Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2004. Die SZ fragt: Müssen wir uns diesen Film über Hitlers Untergang jetzt ansehen? Im Tagesspiegel erzählt Bruno Ganz seinen Hitler. Die FAZ stellt den italienischen Bestseller der Saison vor: einen Krimi, in dem Dante der Kommissar ist. Die NZZ staunt über eine Einsicht der deutschen Band Mouse on Mars: "Die Hüfte kriegt man nie ohne den Kopf".

FR, 09.09.2004

Daniel Kothenschule berichtet vom Filmfest aus Venedig, wo "unvorhersehbar verteilt auf die verschiedenen Sektionen des qualitativ unberechenbaren Programms - urplötzlich genug lobenswerte Filme zusammengekommen sind, um die Kollegen reihum zu verblüffen", zum Beispiel Jonathan Glazers Film 'Birth' (mit einer großartigen Nicole Kidman), der von einem ignoranten Publikum allerdings ausgebuht wurde. Helmut Müller-Sievers versorgt uns mit Neuigkeiten aus dem US-Präsidentschaftswahrkampf - Schwerpunkt heute: wechselseitige Verschwörungstheorien. Peter Michalzik schließlich liefert eine etwas lustlose Glosse zur Berufung von Frank Hoffmann zum Leiter der Ruhrfestspiele Recklinghausen als Nachfolger des geschassten Frank Castorf. 

Besprochen werden die genreübergreifende Kunstschau "Reserve der Form" im Künstlerhaus Wien und Bücher, darunter Xavier Tilliettes Schelling Biografie (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 09.09.2004

"Zunächst denke ich: Oh, eine neue 'Hitler'-Welle. Dann: Ein Glück, die Mütze ist so weit ins Gesicht gezogen, man erkennt mich nicht. Schließlich denke ich: Toll, ich bin auf dem Spiegel-Titel", erzählt der Hitler-Darsteller Bruno Ganz auf den Kulturseiten Christiane Peitz. Über seine Vorbereitung auf die Rolle sagt er: "Meine ganze nähere Umgebung äußerte Bedenken, mit einleuchtenden Argumenten. Mein Sohn meinte, es sei nicht gut, sich so lange mit einem kranken Gehirn zu beschäftigen. Ich dachte, dass kann ich bewerkstelligen, ich bin ja Schauspieler. Er befürchtete aber auch, dass ich für den Rest meines Berufslebens der 'Hitler-Darsteller' sein würde. Das nehme ich nach wie vor ernst. Als ich den Film jedoch das erste Mal sah, war ich stolz."
Stichwörter: Bruno Ganz, Sohn

TAZ, 09.09.2004

"Eine steigende Anzahl von Wessis betrachtet mit Kopfschütteln eine steigende Anzahl von Ossis beim Fäusteschütteln", lesen wir in der tazzwei von Stefan Kuzmany. "21 Prozent der Bundesbürger hätten die Mauer gerne zurück, von den Westdeutschen ist es jeder vierte, von den Ostdeutschen jeder achte. Dies ergab eine repräsentative Erhebung der Zeitschrift Stern." Auch der gemeinsame Feiertag, der 3. Oktober, wird unbeliebter, weshalb Kuzmany bei der Suche nach einem neuen Supertag hilft.

Weiteres: Cristina Nord staunt, wieviele Untote in diesem Jahr das Filmfest in Venedig heimsuchen. Björn Gottstein war auf der 25. Ars Electronica in Linz, und in der tazzwei schreibt Susanne Messmer recht ausführlich über die schroffen, wirklichkeitsnahen Filme chinesischer Underground-Regisseure, die nach internationalem Ruhm jetzt um Annerkennung im eigenen Land kämpfen.

Besprochen werden Annette K. Olesens superrealistisches "Schlechtfühlkino", der Dogma-Film "In deinen Händen", M. Night Shyamalans Film "The Village", Alessandro D'Alatris Komödie  "Casomai - Trauen wir uns?!"

Und immer noch Tom.
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Berliner Zeitung, 09.09.2004

"Wer sind wir, dass wir die Bilder aus Beslan brauchen, um an die Versehrbarkeit unserer Kinder erinnert werden zu müssen", fragt Georg Klein. "Wir sind die, die es zu terrorisieren lohnt, weil wir die Angst um das nackte Leben der Kleinen für eine überkommene Sache, für ein abgespieltes Stück unseres historischen Welt- und Staatstheaters halten."
Stichwörter: Beslan, Georg Klein

SZ, 09.09.2004

"Müssen wir uns das ansehen?" fragt Gustav Seibt angesichts des Hitler-Films "Der Untergang", der jetzt in die Kinos kommt. "Der Mörder wird gestellt und gibt sich die Kugel. Einige Kumpanen folgen ihm, andere suchen das Weite. Der letzte Schauplatz des Verbrechens, das Zentrum einer Stadt, geht in Flammen auf und zerbirst unter Granaten. Im Qualm und Lärm des Untergangs bleibt die entscheidende Frage ungestellt und unbeantwortet: Warum eine so unangenehme Person wie Hitler so viel Liebe, Gefolgschaft und bis zuletzt furchtsamen Gehorsam auf sich ziehen konnte.. ... Wir werden im Farbfilm Brüllen, Kreischen und Gerummse hören, Uniformen und Flammen sehen, versteinerte Mienen und verzerrte Gesichter. Mancher mag den Kitzel, sich einem Massenmörder ganz nahe zu fühlen, erproben wollen, andere mag Schadenfreude leiten, dass das Schwein auch einmal leiden muss. Man erkennt bei einem solchen Vorgang den Vorteil der Sprache vor der leiblichen Darstellung, der Geschichtsschreibung vor der Geschichtsinszenierung. Man kann erkennen und seine Humanität bewahren..."

Willi Winkler hat sich durch das nachsommerliche Fernsehprogramm und diverse öffentlich-rechtliche Talkshows gezappt und stellt nun auf der Medienseite fest: Nichts muss einem jetzt mehr peinlich sein! "Bei Sandra Maischberger, Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann findet deshalb aus gesellschaftstherapeutischen Gründen eine Art offener Vollzug statt, werden Menschen zusammengetrieben, die, sei's als Trinker, Crash-Fahrer, betrogene Springreiter oder nur als Schauspieler, die den größten anzunehmenden Führer darstellen, sozialauffällig und damit talkshowkompatibel geworden sind."

Weiteres: Andrian Kreye konfrontiert uns mit einem neuen Ausbruch amerikanischer Vaterlandsliebe: den patriotischen Songs berühmter Country-Stars wie Toby Keith, die jetzt die Charts erobern. Sonja Zekri präsentiert trotz leichter Berunruhigung in ungewöhnlicher Kürze Reaktionen von russischen Intellektuellen und Analytikern auf Putins neuen Kurs nach Beslan. Jens Bisky teilt mit, dass der Abriss des Palastes der Republik wegen eines Ausschreibungsfehlers verschoben wird. Susan Vahabzadeh berichtet von der Biennale in Venedig, wo ihren Informationen zufolge langsam Ruhe einkehrt, die Hollywoodstars fast alle abgereist sind und sie sich Filmen von Nathan Glazer und Claude Chabrol zuwenden kann. Außerdem hat Vahabzadeh M. Night Shyamalan zu seinem neuen Thriller "The Village" befragt.

Alexander Kissler schreibt über die Konferenz einer Dachorganisation von sechsundfünfzig muslimischen Staaten, wo sehr kontrovers über das Klonen gestritten wurde. Patrick Barton hat Kurt Forster, den Chef der Architektur-Biennale Venedig, befragt, die am Sonntag eröffnet wird. Dirk Peitz erregt sich über die bizarren Züge, die in England die Debatte um schwulenfeindliche Texte in Reggae-Liedern angenommen hat. Christoph Bartmann berichtet aus Kopenhagen, wo die sonst so friedliche Kierkegaard-Forschung plötzlich aufgeschreckt die Frage diskutiert: Wie fromm war der Dandy Sören wirklich? Henning Klüver teilt uns endlich mit, wer Liliana Balducci (mehr hier) ermordet hat.

Besprochen werden Alessandro D'Alatris Film "Casomai - Trauen wir uns?!" Nick Cassavetes Film "The Notebook" (Gena Rowlands spielt "bestürzend schön, unter der Regie ihres Sohnes", wie Fritz Göttler findet), die Ausstellung "Die Götter Griechenlands" mit Werken von Peter Cornelius im Münchner Haus der Kunst, und Bücher, darunter Christian Schünemanns eleganter Krimi "Der Frisör" und eine Edition mit William des Brailes meisterhaften Bibelbildern (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 09.09.2004

Auf den Kulturseiten trauert der russische Schriftsteller Anatolij Pristavkin um die Opfer des Geiseldramas von Beslan und erinnert sich an seine eigene Erzählung "Über Nacht eine goldene Wolke", in der er ein ähnlich grausames Ereignis beschreibt: "Ich erinnere mich gut, wie ein Student, der Tschetschene Islam Elsanov, der bei mir an der Hochschule für Literatur studierte, aus Grosny einen Brief schrieb. Er schrieb, dass ihm die Erzählung gefallen habe - bis auf die Szene mit dem Tod der Kinder. Bei den Tschetschenen, so schrieb er, sind Kinder unantastbar, wie auch deren Leben. So heißen die Kinder auch im Volksmund: 'Goldene Engel'. Und natürlich, behauptet der Islam, könnten die Tschetschenen nicht die Hand gegen Kinder erheben, wie ich geschrieben habe."
Stichwörter: Beslan, Islam

NZZ, 09.09.2004

"Radical Connector" heißt das neue Album von Mouse on Mars, der "dekonstruktivistischsten Band deutscher Elektronik", wie Olaf Karnik sie vorstellt. Karnik staunt über die so gar nicht dekonstruktiven Pop-Melodien und Funk-Grooves und lässt sich von Band-Mitglied Jan Werner die "Funk-Theorie" dazu erläutern: "Im Grunde fängt es immer im Kopf an. Und ich glaube, für viele Bands bleibt es da. Das ist die Ebene, wo man versucht, wie etwas zu sein, wie eine andere Band, wie ein bestimmter Stil, man hat eine Geste zu vermitteln. Es dreht sich alles im Schädel, zu viele Stimmen im Kopf, dann schluckt man es runter und hat es im Bauch. Da ist es warm, man genießt die eigene Musik, Gefühligkeit stellt sich ein, und es wird fast zu bequem. Wenn man es dann noch weiter runterkriegt, hat man es in der Hüfte. Dann kann man es richtig schieben, dann fängt es auch an zu tanzen. Aber es muss alle Körperphasen durchlaufen, die Hüfte kriegt man nie ohne den Kopf."

Weitere Artikel: Der Literaturwissenschaftler Ludger Lütkehaus räsoniert über den Trend zur "neuen Rücksichtslosigkeit" in der Wegwerfgesellschaft; besonders stören ihn Raucher und Kaugummikauer, die ihre verbrauchten Genussmittel überall hinwerfen. Cord Aschenbrenner sammelte Impressionen aus der estnischen Stadt Narva, die fast nur von Russen bewohnt wird.

Besprochen werden das neue Album der Libertines und Bücher, darunter der Roman "Jesus von Texas" von DBC Pierre und ein Sammelband mit jemenitischen Erzählern (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Stichwörter: Ludger Lütkehaus, Mars, Texas, Cord

FAZ, 09.09.2004

Dirk Schümer kommt nach einigen Erörterungen über den italienischen Dante-Kult im allgemeinen auch auf den Anlass seines Artikels zu sprechen, Giulio Leonis erfolgreichen Krimi "I delitti del mosaico", wo Dante als Kommissar auftritt: "Der Dichter, alles andere als ein Sympathieträger, hadert ständig mit seinen Mitbürgern, wird gerne gegen Untergebene handgreiflich und fällt, meist systematisch angetrunken, beinahe seinem hitzigen Temperament und seiner nur mühsam unterdrückten Sinnlichkeit in den Billigbordellen der Peripherie zum Opfer. Das passt besser als mancher philologischer Weihegesang zum Verfasser loser Liedchen und zum mitleidlosen Höllenwart der 'Commedia', den nicht erst Arno Schmidt als Sadisten verabscheute."

Joesph Hanimann begleitet den ehemaligen Louvre Direktor Pierre Rosenberg, der für eine Ausstellung über französische Malerei aus deutschen Beständen durch die Museen reist und staunend vor der Kraft der deutschen Provinz steht: "Dank der Leidenschaft der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin für den Porträtisten, Landschafts- und Tiermaler Jean-Baptiste Oudry hat Schwerin heute das in den Augen Rosenbergs schönste Werkpanorama dieses Malers überhaupt. Die Kunstsammlungen von Kassel oder Braunschweig hält der Franzose für herausragend, ganz im Geiste der Geschichte gewachsen, nur leider weltweit noch immer verkannt. Und auf die Frage, wohin er einen Liebhaber der französischen Malerei schicken würde, nennt er nicht München, Dresden oder Berlin, sondern, ohne zu zögern, Karlsruhe."

Weitere Artikel: Der Kunstsammler Heinz Berggruen wandelt durch Straßen des ehemals vornehmen Berliner Westens und zeigt sich erstaunt darüber, wie massenhaft und dabei ostentativ die dortigen Läden Pleite machen. Jürg Altwegg berichtet in der Leitglosse über einen wahrscheinlich entscheidenden Eingriff in die amerikanischen Wahlen: Französische Intellektuelle haben sich nämlich in einer Petition der Zeitschrift Marianne gegen eine Wiederwahl Bushs gewandt. Gemeldet wird, dass Hans Magnus Enzensberger in der gestrigen Bild für eine Rückkehr zur ehemaligen Rechtschreibung eintrat. Andreas Rossmann fürchtet, dass ein in Hagen geplantes Museum für den Maler Emil Schumacher aus Finanzmangel nicht zustande kommt. Joseph Croitoru stellt einen israelischen Verein vor, der es sich zur Aufgabe macht, an das Leben der Palästinenser vor 1948 zu erinnern. Edo Reents gratuliert dem Pink Floyd-Veteranen Roger Waters zum Sechzigsten. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Opernbassisten Kieth Engen. Zhou Derong zitiert kriminalistische Gutachten, die es möglich erscheinen lassen, dass das glimpflich ausgegangene Attentat auf den taiwanesischen Präsidenten Chen Shui-bian vor einem halben Jahr fingiert war, um die Wahlen zu beeinflussen.

Auf der Filmseite lässt Dirk Schümer in seiner Kolumne vom Filmfestival in Venedig Filme von Chabrol, Kira Muratova und anderen Revue passieren. Thomas Rothschild resümiert das Filmfestival von Montreal.

Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass die Nachrichtenagentur ddp Pleite gegangen ist. Auf der letzten Seite erinnert Vittorio Hösle an die koreanische Rechtschreibreform aus dem 15. Jahrhundert, die Tausende chinesischer Schriftzeichen durch ein Alphabet von 28 Buchstaben ersetzte. Und Jürgen Kaube würdigt den Sozialepidemiologen Michael Marmot, der in diesem Jahr einen der hochdotierten Schweizer Balzan-Preise erhält.

Besprechungen gelten Annette K. Olesens Dogma-Film "In deinen Händen" ("Es liegt ein kaltes, nordisches Licht über dieser Geschichte, ein Licht wie von Ingmar Bergman, zu dem am Ende alle wirklich gelungenen 'Dogma'-Filme zurückführen", schreibt Anndreas Kilb) und einer Wiener Ausstellung über "Magische Orte" der Stadt (mehr hier).

SZ, 10.09.2004

Einen Paradigmenwechsel im Hiphop konstatiert Tobias Kniebe, nachdem er Videos zu den zwei neuen CDs von Nelly gesehen hat: Hier zeige sich eine "symbolische Abkehr vom fröhlichen Swingertum, die den HipHop gleich insgesamt erfasst zu haben scheint. Das klassische Zuhälter-Modell 'Pimp', das bisher alle Selbststilisierung bestimmte, weicht immer mehr dem neuen, verantwortungsbewussten Modell 'Pate'. Und zwar, ganz recht, nach dem Vorbild Marlon Brando, der bei Coppola ja auch ein Familienmensch war. Der Pate nun kann nicht einfach eine beliebige Schnepfe an seiner Seite haben, er braucht eine echte Queen, mit eigenem Kopf und eigenem Selbstbewusstsein. P. Diddy hat es mit Jennifer Lopez vergeblich versucht, Jay-Z, der frühere Superpimp, ist mit Beyonce Knowles schon erfolgreicher. Jay-Z, von den lästigen Pflichten des Musikmachens entbunden, und Knowles repräsentieren inzwischen wie ein Königspaar - eindrucksvoll zu sehen bei den MTV Awards, wo er mit weißem Anzug und Hut erschien."

Da dachte man, das Sommerloch ist endlich vorbei, da kramen sie diese alte Klamotte noch mal hervor: Es gibt einen neuen Aufruf, eine Quote für den deutschen Pop im Radio einzurichten. Die SZ druckt ein Pro von Antje Vollmer: Nur eine Quote "garantiert dem Publikum die Wahlfreiheit, sich überhaupt informieren zu können, was es gibt", und ein Contra von Johannes Grotzky, dem Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks: "... deutsche Liedtexte, die ich erhielt, habe ich im Rundfunkrat verlesen. Man kam zum Schluss: So was darf nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet werden. Die Texte waren politisch angreifbar oder gingen weit unter die Gürtellinie." Johannes Willms stellt die Quotenregelung in Frankreich vor, und Karl Bruckmaier zählt zehn Gründe gegen eine Quote auf.

Weitere Artikel: Marcus Jauer war dabei, als Andrej Nekrassow seinen Film "Nedowerije" in der Berliner Akademie der Künste vorstellte: Nekrassow geht dem Verdacht nach, den Anschlag auf ein russisches Wohnhaus am 9. September 1999 habe der russische Geheimdienst verübt, um einen Vorwand für den Einmarsch in Tschetschenien zu haben. Andrian Kreye hat eine Pressekonferenz von Daniel Libeskind besucht und wundert sich über den Gleichmut, mit dem der Architekt den Kompromiss über die Neubebauung von Ground Zero trägt. Susan Vahabzadeh schreibt aus Venedig über Filme von Wim Wenders, Gianni Amelio, Marziyeh Meshkini und Gregory Jacobs. Thomas Becker probiert mit der Xbox-Spielekonsole den Fifa Worldcup 2005. Robin Detje stellt das Jahrbuch 2004 von Theater heute vor. Thomas Steinfeld warnt die Germanisten vor einer Flucht in Identitätsparolen. Burkhard Müller erklärt uns, warum Geiselnehmer den Staat so wirkungsvoll vorführen können. Jürgen Berger stellt einen etwas ideenlos wirkenden Frank Hartmann als neuen Intendanten der Ruhrfestspiele vor.

Besprochen werden Lukas Hemblebs Inszenierung des Nathan am Wiener Burgtheater ("Seine Inszenierung ... ist von einer solchen Ehrfurcht getragen, dass sie in edler und gewissenhafter Pflichtübung erstarrt", schreibt Christine Dössel), eine Ausstellung von Werken aus dem Folkwang-Museum in der Münchner Hypo-Kunsthalle und Bücher, darunter Bodo Kirchhoffs Roman "Wo das Meer beginnt" sowie Bücher von und über Schelling (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 10.09.2004

Der tunesische Regisseur Nouri Bouzid spricht im Interview über "Puppen aus Ton", so heißt sein Film über die in seinem Land allgegenwärtigen Hausmädchen, die so genannten Bonnes: "Als ich jung war, war die Hausangestellte diejenige, mit der wir unsere ersten sexuellen Erfahrungen machten, denn wir waren im gleichen Alter. Als meine Frau eine Hausangestellte wollte, sagte ich: Hör zu, wenn du eine Bonne nimmst, lege ich mich nachts zu ihr. Wir Tunesier haben alle diese Fantasien, sie hat mit unserem Erwachsenwerden zu tun. Die Gegenwart der Haushälterin als Körper, der uns zur Verfügung steht - das ist das Paradies für ein Kind."

Weitere Artikel: Guido Kirsten war dabei, als Andrei Nekrasow seinen Film "Disbelief" über den Anschlag von 1999 auf ein Moskauer Wohnhaus. Auf der Meinungsseite unterhält sich Philipp Gessler mit dem Geschäftsführer des American Jewish Committee (AJC) David A. Harris über selbstbewusstes Lobbying.

Besprochen werden Harald Peters DDR-Komödie "Kleinruppin Forever". Christina Nord mag Wim Wenders "Land of Plenty" nicht, in dem sie trotz Anstrengung die "Schönheit und Modernität nicht entdecken" kann, so dass es "in keinem Augenblick etwas anderes als ein Pflichttermin ist". Tobias Rapp widmet sich drei neuen Soulalben: Paul Wellers "Studio 150", Roy Ayers' "Mahogany Vibe", bei dem die Rhythmen "den nötigen Platz zur fluffigen Entfaltung" haben und zuletzt Jill Scotts "Beautifully Human", das "gerade eine der schönsten Platten des Nouveau Soul" ist.

Und nicht vergessen: TOM

FAZ, 10.09.2004

Die Schriftstellerin A.L. Kennedy erzählt, wie sie, die Calvinistin, sich einmal beinahe amüsiert hätte, beim Baden auf Sylt, in jenem "exklusiven Gebiet", wo die einzige Bademode aus "unerschwinglichen Sonnenbrillen und, besonders verstörend, Designerhaut" besteht: "Hier lagen Nackte, die, wie wir sehen konnten, ohne mit der Wimper zu zucken, das Bruttosozialprodukt von Ecuador für Botox mit Trüffelduft ausgeben würden - wenn sie überhaupt noch mit einer Wimper zucken konnten. Sie waren nicht nur nackt, sie waren enthüllt. Ehefrauen räkelten sich kunstvoll und stellten ihren Schambewuchs zur Schau. Ehemänner standen besitzerstolz daneben: die Hüfte mit einer Entschlossenheit nach vorn gereckt, als erwarteten sie jeden Moment, ein Silbertablett unter ihre prachtvollen Genitalien gestellt zu bekommen. Gebräunte Schenkel zeigten die Farbe eingeölten Teaks, Ellbogen knarrten leise wie feinstes Ziegenleder, und jeder einzelne reiche, nackte Körper war von einer Aura der Selbstgewissheit und Zufriedenheit umgeben, die sämtliche Füllungen meiner Backenzähne vibrieren ließ."

Michael Althen berichtet aus Venedig recht skeptisch über Wim Wenders neuen Film "Land of Plenty", offensichtlich eine Art Parabel über den Krieg gegen den Terror: "Wo sich früher bei Wenders die großen Themen wie beiläufig aus der Erzählung herausgeschält haben, da geht er seit einiger Zeit den umgekehrten Weg: Er versucht seine Anliegen in Erzählung zu verwandeln." 

Weiteres: Gerhard Stadelmaier hat an der Wiener Burg die "erste Untat der neuen Saison" erlebt: Klaus Maria Brandauer als Nathan: "Er macht sich in einem schamlosen schmieranten Akt selber zum Götzen. Startheater als Gotteslästerung, feist, fett und selbstgefällig." Heinrich Wefing berichtet, wie schwer sich das Goethe-Institut dabei tut, zu sparen und gleichzeitig Mittel nach Osteuropa zu lenken, wo immerhin zwei Drittel jener Menschen leben, die Deutsch lernen wollen. Ganze acht Jahre sind für die nun angedachte Kontinentalverschiebung (von zehn Prozent der Gelder) eingeplant. In der Leitglosse belehrt Christian Geyer Wolfgang Schäuble, dass man es mit der Menschenwürde nicht übertreiben kann. Jordan Mejias prophezeit revolutionäre Veränderung in künftigen Wahlkämpfen durch das Internet und Wählerinitiativen wie MoveOn: "Nur zu sagen, das Fernsehen werde demnächst vom Internet abgelöst, gäbe jedoch eine allzu vage und verengte Vorstellung von den Umwälzungen, die zumindest denkbar sind." Hannes Hintermeier porträtiert Lothar Menne, der für Bild und Weltbild nun die "Bild-Bestseller-Bibliothek" herausgeben soll. Im update erzählt Andreas Kilb von Andrei Nekrassows Film "Disbelief" über das Attentat von 1999 auf einen Moskauer Wohnblock.

Die Medienseite meldet, dass Le Monde weitere hundert Mitarbeiter entlässt.

Besprochen werden der Frankfurter Saison-Auftakt an der Alten Oper mit der Jungen Deutschen Philharmonie und Bücher, darunter Barbara Honigmanns "Ein Kapitel aus meinem Leben" und Lutz Rathenows Prosastücke "Fortsetzung folgt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 10.09.2004

Im Interview spricht der Regisseur Errol Morris über seinen Dokumentarfilm "The Fog of War", der ein langes Interview mit dem ehemaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara und experimentell aufbereiteten Bildern des Vietnamkriegs mischt. Morris schildert die Achtung, die er seinem Gesprächspartner entgegenbrachte: "Das heißt nicht, dass ich all seine Taten guthieß oder fand, er habe den Lauf der Geschichte positiv beeinflusst. Im Gegenteil. Aber irgendwie war ich gerührt von der Tatsache, dass dieser alte Mann jahrzehntelang den Versuch unternommen hatte, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Nicht dass es ihm leicht gefallen wäre. Sein Zeugnis sprach von inneren Kämpfen, von der enormen Schwierigkeit, die Vergangenheit und seine Rolle darin zu akzeptieren." Zum Gespräch mit Morris gehört eine Kritik von Christoph Egger.

Außerdem auf der Filmseite eine kurze Besprechung des Anwaltsfilms "Laws of Attraction" von Peter Howitt.

Im Feuilleton beschreibt Joachim Güntner die vom Feuer versehrte Anna-Amalia-Bibliothek: "Die Dielen des Fußbodens wölben sich, denn das Füllmaterial darunter, Sägespäne, ist aufgequollen. Die zweite Galerie existiert nicht mehr, die zu ihr führende Treppe endet nach der siebten Stufe im Nichts." Schlimmster Verlust sind - wie Güntner von Direktor Knoche erfahren hat - die verbrannten Noten zu Goethes Singspiel "Das Jahrmarktsfest zu Plundersheim".

Weitere Artikel: Paul Jandl meldet, dass die Stadt Wien ihre Ehrengräber prüft. Besprochen werden eine Werkschau des Architekten Renzo Piano in Genua, die Inszenierung von "Nathan der Weise" im Wiener Burgtheater ("Ein Graus", so Barbara Villiger-Heilig), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Valery Gergiev beim Lucerne Festival (gegeben wurde unter anderem Tschaikowskys Sechste, "aber schon in der Mitte des Satzes hatte der Dirigent die Kontrolle, hauptsächlich die über sich selber, verloren", so ein entsetzter Peter Hagmann) sowie die Aufführung der Oper "Hanjo" von Toshio Hosokawa in Brüssel.

Auf der Medienseite setzt sich der Anwalt Peter Studer mit der kniffligen Frage auseinander, wer letztlich den Wortlaut von Interviews bestimmen darf und kommt dabei auch auf die in Deutschland übliche Prozedur des "Autorisierens" von Interviews zu sprechen. Und "ras." bezweifelt die Lauterkeit all jener Medien in Deutschland ("von edelgrauen bis kunterbunten Produkten"), die sich gegen das Caroline-Urteil wenden. Ferner finden wir eine Meldung, wonach Silvio Berlusconi die RAI zum Teil privatisieren will, und eine weitere Meldung über einen geplanten englischsprachigen Dienst des arabischen Satellitensenders al-Jazira.

FR, 10.09.2004

Ursula März denkt über Bilder leidender Kinder nach, betrachtet einen Band mit Fotos von Pulitzer-Preisträgern, um dann bei den Bildern von Beslan eine Unerträglichkeit festzustellen, "die auf dem Eindruck der Strategie des Effekts beruht. Es ist der Eindruck angestrebten ikonografischen Terrors. Er zielt auf die Dokumentation der Aktion. Er zielt auf die Überbietung existierender Bilder und Bildsujets, wobei die Kinder die Rolle von Bildstatisten einnehmen. Und er zielt indirekt auch darauf, der Welt die reflektierende Beschäftigung mit dieser sadistischen Strategie zu erschweren - weil es eine berechtigte Scheu, ja eine Art Tabu gibt, sich mit den formalen Aspekten ein paar Tage alter Bilder zu beschäftigen, die erschossene, verwundete, blutüberströmte, traumatisierte Kinder zeigen."

Daniel Kothenschulte unterhält sich mit M. Night Shyamalan, dem Regisseur von "The Village", der auch ein paar Worte über Michael Moore verliert: "Michael Moore erinnert mich ein bisschen an den Typ, der im Wilden Westen die Wundermittel verkaufte: Ich habe die Kur gegen Ihre Glatze! Ich lasse Ihre Haare wieder wachsen! Er hat viel davon in seiner Stimme, was mich sehr gut unterhält. Dabei ist er zugleich ein kluger Mann, der über wichtige Sachen redet. "

Weitere Artikel: Peter Michalzik kommentiert die Wahl des "Theaters des Jahres" durch das Magazin Theater heute, die in diesem Jahr auf das "Hebbel-Theater am Ufer" (HAU) gefallen ist. Harry Nutt liest das September-Doppelheft des Merkur, das sich provokant mit dem Thema des Ressentiments auseinandersetzt. Theresa Valtin schickt Notizen vom Festival in Edinburgh. Anatolij Koroljow erzählt eine Episode aus dem Leben Dmitrij Schostakowitschs, dem einst im Traum ein alter Mann erschien um Voraussagen zu machen und der daraufhin eine Oper nach Tschechows ähnlich gelagerter Novelle "Der schwarze Mönch" schreiben wollte. Und in Times mager nutzt Hans-Jürgen Linke den 30. Geburtstag der Jungen Deutschen Philharmonie zu einer Meditation über den Reformbedarf in unserem Konzertbetrieb.

Gemeldet wird, dass Ulla Unseld-Berkewicz die ramponierte Anna-Amalia Bibliothek mit dem Gesamtprogramm der Verlage Suhrkamp, Insel und der Deutschen Klassiker-Bibliothek beschenkt.

Zeit, 09.09.2004

Am 12. September ist Germanistentag in München. Thomas E. Schmidt hegt düstere Gedanken, denn welcher Germanist spricht noch über Literatur? In den "erregten Siebzigern" wurde die Germanistik zu einer trockenen "Übung zum Zwecke der Abbuße historischer Schuld". Kunst? Ästhetische Kriterien? Stand (und steht) für das Konservative. Mit der Folge, dass sich heute die Literaturwissenschaft an die Literaturwissenschaftler richtet, "nicht an ein fiktives Ich in der Gesellschaft, das an seiner Gegenwart interessiert, womöglich von ihr fasziniert ist - und damit auch an der Spannung, in der die Literatur zur Wirklichkeit steht."
Passend dazu stellt uns Jens Jessen ein germanistisches Vorlesungsverzeichnis der FU-Berlin vom Sommersemester 1975 vor: "Eine tiefe Traurigkeit geht von dieser Vorlesungsprosa aus, die an den Dichtern der Vergangenheit nichts als schwere gesellschaftliche Bewusstseinsdefizite feststellen kann."

Christof Siemes hat nach dem Brand in der Anna Amalia Bibliothek den heillos erschütterten Direktor Knoche getroffen: "Ich bin verantwortlich für diese Bibliothek, ich konnte die Sicherheit der Bestände nicht gewährleisten. Ich bin gescheitert." Er hat eigenhändig die Lutherbibel aus den Flammen gerettet! Spenden Sie, und dann schreiben Sie ihm eine aufmunternde Mail: michael.knoche@swkk.de.
Der Schriftsteller Martin Mosebach erinnert sich, wie die Anna-Amalia-Bibliothek war: "Zart wie ein Eichhörnchennest war dieser Bau. Man meinte, es knistern zu hören. Die Bücher mit ihren kostbaren Ledereinbänden und ihrem edlen Papier waren das Stabilste hier. Als Reich des Geistes war die Bibliothek auch ein Geisterreich."

Weitere Artikel: "Die neue Saison wird spirituell sein, oder sie wird gar nicht sein", behauptet Theaterkritiker Peter Kümmel in der Leitglosse. Irene Dische hat sich eine Uniform verpassen lassen und als freiwillige Helferin dem Parteitag der Republikaner beigewohnt: ein Erfahrungsbericht. Der Schauspieler Tim Robbins erzählt im Interview, wie es ist, als Hollywoodschauspieler ein dezidierter Linker zu sein. Martin Warnke freut sich über das Neue Grüne Gewölbe in Dresden. Und Claudia Herstatt stellt uns die Sammlung von Max Steinthal vor, die bis 26. September im Jüdischen Museum Berlin bewundert werden kann.

Besprochen werden Edgar Reitz' Serie "Heimat 3" auf dem Filmfestival von Venedig, M. Night Shyamalans Film "The Village" sowie zwei Ausstellungen von Francis Alys im Kunstmuseum Wolfsburg und im Martin Gropius Bau in Berlin.

Im Aufmacher des Literaturteils plaudern Alexander Kluge und Hans-Magnus Enzensberger über den Naturforscher Alexander von Humboldt: "... er hat doch etwas Einschüchterndes, es ist schwer vorstellbar, dass heute jemand eine solchen Universalkompetenz erreichen könnte. Er war wahrscheinlich der Letzte, der dazu fähig war. Er wurde immer gesünder, je mehr Strapazen er durchmachte", so Enzensberger, in dessen Anderer Bibliothek am 15. September drei der wichtigsten Werke Humboldts erscheinen. Auch eine sehr schönes Internetseite ist dazu entstanden.

Hingewiesen sei noch auf einen Essay von Klaus Harpprecht, der mit Blick auf Frankreich und Deutschland eine Amerikanisierung beider Länder prophezeit: mehr Wechselwähler, die Gewerkschaften verlieren an Einfluss, die großen Parteien müssen sich zu Integrationsparteien entwickeln. Im Dossier erzählt Oliver Schröm die Geschichte der Bochumerin Gülay S., die mit einem der Attentäter vom 11. September verheiratet war. Im Wirtschaftsteil beschreibt Christian Tenbrock die Schwierigkeiten der osteuropäischen Gewerkschaften.