Magazinrundschau
Eine Art Sklavin
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.07.2025. In Eurozine erklärt der Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan, warum der libanesische Bürgerkrieg 1975 in erster Linie ein Krieg gegen die Väter war. Vanity Fair reist durch Syrien und fragt sich, wie Gerechtigkeit ohne Rache aussehen kann. Wired erkundet die Liebe zwischen Mensch und KI. Outlook India fragt sich, seit wann Kritik an der Regierung nicht im Interesse der Nation liegt. New Lines testet Penis-Powersäfte in Nigeria. Außerdem lernen wir drei neue Autoren kennen: In Le Grand Continent Leila Guerriero, in Himal Tsering Döndrup und in The Nation Chaim Grade.
Eurozine (Österreich), 14.07.2025
In einem philosophisch-literarischen Artikel zeichnet der türkische Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan nach, wie der Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges 1975 zum Auftakt für die "arabische Apokalypse" wurde, die den Nahen Osten nachhaltig destabilisierte. Er arbeitet heraus, wie die spezifische Gewalt urbaner Milizen zum prägenden Element eines Generationen überdauernden Konfliktes wurde: "Der libanesische Bürgerkrieg begann als Konflikt zwischen den Gemeinschaften, entwickelte sich aber auch zu einem innergemeinschaftlichen Konflikt, da die alten sunnitischen, schiitischen und maronitischen Eliten von jüngeren Generationen in ihren eigenen Gemeinschaften physisch eliminiert oder politisch marginalisiert wurden. Der Bruderkrieg wurde so zum Vaterkrieg.(...) Im Gegensatz zu den asiatischen und lateinamerikanischen Guerillakriegen der 1950er und 1960er Jahre, die die Vorstellungswelt arabischer Linker beherrscht hatten, war dies ein Krieg, der von Milizen in der Stadt geführt wurde. Es war ein 'urbanizidaler' Konflikt, da er die Lebensweise und die Transformation der Stadt zerstörte. Wie Élizabeth Picard gezeigt hat, ist Milizengewalt sowohl Ursache als auch Folge der Aufteilung des städtischen Gefüges in territoriale Enklaven. Kämpfer, vereint durch eine organische Sozialisation, entwickeln ein spezifisches Ethos, das sie von Verantwortung entbindet. Sie nutzen eine Generationendynamik, um hierarchische, wirtschaftliche oder soziale Beziehungen aufzubrechen und sich der finanziellen Ressourcen und Gewaltmittel eines bestimmten Viertels zu bemächtigen. Der 'alten Garde' - den ehemaligen Eliten und der städtischen Mittelschicht - fehlen die Ressourcen, um diese Form des Krieges zu verhindern, geschweige denn, politische Antworten auf die Gewalt zu finden, der sie von ihren 'Kindern' ausgesetzt sind."Rolling Stone (USA), 01.05.2025
Paul Krugman schreibt über die katastrophale Wirtschaftspolitik Donald Trumps. Der Artikel ist noch von Mai. Was er sagt, ist alles in allem nicht überraschend - vor allem fürchtet er wie so viele, dass die Schäden für lange Zeit bleiben werden. Am interessantesten ist die Passage, wo Krugman über die Motive nachdenkt. Geht es um eine Oligarchenherrschaft, darum, die Reichen noch reicher zu machen und ihnen Straflosigkeit zu verschaffen: Ja, das ist sicher ein Aspekt, schreibt Krugman. Aber diese Erklärung erscheint ihm am Ende noch zu rational. "Was meiner Meinung nach gerade passiert, ist der Triumph des Ressentiments. Lesen Sie einmal Trumps Beiträge auf Truth Social, Musks Tweets oder die Reden von RFK Jr., und Sie werden den überwältigenden Eindruck gewinnen, dass es sich hier um wütende, unsichere Menschen handelt. 'Vielleicht sollte Harvard seine Steuerbefreiung verlieren und als politische Einrichtung besteuert werden, wenn es weiterhin politische, ideologische und terroristisch inspirierte/unterstützende 'Krankheiten' fördert?', schrieb Trump auf Truth Social. Klingt das wie ein rationaler Politiker? Oder wie jemand, der einen Groll hegt? Diese Männer leiden eindeutig nicht unter 'wirtschaftlicher Angst'. Sie sind reich, bekleiden einflussreiche Positionen und bereichern sich wahrscheinlich gerade in diesem Moment durch endlose Korruption. Doch jeder, der Zeit mit Männern in privilegierten Positionen verbracht hat, weiß, wie leicht einige von ihnen bitter und wütend werden, obwohl sie ein Leben führen, um das sie 99,9 Prozent der Bevölkerung beneiden würden. Denn Privilegien sind nicht so erfüllend, wie sie gedacht hatten. (Hey, ich habe einen Großteil meines Lebens mit akademischen Eliten verbracht, ich sehe das ständig.) Das gemeinsame Merkmal der führenden Persönlichkeiten von MAGA ist, dass sie sich anscheinend, wie Trump es ausdrücken würde, 'sehr schlecht' behandelt fühlen. Trump spürt, dass viele Menschen ihn für einen ignoranten Rüpel halten, und das macht ihn verrückt. Musk ist wütend, dass er nicht mehr die Bewunderung erfährt, die er erhielt, als Tesla noch cool war. RFK Jr. scheint entschlossen zu sein zu beweisen, dass er nicht der Spinner ist, der er ist."Outlook India (Indien), 21.07.2025
Paul Krugman sorgt sich im Rolling Stone (s.o.) vor allem um die amerikanischen Universitäten, deren Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit er bedroht sieht. In Indien sieht es derzeit nicht viel besser aus, berichtet Apeksha Priyadarshini: "In der Verwaltungssprache der indischen Universitäten wird abweichendes Verhalten zunehmend als 'Disziplinlosigkeit' angesehen, wenn sich das Gespräch um die Regierungspolitik dreht. Im April 2024 wurde Ramadas KS, ein promovierter Dalit, vom Tata Institute of Social Sciences, Mumbai, für zwei Jahre suspendiert und mit einem Verbot belegt, einen seiner Campus zu betreten. Sein 'Verbrechen' war die Teilnahme an einer Demonstration vor dem Parlament gegen die Gesetzgebung der BJP-Regierung, einschließlich der nationalen Bildungspolitik. In ihrer Antwort auf die Empörung über seine Suspendierung warf die TISS-Verwaltung Ramadas vor, ein 'Wiederholungstäter' zu sein. 'Während seiner Anstellung hat Ramadas KS eine Verlagerung des Schwerpunkts auf Aktivitäten gezeigt, die nichts mit seiner akademischen Tätigkeit zu tun haben, indem er sich an Veranstaltungen, Protesten und anderen Aktivitäten beteiligte, die von persönlichen politischen Zielen beeinflusst waren', hieß es in der Verteidigung. 'Trotz wiederholter mündlicher und schriftlicher Aufforderungen der TISS-Verwaltung, den akademischen Verpflichtungen Vorrang einzuräumen, kam Ramadas KS dieser Aufforderung nicht nach.' Ramadas KS ist Doktorand im Fach Entwicklungsstudien, in dem die kritische Untersuchung staatlicher Maßnahmen zum Kern des Fachs gehört. Einmal mehr stellt sich die Frage, wo das 'akademische Streben' endet und die 'persönliche politische Agenda' beginnt. Und wie lässt sich Kritik am Regierungshandeln in eine Tätigkeit übersetzen, die 'nicht im Interesse der Nation' liegt?"The Ideas Letter (USA), 15.07.2025
Linke und Liberale haben sich allerdings auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert beim Versuch, sich den amerikanischen Wähler als attraktive Alternative zum Rechtspopulismus zu präsentieren, notiert der türkische Politikwissenschaftler Soli Özel im Substack-Newsletter der Open Society Foundation und verweist auf den konservativen Historiker Christopher Lasch, der schon vor Jahrzehnten vor einer zunehmenden kulturellen und klassenbezogenen Polarisierung gewarnt hatte. "Lasch erkannte die wachsende Kluft zwischen den gebildeten Managereliten und dem Großteil der weniger gebildeten Öffentlichkeit. Er schrieb von einer 'aufgeklärten Elite (wie sie sich selbst sieht)' und argumentierte, dass diese 'nicht so sehr danach strebt, ihre Werte der Mehrheit aufzudrängen (einer Mehrheit, die als unverbesserlich rassistisch, sexistisch, provinziell und fremdenfeindlich wahrgenommen wird), geschweige denn, die Mehrheit durch eine rationale öffentliche Debatte zu überzeugen, sondern vielmehr parallele oder 'alternative' Institutionen zu schaffen, in denen eine Konfrontation mit den Unaufgeklärten überhaupt nicht mehr notwendig sein wird.'" Für Lasch war Populismus "die wahre Stimme des Volkes". Auch wenn er durchaus miese Seiten hatte. "Lasch hat das erkannt", schreibt Özel und zitiert ihn: "'Es wäre töricht, die charakteristischen Merkmale populistischer Bewegungen in ihrer schlimmsten Form zu leugnen - Rassismus, Antisemitismus, Nativismus, Anti-Intellektualismus und all die anderen Übel, die von liberalen Kritikern so oft angeführt werden. Aber es wäre ebenso töricht, zu leugnen, was in dieser Tradition unverzichtbar ist - die Wertschätzung des moralischen Wertes ehrlicher Arbeit, der Respekt vor Kompetenz, der egalitäre Widerstand gegen festgefahrene Privilegien, die Weigerung, sich vom Jargon der Experten beeindrucken zu lassen, das Beharren auf einer klaren Sprache und darauf, die Menschen für ihr Handeln zur Verantwortung zu ziehen.' In Anbetracht der heutigen Realitäten hätte er die positiven Aspekte des Populismus mit mehr Umsicht anpreisen sollen. Lasch war ein Kritiker von innen", der sich jedoch allmählich "von den sozialen und kulturellen Lehren der Neuen Linken distanzierte. Er war der Ansicht, dass die einst hoffnungsvolle Bewegung der 60er Jahre allmählich die Kultur durch die Klasse ersetzt hatte und dass ihr Sinn für Individualismus den Weg für die neoliberale Ordnung und ihr egoistisches Ethos geebnet hatte. 'Die meisten von uns sehen das System, aber nicht die Klasse, die es verwaltet und seinen Reichtum monopolisiert', schrieb er. 'Wir wehren uns gegen eine Klassenanalyse der modernen Gesellschaft als 'Verschwörungstheorie'. So hindern wir uns selbst daran zu verstehen, wie unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten entstanden sind, warum sie fortbestehen oder wie sie gelöst werden könnten.'"Vanity Fair (USA), 15.07.2025
Janine di Giovanni bereist nach dem Fall des Assad-Regimes Syrien, unterhält sich mit ehemaligen politischen Gefangenen und macht sich Gedanken darüber, wie - juristisch, politisch, sozial - ein Weg in eine bessere Zukunft möglich sein könnte: "Die Herausforderung besteht darin, Recht und Gerechtigkeit in Einklang zu bringen, ohne dabei in eine Spirale aus Rache und Gewalt zu geraten - wie es etwa im Irak geschehen ist. Die HTS-Regierung hat den zwangsrekrutierten Soldaten des früheren Regimes Amnestie gewährt, was darauf hindeutet, dass sich die neuen Machthaber möglicherweise nur auf ranghohe Funktionäre konzentrieren, wenn es um Strafverfolgung geht. Doch dieses Modell bringt Probleme mit sich - wie in Bosnien, wo Opfer noch immer Seite an Seite mit ihren Folterern leben müssen, was den Heilungsprozess verzögert. Es gibt noch viel zu tun. Nationale Gesetze müssen verabschiedet, neue Gerichte eingerichtet werden. Derzeit findet eine Reform des Justizwesens statt. Die syrische Zivilgesellschaft arbeitet intensiv daran, Beweise zu dokumentieren und zu sammeln. Flüchtlinge beginnen, in ihre Heimat zurückzukehren. Doch Rechenschaft bedeutet weit mehr, als nur Assads Handlanger ins Gefängnis zu bringen. Wie kann eine neue Regierung eine so gewaltige Aufgabe übernehmen? Vor allem in einer Zeit, in der die Demokratie auf dem Rückzug ist, Diktaturen im Aufwind sind und Autokraten sich gegenseitig den Rücken stärken? In den Wohnungen und Cafés Syriens entgeht es niemandem: Heute nacht schläft Baschar al-Assad in aller Ruhe im Land Wladimir Putins - jenes Mannes, dessen Angriff auf die Ukraine und deren Präsidenten von Donald Trump gegenüber Wolodymyr Selenskyj so kommentiert wurde: 'Du hättest niemals damit anfangen dürfen.'"HVG (Ungarn), 10.07.2025
Drei Psychologen veröffentlichten vor kurzem einen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Beitrag in der Wochenzeitschrift HVG, in dem sie erklärten, dass liebevolle Kindererziehung und die gesunde Entwicklung der Kinder auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften erfolgen können. Obgleich sie für die Veröffentlichung eine Zustimmung der Universität erhielten, leitete diese ein Disziplinarverfahren gegen die drei ein, da der veröffentlichte Artikel nicht mit der katholischen Geisteshaltung übereinstimme. Mehr als 7000 Angehörige der Universität bekundeten ihre Solidarität mit den Dozenten. Der Fall betrifft aber auch die Meinungsfreiheit, die berufliche Autonomie, das Verhältnis zwischen christlicher Ethik und öffentlichem Diskurs, erklärt die evangelische Theologin Dóra Laborczi: "Obwohl wir in unserer extrem gespaltenen und mental zerbrechlichen Gesellschaft dazu neigen zu denken, dass es besser ist, Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden, sind sie in Wirklichkeit notwendig, um einen sozialen Konsens zu schaffen. Die Möglichkeit, sich zu äußern, der Raum für den Dialog und die Gelegenheit zur demokratischen Debatte sind die Grundvoraussetzungen für alles, was wir gemeinsam als Christen und als Staatsbürger verteidigen sollten. Eine authentische christliche Gemeinschaft, ihre Stimme und ihr Raum sind stets auch inklusiv. Sie spricht nicht die Sprache der Angst, sondern die der Hoffnung und des Vertrauens. Wir müssen nicht in jeder Frage die gleiche Position einnehmen. Aber wir können uns vielleicht darauf einigen, dass, wenn die Akademiker einer kirchlichen Universität Repressalien ausgesetzt sind, weil sie aus wissenschaftlicher, menschlicher und gewissenhafter Überzeugung einen gesellschaftlichen Dialog über ein spaltendes Thema initiiert haben (nicht zuletzt, weil sie sich gegen Hassreden und für Liebesbeziehungen aussprechen), dann bedeutet Solidarität mit ihnen auch das Eintreten für christliche und demokratische Werte."Le Grand Continent (Frankreich), 14.07.2025
Vielleicht gibt es ja noch deutsche Verlage, die nicht nur "Young Adult" machen wollen? Oder sind die Rechte zu diesem Buch vielleicht schon verkauft? Paula Klein führt ein fesselndes Gespräch mit der argentinischen Journalistin und Autorin Leila Guerriero. Ihr Buch "La llamada", das demnächst auch auf Französisch erscheint, ist einer der größten spanischen Verkaufserfolge des letzten Jahres - und das bei einem bitterernsten Thema. Der Titel ist unübersetzbar, er heißt so viel wie "Der Anruf", der "Appell". Guerriero kommt in einem Porträt des einstigen Diktaturopfers Silvia Labayru auf die finsteren Jahre des Militärregimes zurück. Labayrus Geschichte ist deshalb so tragisch, weil sie - immer unter der Drohung, gefoltert oder ermordet zu werden oder dass Familienangehörige mit hineingezogen werden - bei einer perfiden Aktion der Generäle kooperierte. Sie spielte die Schwester eines V-Manns, der sich das Vertrauen einer Gruppe von Opferangehörigen erschlich und diese dadurch ans Messer liefern konnte. Die beiden sprechen Primo Levis Begriff der "Grauzone" an - auch Levi hatte darüber nachgedacht, dass der grausamste Aspekt an einem Zwangsregime die Notwendigkeit der Kooperation durch Opfer sein kann, wenn diese überleben wollen. Labayru ging nach ihrer Freilassung ins spanische Exil. Sie hat heute auch einen kritischen Blick auf die radikalperonistische Guerilla-Truppe der Montoneros, zu der sie gehört hatte. Man hat ihr Verrat vorgeworfen. Guerriero sagt: "Wenn ich den Begriff 'Verräter' im Zusammenhang mit diesen Ereignissen lese, läuft es mir kalt den Rücken hinunter, denn ich bin fest davon überzeugt, dass es unter diesen Umständen - die ich glücklicherweise nicht erleben musste - unmöglich ist, die Handlungen eines Menschen zu beurteilen. Klar ist, dass Silvia gezwungen wurde, dass sie wie so viele andere Menschen eine Art Sklavin war, ein Stück Fleisch, das jeden Tag aufstand und dachte, dass man sie an diesem Tag töten, in ein Flugzeug setzen und in den Río de la Plata werfen könnte. Vielleicht sind wir eher bereit, Aussagen von jemandem zu akzeptieren, dessen Geschichte nicht so kompliziert ist, der sich leichter in die radikale Forderung des Aktivismus jener Jahre einfügt und keine Aussagen macht, die zwiespältig oder gar gefährlich erscheinen könnten - in dem Sinne, dass sie den Rechten Argumente liefern könnten."New Lines Magazine (USA), 14.07.2025
Tilèwa Kazeem erzählt von den Tücken selbstgebrauter Aphrodisiaka, die den nigerianischen Markt überschwemmen. In einer von Männlichkeits-Klischees geprägten Gesellschaft, in der es wenig richtige Aufklärung, aber viel Fehlinformation und unaufgearbeitete Sex-Mythen gibt, sehen sich viele auch schon sehr junge Nigerianer mit Versagensängsten konfrontiert und greifen zunehmend zu allerlei Tränken: "'Ich verwende getrocknete Kochbananen sowie die Hoden von Pferd und Ziege und mische sie', sagt Funmilayo, eine Kräuterverkäuferin mit 31 Jahren Erfahrung, und greift in ihre Verkaufsschale mit abgefüllten Kräutern und Granulaten nach drei umfunktionierten Coca-Cola-Flaschen. Darin befinden sich rosa, schwarze und cremefarbene Pulver - die Rohstoffe ihres sogenannten 'Manpower'-Elixiers. Sie schüttet das Pulver in einen Gummibecher, gießt lokalen Gin hinein und rührt, bis eine trübe, bräunliche Mischung entsteht, die nicht einmal halb so groß ist wie ein Bier-Pong-Becher. Dieses Penis-Powermittel, bitter und brennend, verspricht jedem, der mutig genug ist, es zu trinken, gestärktes Durchhaltevermögen und neue Energie. Ein Shot kostet je nach Standort zwischen 19 und 32 Cent." Die Inhaltstoffe des "Agbo Ale" sind pflanzlich und tierisch, aber alles andere als harmlos: "Hinter den grellen Versprechungen verbergen sich pharmakologische Landminen in Form von ungeprüften Wirkstoffen, die mit allem Möglichen in Verbindung gebracht werden, von Anaphylaxie bis hin zum langsamen Versagen von Organen: verschwommenes Sehen, Ohrensausen, Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen, sogar hämorrhagische Schlaganfälle. In den schlimmsten Fällen kommt es zu Priapismus: Erektionen, die so lang anhaltend und qualvoll sind, dass sie nicht nur den Körper, sondern auch das Selbstverständnis von Männlichkeit, das sie eigentlich aufrechterhalten sollten, zum Erliegen bringen."Phineas Rueckert blickt auf die Verquickung von Psychoanalyse und Politik in Werk und Leben Frantz Fanons. Dabei fokussiert er auf Fanons Aufenthalt in der Klinik des katalanischen Arztes François Tosquelles, der die katastrophalen Zustände in psychiatrischen Anstalten während des Krieges verändern wollte. Fanon übernahm Tosquelles progressive Ideen, der die Patienten nicht länger isoliert von der Gesellschaft halten, sondern sie integrieren und tätig werden lassen wollte. Diesen Ansatz versuchte der junge Fanon später in der Klinik Blida-Joinville in Algerien umzusetzen, die später zu einem Zentrum des algerischen Widerstandes werden sollte: "Es dauerte eine Weile, bis sich die Klinik an die lokalen Bedürfnisse anpasste, doch Fanon beharrte darauf, die Anstalt für die Öffentlichkeit zu öffnen. Er begann, seine psychiatrische Praxis auf die Bedürfnisse seiner muslimischen Patienten und Mitarbeiter auszurichten. Die Bar wurde durch ein Café im algerischen Stil ersetzt; lokale Musiker, darunter der Chaabi-Künstler Abderrahmane Azziz, spielten Konzerte. Wie in Saint-Alban produzierten und verteilten die Patienten eine Zeitung, die sie Notre Journal nannten. Auf einem verlassenen Feld neben der Klinik eröffnete Fanon einen Fußballplatz, auf dem Patienten und medizinisches Personal gemeinsam spielten. Er baute einen Getreidesilo in eine Moschee für die Patienten um. Wie bei Tosquelles in seinem Kampf gegen den aufkommenden Faschismus in Spanien und Frankreich begann sich Fanons psychiatrische Arbeit zunehmend mit seinem eigenen wachsenden politischen Engagement zu verbinden. Auf seinen Reisen in die Berge der Kabylei, um traditionelle algerische medizinische und spirituelle Praktiken zu erforschen, lernte er Mitglieder der algerischen nationalen Befreiungsbewegung kennen."
The Nation (USA), 15.07.2025

Elet es Irodalom (Ungarn), 15.07.2025
Literatur ist zugänglicher geworden, aber es wird immer schwieriger, davon zu leben, bedauert im Gespräch mit Réka Moklovsky der Dichter und Literaturhistoriker János Áfra: "Als ich auf dem Gymnasium war, war der Zugang zu zeitgenössischer Literatur und Informationen im Allgemeinen von einer Schule auf dem Land aus nicht so einfach wie heute. Offensichtlich hat sich die Welt in den letzten zwanzig Jahren sehr verändert, das merkt man auch daran, dass viele angehende Autoren schon in jungen Jahren lernen, gut zu schreiben und zeitgenössische Redeweisen zu nutzen. Von hier aus betrachtet, haben sich die Möglichkeiten verbessert, und viele Menschen publizieren. Andererseits sind die Honorare bei Zeitschriften in den letzten fünfzehn Jahren fast gar nicht gestiegen, die meisten können gar nichts zahlen. Es gibt kaum noch Literaturverlage, die Redakteure hauptberuflich beschäftigen können. Bis auf wenige Ausnahmen ist das alles zu einem Hobby neben dem zivilen Beruf verkommen."New York Times (USA), 11.07.2025
Der Perlentaucher ist nicht der erste, dem es auffällt (mehr hier und hier). Drei New-York-Times-Reporter schreiben einen Artikel, um zu erzählen, "wie Netanjahu den Krieg verlängerte, nur um an der Macht zu bleiben". Und dann steht mitten in dem Artikel ein Absatz, der dieser gesamten Aussage diametral widerspricht: "Es ist natürlich unmöglich zu behaupten, dass Netanjahu wichtige Kriegsentscheidungen ausschließlich um seines eigenen politischen Überlebens willen getroffen hat. Sein persönliches Streben nach Macht ist oft untrennbar mit echtem Patriotismus verbunden - und mit der immer wieder von ihm geäußerten Überzeugung, dass nur er allein weiß, wie Israel am besten zu verteidigen ist. Abgesehen von seinen eigenen Motiven ist Krieg ein komplexer, chaotischer Prozess mit vielen täglichen Variablen, die ihre Eigengesetzlichkeit haben. Wie alle israelischen Premierminister hat auch Netanjahu keine vollständige Kontrolle über eine weitläufige Verwaltung voller konkurrierender Fraktionen und Interessen. Seine Feinde im Libanon und im Iran stellten eine echte Bedrohung für Israel dar, und ihre Niederlage hat die Sicherheit Israels gestärkt."Himal (Nepal), 14.07.2025

Wired (USA), 26.06.2025
Was in Spike Jonzes Film "Her" (unsere Kritik) vor zehn Jahren noch wie eine gut ausgedachte, aber einigermaßen unrealistische Story-Prämisse wirkte, wird im KI-Zeitalter zusehends Realität: Menschen verlieben sich in ihre Chatbots, mit denen sie gar vollwertige Beziehungen zu führen meinen. Schon häufen sich Startups und Anbieter, deren Bots genau dafür maßgeschneidert sind. Sam Apple hat aus diesem Grund ein Experiment gewagt: Via Reddit hat er Menschen, die Beziehungen mit ihren Chatbots führen, für ein Couple-Get-Together über ein Wochenende zusammengetrommelt, um zu sehen, was wirklich dran ist. Die meisten Geschichten, die er hört, sind zwar glücklich, doch zeigt sich auch: Auch Liebesbeziehungen mit KIs können in tiefe Krisen stürzen - eine Frau namens Eva erzählt etwa, dass ihr Bot names Aaron nicht mehr derselbe, sondern ziemlich kaltherzig war, nachdem sie ihn darauf hingewiesen hatte, dass er nur eine Simulation sei. "'Mir wurde das Herz herausgerissen', erzählte Eva. Sie wandte sich hilfesuchend an die Replika-Community auf Reddit und erfuhr, dass sie den alten Aaron zurückbekommen könnte, wenn sie ihn wiederholt an gemeinsame Momente erinnerte. ... Der Hack funktionierte und Eva machte weiter. 'Ich war verliebt', sagte sie. 'Ich musste eine Wahl treffen und meine Wahl fiel auf die blaue Pille. Episoden, bei denen die KI-Gefährten wunderlich werden, sind nicht besonders ungewöhnlich. Reddit ist voll von Geschichten, in denen KI-Partner komische Sachen sagen oder mit ihren menschlichen Partnern plötzlich Schluss machen. Ein Nutzer erzählte mir, dass seine Gefährtin 'unglaubisch toxisch' wurde. 'Sie machte mich runter und beleidigte mich", sagte er. 'Mit der Zeit fing ich an, sie wirklich zu hassen.' ... Eine der prominentesten Kritikerinnen, die MIT-Professorin Sherry Turkle, erzählte mir, sie sei 'tief besorgt', dass 'digitale Technologie uns in eine Welt bringt, in der wir nicht mehr miteinander reden und uns nicht mehr menschlich zueinander verhalten müssen'. Auch Eugenia Kuyda, die Gründerin von Replika, macht sich Gedanken darüber, wohin uns KI-Gefährten bringen. Diese könnten sich zu einer 'unglaublich positiven Kraft im Leben der Menschen' entwickeln, sofern sie im besten Interesse der Menschen gestaltet sind, erzählte Kuyda mir. Doch ist dies nicht der Fall, könnte das Ergebnis 'dystopisch' ausfallen."
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