 und 4000 Exemplaren verkauft, gilt bereits als sehr erfolgreicher Titel. Eine Auflage von 3000 macht aber Verluste. Das heißt, der durchschnittlich erfolgreiche Hardcover-Titel ist für die englischen Verlage ein Zuschuss-Geschäft. Zur Veranschaulichung: Jonathan Franzens Welterfolg 'The Corrections' stand auch in England lange Zeit oben auf der Bestseller-Liste. In absoluten Zahlen aber wurden nicht mehr als 20.000 Exemplare verkauft. In Deutschland hat der Rowohlt Verlag allein die gebundene Ausgabe der 'Korrekturen' 240.000 Mal verkauft."

Burkhard Müller hat sich nach Genua begeben, das mit verschiedenen Ausstellungen den zweihundersten Geburtstag ihres Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi begeht, und er muss feststellen: "Man mag sich sträuben. Aber es lässt sich hier lernen, dass so etwas wie persönliche historische Größe doch vorkommt - wenigstens in diesem einen Fall, dem Garibaldis. Nichts haftet an ihm, was sein Bild verzerren könnte, nicht die geringste Spur von Machtlust, Habgier, Berechnung, Zynismus."

Weitere Artikel: Till Briegleb blickt auf die Situation der Hamburger Museen, denen die Stadt in diesem Sommer 13,6 Millionen Euro zuschießen mussten, so hoch verschuldet waren sie. Julius Müller-Meiningen meldet, dass in Rom wahrscheinlich die Grotte entdeckt wurde, in der Romulus und Remus verehrt wurden. Fritz Göttler schreibt zur Roberto-Rossellini-Retrospektive im Münchner Filmmuseum. Marc Hairapetian widmet sich Oskar Werners berühmter Liste von 300 abgelehnten Filmrollen.

Besprochen werden Cristian Mungius Cannes-Siegerfilm "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" ("Dicht, spannend, beklemmend" findet Susan Vahabzadeh ihn: "Die scheußliche Fratze des Ceausescu-Regimes lauert in diesen Bildern"), Van Halens Welttournee, Luc Bondys Inszenierung von Marivaux' "La Seconde Surprise de l'amour" in Paris und Bücher, darunter Hans Magnus Enzensbergers "Im Irrgarten der Intelligenz", Kiran Nagarkars Roman "Sieben mal sechs ist dreiundvierzig" und Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung "Die Befreiung" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 22.11.2007

Aus dem Russland vor der Dumawahl am 2. Dezember schickt Kerstin Holm einen Stimmungsbericht: "Wie zur Sowjetzeit gehört es beinahe zum guten Ton, im Privatgespräch das System zu beschimpfen. Die Kleinhändlerinnen an der Metrostation reagieren auf 'diesen Putin' beinahe allergisch. Geschäftsleute klagen, verlässliche Rechtsspielregeln gebe es praktisch nicht. Die Arroganz der Funktionäre, die für ihre Nobelkarrossen Hauptstraßen absperren lassen, erbittert das Heer der Armen. Die organisierte Öffentlichkeit jedoch, von Fernsehnachrichten bis zu Putin-Jubelkundgebungen, gehört den Administratoren. Unabhängiger Institutionen beraubt, gleicht die russische Gesellschaft einer Herde."

Weitere Artikel: Gina Thomas war dabei, als das Buch des Historikers Sönke Neitzel über die von den Briten abgehörten Gespräche von Wehrmachtsoffizieren in Trent Park, also am Ort ihrer Gefangenschaft, vorgestellt wurde. In der Glosse lobt Edo Reents den britischen No Music Day, den er mit Arthur Schopenhauer für auch hierzulande nachahmenswert hält. Über die archäologische Entdeckung der Romulus-Höhle unterm Palatin-Hügel informiert Dieter Bartetzko. Er stellt außerdem den Siegerentwurf für den Neubau des Innenministeriums vor. Die Querelen um den "dubiosen" Remagener Arp-Verein kommentiert Andreas Rossmann. Gunilla Eschenbach schreibt zu einem unbekannten Gedicht von Mascha Kaleko. Peter Kemper berichtet vom letztmalig stattfindenden Karlsruher "Wintermusik"-Festival. In letzter Minute wurde gestern, informiert uns Andreas Platthaus, die vom Baumpilz befallene Anne-Frank-Kastanie im Hinterhof ihres einstigen Amsterdamer Verstecks vor der Säge gerettet - ihr langfristiges Überleben ist freilich nicht gesichert. In China kann man jetzt, wie Teresa Grenzmann weiß, Goethes Werther als Hörbuch genießen. Einen kurzen Nachruf auf den erst vor kurzem wieder aufgetauchten Musiker Jim Ford hat Edo Reents verfasst.

Auf der Kino-Seite schreibt Leonie Wild über die Filmemacherin Ulrike Ottinger und die ihr in Berlin gewidmete Ausstellung mit Retrospektive. Der Schriftsteller Albert Ostermaier denkt über Bernardo Bertoluccis Moravia-Verfilmung "Der Konformist" nach. Ein Nachruf auf den Roger-Corman-Mitarbeiter Charles B. Griffith stammt von Michael Althen.

Besprochen werden Marjane Satrapis und Vincent Paronnauds Film "Persepolis", eine Münchner Ausstellung mit Videoarbeiten von Willie Doherty und Bücher, darunter Sarah Kirschs Tagebücher der Jaher 2003/4 mit dem Titel "Regenkatze" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 22.11.2007

In einem aus seiner Zeitschrift MicroMega nachgedruckten Essay kritisiert der Philosoph Paolo Flores D'Arcais den Versuch Jürgen Habermas', Glauben und Aufklärung zu versöhnen und in der Religion gar eine Sinn-Ressource für die Demokratie zu sehen. "In den Händen von Dietrich Bonhoeffer ist die Religion zweiffellos ein Schrein, der für die Freiheiten zur Verfügung steht. In der Regel aber ist die Religion eine sichere und permanente Versuchung zum konfessionellen Machtmissbrauch gegen die Demokratie. Für diese bedrohliche Hilfe gibt es keinen Bedarf... Anstatt das entscheidende Problem der gegenwärtigen Demokratien anzugehen, nämlich ihr Gerechtigkeitsdefizit, ruft Habermas die Religionen zu Hilfe, gleichsam als Zuschlag für die Seele, das Gefühl und die Solidarität. Dadurch weicht er dem entscheidenden Problem aus: dem Kampf für die Demokratie in der Demokratie. Dem Kampf gegen die Macht des Privilegs und des Konformismus."

Im Gespräch mit Susanne Mayer erzählt die Autorin Marjane Satrapi, deren Comicverfilmung "Persepolis" heute anläuft, wie sie zum Zeichnen kam: "Ich bin vor Jahren nach Paris gekommen und landete in einer Wohngemeinschaft mit Cartoonisten. Ich guckte zu und dachte: Was für Besessene. Nichts für mich."

Weitere Artikel: Italiens Lieblingskomiker Beppe Grillo erklärt sich die Ausschreitung der Fußballfans im Interview mit Susanna Isonni so: "Im Parlament sitzen 24 vorbestrafte Parlamentarier. Und wenn Du einen Strafzettel nicht bezahlst, dann beschlagnahmen sie deine Wohnung. Diese Ungerechtigkeit löst die Gewalt aus." Evelyn Finger empört sich über Tricks und Finten, mit denen Dresden den Brückenbau durchgesetzt hat. Thomas E. Schmidt wägt die 400 Millionen, die der Bund künftig mehr für die Kultur zahlen will. Mehr als vor Schmidts und Pochers Nazometer graut es Jens Jessen vor der Heuchelei, "die darin besteht, dass die Empörung über nazihafte Entgleisungen im Allgemeinen nicht nur spontan aufflammt, sondern auch gesucht, eigens inszeniert und schaudernd genossen wird".

Besprochen werden Cristian Mungius laut Iris Radisch "unvergesslicher" Film "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage", ein "Rosenkavalier" von Simone Young an der Hamburger Staatsoper ("Glamour aus der Mottenkiste", schimpft Claus Spahn, der sich geradezu in München wähnte) und Luc Bondys Marivaux-Inszenierung in Paris.

Im Aufmacher des Literaturteils feiert Hubert Winkels mit Peter Kurzecks frei erzähltem Roman auf CD "Ein Sommer, der bleibt" die "Geburt einer neuen Gattung". Kinder- und Jugendbüchern ist eine eigene Beilage gewidmet. Im Politikteil begegnet der Autor Navid Kermani dem indischen Hindu-Nationalismus in Gujarat.