Magazinrundschau - Archiv

Quillette

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Magazinrundschau vom 29.09.2026 - Quillette

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf kritisiert scharf eine Ausstellung des Canadian Museum for Human Rights in Winnipeg über die Nakba: Wie so oft verschweige "Palestine Uprooted: Nakba Past and Present" den Anteil der Palästinenser am Geschehen komplett: Am 13. November 1974 hatten Yassir Arafat und sein damaliger Redenschreiber Mahmoud Darwish in einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen "die palästinensischen Araber von 1948 als unschuldige Opfer zionistischer Perfidie dargestellt. Sie diente als Rechtfertigung für den Rückgriff auf Krieg und Terror, der zu der Zeit, als Arafat sprach, die Vorgehensweise der PLO war. Arafat und Darwish haben die Verantwortung, die palästinensische und arabische Nationalisten für den Krieg von 1948 und dessen Folgen trugen, ausgeblendet. Diese Leugnung steht im Mittelpunkt der Darstellung der Ereignisse, die derzeit in einem staatlich geförderten Menschenrechtsmuseum in Kanada präsentiert wird. Weder Arafat im Jahr 1974 noch die heutige Ausstellung 'Palestine Uprooted' erwähnen, dass die Araber alle Vorschläge zur Teilung abgelehnt hatten, bevor sie 1948 in den Krieg zogen. Der erste dieser Vorschläge wurde 1937 von der Peel-Kommission der britischen Regierung unterbreitet. Die Zionisten akzeptierten ein Angebot, das einen Staat vorgesehen hätte, der weitaus kleiner gewesen wäre als der später entstandene. Die palästinensischen Araber lehnten den Vorschlag ab und ließen keinen Verhandlungsspielraum." Auch die Teilungsresolution der Vereinten Nationen 1947 akzeptierten die palästinensischen Araber nicht. Hätten sie es getan, "hätte es keinen Krieg von 1948 gegeben, und der Staat Palästina würde sich möglicherweise gemeinsam mit Israel seinem achtzigsten Jahrestag nähern". Überhaupt spiele der Krieg, der mit dem Einmarsch der Armeen vierer arabischer Staaten in Israel begann, keine Rolle in der Ausstellung, die "die Aufmerksamkeit stattdessen auf die Flüchtlinge lenkt, die durch einen von den Arabern begonnenen Angriffskrieg entstanden sind: 'Im Jahr 1948 vertrieben [jüdische] Milizen, gefolgt von israelischen Streitkräften, Zivilisten und zerstörten oder räumten Hunderte von Dörfern inmitten eines regionalen Krieges und anhaltender Instabilität. Rund 750.000 Palästinenser wurden während der Gründung des Staates Israel gewaltsam vertrieben.' Dies ist eine äußerst irreführende Darstellung der Entstehung der palästinensischen Flüchtlingskrise" und für Herf "auch ein Angriff auf die Geschichtswissenschaft und die Bemühungen von Historikern, ein wahrheitsgetreues und vollständiges Bild der Vergangenheit zu vermitteln".

Magazinrundschau vom 15.09.2026 - Quillette

Unglaublich, dass eine so kleine Gesellschaft wie die israelische ein solches Chaos entfalten kann. Sehr nützlich liest sich darum der Artikel des bekannten Historikers Benny Morris vor den Wahlen im Oktober. Wer die Lage verstehen will, muss Hausaufgaben machen. Der laut Morris aussichtsreichste Kandidat Gadi Eizenkot wird eine extrem widersprüchliche Koalition zusammenzimmern müssen - möglicher Weise mit Unterstützung einer arabischen Partei (die wiederum einen jüdischen Kovorsitzenden hat): Eines von Eizenkots Problemen "besteht darin, dass die Demokraten die Gründung eines palästinensischen Staates im Westjordanland und die Räumung vieler jüdischer Siedlungen und Außenposten auf den Hügeln im Westjordanland unterstützen (und Yair Golan wird von rechten Politikern regelmäßig als 'Verräter' angeprangert), während Avigdor Lieberman die palästinensische Staatlichkeit entschieden ablehnt. Eizenkot lehnt zwar eine palästinensische Staatlichkeit in absehbarer Zukunft ab, hat sie aber 'auf lange Sicht' nicht ausgeschlossen. Lieberman und Golan lehnen die Idee ab, die ultraorthodoxen Parteien in eine künftige Koalition nach der Wahl aufzunehmen, während Eizenkot unter bestimmten Bedingungen offen für diese Möglichkeit zu sein scheint. Und es gibt noch weitere große Streitpunkte - und es besteht keine Möglichkeit, dass eine von Eizenkot geführte Koalition ohne all diese oppositionellen Elemente zustande kommt."

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Quillette

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Wie Jeffrey Herf neulich im Israel Journal of Foreign Affairs und im Perlentaucher (alle Links), setzt sich auch der renommierte israelische Zeithistoriker Benny Morris intensiv mit Omer Bartovs Buch "Israel - What Went Wrong" auseinander. Morris ist strenger mit Israel als Herf, wirft den Israelis durchaus vor, etwa in den besetzten Gebieten ein Apartheidsregime zu betreiben. Mit Sorge benennt er auch die Radikalisierung in der israelischen Gesellschaft. Dennoch lässt er kein gutes Haar an Bartovs Buch. In einem Punkt gibt Morris Bartov allerdings recht, auch wenn seine Pointe in die genau entgegengesetzte Richtung weist: "Holocaust und Nakba sind eng miteinander verflochten. Der Holocaust trieb Hunderttausende (überlebender) europäischer Juden nach Palästina, dem einzigen Ort, der ihnen Zuflucht gewährte (trotz langwieriger, gewalttätiger Bemühungen der Palästinenser, Großbritannien dazu zu zwingen, ihnen die Einreise zu verweigern); und die Schrecken des Holocaust veranlassten die (von Schuldgefühlen geplagten) westlichen Demokratien, die Gründung eines jüdischen Staates zu unterstützen (neben einem palästinensisch-arabischen Staat). Im Jahr 1948 beteiligten sich viele Holocaust-Überlebende am Kampf der Haganah und der IDF gegen die angreifenden Palästinenser und die Armeen der einfallenden arabischen Staaten - und zweifellos motivierte die Erinnerung an den noch nicht lange zurückliegenden Holocaust die israelischen Truppen, ihre Angreifer zu besiegen, und die zionistische Führung, sich um die rasche Gründung eines Staates zu bemühen, der den Juden den Schutz bieten würde, der ihnen in Europa so schmerzlich fehlte. Und natürlich hatten die Araber im Großen und Ganzen einen deutschen Sieg im Zweiten Weltkrieg unterstützt, und der antisemitische Führer der Palästinenser, Haj Amin al-Husseini, verbrachte die Kriegsjahre in Berlin, wo er in Radiosendungen in den Nahen Osten dazu aufrief, die Juden zu schlachten. Er führte sein Volk dann in das Jahr 1948. In verschiedener Hinsicht waren der Holocaust und die Nakba also miteinander verbunden. Doch Bartovs vereinfachende Sichtweise - 'eine Tragödie, die eine andere hervorruft und aufrechterhält' - geht am Kern der Sache etwas vorbei."

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Quillette

Auch Brian Stewart fürchtet in Quillette ein ähnliches Aufweichen der Demokratischen Partei gegenüber extremistischen Positionen, wie es bei den Republikanern in Bezug auf Trump längst geschehen ist. Eine Figur, in der sich das Phänomen kristallisiert, ist der Twitch- und Youtube-Infuencer Hasan Piker, eine Art Uber-Tilo-Jung mit Abermillionen Followern - und natürlich vom demokratischen Establishment umworben. Durch seinen publizistischen Einfluss, fürchtet Stewart, kann Piker mitbestimmen, welche demokratischen Kandidaten fashionable sind. "Pikers Liste provokativer und anderweitig kritikwürdiger Äußerungen ist lang und deckt alle üblichen Bereiche radikaler linker Idiotie ab. Er hat gesagt, dass 'der Zusammenbruch der UdSSR eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts war'" (eine Aussage, die so stark an Wladimir Putin erinnert, dass es wie trolling klingt). Er argumentiert, dass die amerikanische Unipolarität nach dem Ende des Kalten Krieges den Aufstieg des Neoliberalismus beschleunigt habe, dem er die Missstände der modernen Welt zuschreibt. Er hat Russlands Annexion der Krim verteidigt, und das meiste, was er über die Ukraine sagt, spiegelt die russischen Argumente über das Vordringen der NATO wider. Er reiste nach Kuba, um seine Solidarität mit dem dortigen moribunden Despotismus zu bekunden. Und nachdem er den Tiananmen-Platz anlässlich der chinesischen Flaggenzeremonie vor Maos Porträt besucht hatte, fragte er sich, ob das kommunistische Regime in China 'ein Beispiel bietet, von dem wir lernen sollten'." Dass er Israel hasst, versteht sich von selbst. Aber all das hielt Medien wie die New York Times (hier) oder den New Yorker nicht ab, Piker in wärmsten Worten zu verteidigen.

Magazinrundschau vom 15.12.2025 - Quillette

Liberale sitzen stets unbequem zwischen allen Stühlen. Jonathan Kay, einer der Mitbegründer von Quillette, kann das in seinem jüngsten Essay nur bestätigen. Er fühlt sich im "Liberalism's Lonely-Hearts Club" recht allein. Denn es reicht für Liberale heute nicht aus, gegen den Wokismus zu kämpfen, der in Kanada seit dem "Great Awokening" vor etwa zehn Jahren besonders heftig grassiert. Gerade erst musste er miterleben, wie Qwul'sih'yah'maht (ehemals Dr. Robina Thomas), die Präsidentin der Uni von Victoria, eine Rednerin auslud, die über die Fake News der Gräber von Kamloops sprechen wollte: Erwiesenermaßen waren dort keine Leichen von Indigenen verscharrt worden, aber Qwul'sih'yah'maht fürchtete, sensible Seelen zu verletzen. Nur ist es auf der anderen Seite genauso schlimm. Kay schildert, wie er nach Corona viele scharfzüngige Mitstreiter gegen die Wokeness an die Impfschwurbler verloren hatte - Covid hatte scheinliberale Gehirne völlig erweicht. Schlimmer wurde es dann noch, als Trump zum zweiten Mal ins Amt kam. "Seitdem haben sich Kritiker des progressiven Illiberalismus in zwei separate Lager gespalten: (1) diejenigen, die weiterhin jegliche Form von Illiberalismus ablehnen (dazu gehören wir), und (2) diejenigen, die autoritäre politische Überzeugungen akzeptieren, solange die Autoritären aus dem konservativen Lager kommen." Ganz schlimm ist der Fall der freien Universität von Austin, die sich gegen die Cancel Culture gegründet hatte - finanziert von dem Investor Joe Lonsdale. Und heute? "Am 5. Dezember lobte Lonsdale, der Mitglied des Kuratoriums der Universität ist, die Politik der Trump-Regierung, 'Drogenboote zu versenken' - womit er die summarische Hinrichtung mutmaßlicher Drogenhändler auf hoher See meint. Über Peter Hegseth, den US-Verteidigungsminister, schrieb er: 'Bösewichte zu töten ist [seine] Aufgabe. Er sollte mehr damit prahlen. Männliche Wahrheit: Mutige, tugendhafte Männer schrecken das Böse ab.' Lonsdale befürwortete auch öffentliche Hinrichtungen, die er mit 'männlicher Führung' in Verbindung bringt. Er fügte hinzu, dass in Amerika zu viel 'weibliche Energie unsere Städte und Gerichte beherrscht'." Illiberalismus von beiden Seiten zu bekämpfen, ist ein einsamer Kampf, so Jay: "Aber ich sehe keine Alternative."
Stichwörter: Liberalismus

Magazinrundschau vom 09.12.2025 - Quillette

Einschüchterung in der Wissenschaft ist bei weitem nicht neu. Quillette übernimmt einen Artikel von Peggy Sastre aus Le Point. Sie zeichnet die Kontroverse um E.O. Wilsons Buch "Sociobiology - The New Synthesis" vor ziemlich genau fünfzig Jahren nach. Wilson war ein Insektenkundler. Im Jahr 1975 hatte er seine Arbeit vorgelegt. Darin analysiert er tierische Gesellschaften als geformt von evolutionären, biologischen Prozessen. In den letzten Seiten seines Buchs überträgt er seine Erkenntnisse auf die menschliche Gesellschaft und verweist auf deren Verhaftung im Biologischen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Besonders linke Wissenschaftsautoren wie der New-York-Times-Star Stephen Jay Gould führten eine zornige Fronde an und beschuldigten Wilson des Rassismus. Für Sastre ein früher Fall von "Cancel Culture". "Mehrere wissenschaftliche Rezensionen zu Wilsons Buch wurden von ihren Autoren zurückgezogen, aus Angst, den Polemikern Munition zu liefern. Niemand las Wilsons tatsächliches Werk: Die Leute lasen die Interpretationen seiner Gegner." Wissenschaftlich setzten sich Wilsons Erkenntnisse am Ende durch, so Sastre: "Der Zusammenhang zwischen Evolution und Verhalten ist mittlerweile fest etabliert. Verhaltensgenetik und Evolutionspsychologie sind etablierte Fachgebiete, und selbst ihre Gegner wissen, dass sie nicht einfach durch moralische Verurteilungen abgetan werden können."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - Quillette

Nicht nur in Kaschmir, auch zwischen Malaysien und Thailand schwelt seit Jahrhunderten ein Konflikt, der mit der Annexion des Sultanats von Patani 1902 durch die thailändische Armee eigentlich beendet sein sollte, Angehörige der muslimischen Minderheit in Thailand aber immer noch aufbringt, berichtet Imran Said anlässlich der verstärkten Bombenattentate in den letzten Wochen (mehr hier). Jahrhundertelang mussten die malayischen Herrscher im Norden der Halbinsel Tribut an den thailändischen König zahlen. Weigerungen hatten böse Folgen: "Nach der Gründung der Chakri-Dynastie (dem heutigen thailändischen Herrscherhaus) in Bangkok im Jahr 1782 weigerte sich der Herrscher von Patani kategorisch, den neuen Monarchen persönlich zu huldigen. Als Vergeltung machte 1785-86 eine siamesische Armee Patani dem Erdboden gleich. Es hieß, dass 'alle Männer, Kinder und alten Frauen ... gefesselt und auf den Boden geworfen und dann von Elefanten zu Tode getrampelt wurden'. Viertausend Malaien wurden in Ketten nach Bangkok gebracht, zusammen mit zwei riesigen Patani-Belagerungsgeschützen namens Sri Negara und Sri Patani. (Sri Patani ist heute vor dem thailändischen Verteidigungsministerium in Bangkok zu finden). ... Die siamesische Oberherrschaft und die Entbehrungen in der thailändischen Armeen trugen dazu bei, das Gefühl der muslimischen Nordmalaien zu stärken, sich von ihren thailändischen buddhistischen Oberherren abzugrenzen. Ein historischer malaiischer Text beschreibt den siamesischen König als einen 'Ungläubigen, der kein korrektes Verhalten kennt'. Dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Der thailändische König Rama III. kommentierte, dass die Thais und die Malaien in ihrer Kultur und Weltanschauung so unterschiedlich wie Öl und Wasser seien, 'aus denen man nicht eins machen kann'. Auch der islamische Glaube wurde im Widerstand gegen die Thais mobilisiert. Während eines siamesischen Feldzugs gegen den rebellischen malaiischen Staat Kedah im Jahr 1821 bezeichneten die Malaien den Konflikt als heiligen Krieg (Dschihad) gegen ein ungläubiges (kafir) Regime. Diese Erzählungen wurden von der damals aufkommenden islamischen Sekte des Wahhabismus beeinflusst, die ihren Ursprung im Nahen Osten im frühen 19. Ihre strengen und militanten Lehren wurden in den islamischen Pondok-Schulen (Hüttenschulen) der Region verbreitet."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Quillette

Frieden mit der Hisbollah, wie es heute Tom Segev in der FR forderte (unser Resümee)? Das wäre nur möglich, wenn es einen funktionierenden Staat gäbe, der die Hisbollah im Libanon in ihre Schranken weisen könnte. Davon kann aber keine Rede sein, meint Eric Bordenkircher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center for Middle East Development der UCLA: "Am Ende des Krieges mit Israel im Jahr 2006 wurde in der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates der Abzug der Hisbollah-Kräfte aus dem Südlibanon gefordert, was die Hisbollah nie befolgte. Im Gegenteil, die Miliz hat ihre Präsenz an der Grenze nur noch verstärkt. Angesichts der Neigung der Hisbollah, staatliche Entscheidungen und internationale Abkommen und Resolutionen zu ignorieren oder anzufechten, ist es völlig unrealistisch zu erwarten, dass die Hisbollah ihre Infrastruktur und die seit 2006 getätigten Investitionen an und in der Nähe der Grenze bereitwillig aufgeben würde. Das übergreifende Problem ist, dass der libanesische Staat nie erwachsen geworden ist. Nach achtzig Jahren ist er kaum mehr als eine hohle Schale, und viele Libanesen zollen ihm aufgrund seiner Schwächen und Unzulänglichkeiten nur wenig Respekt. Er verwaltet seine Wirtschaft und seine Ressourcen schlecht und ist nicht in der Lage, seine Autorität auf seinem eigenen Territorium durchzusetzen, weshalb es ihm auch nicht gelungen ist, abtrünnige Gruppen wie die Hisbollah unter Kontrolle zu bringen. Autorität, Rechenschaftspflicht und Respekt sind eingeübte, erlernte und erworbene Verhaltensweisen. Sie lassen sich nicht wie ein Wasserhahn auf- und zudrehen oder mit ausländischen Dollars kaufen, schon gar nicht in kurzer Zeit. Die Verantwortung für diesen Zustand liegt beim libanesischen Volk - Gemeinschaften, Parteien, Politiker und Einzelpersonen haben den Staat immer wieder unterminiert und geschwächt, wenn sie meinten, dies sei in ihrem Interesse. Geld und guter Wille können ein Land nicht reparieren, wenn die eigene Bevölkerung sich weigert, die notwendigen Opfer zu bringen, um eine effektive, effiziente und verantwortungsvolle Regierungsführung aufzubauen und zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - Quillette

Die Welt ist heute weniger demokratisch als zu Beginn des 21. Jahrhunderts, schreibt Matt Johnson mit Blick auf die Ausbreitung des nationalistischen Autoritarismus in den USA, Europa und Indien, den Aufstieg des chinesischen Totalitarismus und die Wiederbelebung des russischen Imperialismus. Antworten sucht Johnson bei einem Streifzug quer durch die Schriften von Francis Fukuyama: "Laut Fukuyama besteht ein wichtiger Test der liberalen Demokratie darin, ob sie 'den Wunsch nach Anerkennung' der Bürger 'angemessen befriedigt'. Das ist in liberalen Gesellschaften nicht so einfach. Fukuyama stellt fest, dass 'ausgleichende Prozesse' wie die Einrichtung großer Wohlfahrtsstaaten und ein steigendes Bildungsniveau wohlhabende Mittelschichtsgesellschaften geschaffen haben. Aber es gibt natürliche Grenzen für die Gleichheit, die der Liberalismus bieten kann. Es gibt eine ungleiche Verteilung von Talent, Arbeitsmoral und allen anderen Merkmalen (einschließlich Glück), die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, was zu 'notwendigen und unausrottbaren' Unterschieden sowie bitteren Ressentiments führt. 'Die Tatsache, dass selbst in den vollkommensten liberalen Gesellschaften weiterhin große soziale Ungleichheiten bestehen bleiben', erklärt Fukuyama, 'bedeutet, dass es eine anhaltende Spannung zwischen den beiden Prinzipien Freiheit und Gleichheit geben wird, auf denen solche Gesellschaften basieren.' (…) Die Hauptkritik der Linken an der liberalen Demokratie besteht darin, dass sie nicht in der Lage ist, Gleichheit in ausreichendem Maße zu gewährleisten. Dies hat in der Vergangenheit viele linke Bewegungen dazu veranlasst, den Liberalismus im Streben nach Gleichheit gänzlich abzulehnen. Wie Fukuyama feststellt, versuchte das 'marxistische Projekt, eine extreme Form der sozialen Gleichheit auf Kosten der Freiheit zu fördern'. In ähnlicher Weise geht die Fixierung auf die Identitätspolitik heute oft mit einer Ablehnung liberaler Grundsätze wie der individuellen Rechte und der freien Meinungsäußerung einher. Eine kurzsichtige Konzentration auf Gleichheit ist mit dem Liberalismus unvereinbar, weshalb viele Linke heute von der liberalen Demokratie desillusioniert sind. Diese Enttäuschung ist besonders unter jungen Amerikanern weit verbreitet. Eine im Dezember 2023 durchgeführte Umfrage unter amerikanischen Erwachsenen ergab, dass nur 54 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und 55 Prozent der 30- bis 44-Jährigen die Demokratie für die beste Regierungsform halten."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - Quillette

Der vor 95 Jahren ermordete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King war überzeugt, dass ein Mensch nicht nach seiner Hautfarbe beurteilt werden sollte, sondern nach seinem Charakter. Er hoffte, die Welt würde mit der Zeit und durch moralische Überzeugungskraft farbenblind werden. So gesehen scheint klar, dass er heute ein Gegner der Critical Race Theorie wäre, für die die Hervorhebung der Hautfarbe entscheidend ist, um "systemischen Rassismus" zu bekämpfen, richtig? Ganz so einfach ist es nicht, meint John R. Wood Jr. in einem Essay für Quillette. King erkannte schnell die Schwachstellen seiner These: "Obwohl die Aufhebung der Rassentrennung in Schulen und öffentlichen Unterkünften sowie die Garantie des Wahlrechts wichtige Errungenschaften waren, kamen diese Verbesserungen ausschließlich den schwarzen Amerikanern im Süden zugute, wo Jim Crow herrschte. Die Probleme leistungsschwacher Schulen, der Polizeigewalt und vor allem der Armut, unter der schwarze Stadtteile wie Harlem, Chicago und Watts litten, blieben von diesen politischen Errungenschaften unangetastet. Die wirtschaftliche Gleichstellung erwies sich als besonders schwer zu erreichen. Diejenigen Verbündeten in der Regierung und unter prominenten weißen Amerikanern, die die Bürgerrechtsbewegung unterstützt hatten, als ihr Schwerpunkt auf den bürgerlichen Freiheiten lag, erwiesen sich als weniger loyal, sobald sich der Schwerpunkt auf die Wirtschaft verlagerte. ... In einer Rede auf der Jahrestagung der Rabbinical Assembly im Jahr 1968 kritisierte Dr. King die frühere Tendenz der Bürgerrechtsbewegung - und vielleicht lag darin auch eine implizite Selbstkritik -, über Integration allein in 'ästhetischen oder romantischen Begriffen' zu sprechen. Eine solche Herangehensweise, so reflektierte Dr. King, 'endete damit, dass man einer immer noch überwiegend weißen Machtstruktur lediglich Farbe hinzufügte'. Bemerkenswerterweise befürwortet Dr. King in dieser Rede zum Teil die Art von strategischer Segregation, die von der aufkommenden Black-Power-Bewegung als Mittel für eine sinnvollere Integration, 'bei der die Macht geteilt wird', in vollem Umfang übernommen werden sollte. Dr. King beschreibt die Segregation in bestimmten Fällen als 'eine vorübergehende Zwischenstation auf dem Weg zu einer wirklich integrierten Gesellschaft'. Eine solche Segregation war gewiss nicht das Endziel; das machte Dr. King deutlich. Dennoch war er gegenüber traditionellen Ansätzen zur Aufhebung der Rassentrennung misstrauisch geworden, nachdem er Schulen und Lehrervereinigungen erlebt hatte, in denen 'der Neger ohne Macht integriert ist' - in denen schwarze Lehrer und Gemeindeleiter die herausragenden Positionen und den Einfluss verloren, die sie in ihren zuvor segregierten Einrichtungen genossen hatten."
⊳