
In Tschechien läuft gerade der Kafka-Film "Franz" (
Trailer) der polnischen Regisseurin
Agnieszka Holland an. Holland, die in den 1960er Jahren an der Prager Filmhochschule studierte, weist im
Gespräch mit Lucie Výborná auf die Paradoxien von
Kafkas Prager Existenz hin: Besonders nach dem Ersten Weltkrieg sei seine Entfremdung groß gewesen, weil er zum einen Jude war, "aber kein wirklich jüdischer Jude, er war nicht religiös", zum anderen tschechoslowakischer Staatsbürger, aber zugleich hatten die Tschechen in ihrer neugeschaffenen Nation "keine besondere Wertschätzung für einen Juden, der
auf Deutsch schrieb. Und auch die Deutschen betrachteten ihn nicht als den ihren." Schon darum sei er ein Außenseiter gewesen, nicht nur wegen seiner charakterlichen Disposition. "Dann kam der Zweite Weltkrieg, in dem fast seine gesamte Familie umkam." Und nach dem Krieg sei er weltberühmt geworden, man habe in seiner Vision einer entmenschlichten Welt die Prophezeiung des Holocaust erkannt. Doch dann kam der Stalinismus in die Tschechoslowakei "und Kafkas Werke wurden weder gedruckt noch gelesen, er galt als
bourgeoiser Perverser." Das änderte sich mit dem Prager Frühling, den Holland hautnah miterlebte. "Er begann unter anderem mit einer Konferenz über Kafka, die der tschechoslowakische Schriftstellerverband organisierte." Agnieszka Holland besuchte auch die Literaturgeschichtsvorlesungen ihres Professors
Milan Kundera, der sich auf die deutschsprachige Literatur konzentriert habe und "hauptsächlich über Kafka, Broch, Musil und Thomas Mann sprach, aber außer Mann hatten meine Kommilitonen nichts davon gelesen, sie kannten es schlicht nicht. Ich war die Einzige, die Kafka komplett gelesen hatte." Eine Zeitlang wurde alles von Kafka gedruckt, dann wiederum kam die kommunistische "Normalisierung" und Kafka habe abermals als verkommener Bourgeoiser gegolten. Mit dem Kapitalismus und dem freien Unternehmertum habe sich dann herausgestellt, dass Kafka als "großartige
touristische Ware" funktionierte. "Meiner Meinung nach haben die meisten Tschechen Kafka nie wirklich als Menschen und Künstler wahrgenommen." Für Holland war von Anfang an klar, dass sie ihren Film nicht als Biopic anlegen wollte, dafür sei Kafkas Leben auch zu eintönig gewesen, seine reiche innere Welt verlangte nach einer mehr assoziativen und fragmentarischen Dramaturgie. Dabei stelle sie fest, dass vor allem jüngere Zuschauer viel mit ihrem Film-Kafka anfangen könnten. "Viele junge Menschen haben heute das Gefühl, anders zu sein und eine sogenannte
neurodivergente Persönlichkeit zu haben. Franz hatte das ganz bestimmt auch."