Magazinrundschau - Archiv

Dlf - Essay und Diskurs

5 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - Dlf - Essay und Diskurs

An einem Literaturkanon führt, im guten wie im schlechten, kaum ein Weg vorbei, schreibt der Literaturwissenschaftler Peter Pohl. Umso wichtiger, dass darum gestritten wird, Problematiken klar benannt sowie Kritierien immer wieder neu überprüft und neue hinzugezogen werden, findet er. Dass exemplarische Literaturgeschichte lange Zeit etwa hauptsächlich Literatur von Männern umfasste, ist eine Schieflage, auf die Pohl gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen schon vor Jahren hingewiesen hat. Damit gehen jedoch - alte wie neue - Probleme einher. So stellt sich "die Frage, welche Texte zum Beispiel von Frauen für die Kanonerweiterung auszuwählen wären. Sollen es Texte sein, die sich an die Wertungsschemata des gängigen Kanons anpassen? Dann müssten sie ... einem 'sex-gender-System' entsprechen, das Frauen diskriminiert. Oder wäre ein eigener, zum Beispiel queerer Kanon, der queeres Protestpotential nach (queer-)feminstischen Erwartungen entfaltet, die richtige Option? Dann gäbe es bald so viele Kanones wie Akteursgruppen, die nach Repräsentation verlangen. Oder müsste man die aufgrund der historischen Macht- und Bildungsstrukturen nahezu ausschließlich männlichen kanonisierten Autoren auf ihre subversive Kraft hin lesen?" Damit "wäre jedoch die Gleichsetzung von biologischem Geschlecht und sozialem Gender aufzugeben." Derzeit jedoch "ist die Fokussierung auf diskriminierte Personengruppen, sei es als Produzenten, sei es als literarische Figuren, in der universitären Lehre höchst erfolgreich. Die Schablonen der Diversität und die persönliche Betroffenheit von Diskriminierten erleichtern es vielen Studierenden, sich Literatur identifikatorisch anzunähern. ... Damit, dass Individuen derart über physische und kontingente Merkmale, also essenzialistisch, erfasst werden, hat man scheinbar kein Problem. Dass Literatur gerade durch ihre ästhetische Eigenheit oder Verfahren der Verfremdung es erlaubt, Urteilsfähigkeit zu schulen, indem sie routinisierte Wertungsmuster in Frage stellt, indem sie irritiert und verunsichert, erscheint aktuell eher als hinderlicher Gedanke." Pohls Plädoyer: "Literaturwissenschaft sollte der Ort sein oder wieder werden, an dem aufbauend auf literaturgeschichtlichen und -theoretischen Kenntnissen anhand von Motivik, narrativen und rhetorischen Analysen sowie Vergleichen gewertet wird und an dem über Wertungen gestritten werden darf und soll. Nicht die Herstellung einer gewünschten sozialen Realität durch Literaturauswahl und -interpretation sollte ihr Ziel sein, sondern die Kenntnis und Analyse der hierbei historisch wie gegenwärtig eingesetzten Strategien."

Magazinrundschau vom 06.01.2026 - Dlf - Essay und Diskurs

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Ralf Konersmann wirft einen kritischen Blick auf die Gegenwart der Geschichtsschreibung: Zum Druck, durch KI ersetzt zu werden, gesellt sich die Auseinandersetzung um die Methode. Konersmann plädiert für die genealogische Methode, die unausgesprochene Selbstverständlichkeiten der Gegenwart in ihrer historischen Genese offenlegt. Deutliche Kritik hat er am klassischen Umgang mit Geschichte - der die Gegenwart nur als Telos der Vergangenheit deutet - und noch mehr am präsentischen Umgang damit, in dem der Fundus der Vergangenheit nurmehr als Fülle beliebig hervorziehbarer Belegstellen fungiert, um gegenwärtigen Auffassungen zugunsten von "Narrativen" Nachdruck zu verleihen. Letzteres zeige sich insbesondere im akademisch-antikolonialen Diskurs: Dessen "Dramaturgie, die aus der Arbeit an der Geschichte eine Bußübung macht, hat eine Kehrseite. Einmal zum Narrativ geronnen, stellt die Kritik am Kolonialismus einmal mehr das Interesse der vormaligen Kolonisatoren nach vorn und weist den übrigen Beteiligten ihre Rolle zu. Angesichts der Wucht und des moralischen Einsatzes der westlichen Selbstanklage bleibt es den seinerzeit Geschädigten auch diesmal verwehrt, mit eigener Stimme zu sprechen. ... Als unmittelbar Betroffener hat der algerische Schriftsteller Kamel Daoud erst kürzlich die beiläufig entstandene Bevormundungspraxis des postkolonialen Diskurses beschrieben, die ihm eine bestimmte Haltung zudiktiert. ... Gänzlich arglos und, wie zu befürchten ist, schlicht aus alter Gewohnheit drängt die vorgegebene Ordnung des Diskurses ihm eine Rolle auf, die auf den Wunsch des Westens zugeschnitten ist, wie Daoud sagt, vor den Augen der Welt 'an seiner Sühne zu feilen'. Diese Ausrichtung des Diskurses ist zwingend, so dass Verweigerung keine Option ist. ... Viel lieber würde er über den Islamismus schreiben, der seine Heimat ebenso verwüste wie einst die Kolonialisierung, oder über die Schönheit der Welt, wenn er die richtigen Worte dafür fände. Die von sich selbst, von ihrer Moralität und Sühnebereitschaft eingenommenen Vertreter des Westens, die es doch nur gut meinen, stehen ratlos vor solchen Sätzen. Sie sind außerstande, das Netz der präsentistischen, strikt auf Selbstbestätigung bedachten Narrative, in das sie sich verstrickt haben, zu zerreißen."

Magazinrundschau vom 30.09.2025 - Dlf - Essay und Diskurs

Ava Kofman erzählt (in einem zuvor im New Yorker veröffentlichten Text) von ihren Treffen mit dem früheren Programmierer Curtis Yarvin, der seit den Nullerjahren - damals noch anonym als Blogger unter dem Pseudonym Mencius Moldbug - davon träumt, die USA in eine wie ein IT-Business geführte Monarchie umzuwandeln und die liberale Demokratie auf dem Friedhof der Geschichte zu entsorgen. Seinerzeit fiel es noch leicht, ihn und seine Anhänger als spinnerte Online-Politsekte innerhalb der IT-Branche abzutun. Heute hingegen reicht Yarvins Einfluss über seine Kontakte mit dem einflussreichen rechtslibertären Milliardär Peter Thiel bis direkt ins Weiße Haus, wo man seine Texte und Slogans mittlerweile mehr oder weniger offensichtlich als Stichwortgeber fürs eigene politische Programm zum Umbau der Demokratie in einen autoriären Staatsapparat nutzt. "J. D. Vance, der heutige Vizepräsident und frühere Mitarbeiter in einer von Peter Thiels Risikokapitalfirmen, zitierte Yarvin 2021 bei seinem Auftritt in einem rechtsextremen Podcast, als er vorschlug, eine künftige Trump-Regierung solle 'jeden einzelnen mittleren Beamten, sämtliche Staatsdiener im Verwaltungsapparat feuern und durch unsere Leute ersetzen'. Gerichte, die daran Anstoß nähmen, solle man ignorieren. Marc Andreessen, Co-Chef von Andreessen Horowitz und informeller Berater im sogenannten Department of Government Efficiency (DOGE), zitiert inzwischen seinen 'guten Freund' Yarvin, wenn er anmahnt, dass eine Gründergestalt unsere 'außer Kontrolle geratene' Bürokratie in die Hand nehmen müsse. Andrew Kloster, der neue Chefjustiziar im Amt für Personalverwaltung der Regierung, hat erklärt, der Austausch von Beamten durch loyale Anhänger könne Trump dabei helfen, 'die Kathedrale' zu besiegen. ... 2011 sagte Yarvin, Trump sei eine von zwei Persönlichkeiten, die 'biologisch' das Zeug zum amerikanischen Monarchen hätten. 2022 empfahl er Trump, im Falle seiner Wiederwahl die Leitung der Exekutive an Elon Musk zu übergeben. In einem Podcast mit seinem Freund Michael Anton, dem heutigen Leiter des Planungsstabs im Außenministerium, sprach sich Yarvin dafür aus, zivilgesellschaftliche Institutionen wie etwa die Harvard University zu schließen. ... Wann immer ich Yarvin nach Parallelen zwischen seinen Texten und realen Ereignissen fragte, gab er sich lässig. Offenbar sah er sich selbst als Kanal für die reine Vernunft - rätselhaft war ihm allein, warum andere ihm immer so hinterherhinkten. 'Eine Lüge kann man erfinden, die Wahrheit aber kann man nur entdecken', sagte er zu mir."

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Dlf - Essay und Diskurs

Mehr denn je geht die Welt unter und das über die Grenzen unterschiedlichster weltanschaulicher Lager und gesellschaftlicher Milieus hinweg, stellt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube fest. Und je weiter in der Vergangenheit die einstige Hegemonie der Kirche liegt, umso theologischer wird das Vokabular, das dafür in Stellung gebracht wird: Fortlaufend öffnen sich "Tore zur Hölle", geht es um Apokalypsen, zeichnet sich zweifelsfrei Armageddon am Horizont ab, und der Zeiger der Doomsday-Clock wird immer mal wieder um eine Sekunde nach vorne geschoben wird. Doch "der gegenwärtige Gebrauch von Begriffen wie 'Apokalypse' oder 'Weltende' hat sich stark von ihrer hergebrachten Verwendung abgelöst. Weder geht mit ihnen der Gedanke an ein letztes Gefecht einher, dessen Sieger alles besser machen wird, noch sind sie überhaupt in eine Geschichtsphilosophie mit religiösen Endabsichten eingebunden. Zumeist handelt es sich um maßlose Übertreibungen mit dem leicht erkennbaren Zweck der Erzeugung von Aufmerksamkeit. Im Rückblick gilt das sogar für die biblischen Prophezeiungen der Apokalypse. Versprochen war den Jüngern im Markusevangelium, manche von ihnen würden den Tod noch nicht geschmeckt haben, bevor Christus wiederkomme. Doch was kam, war nicht das Weltende, was kam, war die katholische Kirche. ... Die 'Anderen', die an allem Schuld sind, haben heute noch mehr Namen als früher. Weil aber alles, woran sie Schuld tragen, zusammenhängt und eine ganze Welt ausmacht, müssen für das apokalyptische Bewusstsein auch die vielen Schuldigen untereinander zusammenhängen: Die Kapitalisten und die Faschisten und die Konservativen und die Brüsseler Technokraten einerseits, die Grünen und die Etatisten und die Feministen, der öffentliche Rundfunk und die Universitäten andererseits. ... Die Welt ist also technologisch hochgerüstet und gedanklich stark verwahrlost. Beides zusammen ergibt die apokalyptische Stimmung des Eindrucks, es stünden letzte Gefechte bevor. Fast scheint es, als leide die Gesellschaft am Phantomschmerz der nicht geschlagenen Schlachten aus der Vergangenheit, als vermisse sie so verzweifelt die Gegnerschaften von gestern, dass sie umso weniger wählerisch ist im Erfinden neuer absoluter Feinde."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - Dlf - Essay und Diskurs

Ob Deutschland gespalten ist oder nicht, sei "keine Frage für irgendein Feuilleton", verkündete Bundeskanzler Scholz letzten November zur aktuellen Lage vor dem Bundestag. Den Kulturhistoriker Hans von Trotha lässt solche Geringschätzung des Feuilletons sofort aufmerken: Das Feuilleton, nichts weiter als ein Glasperlenspiel im Elfenbeinturm? En contraire, findet von Trotha - und legt eine beeindruckend kenntnisreiche Geschichte des Feuilletons als Ort der Kritik, der Debatte, der Invention, mithin der Selbstverständigung einer Gesellschaft vor. Und die Gegenwart? "Objektiv lässt sich ein gewisser Niedergang des Feuilletons als Institution nicht übersehen: Der entsprechende Raum in den Zeitungen ist zusammen mit den dahinter stehenden Budgets deutlich schmaler geworden. Das befördert die Wahrnehmung als bloßes Beiblatt, wie sie die Scholzsche Formulierung 'irgendein Feuilleton' insinuiert. Das ändert aber nichts daran, dass in diesem womöglich vernachlässigten, aber immerhin noch existierenden, aktiven und gedanklich weiterhin ausgesprochen produktiven Publikationsraum mit immer noch vergleichsweise sehr hoher Reichweite eine Form des Schreibens und Denkens in jeweils spontaner Tateinheit betrieben wird, die gerade dann an Relevanz gewinnt, wenn die Lage unübersichtlich wird und sich Antworten auf diese Lage im politischen Raum immer eindimensionaler geben. In diesem politischen Raum führt die genannte Konstellation ein ums andere Mal zu derselben Reaktion: zu einer Adaption populistischer Argumentationen auch durch andere Parteien, um verlorene Stimmen zurückzugewinnen, fast immer ohne Erfolg. Mit zunehmender Lautstärke werden dann von allen Seiten die immer gleichen vermeintlichen Lösungen als Wahrheiten verkündet. Das ist die Stunde des Feuilletons, wenn vielleicht auch nicht zwingend als Zeitungsteil, so doch als Denkform, als Format, als publizistische Kulturtechnik. Es geht darum, Dinge nicht einfacher darzustellen, als sie sind, sondern, im Gegenteil, die Komplexität ihrer Hintergründe zu beleuchten, selbst da, wo sie einfach erscheinen mögen. Es ist die Form des feuilletonistischen Essays aus dem Geist der aufklärerischen Kritik, die hier gebraucht wird und nach neuen Formaten verlangt."
Stichwörter: Feuilleton, Trotha, Hans von