Magazinrundschau

Von der Freiheit der Liebe

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.05.2026. New Lines analysiert die neue Rolle Pakistans in der Weltpolitik. Im Merkur überlegt Claus Leggewie, ob und wie sich Klimaschutz auf der Erde mit dem Schutz der Meere verbinden lässt. Die London Review sieht da mit Blick auf Russlands Arktis-Politik wenig Chancen. In Elet es Irodalom hofft die Dichterin Timea Turi auf autonome ungarische Bürger. Antizionismus ist keine Position, er ist eine Weltanschauung, warnt Hussein Aboubakr Mansour in Substack die Demokraten.

New Lines Magazine (USA), 04.05.2026

Surbhi Gupta beleuchtet die neue Rolle Pakistans im Nahen Osten. Bei den Friedensgesprächen zwischen den USA und Iran nahm das Land eine wichtige Rolle als Vermittler ein, resümiert Gupta, gleichzeitig nähern sich Staaten wie Saudi-Arabien Pakistan als potentiellem Partner an: "Experten zufolge signalisiert Pakistans zunehmendes diplomatisches und militärisches Engagement im Nahen Osten eine Neuausrichtung seiner strategischen Identität und erweitert seine Rolle über Südasien hinaus. Es entwickelt sich neben Saudi-Arabien und der Türkei zu einer aufstrebenden 'dritten Säule' in Südwestasien - eine Entwicklung, die durch die Konfrontation mit Indien im Mai 2025 beschleunigt und sowohl durch den zwölftägigen Krieg zwischen Israel und dem Iran als auch durch den aktuellen Krieg gegen den Iran weiter geprägt wurde. Diese neue Phase des pakistanischen Engagements in Südwestasien ist jedoch auch von einer veränderten Sicherheitslage am Golf geprägt, wo jüngste iranische Angriffe Schwachstellen offengelegt haben." Ungeachtet "des Ausgangs des Konflikts sind Experten der Ansicht, dass das Ansehen der USA in der Region gelitten hat. 'Dies fühlt sich wie ein Wendepunkt an, an dem sich ältere Sicherheitsstrukturen verschieben und die Rolle der USA als Sicherheitsgarant weiterentwickelt', sagt Fahd Humayun, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Tufts University." Da "Staaten hinterfragen, ob sie ihre eigene Abschreckung gewährleisten können - die nur durch Nuklearwaffen vollständig sichergestellt werden kann -, wenden sie sich externen Partnern zu. 'Doch die Optionen sind begrenzt', sagte Humayun. 'Die Glaubwürdigkeit der USA hat gelitten, und auch die Rolle Europas und Großbritanniens als Vermittler war in dieser Krise auffallend schwach.' Dies hat Pakistan eine Chance eröffnet."

Merkur (Deutschland), 04.05.2026

Tief taucht Claus Leggewie in der Ausstellung "Midnight Zone" im Kunstmuseum Wolfsburg: Der französisch-schweizerische Künstler, Taucher und Meeresforscher Julian Charrière gewährt Leggewie mit einer in die Tiefe herabgelassenen, sich drehenden Fresnel-Leuchte einzigartige Einblicke in die Tiefen des Ozeans und macht noch einmal auf eine ganz neue Art klar, wie schützenswert dieser Lebensraum ist und wie gefährdet gleichzeitig. Lange jedoch sind die Meeresböden schon im Blick der großen Konzerne und Charrières Rat, "Rohstoffe in großer Fülle unangetastet im Boden zu lassen", um Umweltkatastrophen wie beispielsweise das Kippen des Golfstromes zu vermeiden, ist natürlich nicht in ihrem Interesse: "Der Meeresboden an den Küsten ist schon immer auch ein Rohstoffreservoir von Sand und Kies, Zinn und Titan, Gold und Diamanten, hinzu kam die Offshore-Förderung von Erdöl und Erdgas. Seit einigen Jahren stellen sich Teile der Weltwirtschaft auf Dekarbonisierung ein und wollen den in der Industriellen Revolution eingeschlagenen Pfad der Verbrennung von CO2-haltigen Stoffen verlassen. Doch die meisten Industrie- und Schwellenländer steigen lediglich auf eine andere Form von Extraktion um. Da die Erde weitgehend ausgeplündert ist und Mond und Mars riskante Bergbau-Utopien bleiben, bekommt die Tiefsee den fragwürdigen Status einer 'next (und womöglich last) frontier'." Schützt man nun die Meere oder mit Hilfe ihrer Rohstoffe die Natur auf der Erde? Irgendwie muss beides möglich sein, überlegt Legewie: "Der 'grüne' Kompromiss (und das sei ohne Häme gesagt) besteht darin, Zeit zu gewinnen, die man angesichts der planetaren Kipppunkte eigentlich nicht mehr hat, und zunächst die ökologischen Folgen des Meeresbergbaus genauer zu erforschen, ihn präventiv auf die Agenda multilateraler Gipfeltreffen und internationaler Organisationen zu setzen und einstweilen ein Moratorium gegen weitere Explorationen und künftige Extraktionen durchzusetzen."
Archiv: Merkur

London Review of Books (UK), 07.05.2026

Laleh Khalili beschäftigt sich mit Geschichte und Gegenwart der Nordpolarregion - aus geostrategischer Perspektive. Schon seit Jahrhunderten verfolgen diverse Großmächte in der Region ihre Machtinteressen. Der Klimawandel beschleunigt die Bemühungen, weil die nordischen Seewege aufgrund schwindender Eismassen immer leichter passierbar sind. "Im Jahr 2012 verabschiedete Russland ein Gesetz, das darauf abzielte, seinen territorialen Anspruch auf Teile des Arktischen Ozeans zu begründen. Ein Jahr später erreichte der Verkehr auf der Nördlichen Seeroute sein bislang größtes Volumen: 71 Schiffe, darunter 25 unter fremder Flagge, passierten in beide Richtungen nahe der sibirischen Küste. (...) Im Jahr 2015 beantragte Russland bei der UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels seine ausschließliche Wirtschaftszone in der Arktis auf 200 Seemeilen auszudehnen. 2023 stimmte die Kommission zu, dass ein Großteil der von Russland beanspruchten unterseeischen Topografie - der Alpha-Mendelejew-Rücken, das Podwodnikow-Becken und der Lomonossow-Rücken - als natürliche Fortsetzungen seines Festlandsockels eingestuft werden könne." Auch die USA interessieren sich nicht erst seit Trump für die Region: "All dies setzte auf der anderen Seite der Arktis eine Welle intensiver Aktivitäten in Gang. Die zuvor vergessene Region wurde plötzlich in den USA und Kanada zum Trendthema: Räte, transnationale Organisationen, Denkfabriken und NGOs betrieben Forschung und veröffentlichten Bericht um Bericht."

Noch einmal auf den Machtwechsel in Ungarn blickt Jan-Werner Müller. War es wirklich die Empörung über die immer sichtbarere Korruption des Orbán-Systems, die dessen Fall bewirkte? Müller hält eine andere Erklärung für wahrscheinlicher. Orbáns Herausforderer Péter Magyar "erkannte, dass die Wahlkreise so zugeschnitten worden waren, dass eine gespaltene Opposition keine Chance hatte, an die Macht zu kommen; und so sehr Oppositionsparteien auch in den Städten dominieren mochten, war der Gewinn von Wahlkreisen auf dem Land entscheidend für den Sieg. Deshalb tat er etwas, das frühere Oppositionsfiguren nie ernsthaft versucht hatten: Über einen Zeitraum von zwei Jahren besuchte er Hunderte von Dörfern und hielt mitunter bis zu sechs Kundgebungen am Tag ab. Dies war auch ein Weg, das Problem zu umgehen, dass Vertraute von Fidesz die lokale Presse kontrollierten. Seine Kundgebungen folgten einem bestimmten Muster: Mit einer ungarischen Flagge auftretend, hielt er eine Rede, in der er aus Volksepen und Gedichten zitierte (oft gemeinsam mit seinem Publikum), und forderte die Menge auf, keine Angst zu haben. Gewöhnliche Bürger nahmen ihn in ihren Häusern auf und fuhren ihn in ihren Autos herum. Vor allem junge Menschen reagierten auf Magyars Botschaft und seinen Stil. Jugendliche verglichen ihn mit Sándor Petőfi, dem großen Nationaldichter, dessen Werk die Revolution von 1848 inspirierte. Petőfis berühmte Zeile 'Jetzt oder nie' wurde zu einem Slogan der Tisza; die Verwendung der Symbole von 1848 deutete darauf hin, dass Orbán ein feudales System geschaffen habe, das gestürzt werden müsse."

Eurozine (Österreich), 04.05.2026

Als "wegweisend und unvergesslich" bezeichnet Stefano Bottoni die Niederlage Victor Orbáns bei den ungarischen Wahlen. Möglich gemacht wurde dieser Umbruch nicht nur durch jahrelange strategische Arbeit der Tisza-Partei und Péter Magyars, sondern auch durch eine Graswurzelbewegung, die sich "in einem außergewöhnlichen Akt der Volksmobilisierung systematischer Einschüchterung entgegenstellte". Seit "2024 haben sich in Hunderten ungarischer Ortschaften spontan über zweitausend 'Thiza-Inseln' gebildet, darunter auch Dörfer, in denen es vermutlich seit 1945/46 oder den turbulenten Tagen des Aufstands von 1956 keine politische Aktivität mehr gegeben hat. Obwohl sich die genaue Zahl nicht schätzen lässt, kann man mit Sicherheit sagen, dass sich in den letzten zwei Jahren Hunderttausende Menschen aktiv in der Oppositionspolitik engagiert haben. Und das in einem Land mit kaum acht Millionen potenziellen Wählern. Die Thiza-Inseln haben keinen Rechtsstatus und sind nicht formell mit der kleinen Parteizentrale verbunden. Ihre Mitglieder bilden eine basisdemokratische Bürgergemeinschaft." Das beste Beispiel für Basisaktivismus lieferte Tisza am Wahltag, als sie 50.000 unbezahlte Freiwillige mobilisierte, die "in den Wahllokalen patrouillierten, die am stärksten vom Stimmenkaufsystem betroffen waren, das die Fidesz' etabliert hatte. Wie der Dokumentarfilm 'A szavazat ára' ('Der Preis der Stimme') aufdeckte, reichte dies vom Transport von Wählern zu den Wahllokalen bis hin zur Ausgabe von Alkohol und Drogen an Abhängige. ... In den Gebieten, in denen der 'Wahltourismus' am strengsten überwacht wurde, hinderten die Beobachter Zehntausende Menschen daran, ihre Stimme in betrügerischer Absicht abzugeben."
Archiv: Eurozine

Elet es Irodalom (Ungarn), 30.04.2026

Die Dichterin Timea Turi denkt darüber nach, was der Wahlsieg Péter Magyars für die Ungarn bedeutet, welchen Aufgaben sie sich stellen müssen: "Wenn wir die Vorstellung aufgeben, dass sich ein Mensch ändern kann, dann haben wir alles aufgegeben. Wenn wir glauben, dass jede Entscheidung im Berufs- oder Privatleben den anderen in unseren Augen ein für alle Mal festlegt, dann sind wir nicht einen Deut besser geworden. Niemand hat gesagt, dass es einfach sein wird. Aber man sollte es zumindest versuchen. Wie Esterházy 1993 - also nach einem anderen Systemwechsel - schrieb: 'Frei zu sein bedeutet nicht, im Urlaub zu sein, es ist keine leichte Unbedingtheit, frei zu sein ist schwer. Schwer und gut.' (…) Vor kurzem ist Ádám Nádasdy gestorben, der nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen verschiedenen Generationen und sozialen Schichten übersetzte. Wir, die wir dabei waren, werden seine Beerdigung nie vergessen, die würdevolle und schweigende Menschenmenge. In mehreren Trauerreden und Rückblicken wurde angesprochen: Wie schade, dass Nádasdy das Wahlergebnis nicht mehr erleben konnte. Ich empfinde diese Aussage zugleich als wahr und als unzutreffend: Denn wenn es einen autonomen Menschen gab, genauer gesagt einen Menschen, von dem wir Autonomie lernen konnten, dann war er es - Systeme kommen und gehen, das hat er immer angedeutet, Tradition, Kultur und Arbeit bleiben, das wird uns verbinden. Die ungarische Gesellschaft hat ihre Prüfung in Sachen Akzeptanz nicht erst mit Bravour bestanden, als der neu gewählte Ministerpräsident am Abend des 12. April (zu Recht) auch von der Freiheit der Liebe sprach, sondern als die Haltung der Menschenmenge beim Pride 2025 deutlich machte: Es gibt eine große Gruppe, vor deren gesellschaftlichem Druck die Machthaber zurückweichen. Wir haben die Führungskräfte abgelöst - jetzt kommt der schwierige Teil: Jetzt müssen wir unsere alten Gewohnheiten ablegen."
Stichwörter: Ungarn, Turi, Timea

HVG (Ungarn), 30.04.2026

In HVG beschreibt Beate Balog die Bedeutung der ungarischen Wahlen für die Slowakei und für die Situation der ungarischen Minderheit in der Slowakei: "Fico pflegte in erster Linie gute Beziehungen zu Orbán, nicht zu den Ungarn", erinnert sie. "Was sich mit dem Sieg von Péter Magyar tatsächlich geändert hat, ist, dass Fico nun nicht mehr vorgeben muss, Interesse an der ungarischen Minderheit zu haben. Der Konflikt zwischen den beiden Staatschefs wird jedoch keinen ethnischen Charakter haben", vielmehr gehe es um die Korruption, die eine neue Wirtschaftselite hat entstehen lassen, die nichts an den Staat wird zurückgeben wollen. "Es ist kein Zufall, dass wir auch in der Slowakei mit angehaltenem Atem auf das Ergebnis der Wahlen in Ungarn gewartet haben - als wären wir selbst zur Wahl gegangen. Die Medien berichteten minütlich, mit dem Gefühl, dass wir eine für uns ebenfalls schicksalhafte Wahl verfolgen. Viele ungarische Mitbürger in der Slowakei, die Orbán nicht unterstützt haben, konnten nach langer Zeit das Gefühl haben: Diese Unterstützung ist keine Voraussetzung mehr dafür, ein 'guter Ungar' zu sein. Denn wir sind alle miteinander verbunden - schicksalhaft, im Kampf für die Demokratie."
Archiv: HVG

The Abrahamic Metacritique - Substack, Hussein Aboubakr Mansour (USA), 23.04.2026

Der ägyptisch-amerikanische Essayist Hussein Aboubakr Mansour wirft nicht nur häufig sehr instruktive Blicke auf die Geschichte der Intellektuellen in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens (unsere Resümees), er beobachtet auch die amerikanische Politik. In seinem Substack-Blog reflektiert er eine Frage, die demokratische Parteien schon vor hundert Jahren umtrieb: die jüdische Frage, die heute so zu formulieren wäre: Wie stehen wir zu Israel? Mansour eröffnet seinen Essay mit einer klaren Aussage: "Die Führung der Demokratischen Partei hat beschlossen, Israel ihrer Linken zum Fraß vorzuwerfen." So gut wie alle gemäßigten Führer der Demokratischen Partei haben sich in den letzten Monaten von Israel distanziert, so Mansour. Und dazu gehören Ikonen wie Barack Obama, der nie ein besonderer Freund Israels war und sich neulich ostentativ an der Seite Zohran Mamdanis und Kindern in Kopftuch zeigte. Die Mitte der Partei mag das für eine Konzession an ein moralisches Aufbegehren ihrer Linken halten, so Mansour. Aber es sei ein Irrtum zu denken, dass Antizionismus eine verhandelbare Position sei, "eine politische Präferenz oder ein einzelner Punkt auf einer Liste von Forderungen, der im Austausch für ein Stillhalten bei anderen Punkten zugestanden werden könne. Nein, nein, nein. Das ist ein schwerer Kategorienfehler. Antizionismus ist keine Position. Er ist eine Weltanschauung, und eine Weltanschauung funktioniert nicht so wie einzelne politische Präferenzen. Mit einer politischen Präferenz lässt sich verhandeln: Du gibst mir dies, ich gebe dir das, und wir gehen beide zufrieden nach Hause. Eine Weltanschauung dagegen ist die Struktur, aus der alle Positionen hervorgehen, die Logik, die bestimmt, welche Sätze ausgesprochen werden können und welche nicht, und wenn man die Weltanschauung aufgibt, hat man keinen Frieden in den anderen Fragen erkauft. Man hat genau jene Logik aufgegeben, nach der alle anderen Fragen entschieden werden."

Quillette (Australien), 19.04.2026

Auch Brian Stewart fürchtet in Quillette ein ähnliches Aufweichen der Demokratischen Partei gegenüber extremistischen Positionen, wie es bei den Republikanern in Bezug auf Trump längst geschehen ist. Eine Figur, in der sich das Phänomen kristallisiert, ist der Twitch- und Youtube-Infuencer Hasan Piker, eine Art Uber-Tilo-Jung mit Abermillionen Followern - und natürlich vom demokratischen Establishment umworben. Durch seinen publizistischen Einfluss, fürchtet Stewart, kann Piker mitbestimmen, welche demokratischen Kandidaten fashionable sind. "Pikers Liste provokativer und anderweitig kritikwürdiger Äußerungen ist lang und deckt alle üblichen Bereiche radikaler linker Idiotie ab. Er hat gesagt, dass 'der Zusammenbruch der UdSSR eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts war'" (eine Aussage, die so stark an Wladimir Putin erinnert, dass es wie trolling klingt). Er argumentiert, dass die amerikanische Unipolarität nach dem Ende des Kalten Krieges den Aufstieg des Neoliberalismus beschleunigt habe, dem er die Missstände der modernen Welt zuschreibt. Er hat Russlands Annexion der Krim verteidigt, und das meiste, was er über die Ukraine sagt, spiegelt die russischen Argumente über das Vordringen der NATO wider. Er reiste nach Kuba, um seine Solidarität mit dem dortigen moribunden Despotismus zu bekunden. Und nachdem er den Tiananmen-Platz anlässlich der chinesischen Flaggenzeremonie vor Maos Porträt besucht hatte, fragte er sich, ob das kommunistische Regime in China 'ein Beispiel bietet, von dem wir lernen sollten'." Dass er Israel hasst, versteht sich von selbst. Aber all das hielt Medien wie die New York Times (hier) oder den New Yorker nicht ab, Piker in wärmsten Worten zu verteidigen.
Archiv: Quillette

The Baffler (USA), 29.04.2026

Jeffrey Arlo Brown fällt beim Konzert des Deutsch-Romantischen Orchesters im Funkhaus Berlin aus allen Wolken: Die Darbietung ist von geradezu einschneidender Mittelmäßigkeit - und dennoch herrscht eine ausgelassene Bussi-Bussi-Stimmung (was auch am gratis Eintritt, der handverlesenen Gästeliste und dem freien Essen liegen mag). Dirigiert hat es Marina Quasha, über die man nicht viel mehr erfährt als dass sie offenbar stinkreich ist und sich das Orchester gekauft hat, um ihre Träume von einer Dirigentenkarriere zu erfüllen. Für Brown bietet sich an diesem Abend ein Ausblick auf eine dystopische Zukunft der Klassik in Form des "Aufstiegs von Pay-to-Play, einer erlesenen musikalischen Erfahrung für die Ultra-Wohlhabenden". Denn: Immer mehr Leute, die es sich leisten können, verwirklichen sich den Traum vom Dirigentsein nicht durch jahrelange Exerzitien, sondern nehmen die Abkürzung übers Bankkonto. "Diese ganze Als-Ob-Kunstanfertigung hat eine unheimliche Qualität. Die Konzerte ähneln visuell und klanglich normalen Konzerten sehr, mit professionellen Musikern, die das Gefuchtel der reichen Amateure aufgreifen. Zunächst lässt sich der Effekt im Großen und Ganzen kaum benennen, aber im Grunde läuft es darauf hinaus: Reiche bauen sich ihre eigene klassische Welt. ... Darin lauern zum Teil auch politische Gefahren: Werden klamme Regierungen wie die Deutschlands solche Projekte wie das DRO sehen und sich dazu entscheiden, dass sie für ihre einzigartig diverses, öffentlich finanziertes Netzwerk von 129 professionelle Orchester nicht mehr zu zahlen brauchen, wenn eine reiche Person mit Vergnügen die Zeche zahlt und sich ein eigenes aufbaut? Die ästhetischen Konsequenzen sind dabei noch deprimierender. Je weiter Quasha und Konsorten ein paralleles klassisches Musiksystem aufbauen, in dem Cash König ist, umso mehr verliert die Meritokratie ihren Rang als Ideal. ... Oligarchie ruiniert alles, sogar Brahms' Erste."
Archiv: The Baffler

Irozhlas (Tschechien), 04.05.2026



Zum hundertsten Geburtstag der legendären tschechischen Marionetten Spejbl und Hurvínek gibt es in der Tschechischen Republik derzeit verschiedene Hommagen. Während das Magazin Respekt dem Puppenduo letzte Woche seinen Heftschwerpunkt gewidmet hat (leider nur unter Bezahlschranke), berichtet Jitka Englová im tschechischen Rundfunk nun aus Pilsen, wo man anlässlich des Pilsner Freiheitsfests den Spuren des Puppenspielers Josef Skupa folgte, der die Figuren entwarf und 1926 im Pilsner Puppentheater erstmals auf die Bühne brachte. Von dort reisten Spejbl und Hurvínek "in mehr als dreißig Länder und sprachen in 24 Sprachen zu ihrem Publikum". Zur Zeit des Protektorats Böhmen und Mähren, so erfährt man unter anderem, waren die Puppen den Nazis "ein Dorn im Auge, da Spejbl und Hurvínek kein Blatt vor den Mund nahmen und das Geschehen um sie herum satirisch kommentierten". Daraufhin wurde ihr Erfinder Josef Skupa von der Gestapo verhaftet und nach Dresden überführt, wo ihm bei den Luftangriffen 1945 die Flucht aus dem Gefängnis gelang.
Archiv: Irozhlas

New Yorker (USA), 18.05.2026

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So bahnbrechend, wie sich die Gründerväter der USA das vorgestellt haben, waren Revolution und Unabhängigkeit vielleicht doch nicht, denkt der Historiker Daniel Immerwahr nach Lektüre von "Republic and Empire" von Andre Jackson O'Shaughnessy und Trevor Burnard, das die amerikanische Revolution aus britischer Perspektive beleuchtet, und "Freedom Round the Globe" von Sarah Pearsall, das ihre Spuren rund um den Globus verfolgt: "Die amerikanischen Siedler haben die britische Monarchie nicht gestürzt, sie sind ihr nur entkommen. Doch könnten sie immerhin dafür verantwortlich sein, dass andere Könige sich nicht halten konnten. Das zumindest glaubten sie: Dass ihre Ideen Revolutionen entzündeten." Doch anscheinend verdanken sich die Entstehung der USA mehr einem riesigen historischen Kuddelmuddel, auf das die Revolutionäre wenig Einfluss hatten. Ganz abgesehen davon, dass am Ende eben doch nicht "alle Menschen frei geboren" waren - jedenfalls nicht so lange, wie die Sklaverei abgeschafft war, was die amerikanische Revolution für Immerwahr und die Buchautoren zu entwerten scheint. "Gegen Ende seines Lebens schrieb Jefferson an Adams, dass 'die am 4. Juli 1776 entfachteten Flammen' sich 'über einen zu großen Teil der Welt ausgebreitet hätten, um gelöscht zu werden'. Das ist eine vertraute Vorstellung: die Vereinigten Staaten, die die Welt erleuchten. Die Bücher von Burnard, O'Shaughnessy und Pearsall kehren den Blickwinkel um und zeigen die Revolution von außen. In diesem Licht erscheint sie anders: weniger transzendent, stärker von historischen Kräften gezeichnet. Vielleicht ist das in Ordnung. Seit 1776 haben die Amerikaner darauf bestanden, dass sie die Protagonisten der Weltgeschichte seien. Nach dem Zweiten Weltkrieg katapultierten sie sich tatsächlich in eine Position der Vorherrschaft. Dies war eine weitere Wendung des Schicksals oder der Launen des Zufalls, doch viele Amerikaner nahmen dieses enorme Glück als ihr rechtmäßiges Anrecht wahr. Dieser historische Egoismus beflügelte ihre kühnsten Ambitionen. War das gesund? Jeffersons Vision von amerikanischen Flammen, die den Planeten entzünden, wirkt heute anders. Man könnte es heutzutage jemandem verzeihen, wenn er sich wünschte, die Vereinigten Staaten würden in den Weltangelegenheiten eine etwas weniger zentrale Rolle spielen. Dass ihre Bewohner ein Volk unter vielen wären, genau wie alle anderen auch."
Archiv: New Yorker