
Wenn
russische Soldaten sterben, werden ihre Überreste - sofern vorhanden - an ihre Familien zurückgeschickt. Manchmal passiert es aber, dass Familien die
falsche Leiche zugeschickt bekommen, wie viele das sind, weiß niemand,
berichtet Lyalya Bulanova. So zum Beispiel bei Olesya, deren Sohn Alexey für die
Wagner-
Gruppe in Bachmut gekämpft hat. "Drei Monate später, am 13. April 2023, klingelte das Telefon: 'Hallo, Olesya Wladimirowna? Ihr Sohn ist gestorben. Kommen Sie morgen vorbei, um das Geld für die Beerdigung abzuholen.' Vertreter der Wagner-Gruppe erklärten, sie hätten Alexey anhand seiner Tätowierung und seiner Fingerabdrücke identifiziert. Olesya gab keine DNA-Probe ab und zog es nicht einmal in Betracht, den Zinksarg zu öffnen. 'Er starb am 7. Januar und wurde am 16. April beerdigt. Ich wäre niemals hingegangen, um [die Leiche] anzusehen', erklärt sie. 'Ich legte meine Brust direkt auf den Sarg im Leichenwagen und konnte den
Leichengeruch riechen. Ich spürte, dass dort eine Leiche lag', fährt Olesya fort und erinnert sich an den Tag der Beerdigung. 'Die [Wagner-Gruppe] gab mir Geld, und es gab all diese militärischen Ehren: einen Salutschuss, Soldaten, die den Sarg zu Musik hinaustrugen, und ein Vertreter des Gouverneursbüros war anwesend.
Alles verlief reibungslos; es war feierlich.' Bei der Beerdigung sagten Freunde und Nachbarn zu Olesya: 'Weine nicht. Er ist doch dein Held, weißt du?' Doch unmittelbar nach der Zeremonie sagte sie zu ihrer Tochter Vera: 'Ich habe das Gefühl, dass er es nicht ist.' Dennoch besuchte Olesya das Grab regelmäßig. Sie pflanzte dort Blumen, gab aber die Hoffnung nicht auf, dass Alexey noch am Leben sei - schließlich hatte er sie gewarnt, dass er nicht anrufen könne. Mit der Zeit fand sie jedoch ihren Frieden mit dem Tod ihres Sohnes." Dann kamen eines Tages Militärs, erklärten, dass sie die
wirkliche Leiche von ihrem Sohn dabei hätten und dass die zuvor bestattete Leiche nicht ihr Sohn ist. "Olesya hat nur vage Erinnerungen an die Exhumierung. Sie erinnert sich, dass sie mit ihren Angehörigen dastand und weinte, als auf dem Grab ein Lagerfeuer entzündet wurde, um den
gefrorenen Boden aufzuwärmen. Dann wurde das Grab ausgehoben, und 'dieser Sarg wurde herausgenommen und dieser hineingelegt'. Die Bezirksverwaltung bestätigte, dass eine Exhumierung stattgefunden habe, gab jedoch nicht bekannt, wessen sterbliche Überreste fast ein Jahr lang in Alexeys Grab gelegen hatten. Auch Olesya weiß es nicht. Bis heute macht sie sich Sorgen, dass auch die zweite Leiche nicht wirklich die ihres Sohnes war: 'Mein Verstand weiß es, aber meine Seele weigert sich zu akzeptieren, dass er tot ist.'"