Heute in den Feuilletons

Saint Just. Mosebach. Himmler.

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2007. Die Welt verteidigt Martin Mosebach gegen seine Verächter und zertrümmert mit eichenbüfetthafter Wucht die ganze Moderne gleich mit. In der taz beharrt Christian Semler auf seinem Anti-Mosebach-Standpunkt: Der Terror der Revolution hatte Vorbedingungen. In der FAZ verbreitet Jonathan Littell seine tiefschwarze Weltsicht: Früher hatten wir noch Ideologien, jetzt haben wir gar nix mehr. Die SZ stellt Grundsatzfragen zum Zustand von Pop und Jazz. Die NZZ feiert den rumänischen Schriftsteller Mircea Cartarescu.

TAZ, 03.11.2007

Unter der Überschrift "Saint-Just. Mosebach. Himmler" setzt sich Christian Semler gegen Vorwürfe der FAZ zur Wehr, sein "Revisionismus"-Vorwurf gegen Martin Mosebach offenbare Gedankengut eines alten Maoisten: "Meinem Kommentar ging es darum, die Unterschiede zwischen dem revolutionären Terror von 1793/94 und dem Massenmord der Nazis herauszuarbeiten. Dazu gehört es, die Vorbedingungen für die Herrschaft des Wohlfahrtsausschusses zu verstehen. Die FAZ hingegen verzichtet gänzlich darauf, sich mit solchen Nebensächlichkeiten abzugeben. Stattdessen konzentriert sie sich auf den Nachweis, ich hätte durch den Gebrauch des Begriffs Revisionismus nahtlos an meine Vergangenheit als Maoist angeknüpft... Was die FAZ zur Verwendung des Begriffs Geschichtsrevisionismus mitzuteilen hat, ist von keinerlei Kenntnis zeitgenössischer historischer Auseinandersetzungen getrübt." Zur Erläuterung der Hintergründe um Saint Just und Wohlfahrtsausschuss steuert der Historiker David Schönpflug einen Artikel bei (steht online unter Semlers Artikel!).

Weitere Artikel: Helmut Höge hat das Sinti- und Roma-Museum im böhmischen Brünn besucht. Dirk Teschner stellt die spanische Künstlerin Dora Garcia vor, die sich für ihre Fotografien aus Stasiakten bedient. In der jüngsten Folge seiner Spreebogen-Betrachtungen war Dirk Knipphals jetzt erstmals in der Reichtsagskuppel. Auf der Meinungsseite skizziert Christian Semler die Lage rund um das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen".

Das Dossier des taz mag widmet sich heute dem Thema Alter und Altern. So schreibt Judith Luig über ein Schweizer Wohnheim für alternde Suchtkranke. Michael Rutschky denkt über das Altern nach und das Schweigen der Männer darüber. Ingke Brodersen und Renee Zucker erstatten Bericht über eigene Erfahrungen. Und im Interview fordert die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer eine Geschlechtergleichberechtigung beim Altern: "Man fragt ja auch bei einem achtzigjährigen Mann nicht, ob sein Körper alt ist oder nicht. Er kann ein eleganter Herr sein, ein großer Geist oder ein vertrottelter Opa. Der Körper wird durch den Geist gemacht und auf dieses Niveau müssten auch die Frauen kommen."

Besprochen werden unter anderem Konstantin Richters Debütroman "Bettermann", Walter Mosleys Kriminalroman "Little Scarlett" und ein von Marcel Machill und Markus Beiler herausgegebenes Buch über "Die Macht der Suchmaschinen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 03.11.2007

In der Literarischen Welt stellt sich Booker-Preisträgerin Anne Enright die Frage, "warum man" - und ganz besonders sie selbst - "die McCanns nicht mag". "Im August kam die plötzliche Überzeugung, dass die McCanns 'es getan' hatten, wie ein befremdliches Halleluja über unseren eigenen Familienurlaub. Natürlich hatten sie. Für mich machte das viel mehr Sinn, als ihre Kinder im Schlaf allein zu lassen. Mir wird bewusst, dass ich größere Angst davor habe, dass ich meine Kinder umbringe, als davor, dass ich sie durch eine wahllose Entführung verliere. Ich habe ein ungesundes Vertrauen zu Fremden."

Weiteres: Besprochen werden unter anderem Don DeLillos Roman "Falling Man" und Alexander Solschenizyns Buch "Meine amerikanischen Jahre". Im Editorial breitet Elmar Krekeler seine Schmerzen über Politikers Umgang mit der deutschen Sprache aus.

Im Forum jubiliert Tilman Krause noch einmal über Martin Mosebach und dessen Dankesrede für den Büchnerpreis. Endlich mal einer, der die Alt-68-er so richtig auf die Palme bringt. Mosebach sei "Teil einer großen Bewegung in allen Künsten, die endlich, endlich selbstbewusst hinwegrollt über das unfrohe, beleidigte, sauertöpfische, musterschülerhafte Hochhalten der Plakate 'Revolution' und 'Dekonstruktion', 'Aufbrechen' und 'Niederreißen', das über lange Zeit hinweg hierzulande so gut ankam. Jedoch, die Leute sind's jetzt leid. Sie sind es leid, sich von autistischen Architekten ihre Städte verschandeln zu lassen (...) Die Leute sind es auch leid, in der Malerei und in den anderen darstellenden Künsten das konzeptuelle Getue von handwerklichen Stümpern bestaunen zu sollen, deren Grips allenfalls für die zeitgeistgemäße Selbstdarstellung reicht. Darum: Her mit der figürlichen Malerei! ..." (Und wenn wir schon dabei sind: Schluss mit dem Sex vor der Ehe! Nieder mit der Homosexualität! Und der Zahnarzt soll vorm Bohren nicht mehr betäuben.)

Im Feuilleton erinnert Matthias Heine an den vor 50 Jahren gestorbenen Sexualtheoretiker Wilhelm Reich. Die amerikanischen Drehbuchautoren werden vermutlich ab Montag streiken, meldet hgr. Manuel Brug kann das Filmporträt über Christian Thielemann, das der Bayerische Rundfunk Sonntag mittag zeigt, nicht empfehlen. In der Glosse spießt Uwe Wittstock das Gerücht auf, die EU wolle den Begriff "Apfelwein" verbieten.

NZZ, 03.11.2007

Kersten Knipp unternimmt eine Stippvisite in die Kulturszene Budapests, spricht mit Intellektuellen, und findet ein Land, das noch stark von den Verlusten der Vergangenheit geprägt ist. Hoffnung ist trotzdem: "Irgendwo im Niemandsland zwischen den Fronten behauptet sich die junge Kulturszene, eine Szene, die derzeit noch wenig Terrain besetzt, aber mit Ausdauer die Fahne schwingt, auf dass all jene zu ihr finden, die die groben Argumente in feine zerkleinern wollen, die dem Populismus der Politik entkommen und zu ungezwungeneren Formen des Daseins finden wollen."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann kommt nochmal auf die Scheidung Nicolas Sarkozys und die französische Diskussion hierüber zurück. Joachim Güntner annonciert eine Sitzung des Rats der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth am Dienstag, wo es aber noch nicht um die Nachfolgefrage geht. "m.v." kommentiert die Doppelbewerbung Katharina Wagners und Christian Thielemanns um diese Nachfolge recht kritisch. Besprochen werden "Dead Man Walking" als Bühnenstück am Theater Basel und eine Ausstellung von Zeichnungen Alexei Jawlenskys in Lugano.

Für Literatur und Kunst besucht der Berliner Autor Jörg Plath seinen Bukarester Kollegen Mircea Cartarescu in jenem Plattenbau, der auch Ausgangspunkt seines großen Romans "Die Wissenden" ist: "Cartarescu hält die sozialistische Hauptstadt, in der sich seine Eltern kennenlernten und er aufgewachsen ist, im Augenblick ihres Untergangs fest. Sein magischer Realismus verleiht einem Plattenbau, dieser Schwelgerei im rechten Winkel, ein ovales Fenster und den sozialistischen Jahren einen metaphysischen Überbau. Bukarest wird zur mystischen Stadt." Andreas Breitenstein bespricht diesen Roman als ein "Meisterwerk des literarischen Manierismus". Und Richard Wagner erinnert an den kulturellen Reichtum Bukarests zwischen den Kriegen mit Figuren wie Mihail Sebastian, Mircea Eliade und Cioran.

Außerdem legt der Kunsthistoriker Franz Zelger anlässlich der großen Ausstellung in Paris einen Essay über Gustave Courbet vor. Birgit Sonna besucht den vom Sammler Christian Boros für seine Sammlung als Ausstellungshaus umgebauten Bunker in der Berliner Albrechtsraße. Und Sabine B. Vogel schreibt über die Obsession der neuesten Kunst für den Totenschädel. Besprochen werden auch einige Bücher, darunter Gedichte des Norwegers Georg Johannesen.
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FR, 03.11.2007

Volkmar Sigusch erinnert anlässlich seines fünfzigsten Todestags an den Sexualtheoretiker Wilhelm Reich, dessen abstruse Thesen sich trotz der Begeisterung mancher 68er nicht so recht durchsetzen wollten: "Gesellschaft und Kultur wurden Reich zur Un-Natur. Das Prägenitale, Verliebtheit, Perversion und Liebe fielen aus seinem vermessenen Normalitätsrahmen. Kein Geheimnis sollte sein. Die genitale Heterosexualität und insbesondere der Orgasmus waren ihm Naturgesetze, Homosexualität bekämpfte er. Kein Sexualtheoretiker war von einem glühbirnenhaften Hetero-Sexuellen je so besessen wie er. Die vegetative Energie sei die sexuelle und diese sei die Lebensenergie."

Weitere Artikel: Marcia Pally glaubt, dass einzig der Frauenfußball Amerika zum Multilateralismus erziehen kann. In einem Times Mager ruft Ina Hartwig den Büchnerpreisträger Martin Mosebach dazu auf, lieber den Apfelwein vor der EU zu retten, statt Saint Just mit Himmler zu vergleichen. Auf der Medienseite kommentiert Daland Segler die Maddie-Satire der titanic, die in Großbritannien bei den Eltern und bei Boulevardmedien für Empörung sorgt.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers erster Komödieninszenierungsversuch "Room Service", an dem Petra Kohse wenig Gutes findet, Peter Kastenmüllers Frankfurter Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" und ein Buch, nämlich Zoe Jennys Roman "Das Porträt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 03.11.2007

Es kommt gerade einiges zusammen: Die Verleihung der MTV Europe Music Awards, das Jazzfest Berlin, die Musikmesse Womex in Sevilla. Für das Feuilleton der SZ Anlass, in einem großen Schwerpunkt Grundsatzfragen zum Zustand von Pop und Jazz zu stellen. Diese nämlich: "Transportiert MTV immer noch den Status quo des Pop? Warum spielt der Videoclip immer noch eine so große Rolle für die Musik? Warum hat der Jazz eine so beständige Qualität? Warum ist der rechtsradikale Untergrund so erfolgreich? Wer hat den Rock eigentlich verraten? Und was hört der Rest der Welt für Popmusik?"

Die Schwerpunktartikel im einzelnen: Der Schriftsteller Haruki Murakami erinnert sich an seine Zeiten als Jazzclubbesitzer: "Kurz nach dem Verlassen der Universität eröffnete ich in Tokio einen kleinen Jazzclub. Tagsüber schenkten wir Kaffee und abends Drinks aus. Auch ein paar einfache Gerichte konnte man bei uns bestellen. Wir spielten ständig Schallplatten, und an Wochenenden traten junge Jazzmusiker live bei uns auf. Dabei blieb ich sieben Jahre lang. Warum? Aus einem einfachen Grund: So konnte ich von morgens bis abends Jazz hören."

Jens-Christian Rabe denkt über "Hedonisierung" und MTV nach. Jürgen Meier berichtet von einem Skinhead-Musikfestival in Flandern. Sonja Zekri informiert über die fundamentalistische Instrumentalisierung von Pop-Musik. Paul-Phillip Hanske gibt einen Überblick über die Gegenwart der Weltmusik. Besprochen wird das am Freitag veröffentlichte erste Studioalbum der Eagles seit 28 Jahren. Und online kommentiert Christian Kortmann die Verleihung der MTV Europe Music Awards in München - eine insgesamt "läppische" Veranstaltung, wie er findet.

Auf der Literaturseite widmet sich Jens Malte Fischer der historisch-kritischen Ausgabe von Thomas Manns "Doktor Faustus". Im Restfeuilleton finden sich ein Nachruf von Jürgen Kocka auf den Historiker Gerald D. Feldman und eine Besprechung von Monique Wagemakers' Inszenierung von Donizettis "Lucia di Lammermoor" in Amsterdam.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende denkt Hilmar Klute über den aktuellen Stand des deutschen Humors (mit Schwerpunkt Kabarett) nach - und findet dabei das wenigste zum Lachen. Ronald Reng hält nichts von der These, dass der Fußball längst seine nationalen Eigenheiten verloren habe. Alex Bohn schreibt zum Comeback der 70er Jahre in der Mode. Auf der Historien-Seite geht es um Karl den Kühnen von Burgund. Im Interview erklärt die Sängerin und Schauspielerin Vanessa Paradis, warum es in den letzten Jahren ziemlich still um sie geworden ist: "Ich habe einfach mit dem Nichtstun angefangen."

FAZ, 03.11.2007

Aus El Pais (hier das Original) übernimmt die FAZ ein Interview, das Jesus Ruiz Mantilla mit dem Autor des Skandalromans "Les bienveillantes", Jonathan Littell, führte. Der Roman versetzt sich in einen SS-Mörder und löste in Frankreich letztes Jahr erbitterte Debatten aus. Im Interview verbreitet Littell eine eigentümlich finstere Weltsicht: "Wenn Gott verschwindet, stehen wir vor einem Dilemma. Die Werte müssen sich auf etwas beziehen, sie müssen irgendwo herkommen. In einer Welt ohne Gott ist es schwierig, ein ethisches und moralisches System einzurichten. Die Ideologien haben versucht, ein Ersatz zu sein, aber auch sie scheiterten, und jetzt haben wir gar nichts mehr. Und weder iPod noch Handel und Werbung schaffen ein Wertesystem. Die Werte, denen wir mit unserem übertriebenen Konsumverhalten folgen, bedeuten gar nichts."

Weitere Artikel: Jürgen Dollase besucht für seine Gastrokolumne das Restaurant "Alain Chapel", wo die Rezepte Chapels nach dessen frühen Tod fromm, aber Dollase nicht überzeugend nachgekocht werden. Milos Vec verfolgte ein Symposion im Bundeskriminalamt über die Kontinuitäten des Amtes seit der Nazizeit und Folgerungen, die hieraus für die Gegenwart zu ziehen sind. Gina Thomas gratuliert dem irischen Publizisten Conor Cruise O'Brien zum Neunzigsten. Chrristian Geyer gratuliert dem Erziehungswissenschaftler und Publizisten Micha Brumlik zum Sechzigsten.

Besprochen weren eine Gursky-Austellung in Basel, Sören Voimas Stück "Volpone" in Köln und ein Konzert Carla Bleys in Essen.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's unter anderem um eine Neueinspielung des "Don Giovanni" unter Rene Jacobs, um eine Aufnahme von Gerard Griseys "Vortex temporum" und um eine CD des französischen Popduos Aaron. Für die Medienseite berichtet Anja-Rosa Thöming vom Bremer Fernsehforum für Musik, wo über Musik im Fernsehen diskutiert wurde und entsprechende Filme und Dokus gezeigt wurden. Und Verena Luken empfiehlt einen Film über Marlon Brando, der morgen auf Premiere läuft. Für die letzte Seite des Feuilletons suchte Kerstin Holm einige verwitternde sozialistisch-realistische Statuen in Russland auf.

Für Bilder und Zeiten machte sich Sandra Kegel auf ins abgelegene Dörfchen Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze, das Schauplatz eines Massakers an Juden kurz vor Kriegsende war: "Rechnitz, das ist das Ende der Welt. Eingeklemmt zwischen dem Geschriebenstein, dem dunklen höchsten Berg des Burgenlands, und der österreichisch-ungarischen Staatsgrenze, die man hier nur die 'tote Grenze' nennt, kommt niemand durch Zufall an diesen Ort. Man kann sich nicht einmal nach Rechnitz verirren, so weit liegt es von allem weg; es ist der Ort aus Kafkas 'Schloss'."

Außerdem, porträtiert Henrike Thomsen die Sammlerin und Briefpartnerin Gottfried Benns Ursula Ziebarth. Jürg Altwegg besucht Michel Tournier in seinem Landhaus bei Paris. Und Marco Schmidt unterhält sich mit den Hollywood-Komödienschreibern Bobby und Peter Farrelly. Besprochen werden Don DeLillos neuer Roman "Falling Man" und Rudolph Delsons Roman "Die Notwendigkeit des Zufalls in Fragen der Liebe".

In der Frankfurter Anthologie liest Dirk von Petersdorff ein Gedicht von Brentano - "10. Jänner 1834:

Wo schlägt ein Herz das bleibend fühlt?
Wo ruht ein Grund nicht stäts durchwühlt,
Wo strahlt ein See nicht stäts durchspült,
Ein Mutterschoß, der nie erkühlt,
Ein Spiegel nicht für jedes Bild..."