Magazinrundschau - Archiv

Quillette

5 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - Quillette

Immer wieder erstaunlich, wie wenig hierzulande die Debatten in den unmittelbaren Nachbarländern zur Kenntnis genommen werden. So muss man erst über Bande spielen und Andy Ngos Artikel im kanadischen Magazin Quillette lesen, um von der Geschichte der dänischen Journalistin Jaleh Tavakoli zu hören, der wegen eines geteilten Links das Sorgerecht für ein Pflegekind entzogen werden soll. Tavakoli ist iranischen Ursprungs und Kolumnistin der Jyllands Posten, wo sie durchaus als islamkritisch zu bezeichnende Artikel publiziert. Die Behörden meldeten sich bei ihr, nachdem sie auf Facebook einen Link auf ein Köpfungsvideo geteilt hatte: Es ging um den Fall der dänischen Touristin Louisa Vesterager Jespersen, die in Marokko von ISIS-Terroristen umgebracht worden war. Auch Jespersens Freundin Maren Ueland ist von den Terroristen ermordet worden. In einem vierseitigen Brief erklärt die dänische Sozialbehörde, dass Tavakoli nun nicht mehr befähigt sei, ihr Pflegekind zu betreuen. Auch andere Personen, die den Link teilten, sind bestraft worden, so Ngo. "Tavakoli, die von diesem Brief immer noch erschüttert ist, glaubt, dass das Sozialamt die Frage, wie und warum das Video geteilt wurde, überhaupt nicht beachtet habe. Ihr Grund, sagt sie, war ihre Frustration darüber, dass dänische Medien zunächst nur Euphemismen benutzten, um den Mord zu beschreiben. 'Die Medien schrieben, dass die beiden tot aufgefunden worden seien und Spuren der Gewalt zeigten.' Das konnte alles heißen.'" Tavakoli muss wegen ihrer Artikel Sicherheitsauflagen beachten und hat bereits das Terrorattentat 2015 in Kopenhagen überlebt, das auf eine Gedenkveranstaltung für Charlie Hebdo verübt wurde (unser Resümee).

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - Quillette

Der kanadische Autor und Arzt Ali A. Rizvi - in Pakistan geboren, in Libyen, Saudi-Arabien und Pakistan aufgewachsen, bevor er in seinen Zwanzigern nach Kanada zog - ist ein erklärter "atheistischer Muslim" (so auch der Titel seines Buchs) und erklärt im Interview mit Quillette fröhlich, dass Millionen von Muslimen sich zum Säkularismus oder gar zum Atheismus bekennen. Warum westliche Liberale diese Muslime ignorieren oder sogar kritisieren, ist ein Missverständnis (wenn es nicht einfach Bigotterie ist), meint er: "Es gehört zum liberalen Gewissen, religiöse Minderheiten schützen zu wollen. Wenn es eine Minderheit gibt, von der man denkt, dass sie angegriffen oder verleumdet wird, will man sie schützen. Aber das führt die Liberalen in einen Wertekonflikt. Minderheitengemeinschaften haben oft sehr konservative soziale Werte, wenn man die Minderheit verteidigt, endet man leicht bei der Verteidigung dieser konservativen Werte. Viele Liberale verstehen den Unterschied nicht." Aber die Aufklärung verbreitet sich auch ohne ihre Hilfe: "Jemand fragte mich neulich, wie ich so optimistisch sein könne, was eine muslimische Aufklärung angeht, wenn wir doch den Aufstieg von Dschihadismus und Fundamentalismus sehen. Saudi-Arabien bezeichnet den Atheismus sogar als eine Form des 'Terrorismus'. Meine Antwort darauf lautet: Warum bezeichnet Saudi-Arabien Atheisten als Terroristen? ... Weil sie in ihrer Jugend einen Anstieg des Atheismus erleben. In Ländern wie Ägypten und Saudi-Arabien sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung unter 30 oder 35 Jahre alt, und sie sind all diesen neuen unterschiedlichen Ideen im Internet ausgesetzt."

Magazinrundschau vom 24.04.2018 - Quillette

Steven Pinker, Kognitionswissenschaftler und Autor des gerade erschienenen Buchs "Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism and Progress", überlegt im Email-Interview mit Quillette, was es mit der neuen alten "Progressophobie" auf sich hat, die weder Aufklärung noch Wissenschaft noch Fortschritt gelten lassen will: "Zum Teil hat es damit zu tun, dass hier Claims verteidigt werden: Kolumnisten, Kulturkritiker, literarische Intellektuelle, Geisteswissenschaftler und andere Anhänger von C.P. Snows 'Second Culture' ärgern sich über den Einfall von Wissenschaft, Daten und Quantifizierungen in Gebiete, die traditionell von ihnen beansprucht und abgeschirmt werden. Eine erstaunliche Anzahl unter ihnen sind Kulturpessimisten, die die Ideale der Aufklärung - Vernunft, Wissenschaft, Humanismus, Fortschritt - verabscheuen. Sie ziehen die Hermeneutik der analytischen Argumentation vor (einer der Gründe, warum sie mit Religion sympathisieren, selbst wenn sie Atheisten sind), sie betrachten den Genuss elitärer Kunst (als Gegensatz zum Wohlergehen der Masse der Menschheit) als höchstes moralisches Gut und glauben, dass die westliche Zivilisation vor dem Untergang steht und so dekadent und degeneriert geworden ist, dass alles, was aus dem Schutt auferstehen wird, nur eine Verbesserung sein kann. Diese Überzeugungen reichen zurück bis zur Gegenaufklärung im 19. Jahrhundert und sind überraschend widerstandsfähig."
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Magazinrundschau vom 10.04.2018 - Quillette

Wie feindselig das Klima an kanadischen Universitäten und in sozialen Netzen ist, erzählt Jonathan Kay in dem Blog Quillette in bestürzender Eindringlichkeit am Beispiel Margaret Atwoods, die zum Opfer eines beispiellosen Twitter-Shitstorms wurde, nachdem sie ihren Kollegen Steven Galloway verteidigt hatte, der zu Unrecht der sexuellen Belästung beschuldigt worden war. Kay gesteht durchaus ein, dass es in der Creative Writing-Szene an kanadischen Unis eine Menge Fälle von Missbrauch gab. Aber er sieht auch einen grundsätzlichen Generationenunterschied zwischen Atwood und der neuen Generation von Autorinnen, die aus den Kursen hervorgehen. Es seien ja fast ausschließlich "junge Autorinnen und unbekannte Uni-Leute in den Zwanziger und Dreißigern, die Atwoods aggressivste Kritiker sind. Wer ein bisschen älter ist und nur eine flüchtige Kenntnis von Atwoods Karriere hat, weiß, dass sie wie ein Hund kämpfen musste, um ihren Erfolg in der damaligen Männerwelt der kanadischen Literatur zu erringen, und dass sie ihren Platz auf den Bestsellerlisten nicht als privilegierte Dilettantin erobert hatte. Um den berühmten Spruch über Ginger Rodgers und Fred Astaire aufzunehmen: 'Atwood, tat alles, was die großen männlichen Autoren auch taten, aber rückwärts und in High Heels.'" Aus den Creative-Writing-Kursen, so Kay, kommen hingegen eine Menge Leute, die dem Missverständnis erliegen, es handle sich bei ihnen um bedeutende Autoren, besonders, da ihnen eingebläut wurde, dass bereits ihre Ehrung als Frau, Eingewanderter oder Native ihren Texten Bedeutung gebe: "Wenn sie dann abschließen und sich herausstellt, dass ihre Werke keinen Markt finden, schließen sie daraus natürlich, dass dunkle Kräfte am Werk sind."

Magazinrundschau vom 12.12.2017 - Quillette

Der kanadische Autor Jonathan Kay ist ein dezidierter Gegner des Diskurses der "kulturellen Aneignung" und erzählt einige besonders absurde Episoden aus dem Kontext seines Landes - eine Politikerin hat einen Tweet zurückgezogen, weil darin die Formel "to the left" vorkam, ein Refrain aus einem Song von Beyoncé Knowles. Für das Zitat war die Politikerin von Black-Lives-Matter-Aktivisten attackiert worden. Dennoch, sagt er, will er ein Bündnis suchen mit Anhängern dieses Diskurses, besonders unter den Ureinwohnern Kanadas: "Für die eingeborenen Menschen Kanadas sind diese Themen besonders schmerzhaft, weil ihre Gesellschaften im allgemeinen auf der mündlichen Weitergabe  von Folklore und Legenden beruhten. Es gibt über 600 First Nations-Gruppen in meinem Land, jede mit einer anderen Tradition. In vielen Fällen sind ihre Geschichten niemals wirklich schriftlich fixiert worden - auch weil rassistische Gesetze in Kanada den Gebrauch der Eingeborenensprachen und die Pflege kultureller Tradition verboten. Mitglieder dieser Communities sind empfindlich, wenn jemand von außen als erste ihre Geschichten aufschreiben wollen."

Auch Kenan Malik legt in der Art Review einen neuen Essay zum Thema vor: "Schon der Begriff der 'kulturellen Aneignung' ist unpassend. Kulturen funktionieren nicht über Aneignung, sondern über chaotische Interaktion."