Magazinrundschau - Archiv

Novaja Gazeta Europe

5 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 01.09.2026 - Novaja Gazeta Europe

Wenn russische Soldaten sterben, werden ihre Überreste - sofern vorhanden - an ihre Familien zurückgeschickt. Manchmal passiert es aber, dass Familien die falsche Leiche zugeschickt bekommen, wie viele das sind, weiß niemand, berichtet Lyalya Bulanova. So zum Beispiel bei Olesya, deren Sohn Alexey für die Wagner-Gruppe in Bachmut gekämpft hat. "Drei Monate später, am 13. April 2023, klingelte das Telefon: 'Hallo, Olesya Wladimirowna? Ihr Sohn ist gestorben. Kommen Sie morgen vorbei, um das Geld für die Beerdigung abzuholen.' Vertreter der Wagner-Gruppe erklärten, sie hätten Alexey anhand seiner Tätowierung und seiner Fingerabdrücke identifiziert. Olesya gab keine DNA-Probe ab und zog es nicht einmal in Betracht, den Zinksarg zu öffnen. 'Er starb am 7. Januar und wurde am 16. April beerdigt. Ich wäre niemals hingegangen, um [die Leiche] anzusehen', erklärt sie. 'Ich legte meine Brust direkt auf den Sarg im Leichenwagen und konnte den Leichengeruch riechen. Ich spürte, dass dort eine Leiche lag', fährt Olesya fort und erinnert sich an den Tag der Beerdigung. 'Die [Wagner-Gruppe] gab mir Geld, und es gab all diese militärischen Ehren: einen Salutschuss, Soldaten, die den Sarg zu Musik hinaustrugen, und ein Vertreter des Gouverneursbüros war anwesend. Alles verlief reibungslos; es war feierlich.' Bei der Beerdigung sagten Freunde und Nachbarn zu Olesya: 'Weine nicht. Er ist doch dein Held, weißt du?' Doch unmittelbar nach der Zeremonie sagte sie zu ihrer Tochter Vera: 'Ich habe das Gefühl, dass er es nicht ist.' Dennoch besuchte Olesya das Grab regelmäßig. Sie pflanzte dort Blumen, gab aber die Hoffnung nicht auf, dass Alexey noch am Leben sei - schließlich hatte er sie gewarnt, dass er nicht anrufen könne. Mit der Zeit fand sie jedoch ihren Frieden mit dem Tod ihres Sohnes." Dann kamen eines Tages Militärs, erklärten, dass sie die wirkliche Leiche von ihrem Sohn dabei hätten und dass die zuvor bestattete Leiche nicht ihr Sohn ist. "Olesya hat nur vage Erinnerungen an die Exhumierung. Sie erinnert sich, dass sie mit ihren Angehörigen dastand und weinte, als auf dem Grab ein Lagerfeuer entzündet wurde, um den gefrorenen Boden aufzuwärmen. Dann wurde das Grab ausgehoben, und 'dieser Sarg wurde herausgenommen und dieser hineingelegt'. Die Bezirksverwaltung bestätigte, dass eine Exhumierung stattgefunden habe, gab jedoch nicht bekannt, wessen sterbliche Überreste fast ein Jahr lang in Alexeys Grab gelegen hatten. Auch Olesya weiß es nicht. Bis heute macht sie sich Sorgen, dass auch die zweite Leiche nicht wirklich die ihres Sohnes war: 'Mein Verstand weiß es, aber meine Seele weigert sich zu akzeptieren, dass er tot ist.'"
Stichwörter: Russland

Magazinrundschau vom 25.08.2026 - Novaja Gazeta Europe

Diese Seite des russischen Krieges gegen die Ukraine gibt es auch: Russen und Ukrainer, die sich ineinander verlieben, sich treffen wollen und davon abgehalten werden. Eine solche Geschichte erzählt Dmytro Durnev: "Svetlana Savelyeva lernte Oleksandr Chechotka 2022 auf Chatroulette kennen. Svetlana ist professionelle Englischübersetzerin und spricht außerdem Tatarisch sowie fließend Ukrainisch - Letzteres verdankt sie ihrem geliebten Großvater aus Charkiw (dem Vater von Lyudmila Afanasyeva). Oleksandr ist ein erfahrener Feldwebel der ukrainischen Streitkräfte, der seit 2014 immer wieder im Einsatz war. Zwischen seinen Einsätzen ging er manchmal auf Chatroulette, um russische Nutzer zu trollen. Nach seinem zweiten Gespräch mit Svetlana tauschten sie ihre Kontaktdaten aus und begannen eine Fernbeziehung, die zwei Jahre andauern sollte." Daraufhin wollten sie sich lange Zeit treffen, was aufgrund des russischen Angriffskrieges nicht ging. "Dann, im Oktober 2024, kam Svetlana eine Idee: Was wäre, wenn sie ihren Verlobten über russisches Gebiet erreichen könnte, indem sie mit dem Taxi über die Frontlinie von Kursk ins von der Ukraine gehaltene Sudscha fährt? Nachdem sie einen großen Koffer gepackt hatte, fand sie einen Fahrer, der bereit war, die Fahrt zu übernehmen." Sie wurde vom FSB festgenommen, gefoltert und wird nun in einer Strafzelle gefangen gehalten. Was Chechotka nach ihrer Festnahme gedacht hat? "'Dir ist doch klar, welche Staatsangehörigkeit sie hat, oder?', fragt Oleksandr rhetorisch. 'Bevor der ganze Wirbel losging, habe ich das nicht wirklich öffentlich gemacht. Ehrlich gesagt dachte ich nicht, dass sie [die ersten Wochen nach ihrer Festnahme] überleben würde', fährt er fort." Seitdem versuchen Chechotka und Savelyvas Mutter sich für ihre Freilassung im Rahmen eines Gefangenenaustausches einzusetzen und haben damit schon bei Wolodomir Selenski vorgesprochen. Durex schätzt ein, wie wahrscheinlich ein solcher Austausch ist. "Zivilisten sind schwerer zurückzuholen als Soldaten, und Angehörige der Spezialeinheiten werden bereitwilliger übergeben als gewöhnliche Freiwillige; Russland versucht, keine Mitglieder des Asow-Bataillons aufzugeben, holt aber seine Soldaten aus Tschetschenien und dem Nordkaukasus sowie Wehrpflichtige aus der Region Kursk um jeden Preis zurück. Es gibt viel Leid, aber vieles ist möglich."
Stichwörter: Russland, Ukraine

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Novaja Gazeta Europe

Wieviele russische Soldaten werden wohl nach dem Ende des Ukraine-Kriegs ins zivile Leben zurückkehren? Diese Frage stellt sich Sonya Richter, denn es existiert kein genaues Kataster. Stattdessen sammeln russische Medien wie Mediazone und Meduza Daten über mobilisierte Soldaten, addieren Freiwillige und ziehen die Toten - auch hier gibt es keine offiziellen Zahlen - ab. "Rechnet man diese Kategorien zusammen, lässt sich ein grober Überblick darüber gewinnen, wer bereits zurückgekehrt ist: rund 300.000 schwer verwundete oder behinderte Soldaten, etwa 30.000 begnadigte Gefangene, die vor August 2023 rekrutiert wurden, 50.000 oder mehr Freiwillige von Wagner, Akhmat und BARS sowie eine unbekannte Anzahl von Personen, die entweder vor der Mobilmachung abgereist sind oder vor der Änderung der Vorschriften das Dienstalter überschritten haben. Es handelt sich um ein Flickwerk, das aus den wenigen Quellen zusammengestellt wurde, für die zufällig unabhängige Daten vorliegen. Wie viele Soldaten müssen noch zurückkehren? In den letzten Jahren entsprach die Rekrutierungsrate den russischen Verlusten auf dem Schlachtfeld oder übertraf diese sogar. Dadurch konnte die russische Armee eine stabile Truppenstärke von 700.000 Soldaten in der Ukraine aufrechterhalten. Sofern sich die Art der Kämpfe nicht dramatisch ändert, bedeutet dies, dass nach Kriegsende noch weitere 700.000 Menschen nach Hause kommen könnten. ... Es ist unklar, ob Veteranen tatsächlich Unterstützung bei der Wiedereingliederung erhalten oder ob häusliche Gewalt und das Risiko der Veteranen, Opfer von Straftaten zu werden, gestiegen sind. Das bislang deutlichste Signal geht von Gerichtsdaten aus. Novaya Gazeta Europe hat rund 8.000 strafrechtliche Verurteilungen identifiziert, an denen Veteranen des Krieges in der Ukraine beteiligt waren. Unter den wegen Mordes und schwerer Körperverletzung Verurteilten sind ehemalige Soldaten weitaus häufiger vertreten als in der männlichen Gesamtbevölkerung. Das wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich der Herausforderungen auf, denen sich Russland stellen muss, wenn immer mehr Veteranen nach Hause zurückkehren."
Stichwörter: Russland, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - Novaja Gazeta Europe

Die russische Mode-Industrie liegt am Boden und immer mehr Unternehmer verlagern die Produktion Richtung Ausland, erzählt Katya Fedorova. "Wie die Gesprächspartner von Novaya Gazeta Europe berichteten, sind selbst die wohlhabendsten Käufer sparsam geworden - anhaltende Unsicherheit veranlasst sie, Geld 'für alle Fälle' zurückzulegen. Laut Lidiya greifen reiche Kunden nun wieder auf ihre eigenen Kleiderschränke zurück und lassen Luxusartikel aus früheren Kollektionen reparieren. (...) Auf die Frage, ob sich ihr Vertrauen in die Regierung zuletzt verändert habe, antwortet Marina: 'Machen Sie Witze?' Dann erklärt sie: 'Wenn mir jemand sagte: 'Marina, an diesem Tag gehen wir alle auf die Straße', wäre ich die Erste, die mit einer Heugabel hingeht. (...) Früher habe ich über [solche Menschen] gelacht - ich dachte, man kann das System nicht schlagen. Aber jetzt bin ich bereit, auf die Barrikaden zu gehen, denn was sie gerade tun, zerstört schlicht die Unternehmen.'"
Stichwörter: Russland

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - Novaja Gazeta Europe

Im Dezember kenterte ein Öl-Transporter vor der russischen Stadt Anapa, was eine große Umweltkatastrophe auslöste. Anderthalb Jahre danach sind freiwillige vor Ort immer noch damit beschäftigt den kontaminierten Sand abzutragen und Tiere zu retten, schreibt das russische Nachrichtenmedium Veter (die englische Übersetzung erschien bei der Novaja Gazeta Europe). Für Umweltschutz interessiert sich die russische Regierung dabei allerdings nur wenig, doch Anapa ist das Sommerurlaubsziel für Russen schlechthin. "Unterdessen bemüht sich die Regierung aktiv darum, die Katastrophe als längst vergangene Angelegenheit darzustellen. Am 27. März erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Vitali Saweljew, das Wasser in Anapa sei 'zum Baden geeignet' und die Tourismussaison werde, 'wenn alles nach Plan verläuft', am 1. Juni beginnen. Am selben Tag kündigte der Gouverneur von Krasnodar, Veniamin Kondratyev, an, dass die Strände von Anapa bis Vitazevo bis zum Sommer mit einer zusätzlichen Sandschicht aufgefüllt würden, die aus Steinbrüchen im Bezirk Temryuksky herangeschafft werde. Staatliche Medien veröffentlichten Aussagen von Forschern der Staatlichen Universität Kuban, wonach das im Sand verbliebene Öl 'nicht aufgefangen werden kann' und dass etwaige Ölrückstände, die noch gelegentlich an den Stränden zu finden seien, 'keine schädlichen Substanzen mehr freisetzen'. Die Gebiete außerhalb der Stadt wurden nicht erwähnt.'" Freiwillige vor Ort befürchten, dass die russischen Behörden Säuberungsarbeiten von nun an unterbinden werden, da sie nicht wollen, dass Touristen irgendeinen Verdacht schöpfen. "'Man muss verstehen, dass wir nicht gegen die Eröffnung der Saison sind. Wir leben hier. Und wir wissen, dass Anapa ohne Touristen kein weiteres Jahr überstehen kann', sagt [die Freiwillige] Zhanna Rybak. 'Wir bitten nur darum, dass die Leute das zu Ende bringen, was wir alle am 17. Dezember 2024 begonnen haben.'"