Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.08.2002. In der SZ finden 60 amerikanische Highbrows die deutsche Kritik am "Gerechten Krieg" moralisch blind. In der NZZ bedauert Navid Kermani die Schönheit des Korans. In der taz vermisst Norman Birnbaum eine Kapitalismuskritik der amerikanischen Demokraten. Die FR erzählt, wie man sich im russischen Samara von der Wehrpflicht freikaufen kann. Die FAZ erinnert an den stalinistischen Schauprozess gegen jüdische Schriftsteller.

SZ, 10.08.2002

Die Replik der amerikanischen Intellektuellen auf die deutsche Kritik an ihrem Manifest ("What We're Fighting For") und der Vorstellung von einem "gerechten Krieg" ist eingetroffen. Sie fällt sehr bestimmt aus und wirft den Deutschen unter anderem vor, mit zweierlei Maß zu messen, wenn der Krieg in Afghanistan zwar verurteilt, die Teilnahme der USA am Zweiten Weltkrieg aber gewürdigt wird: "Falls Sie Realisten sind, die moralische Argumente über den Krieg generell verachten", schreiben die sechzig Highbrows, zu denen Leute wie Samuel Huntington und Francis Fukuyama gehören, "sollten Sie dies zugeben, obwohl wir diesbezüglich unsere Zweifel haben, denn Ihr Brief strotzt nur so vor moralisierenden Behauptungen. Außerdem nehmen wir an, dass Sie das Prinzip des Heiligen Krieges ablehnen. Was Ihnen demnach als einzige moralische und intellektuelle Position bleibt, ist die Theorie des 'gerechten Krieges'. Bitte denken Sie daran: Diese Tradition strebt in erster Linie danach, die Anwendung von Waffengewalt zu begrenzen und nicht zu preisen..."

Der amerikanische Cyber-Autor Richard Powers (zuletzt: "Schattenflucht") parallelisiert Medizin und Literatur, indem er auf die prophetischen Implikationen beider verweist: "Wir Menschen erinnern uns in Geschichten, wir nehmen das Künftige in Geschichten vorweg, träumen, interpretieren, lernen und lieben in Geschichten. Als Patienten erkranken und genesen wir, es tritt eine Besserung ein, es ereignet sich ein Rückfall: Dies alles sind narrative Ausflüge in breitere Erzählpanoramen ... Diagnose und Behandlung sind manchmal ein Detektivroman, manchmal ein Familiendrama, manchmal eine altmodisch solide psychologische Charakterskizze. Auf welche objektiven und unfehlbaren Tests auch immer die Heilkunst sich verlässt - insgesamt ist und bleibt sie notwendigerweise ein Akt der Interpretation, mit dem man versucht, eine Reihe weiterer Handlungsmöglichkeiten in jene Geschichte einzupassen, in deren Niederschrift der Patient schon so lange und so tief verstrickt ist."

Im Auftaktartikel zur neuen Serie über die Zukunft in der Altengesellschaft überlegt Gustav Seibt, was die demographische Zeitenwende für die Kultur, die Selbstwahrnehmung und für das Lebensgefühl in der nächsten Generation bedeuten könnte: "Die Vergangenheit wird nicht vergehen, die Zukunft sich nicht einstellen wollen. Werden kritische Fernsehserien die Geschichte aufarbeiten und die Verbrechen der Selbstverwirklichung ums Jahr 2000 anprangern?"

Weiteres: Fritz Göttler wirft einen Blick auf die Filmbestenliste 2002, die - wie sollt es anders sein - "Citizen Kane" anführt, und informiert in einem weiteren Artikel über den Diskussionsstand in Sachen Deutsche Filmakademie, Christian Tröster berichtet von einem slowenischen Käfer namens Hitler, Reinhard J. Brembeck denkt nach über den Boom historischer Aufnahmen in der Klassik-Szene, die Reihe "Museumsinseln" widmet sich der ungeheuer aufregenden Dauerausstellung "100 Jahre Bildungsarbeit in der Polizei" in der Polizeiführungsakademie in Münster-Hiltrup, und die halbe Welt wird 70! Jörg Häntzschel gratuliert dem Architekten und Raumkünstler Peter Eisenman, Helmut Schödel dem Schauspieler Jürgen Holtz und Kristina Maidt-Zinke schließlich dem Bühnenautor Fernando Arrabal.

Besprochen werden Gray Hofmeyrs Kinofilm "Mr. Bones", Thomas Braschs Shakespeare-Übersetzungen in einem dicken Band, der erste Band der Martin-Buber-Werkausgabe sowie ein Buch über "Jüdischen Messianismus und libertäres Denken".

Die SZ am Wochenende schließlich bringt eine Kurzgeschichte von Richard Ford, in der jemand beim Spannen schmählich betrogen wird, Rebecca Casati plauscht mit Nana Mouskouri über Identitätsfindung mittels Brillengestell, und Willi Winkler erinnert an Elvis, den Hungrigen, der vor 25 starb: "Begraben liegt er neben seinem Haus Graceland in Memphis, unter einer Gitarre und einem Blaubeerpfannkuchen."

NZZ, 10.08.2002

Stefan Templ hat die Ausstellung "Juden in Salzburg" im Museum Carolino Augusteum besucht und findet sie unvollständig. Er vermisst so Wesentliches wie eine Reflexion über die Festspiele - der jüdischstämmige Max Reinhardt (mehr hier) hatte sie 1920 begründet und wurde dafür 1932 vertrieben -, die Anfeindungen gegenüber Stefan Zweig (mehr hier und hier) oder die "Arisierungen" von jüdischen Immobilien, Kunstsammlungen oder Betrieben. "Die jüdischen Sommerresidenzen im Salzkammergut rissen sich nach Flucht und Deportation ihrer Besitzer NS-Größen unter den Nagel. Schloss Leopoldskron wurde zum Gästehaus des Dritten Reiches. Auf Schloss Fuschl machte sich Außenminister Ribbentrop breit. Um die Villa Billiter in St. Gilgen bewarb sich unter anderen der Kommandant des Konzentrationslagers Dachau, sie wurde Marga Kerrl, der Witwe eines früheren Reichsministers, zugeschlagen."

Paul Jandl weist auf die Zeitschrift "Zwischenwelt" hin, die die Wiener Theodor Kramer Gesellschaft herausgibt. Dort werden Erfahrungen von und Erinnerungen an Emigranten festgehalten, Menschen, die auswandern mussten aus Wien, und das zu Tausenden. Willkommen waren sie fast nirgendwo, nicht mal in 'Palästina, dem gelobten Land: "Kommen Sie aus Deutschland oder aus Überzeugung, war die Frage, die man den Neuankömmlingen der Einwanderungswelle der späten dreißiger Jahre stellte."

Weiteres: Hubertus Adam gratuliert Peter Eisenman (mehr hier), dem Architekten des Berliner Mahnmals, zum Siebzigsten. Samuel Herzog sah die Louise-Bourgeois-Ausstellung im Bregenzer Kunsthaus. Michael Krüger schreibt eine Miniatur über das Schöne, während wir bei den Büchern unter anderem etwas über den "Geruch des Blutes" von Goffredo Prise und den "Scherbentanz" von Chris Kraus erfahren.

Große, schöne Essays in der Beilage Literatur und Kunst mit arabischem Schwerpunkt: Navid Kermani sieht die Unübersetzbarkeit des Korans als "entscheidendes Handicap" des Islams, worin er mit dem iranischen Gelehrten Muhammad Taqi Schariati übereinstimmt: "Die Auswahl der schönen Worte ist verantwortlich dafür, dass kein einziges Wort des Korans durch ein Synonym oder eine Analogie ausgetauscht werden kann, ohne die Schönheit der Diktion oder das Spezifische seiner Bedeutung zu beschneiden."

Ob die Übertragung des Hauptwerks von Abu l'Ala al-Ma'arri (mehr hier) - einem großen "Dichter und Querdenker" - gelungen ist, muss der Leser entscheiden. Hassouna Mosbahi jedenfalls begrüßt es, dass sein Epos "Paradies und Hölle" tausend Jahre nach der Veröffentlichung nun in deutscher Sprache vorliegt. Hannelore Schlaffer macht sich Gedanken über die Brutalität in den Gedichten von Brecht, und Michael Ostheimer erinnert an die Erinnerungsarbeit von Heiner Müller.

TAZ, 10.08.2002

In den Tagesthemen kritisiert der amerikanische Historiker Norman Birnbaum die ganz und gar nicht oppositionsgemäße Haltung der Demokraten gegenüber der Bush-Regierung. Sei es in Sachen "Corporate America", sei's in der Frage eines Krieges gegen den Irak oder in derjenigen der von den Republikanern zu verantwortenden Bürgerrechtsverletzungen nach dem 11.September - kein Mucks vom demokratischen Flügel, schon gar keine Kapitalismuskritik, die so angebracht wäre und hilfreich für die Wahlen am 5. November. Und uns Europäern rät Birnbaum, uns nur nicht der Illusion hinzugeben, dass das Klima in den USA sich mit Verve gegen George W. Bush wenden wird. "Das ist, sowohl innen- wie auch außenpolitisch gesehen, eine äußerste Übertreibung. Nichts ist entschieden, alles ist offen. Falls die Europäer der Ansicht sind, dass die US-Politik gefährlich ist, dann sollten sie auf den Luxus des Wunschdenkens verzichten."

Außerdem berichtet Christoph Wagner von einem unerwarteten Revival des "Bluegrass", auch Hillbilly-Musik genannt. Auf der documenta besieht sich Tom Holert die das Thema Orgie mit dem Thema des Reisens verbindende Installation "Galanterie und Ehebruch" des Nigerianers Yinka Shonibare, Marcus Hammerschmitt stellt verschiedene Versionen der Lebensgeschichte des Wüstenforschers und Spions Ladislaus E. Almasy vor, von Michael Ondaatjes "Der englische Patient" bis zu Walter Gronds neuem Roman "Almasy" (Leseprobe), der den Heldenmythos bricht, und Manfred Hermes vergleicht einen Gesprächsband und ein Werk-Porträt zu Ingmar Bergman miteinander (mehr dazu in unserer Bücherschau Sonntag um 11).

Schließlich Tom.
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FR, 10.08.2002

Niels Werber hat sich in den Mikroökonomien im russischen Samara an der Wolga mal umgesehen. Mikroökonomisch heißt: "Einerseits kann einem eine Postlerin, ein Polizist, ein Passbeamter oder ein Milizsoldat jederzeit den Tag versauen, andererseits lässt sich auch vieles 'regeln'. Zum Beispiel kann man sich für tausend Dollar von der Wehrpflicht freikaufen, womit man drei Jahre spart, in denen man lieber etwas verdient; man kann Baugenehmigungen kaufen, um endlich die eigene Datscha auf dem Land oder ein Hochhaus in der Altstadt zu bauen; man kann Gutachten kaufen, die bestätigen, dass das Wasser, was aus einer Potemkinschen Kläranlage herausfließt, den Vorschriften entspricht. Dieselbe Bürokratie verwandelt sich aus einer Zeitvernichtungsmaschine in ein Dienstleistungsunternehmen, wenn man nur zahlt."

Elke Buhr begleitet Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin auf Sommer-Wahlfang-Reise. Unterwegs im Münster- und im Saarland entdeckt der Minister auf einmal das Kino und den Pop als kanonisierbares Lehrmittel. Das bringt sie nicht um, meint Buhr, den Pop und auch die Kinder nicht: "Sollen Sie doch die Akkordstruktur von Nirvanas 'Come as you are' im Musikunterricht studieren und dazu Kurt Cobains demnächst erschienen Tagebücher lesen - das hätte immer noch den angemessenen Abstand vom wirklichen Leben der jetzigen Schülergeneration, der lebensnotwendig ist, um Schule ertragen zu können, und ergäbe zudem eine nette Lehreinheit mit Goethes 'Werther'."

In ihrer Kolumne untersucht Renee Zucker den deutschen Mehltau im europäischen Vergleich, auf der documenta erhält Regine Prange einen Maulkorb: Keine Führungen, bitte! Ulf Erdmann Ziegler erläutert seine Bedenken angesichts des soeben erschienenen Foto-Buch-Kanons "The Book of 101 Books - Seminal Photographic Books of the Twentieth Century", Roland H. Wiegenstein durchstreift die aktuellen Ausgaben der Periodika Kursbuch, Transit und Babylon, Staude gratuliert der kanadischen Schriftstellerin Mavis Gallant zum 80. Geburtstag, und Ludger Lütkehaus erinnert an Nikolaus Lenau, der vor zweihundert Jahren geboren wurde.

Besprechungen widmen sich neuen Aufnahmen der Jazzer Tom Harrel ("Live at the Village Vanguard 2001") und Dave Douglas ("The Infinite"), Paul Austers Roman "Das Buch der Illusionen" (mehr hier), zwei Fotobänden, die die ersten und die letzten Fotos der Monroe zeigen, sowie Jacques Derridas "Seelenständen der Psychoanalyse".

Im Gedenken an Elvis schließlich, dessen Todestag sich am 16. zum 25. Mal jährt, erklärt uns Simone Buchholz im Magazin ihre tiefe Verbundenheit mit dem King: "Diese Musik, die sich anhört, wie eine amerikanische Eisenbahn, dieses Stampfen und Jaulen von Elvis' Stimme, die Familienpackungen an Harmonien, und wie der Rhythmus und die Melodien immer nach vorne galoppieren, immer nach vorne, nach vorne, das verschaffte sich direkten Zugang zu allem, was ich schon immer war. Das war ich."

FAZ, 10.08.2002

Günter Barudio, Autor einer Weltgeschichte des Erdöls, hält einen Feldzug der USA gegen den Irak für sinnlos. Saddam Hussein besitze keine besonders gefährlichen Waffen, und auch das Öl sein kein Grund mehr für einen Krieg, behauptet Barudio. Zur Zeit gebe es "nicht zuwenig Öl, sondern ein ständig steigendes Überangebot, das zudem noch auf einen schwachen Dollar trifft und somit wegen der schwindenden Rendite notwendige Investitionen gefährdet". Außerdem lösten langsam solare und geothermische Energie das Öl ab. Barudio glaubt, dass die amerikanische Regierung vor allem wegen der "schweren Vertrauenskrise innerhalb der Wirtschaft" eine "Herausforderung nach außen braucht, um von inneren Problemen abzulenken - wie 1990 auch -, ohne eine Lösung des Nahost-Konflikts anbieten zu können".

Weitere Artikel: Peter Körte berichtet wohlwollend über die geplante neue Deutsche Filmakademie: Schaden könne es gewiss nicht, "wenn die Gremien, und deren Funktionäre, von denen es im deutschen Film mehr gibt als Regisseure, nun leider draußen bleiben müssen". Hannes Hintermeier hat Gerhard Schröder bei einem Wahlkampfauftritt in Wetterau beobachtet. Wilhelm Hennies regt das Bundesverfassungsgericht an, sich in der Frage, ob das Zuwanderungsgesetz ordnungsgemäß zustande gekommen ist, mit der Entscheidung 2 BvE1/51 zu beschäftigen, zu der er einen "Lehrlingsbeitrag" geleistet hatte. Joseph Croitoru wirft einen Blick in osteuropäische Zeitschriften. In Österreich hat die Donau das Waldviertel überflutet: "'Schadenerhebungskommissionen' werden bereits allerorten gebildet", meldet Eva Menasse. Joseph Hanimann gratuliert dem Theaterprovokateur Fernando Arrabal zum Siebzigsten. Und Paul Ingendaay schreibt zum Tod des chilenischen Schriftstellers Francisco Coloane.

Auf der Medienseite kündigt Hans-Dieter Seidel für Sonntag einen "ungewöhnlichen und ganz famosen" Tatort mit Ulrike Folkerts an.

Besprochen werden die Ausstellung "Musik und Dichtung" in der Salzburger Residenz, eine Ausstellung über die Malerei der Manchu-Zeit im Metropolitan Museum of Art, die Ausstellung "Capital of Photography" im New Yorker Jüdischen Museum und Bücher, darunter ein Hörbuch mit dem Koran, Bruno Richards Roman "Desaster" und die Briefe der Lilli Jahn (siehe auch unsere Bücherschau Sonntag ab 11 Uhr). Auf der Schallplatten- und Phonoseite wird eine Live-Aufnahme der Wiener Staatsoper mit Halevys Oper "La Juive" vorgestellt und die neue CD des Ex-"New York Doll" David Johansen.

Was von Bilder und Zeiten übrig blieb: Jan Assmann stellt uns eine der "spektakulärsten" Figuren der Geschichte vor: Die Pharaonin Hatschepsut "bestieg als König - und nicht etwa als Königin - den Pharaonenthron und streifte ihr biologisches Geschlecht ab, um ein neues kulturelles Geschlecht anzunehmen, in dem sie sich bald als Mann, bald als Frau geben konnte." Ihre Erwählung, so Assmann, prägt auch unser Bild von Auserwähltheit. Zur Zeit gibt es in Speyer eine "bedeutende Ausstellung" über die Pharaonin.

Susanne Klingenstein erinnert an die jüdischen Schriftsteller, die vor fünfzig Jahren nach einem sowjetischen Schauprozess hingerichtet wurden. Die Mitschrift der Verhandlung, "die 1994 in russischer und 2001 in englischer Sprache bei der Yale University Press unter dem Titel 'Stalin's Secret Pogrom' erschien, gehört zu den schmerzhaftesten Dokumenten der russisch-jüdischen Geschichte, denn in ihr erscheinen die jüdischen Intellektuellen in ungeschützter menschlicher Nacktheit." Angeklagt waren "die Schriftsteller Markisch, Kwitko, Feffer, Hofstein und Bergelson, der Funktionär Lozowski, der Arzt Boris Schimelowitsch, die Biochemikerin und erste Frau in der sowjetischen Akademie der Wissenschaften Lina Stern, Michoels' Nachfolger am Jüdischen Staatstheater, Benjamin Suskin, sowie sechs weitere kleine Funktionäre." Mit Ausnahme von Lina Stern wurden alle im Keller der Lubjanka hingerichtet.

In der Frankfurter Anthologie stellt Wulf Segebrecht ein Gedicht von Jan Koneffke vor: "Hunde scharren im Hof".

"Hunde scharren im Hof
als könnte die Erde erzählen

als schlüge noch immer sein Rock
übers Haus das Herz auf der Kammer
als kämen noch Wolken vom Rhein
vor die Scheune tanzten am Abend ..."