Magazinrundschau

Die großen modernen Dinge

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.10.2026. Die London Review of Books erinnert an den Ursprung der Proteste in Frankreich: Ratten, Kakerlaken und kaputte Toiletten in Schulen. Mit den Kuchenstücken von Wayne Thiebaud wartet sie auf Zeugen. In Eurozine beobachtet die französische Dichterin Carolyn Forché, wie die Kriege in der Ukraine und in Gaza die Sprache zerstören. Die Minderheiten in Russland lassen sich die Freiheit ihrer Sprachen indes nicht nehmen, weiß die Novaya Gazeta Europe. Im Dlf seufzt Barbara Sichtermann: Sex ist im feministischen Diskurs zum Sündenpfuhl schlechthin geworden. Und Newlines kostet blauen Wein aus Syrien.

London Review of Books (UK), 22.10.2026

Daniella Shreir blickt auf den bisherigen Verlauf der aktuellen Proteste in Frankreich. Interessant ist vor allem ihre Rekonstruktion des Beginns der Auseinandersetzung; schließlich standen zunächst ausschließlich die Zustände an öffentlichen Schulen zur Debatte: "Die Lycées, die die letzten drei Schuljahre bis zum Baccalauréat umfassen, sind große Einrichtungen, an denen häufig mehr als zweitausend Schüler lernen. Ihr Niedergang ist das Ergebnis jahrzehntelanger Unterfinanzierung, die sich seit den 1980er-Jahren durch regionale Ungleichheiten noch verschärft hat. Diese wiederum sind eine Folge der Übertragung der Schulverwaltung auf die lokalen Behörden. Entgegen der Berichterstattung der meisten überregionalen französischen Medien begannen die Schülerproteste im Überseedépartement Mayotte. Dort begann Ende August eine Gruppe von Müttern, unterstützt von Gewerkschaften und einer Schülerdelegation, den Zugang zum Lycée du Nord zu blockieren. Sie protestierten unter anderem gegen die explodierenden Klassengrößen und das Fehlen einer Schulkantine. Eine Mutter kritisierte die Länge des Schultages: Ihr Kind müsse bereits um fünf Uhr morgens das Haus verlassen, um rechtzeitig in der Schule zu sein, und kehre erst um 18 Uhr zurück, berichtete sie Journalisten. Anfang September griff die Protestbewegung auf Französisch-Guayana über. Dort legten Lycée-Schüler der Schulleitung eine Liste mit siebzehn Beschwerdepunkten vor, darunter Personalmangel, abwesende Lehrkräfte und ausfallender Unterricht. Im französischen Mutterland wurde das Anliegen am Lycée Antoine de Saint-Exupéry in Créteil, einem Vorort von Paris, aufgegriffen. Nachdem die Lehrkräfte aus Protest gegen die katastrophale Personalausstattung sowie das Fehlen einer Schulkrankenschwester und eines Sozialarbeiters in den Streik getreten waren, blockierten die Schüler das Schulgebäude. Die Nachricht verbreitete sich, und weitere Unterstützer schlossen sich den Protesten an, darunter zwei Abgeordnete aus der Region von Jean-Luc Mélenchons Partei La France Insoumise (LFI). An anderen Lycées, insbesondere an den am stärksten vernachlässigten Schulen in den Pariser Vororten, berichteten Schüler von Ratten, Kakerlaken, undichten Dächern, zerbrochenen Fenstern, fehlenden Heizungen im Winter, unbenutzbaren Toiletten und fehlenden Toilettentüren. In Bagnolet, einem Vorort unmittelbar außerhalb des Pariser Stadtautobahnrings Périphérique, berichteten Schüler des Collège Georges Politzer, dass es Monate gedauert habe, bis der Nachweis von Fäkalien im Leitungswasser bestätigt worden sei, obwohl sie sich zuvor über das verschmutzte Wasser aus ihren Wasserhähnen beschwert hatten."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Paul Keegan verliert zwar kein Wort über die beiden Wayne-Thiebaud-Neuerscheinungen "American Still Life", herausgegeben von Karen Serres und Barnaby Wright und "A Radical Realism", herausgegeben von Peter Frank, nimmt sie aber zum Anlass, um in einem sehr schönen Text seine Faszination für das Werk des amerikanischen Künstlers, der vor allem für seine Gemälde von Kuchen und Torten berühmt wurde, darzulegen. "Thiebaud malte vor allem den Überfluss - jene Nachkriegszeit, in der es plötzlich mehr als genug von dem gab, was Warhol als 'die großen modernen Dinge' bezeichnete. Anstelle des überladenen Tisches der Vanitas, deren Füllhorn mit der Vergänglichkeit des Menschen verbunden war, gibt es hier ein Überangebot, einen Überschuss, der sich in der schlaffen Trägheit von Thiebauds Kuchen widerspiegelt, gefangen in einer endlosen Gegenwart der Fülle. Das Verlangen ist der große Gleichmacher in diesen Bildern, und Thiebauds Boston-Cremes oder Kürbiskuchenscheiben wirken wie Nahaufnahmen im Film. Sie lassen uns in Verzückung geraten. Selbst wenn man allein in einem Raum mit einer seiner kleinen Leinwände steht, ist der Betrachter eher ein 'Wir' als ein 'Ich'. Die strahlende Erschöpfung seiner Objekte (auf dem Höhepunkt ihrer Pracht, doch kurz davor, zu verderben: schmelzend, sickernd, zusammenfallend, ihre Form verlierend, aus ihren Korsetts überfließend) ist selbst eine Provokation. 'Viel Spaß damit!', scheinen sie zu sagen, und man fragt sich, ob diese pastellfarbenen Darsteller jemals eine Auszeit bekommen. Wenn es beim Stillleben darum geht, das Übersehene zu betrachten, wie Norman Bryson es formuliert, dann malt Thiebaud das, was bereits übermäßig betrachtet wurde, und dieses visuelle Gerücht scheint entscheidend für den von ihm angestrebten Effekt zweiter Ordnung zu sein. So frisch die Erscheinungsbilder auch sein mögen - wir sind zu spät gekommen und ahnen die Spuren derer, die vor uns geschaut haben. Thiebauds Objekte sitzen wie Rilkes Papageien im Zoo und 'warten auf Zeugen', und die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwurde, schlägt sich in der Aufmerksamkeit nieder, um die sie nun werben."

Eurozine (Österreich), 26.10.2026

Die französische Dichterin und Schriftstellerin Carolyn Forché denkt über die Kriege in der Ukraine und in Gaza nach. Zusammen mit dem ukrainisch-amerikanischen Dichter Ilya Kaminsky hat sie die Anthologie "In the Hour of War: Poetry from Ukraine" herausgegeben, mit Gedichten aus dem ukrainischen Kriegsgebiet. Was macht Krieg eigentlich mit Sprache? "Wir wissen, dass Krieg die Sprache zerstört, wie alles, was sich in seinem Wirkungsbereich befindet. Unter solch extremen Bedingungen wird die Sprache verwundet, fragmentiert, zersplittert. Sie wird militärisch instrumentalisiert, um Euphemismen zu schaffen, die mit dem technologischen Fortschritt immer bedrohlicher geworden sind. Was vor unseren Augen geschieht, ist kein 'Krieg', sondern eine 'Militäroperation'. Massenmord ist 'ethnische Säuberung'. In der Ukraine und im Gazastreifen gibt es keinen 'Mangel' an Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten. Diese werden bewusst als Kriegswaffe zurückgehalten. Wir sagen, die 'Kämpfe hätten begonnen', als wären sie von selbst ausgebrochen und nicht auf Befehl. Wir 'werden angegriffen', als hätten wir uns aus freiem Willen in diese Lage gebracht. Während wir Raketen auf Wohnhäuser abfeuern, sprechen wir von zivilen Toten als 'Kollateralschaden', um nicht zugeben zu müssen, dass wir absichtlich Nichtkombattanten töten. Krieg beginnt nicht plötzlich, wie ein Autounfall. Die Vorbereitungen werden getroffen und sind schon von Weitem erkennbar, wie ein Sturm am Horizont. Doch inmitten dieser Zerstörung entsteht Poesie - mitten im Krieg und in seiner Nachkriegszeit. Wie man sich vorstellen kann, sind viele dieser Gedichte verloren gegangen. Sie verschwinden in den Taschen von Leichen und den Schubladen zerstörter Schreibtische. Die Gedichte, die erhalten geblieben sind, haben oft einen eigentümlichen Ton: unheilvoll und flehend, so dringlich wie ein SOS oder ein Hilferuf, der nachts von einem beschädigten Schiff ausgesandt wird. Diese Gedichte sind oft an die Zukunft gerichtet, wie Flaschenpost (Paul Celan), oder an jene, die in Sicherheit jenseits des Kriegsgebietes leben. Wenn wir Gedichte als Zeugen lesen, erfahren wir alles, was die Dichterin erlitten hat, alles, was sie gesehen, gefühlt, geschmeckt und gerochen hat."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Ukrainekrieg, Gazakrieg, Poesie

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.10.2026

Die Kunsthistorikerin und Literaturkritikerin Eszter Babarczy kritisiert die mit der Sprachverwendung verbundenen Entfremdung der Intellektuellen vom eigentlichen Publikum, dem Leser und Betrachter: "Man muss den Schmerz nicht als Schmerz bezeichnen, das Verlangen nicht als Verlangen - denn es ist immer das Verlangen von jemandem, der Schmerz von jemandem -, es reicht aus, ganz allgemein von Macht und Biopolitik, von Deterritorialisierung oder von der Gesellschaft des Spektakels zu sprechen. Wenn man diese sprachliche Soße akzeptiert hat, hat man damit auch ein politisches Weltbild akzeptiert, das sich selbst durch die Sprachverwendung legitimiert. Es wird zum Shibboleth. Wir zahlen einen sehr hohen Preis für diese Selbstlegitimierung. Der Diskurs über zeitgenössische Kunst macht beispielsweise die zeitgenössische Kunst noch unzugänglicher. Auch die Künstler verwenden ihn: Auch sie wollen sich in den Augen des institutionellen Systems legitimieren, das diese Sprache benutzt und verlangt, dass sich alle anpassen. (...) Ein Kritiker und ein Kunstkenner muss sich diese Sprache aneignen, und wer sie nicht beherrscht oder nicht verwenden will, wird ausgegrenzt. Ich möchte den poststrukturalistischen Wortschatz nicht so verwenden, wie es die geisteswissenschaftliche Gemeinschaft tut. (...) Als Geisteswissenschaftler betrachte ich es nicht als meine Aufgabe, Wissenschaft zu betreiben und schon gar nicht, Wissenschaft nachzuahmen, sondern zu kommunizieren. Die zeitgenössische Literatur und Kunst braucht dringend Kommunikatoren. (...) Wenn sich die Geisteswissenschaftler für die Selbstlegitimation entscheiden (…), lassen sie damit die zeitgenössische Kunst und Literatur im Stich. Sie tragen nicht dazu bei, eine Begegnung zwischen dem Zuschauer/Leser und dem Werk zu ermöglichen. Meiner Meinung nach ist dies der heutige Verrat der Intellektuellen."
Stichwörter: Sprache, Babarczy, Eszter

Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 22.10.2026

Den jahrhundertelangen Versuchen des russischen Zarenreichs, Sowjetimperiums und Russischen Föderation zum Trotz gibt es auf russischem Staatsgebiet jede Menge Minderheiten mit eigenen Sprachen. Und in ihren eigenen Sprachen lassen sich Tataren, Baschkiren, Tuwiner und Jakuten die Freiheit ihrer Sprachen nicht nehmen, wie Daria Talanova in einer Analyse von Online-Kommentaren erkennt: "Um ihre Botschaft auf das lokale Publikum zuzuschneiden, haben die staatlichen Medien sogar versucht, den wichtigsten Euphemismus für 'Krieg' - die 'militärische Sonderoperation' - zu übersetzen. Ein Foto aus einer Sendung eines burjatischen Fernsehstudios zeigt ein Schild vor den Moderatoren, auf dem auf Burjatisch steht: 'Wir dürfen nicht 'Krieg' sagen, wir sagen 'SONDEROPERATION''. Medien und Amtsträger verwenden ähnliche Euphemismen auf Tatarisch, Baschkirisch, Tuwisch und Jakutisch. Doch keine dieser Übersetzungen hat sich durchgesetzt. Im Alltagssprachgebrauch verwenden die Einwohner meist einfach das Wort ihrer Sprache für 'Krieg', wenn sie über die Invasion der Ukraine sprechen. (...) 'Neologismen wie 'Sondermilitäroperation' tauchten in den Muttersprachen auf, nachdem es tabu geworden war, einen Krieg als Krieg zu bezeichnen. Burjatische, kalmückische und tschuwaschische Zeitungen haben sofort ihre eigenen Versionen eingeführt', sagt ein Soziolinguist, der sich auf Minderheitensprachen spezialisiert hat und anonym bleiben möchte. 'Aber die lokalen Medien schreiben immer noch lieber auf Russisch über den Krieg. Wenn man einem Dorfbewohner zum 80. Geburtstag gratuliert, geschieht das in der Muttersprache, während Nachrichten über die 'SVO' auf Russisch erscheinen.' Die Menschen in den nationalen Republiken Russlands bezeichnen den Krieg nicht einfach nur als Krieg - sie sprechen darüber auf eine Weise, wie es russischsprachige Menschen nicht tun. Auf Baschkirisch und Tatarisch bezeichnen die Nutzer ihn als 'verflucht' und 'sinnlos'. Auf Tuwinisch nennen sie ihn 'schwarz', 'verheerend', 'erschreckend' und 'grausam'. Auf Burjatisch wird er als 'abscheulich' bezeichnet, und sowohl auf Burjatisch als auch auf Tatisch ist er eine 'Kriegskatastrophe'."

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 25.10.2026

Mit größter Sorge beobachtet die Publizistin und altgediente Feministin Barbara Sichtermann die Debatten- und Diskursverschiebungen im Feminismus der letzten Jahre - und erinnert daran, dass etwa die Einforderung nach einer gleichberechtigt erfüllten Sexualität für Frauen, wie sie im Feminismus der späten Sechziger und Siebziger noch üblich war, seinerzeit einen Möglichkeitsraum öffnete, bei dem sich auch durchaus Männer sehr einverstanden miteinhängten. Heute hingegen sei der Sexualdiskurs nicht mehr utopisch, sondern dystopisch geworden, zu beobachten sei "eine Radikalisierung des schwarzseherischen Standpunktes. ... Die Stichworte lauten schon lange nicht mehr love and peace, sondern Diskriminierung, Belästigung, Übergriff, Nötigung, Vergewaltigung, Missbrauch, Prostitution, Femizid. Sex ist der Sündenpfuhl an sich geworden", er verlor "als Kategorie im feministischen Diskurs seine Aura als Glücksversprechen und sank ab zur Drohung des Gewaltverbrechens". Die Feministinnen "waren so stolz auf die Verringerung des Abstandes zu den Männern, was Chancengleichheit, Bewegungsfreiheit, Aufstieg und erotische Aktivität betrifft, dass sie aus den Augen verloren, wie es auf der Gegenseite aussah. Da gab es nicht nur die Einsichtsvollen", sondern auch die schmollenden Abgehängten, die "frustriert vor der Tatsache stehen, dass Mädchen in der Schule besser sind, dass sie die Mehrzahl derer stellen, die ein Hochschulstudium abschließen und Weltreisen machen. Sie trauen sich nicht, solche supergirls anzusprechen, verabreden sich lieber untereinander und ziehen über die Weiber her. Und sie stoßen auf ein politisches Angebot. Die Rechte sagt zu ihnen: Kommt zu uns. Wir ändern das. Wenn der feministische Diskurs sehenden Auges fortfährt, das Feld der Sexualität als eines der Gewalt und des Verbrechens zu markieren und sich jene anderen Zugänge verbietet, die dermaleinst die jungen Frauen als Utopie in den Raum stellten, zugegebenermaßen mit einem tüchtigen Schuss Verklärung, aber doch nicht ganz ohne jede Wurzel in der Wirklichkeit, dann wird es so kommen, dass es die Rechten sind, die das Glücksversprechen kapern und es unter ihrer Ägide für die junge Generation neu formulieren. Es wird ihnen gar nicht schwer fallen." Sichtermann warnt davor, dass "eine Partei in unserm Land die Macht erringt, die von Gleichheit überhaupt nichts wissen will und sie als Ideologie in toto verwirft. Dann gute Nacht, Emanzipation!"

Guardian (UK), 20.10.2026

Für zahlreiche Ideologen des Postliberalismus wie den Philosophen Patrick Deneen oder den Ökonomen Philip Pilkington war das Ungarn der Orbán-Ära ein intellektuelles Mekka - nicht zuletzt aufgrund des Danube-Instituts, eines in Budapest beheimateten Think Tanks, meint Brian Goodman. Nun, da Orbán abgewählt ist, sein politisches Projekt und das Danube-Institut abgewickelt wird, müssen sich die Neokonservativen die Frage stellen: Was jetzt? Sind sie bei ihren Prognosen, die ein Ende der liberalen Weltordnung voraussagten, von Anfang an von falschen Voraussetzungen ausgegangen? "Im engeren, deskriptiven Sinne stimmt es, dass es kein Zurück zum Liberalismus der kurzen Zwischenphase nach dem Kalten Krieg gibt, die ungefähr von 1989 bis 2015 dauerte. Dennoch sind Postliberale miserabel darin, vorherzusagen, was als Nächstes kommt. Auf X veröffentlicht Pilkington regelmäßig Prophezeiungen über den zivilisatorischen Untergang des Westens, mit dem großspurigen Auftreten eines ehemaligen Finanzjongleurs. 'In der Investmentbranche gibt es eine alte Redensart', schreibt er in 'The Collapse of Global Liberalism': 'Es ist besser, aus den richtigen Gründen falschzuliegen, als aus den falschen Gründen recht zu haben.' Doch wenn Pilkington mit seiner Diagnose unseres neuen postliberalen Zeitalters recht hat, dann aus den falschen Gründen. Zweifellos ist die Welt des Liberalismus der Post-Kalter-Kriegs-Zeit Geschichte. Doch die Vorstellung, man könne all den Herausforderungen, die sein Zusammenbruch mit sich bringt, mit dem postliberalen Programm begegnen, ist eine Farce. Wie Ungarn gezeigt hat, bringt postliberale Politik keine Lebensverhältnisse hervor, die gut genug wären, um die Wähler für sich zu gewinnen. Letztlich war Ungarn ein falsches Vorbild für unsere autoritäre Zukunft. Nun ist das Vorbild, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, eines aus den USA."
Archiv: Guardian

HVG (Ungarn), 22.10.2026

Der Regisseur István Tasnádi denkt über die möglichen Auswirkungen der politischen Veränderungen für Filmemacher in Ungarn nach: "Auch in der Filmbranche sind unglaubliche Energien freigesetzt worden; ich freue mich sehr über die Veränderungen und bin voller Optimismus. Und das, obwohl ich weiß, dass die nächste Phase von Enttäuschungen geprägt sein wird, denn so viele hungrige Kreative lassen sich nicht auf einmal zufriedenstellen. Wir werden Zurückhaltung und Einsicht brauchen, um die Geduld aufzubringen. (…) Wenn ich anfange, (über die letzten 16 Jahre) nachzudenken, bekomme ich Angst und ziehe mich lieber zurück. Es war die aktivste Phase meines Lebens, und so habe ich es trotz Gegenwind zumindest bis zur Hälfte des Berges geschafft. Was wäre bei Windstille gewesen? Meine Protagonisten und ich treffen uns regelmäßig, um Pläne zu schmieden, aber in den letzten Jahren kamen wir immer wieder zu dem Schluss, wie erbärmlich es ist, ständig darüber zu grübeln, von wem wir Geld für einen Low-Budget Film beschaffen könnten. Sie reagierten ganz anders darauf, was im öffentlichen Leben geschah; ich war viel passiver und skeptischer, vor allem in der letzten Zeit, trat in den Hintergrund und dachte bereits darüber nach, Tischler zu werden. Sie hingegen zündeten die Raketen und organisierten gemeinsam mit anderen beispielsweise die Demonstration gegen Hassrede auf dem Budapester Heldenplatz. Sie haben sich mit der Kraft der Außenseiter in die Sache gestürzt, und der Wandel ist zum Teil auch ihnen zu verdanken. Das ist auch für mich eine wichtige Lektion."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Tasnadi, Istvan

New Yorker (USA), 26.10.2026

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Haben der kalifornische Goldrausch und der KI-Boom Gemeinsamkeiten, fragt sich der amerikanische Historiker Nathaniel Philbrick in seinem aktuellen Buch "The Rush: California Gold, the Civil War, and the Making of the Modern World". Eine wirklich überzeugende Verbindung zwischen beiden kann Kathryn Schulz bei der Lektüre nicht entdecken, wohl aber eine anregende Überlegung. Laut Philbrick liegt die eigentliche Ursache unserer Krise in der Entdeckung des Goldes in Kalifornien vor fast zwei Jahrhunderten: "'Das ist die Welt, in der wir heute leben', schreibt er früher im Buch, 'in Jets gepfercht, hektisch auf dem Weg zum nächsten großen Ding - eine Welt, die der kalifornische Goldrausch 1849 geschaffen hat'. Aber hat der Goldrausch unsere gegenwärtige Welt geschaffen, oder ähneln sich die beiden nur? Es stimmt, dass viele Merkmale des Kaliforniens der 1850er-Jahre auch im KI-Boom unserer Zeit zu sehen sind, von den Vorteilen davon, früh am Start zu sein und den haarsträubenden Profiten, die in dieser Infrastruktur gemacht werden können - ob Hacken und Spaten oder Mikrochips und Datencenter - bis hin zur politischen Instabilität, Umweltzerstörung und wilder Ungerechtigkeit. Aber Ähnlichkeit ist nur eine oberflächliche Beziehung und nichts in Philbricks Buch lässt den Goldrausch wie die treibende Kraft hinter dem rasanten, vielleicht alles zerstörenden Boom heute wirken. Auch lässt nichts darin gieriges Drängen spezifisch amerikanisch wirken, wie könnte es auch, wenn all diese Australier, Franzosen, Chinesen und Chilenen ebenfalls alles stehen und liegen gelassen haben und nach Kalifornien gerast sind? Die plausiblere Erklärung ist diese: In jeder Gruppe, die in die greifbare Nähe einer potenziell unerschöpflichen Quelle des Reichtums platziert wird, werden sich viele ähnlich verhalten, sich auf die Quelle zu bewegen, um sie kämpfen, sich dafür betrügen, darüber übertreiben, neue Wege finden, sie auszuschöpfen, Regeln aufstellen, um den Zugang zu ihr zu regeln, diese Regeln brechen und generell alle verfügbaren Mittel nutzen, legal und illegal, um sie zu dominieren und Profit aus ihr zu schlagen. 'The Rush' ist am besten, wenn das Buch uns einfach den Wahnsinn zeigt, wie er sich zu einem spezifischen Zeitpunkt an einem spezifischen Ort entfaltet hat, angestachelt, begünstigt, opponiert, dokumentiert und gelegentlich abgewandt von ziemlich speziellen Menschen. Man sympathisiert in diesen dunklen und verwirrenden Zeiten mit dem Wunsch, die Vergangenheit die Gegenwart erhellen zu lassen. Aber die Vergangenheit ist ihre eigene Art Gold - reichlich, schwierig zu erreichen, unendlich wertvoll - und manchmal reicht es, sie scheinen zu lassen."
Archiv: New Yorker

Aktualne (Tschechien), 24.10.2026

In der Wallenstein-Reitschule der Prager Nationalgalerie ist bis März 2027 die große Ausstellung "Anna von Böhmen und Ungarn: Eine Königin an der Schwelle einer neuen Ära" zu sehen, die Jan Bezucha sehr empfiehlt: "Anna war die Ehefrau von Ferdinand I., Mutter von fünfzehn Kindern und eine der Schlüsselfiguren in einer Umbruchszeit der tschechischen Geschichte. Sie lebte in Zeiten der osmanischen Bedrohung, religiöser Auseinandersetzungen und der Blütezeit der Renaissance. Die Prager Ausstellung präsentiert sie nicht nur als Königin, sondern auch als Frau, die in die Politik eingriff, außerdem persönliche Briefe und kostbare Kunstwerke hinterließ." Anna, die aus der Dynastie der Jagellionen, und Ferdinand, der aus dem Geschlecht der Habsburger stammte, prägten durch ihre Heirat für lange Zeit das Bild Mitteleuropas und "hatten Historikern zufolge eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen gründete, was bei dynastischen Vermählungen im 16. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit war." Trotz ihrer fünfzehn Geburten habe Anna beschwerliche Reisen quer durch Europa auf sich genommen und maßgeblich auf die Regierungsgeschäfte eingewirkt", berichtet Jan Bezucha über die Ausstellung, die mehr als zweihundert Exponate und Leihgaben aus rund vierzig Institutionen und Privatsammlungen von acht europäischen Ländern vereint.
Archiv: Aktualne

Respekt (Tschechien), 24.10.2026

Nachdem die rechtspopulistische Regierung in Tschechien bei den Senatswahlen diesen Oktober eine herbe Niederlage erlitten hat, versucht sie nun offenbar, im Eilverfahren ihre Macht zu festigen: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat sie von Freitag auf Samstag (genau: um 4.36h) ihren Gesetzentwurf zur Neufinanzierung der öffentlich-rechtlichen Medien durch die erste Lesung im Parlament gebracht. Allerdings hat auch die regierungskritische Organisation "Eine Million Augenblicke für die Demokratie" schnell reagiert, und so füllten am Wochenende Tausende von Demonstranten den kompletten Prager Altstädter Ring. Erik Tabery kommentiert: "Die Regierungskoalition hat ihren Angriff auf die öffentlich-rechtlichen Medien in einem spektakulären Schauspiel inszeniert: Sie verschwieg der Opposition den Plan, über die Finanzierung des Tschechischen Fernsehens und Rundfunks abstimmen zu lassen, und behinderte ihr Recht, die Abstimmung zu verschieben. So brachte sie den Vorschlag zur Abschaffung der Rundfunkgebühren und zur drastischen Kürzung der Einnahmen samstagfrüh in die nächste Lesung. Dieses Vorgehen (…) bedeutet das Ende der im Abgeordnetenhaus üblichen Gepflogenheiten." Laut Tabery handele es sich hier um den klaren Versuch, die kritische Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien zu schwächen, deren künftige (Unter-)Finanzierung über den Staatshaushalt sie einschüchtern soll, da die Politiker so direkten Einfluss auf sie ausüben könnten. "Gleichzeitig hat [Kulturminister] Oto Klempíř einen beispiellosen Angriff auf die hiesige Kultur gestartet. Er will ihr ebenfalls die Mittel entziehen, sie durch verschiedenste Förderkriterien zum Schweigen bringen und den Machthabern gefügig machen. Vielleicht glauben die Regierungspolitiker damit naiv, ihre Wähler zu beruhigen, die erschrocken dabei zusehen, wie die Spritpreise und Hypothekenzinsen steigen und der Staat Rekordschulden anhäuft." Für Tabery bricht hier eine neue Ära in der tschechischen Politik an: Premierminister Andrej Babiš "sendet der Mehrheit, die ihn nicht gewählt hat, eine klare Botschaft - dies hier ist unser Staat, und wir machen damit, was wir wollen. Ihr mögt mich nicht? Gut, das ist meine Rache."
Archiv: Respekt
Stichwörter: Babis, Andrej, Tschechien

Dekoder (Deutschland), 21.10.2026

"Während Selenski als Kriegspräsident akzeptiert wird, wünscht sich die Gesellschaft einen anderen Präsidenten nach dem Ende der Kampfhandlungen", konstatiert der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy. Es bringen sich auch schon mehrere Kandidaten für das Präsidentenamt - vor allem ehemalige oder aktive Militärs - in Stellung, Trubestkoy geht aber nochmal einen Schritt zurück und blickt auf das politische System der Ukraine. Jenseits des Krieges ist beispielsweise wenig über die politischen Einstellungen der ukrainischen Bevölkerung bekannt. "Und streng genommen ist auch nach mehr als sieben Jahren im Amt nicht ganz klar, welche politischen Ansichten eigentlich Selenski selbst hat. Nach ihrer Gründung wollte sich seine Partei Diener des Volkes zwar vor allem als libertär darstellen. Ob sich alle Abgeordnete der Präsidentenfraktion überhaupt noch daran erinnern, ist aber ungewiss. Die Politik in der Ukraine ist trotz ihrer langen historischen Parlamentarismustradition äußerst personenbezogen. Konkrete Ideen und Ideologien spielen eine untergeordnete Rolle. Das sieht man auch in der aktuellen Werchowna Rada: Die oppositionelle Europäische Solidarität von Ex-Präsident Petro Poroschenko oder die Vaterlandspartei von Ex-Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko kann man zwar nicht alleine auf diese Figuren reduzieren. Die Poroschenko-Partei ist vor allem nationalliberal und die Tymoschenko-Partei ähnelt in vielem der Republikanischen Partei in den USA. Dennoch wären diese politischen Kräfte ohne ihre Führungsfiguren kaum vorstellbar. Daher ist es symptomatisch, dass in den aktuellen Umfragen zu einer theoretischen Parlamentswahl eine gar nicht existente Partei von Ex-Befehlshaber Salushny auf den ersten Platz kommt." Im Moment bringen sich auch rechte Kräfte in Stellung: "Es ist etwa auch mit zunehmender Beliebtheit der ursprünglich rechtsextremen, inzwischen überwiegend gemäßigter rechtskonservativen Ideen rund um das ursprüngliche Freiwilligenbataillon Asow zu rechnen, dessen aktuelle Nachfolger, der Korps der Nationalgarde Asow und der Dritte Armeekorps, sich im vollumfänglichen Krieg als äußerst effektiv zeigen."
Archiv: Dekoder

New Lines Magazine (USA), 26.10.2026

Paloma Dupont de Dinechin reist ins christlich geprägte syrische Dorf Baait und besucht das Weingut "Jarjour". Dessen Besitzer Youssef bangt ein wenig angesichts neuer Bestrebungen der Regierung, Alkoholverbote in Bars und Kneipen in Syrien durchzusetzen. Es soll dann nur noch mit speziellen Lizenzen möglich sein, Alkohol auszuschenken. In Damaskus versuchte die Regierung schon, ein allgemeines Alkoholverbot zu erlassen, das allerdings nach massiven Protesten in den christlichen Vierteln der Stadt vorerst zurückgenommen wurde: "Zu den Einschränkungen sagte ein Dorfbewohner: 'Sie wollen uns die Freiheit nehmen. Warum verbietet ihr Alkohol? Jedes Gesetz, das auf der Scharia basiert, macht mir Angst.' Für ihn war das Weingut Jarjour auch eine wichtige Einnahmequelle für das Dorf, das nach wie vor abgelegen liegt." Der Winzer Youssef überrascht Dupont de Dinechin außerdem mit einer syrischen Spezialität: "Youssef hält stolz eine blaue Flasche hoch. Blauer Wein ist in Syrien nicht ungewöhnlich, obwohl Youssef behauptet, der Erste im Nahen Osten zu sein, der ihn hergestellt hat. Sein Interesse an diesem Wein begann vor etwa zwölf Jahren, nachdem er auch anderswo auf der Welt auftauchte, wo er üblicherweise aus einer Mischung roter und weißer Trauben gekeltert wurde. Händler in Syrien fragten ihn nach blauem Wein, und er rief einen Professor in Deutschland an, der ihm alles über Önologie beigebracht hatte. 'Keinen blauen Wein', sagte der Professor zunächst. Fünfzehn Tage später, nach einer Fernkonsultation, gab ihm der Professor jedoch Anweisungen. Das Verfahren ähnelt der Herstellung eines weißen Chardonnays, verwendet aber rote Syrah-Trauben. Diese Trauben haben eine besondere Farbe und einen besonderen Duft. Ihre Schalen werden mitverarbeitet und verleihen dem Wein so seine einzigartige Farbe und seinen besonderen Duft. Farbe und Aroma. Die Schalen enthalten Anthocyane, dieselben Farbstoffe, die auch in Auberginen und Damaszenerbeeren vorkommen. Das Pigment enthält blaue und magentafarbene Töne, daher isoliert er den magentafarbenen Anteil."
Stichwörter: Syrien, Wein, Alkoholverbot
⊲