
Der vor 95 Jahren ermordete schwarze Bürgerrechtler
Martin Luther King war überzeugt, dass ein Mensch nicht nach seiner Hautfarbe beurteilt werden sollte, sondern nach seinem Charakter. Er hoffte, die Welt würde mit der Zeit und durch moralische Überzeugungskraft farbenblind werden. So gesehen scheint klar, dass er heute ein Gegner der Critical Race Theorie wäre, für die die Hervorhebung der Hautfarbe entscheidend ist, um "systemischen Rassismus" zu bekämpfen, richtig? Ganz so einfach ist es nicht,
meint John R. Wood Jr. in einem Essay für
Quillette. King erkannte schnell die Schwachstellen seiner These: "Obwohl die
Aufhebung der Rassentrennung in Schulen und öffentlichen Unterkünften sowie die
Garantie des Wahlrechts wichtige Errungenschaften waren, kamen diese Verbesserungen ausschließlich den schwarzen Amerikanern im Süden zugute, wo Jim Crow herrschte. Die Probleme leistungsschwacher Schulen, der Polizeigewalt und vor allem der Armut, unter der schwarze Stadtteile wie Harlem, Chicago und Watts litten, blieben von diesen politischen Errungenschaften unangetastet. Die
wirtschaftliche Gleichstellung erwies sich als besonders schwer zu erreichen. Diejenigen Verbündeten in der Regierung und unter prominenten weißen Amerikanern, die die Bürgerrechtsbewegung unterstützt hatten, als ihr Schwerpunkt auf den bürgerlichen Freiheiten lag, erwiesen sich als
weniger loyal, sobald sich der Schwerpunkt auf die Wirtschaft verlagerte. ... In einer Rede auf der Jahrestagung der Rabbinical Assembly im Jahr 1968 kritisierte Dr. King die frühere Tendenz der Bürgerrechtsbewegung - und vielleicht lag darin auch eine implizite Selbstkritik -, über Integration allein in 'ästhetischen oder romantischen Begriffen' zu sprechen. Eine solche Herangehensweise, so reflektierte Dr. King, 'endete damit, dass man einer immer noch überwiegend weißen Machtstruktur
lediglich Farbe hinzufügte'. Bemerkenswerterweise befürwortet Dr. King in dieser Rede zum Teil die Art von strategischer Segregation, die von der aufkommenden Black-Power-Bewegung als Mittel für eine sinnvollere Integration, 'bei der die Macht geteilt wird', in vollem Umfang übernommen werden sollte. Dr. King beschreibt die Segregation in bestimmten Fällen als 'eine vorübergehende Zwischenstation auf dem Weg zu einer wirklich integrierten Gesellschaft'. Eine solche Segregation war gewiss nicht das Endziel; das machte Dr. King deutlich. Dennoch war er gegenüber traditionellen Ansätzen zur Aufhebung der Rassentrennung misstrauisch geworden, nachdem er Schulen und Lehrervereinigungen erlebt hatte, in denen 'der Neger
ohne Macht integriert ist' - in denen schwarze Lehrer und Gemeindeleiter die herausragenden Positionen und den Einfluss verloren, die sie in ihren zuvor segregierten Einrichtungen genossen hatten."