Magazinrundschau - Archiv

The Ideas Letter

4 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - The Ideas Letter

Der Medienexperte Li Jun wirft einen detaillierten Blick auf jüngere Geschichte und Gegenwart der Medien in China - und erinnert daran, dass insbesondere in den Nuller-, aber auch noch in den frühen Zehnerjahren zwar ebenfalls kein repressionsfreies Publizieren in der Volksrepublik möglich war, aber doch eine zumindest vergleichweise liberale Atmosphäre herrschte. "Mittlerweile ist der Ein-Parteien-Staat viel weniger transparent oder zugänglich für die Interessen der Öffentlichkeit und unterdrückt ihm ungenehme Presse viel gewaltvoller. Zumindest seit 2014 hat China jedes Jahr mehr Journalisten inhaftiert als jedes andere Land der Welt. Heute sind sowohl die institutionell eingebundene Nachrichtenindustrie als auch die spezielle Tradition des kritischen Journalismus in China nahezu ausgestorben. ... Einige Intellektuelle, Aktivisten und Journalisten haben China auf der Suche nach Orten, wo sie ihre Arbeiten veröffentlichen und ihre Gedanken frei äußern können, verlassen. In Tokio, Chiang Mai, Berlin, New York und Washington D.C. haben sie neue Anlaufstellen für eine chinesische Diaspora-Kultur geschaffen. ... Die Tatsache, dass selbst einige der zentralen Sprecher der Staatsmedien sich ins Exil begeben haben, zeigt nicht nur an, wie die relativ durchlässige Zensur früherer Jahre zusehends endet, sondern auch wie sich sogar die kulturelle Elite entfremdet. Journalisten und Intellektuelle unterstützen die Ziele des Regimes nicht mehr und suchen auch nicht mehr innerhalb des Systems nach Unterschlupf. ... Im Festlandchina selbst nimmt das, was vom kritischen chinesischen Journalismus im Zuge der Anpassung institutioneller und der Schließung privater Medien übrig geblieben ist, die Form kleiner, dezentralisierter Gruppierungen an. Sie sind deinstitutionalisiert (und bis zum gewissen Grad entprofessionalisiert), im hohen Maß vertikal orientiert - sie fokussieren also auf sehr spezifische Themen und Communitys - und ungleichmäßig über die Social-Media-Landschaft verteilt."

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - The Ideas Letter

Linke und Liberale haben sich allerdings auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert beim Versuch, sich den amerikanischen Wähler als attraktive Alternative zum Rechtspopulismus zu präsentieren, notiert der türkische Politikwissenschaftler Soli Özel im Substack-Newsletter der Open Society Foundation und verweist auf den konservativen Historiker Christopher Lasch, der schon vor Jahrzehnten vor einer zunehmenden kulturellen und klassenbezogenen Polarisierung gewarnt hatte. "Lasch erkannte die wachsende Kluft zwischen den gebildeten Managereliten und dem Großteil der weniger gebildeten Öffentlichkeit. Er schrieb von einer 'aufgeklärten Elite (wie sie sich selbst sieht)' und argumentierte, dass diese 'nicht so sehr danach strebt, ihre Werte der Mehrheit aufzudrängen (einer Mehrheit, die als unverbesserlich rassistisch, sexistisch, provinziell und fremdenfeindlich wahrgenommen wird), geschweige denn, die Mehrheit durch eine rationale öffentliche Debatte zu überzeugen, sondern vielmehr parallele oder 'alternative' Institutionen zu schaffen, in denen eine Konfrontation mit den Unaufgeklärten überhaupt nicht mehr notwendig sein wird.'" Für Lasch war Populismus "die wahre Stimme des Volkes". Auch wenn er durchaus miese Seiten hatte. "Lasch hat das erkannt", schreibt Özel und zitiert ihn: "'Es wäre töricht, die charakteristischen Merkmale populistischer Bewegungen in ihrer schlimmsten Form zu leugnen - Rassismus, Antisemitismus, Nativismus, Anti-Intellektualismus und all die anderen Übel, die von liberalen Kritikern so oft angeführt werden. Aber es wäre ebenso töricht, zu leugnen, was in dieser Tradition unverzichtbar ist - die Wertschätzung des moralischen Wertes ehrlicher Arbeit, der Respekt vor Kompetenz, der egalitäre Widerstand gegen festgefahrene Privilegien, die Weigerung, sich vom Jargon der Experten beeindrucken zu lassen, das Beharren auf einer klaren Sprache und darauf, die Menschen für ihr Handeln zur Verantwortung zu ziehen.' In Anbetracht der heutigen Realitäten hätte er die positiven Aspekte des Populismus mit mehr Umsicht anpreisen sollen. Lasch war ein Kritiker von innen", der sich jedoch allmählich "von den sozialen und kulturellen Lehren der Neuen Linken distanzierte. Er war der Ansicht, dass die einst hoffnungsvolle Bewegung der 60er Jahre allmählich die Kultur durch die Klasse ersetzt hatte und dass ihr Sinn für Individualismus den Weg für die neoliberale Ordnung und ihr egoistisches Ethos geebnet hatte. 'Die meisten von uns sehen das System, aber nicht die Klasse, die es verwaltet und seinen Reichtum monopolisiert', schrieb er. 'Wir wehren uns gegen eine Klassenanalyse der modernen Gesellschaft als 'Verschwörungstheorie'. So hindern wir uns selbst daran zu verstehen, wie unsere gegenwärtigen Schwierigkeiten entstanden sind, warum sie fortbestehen oder wie sie gelöst werden könnten.'"

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - The Ideas Letter

Einst hatten Westler den Traum, China würde sich demokratisieren. Aber im Februar 2025 fühlte sich Jacob Dreyer in Washington DC wie in Peking 2012, als Xi Jinping seinen Vorgänger Bo Xilai ins Gefängnis werfen ließ und die Macht übernahm. Und auch er spürt dabei ein tiefes Unbehagen angesichts des technologischen Fortschritts, der diese unerwartete Wendung vielleicht erst möglich machte: "Wir alle konzentrieren uns auf die politischen Veränderungen, aber was ist, wenn diese Veränderungen lediglich eine Widerspiegelung des technologischen Wandels sind, ein Versuch der politischen Struktur, mit einer Gesellschaft Schritt zu halten, die sich von der unterscheidet, für die unsere Institutionen konzipiert wurden? ... Die Industrielle Partei, eine generische ideologische Struktur des Techno-Nationalismus, die an die jeweilige Nation angepasst werden kann, hat die Kontrolle über Amerika übernommen; in China ist sie schon seit geraumer Zeit an der Macht. Wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution, die politische und kulturelle Strukturen im In- und Ausland umwälzen wird. Die neue Politik ist sicher nicht konservativ, aber auch nicht liberal. Sie erkennt eher in der Technologie als in den politischen Strukturen den Apparat, der uns in die Zukunft führen wird. Die Arbeit in den Fabriken wird automatisiert, viele Angestellte werden durch künstliche Intelligenz ersetzt, und vielleicht wird sich das Kapital endlich von den Ketten der Arbeit lösen. Nur sehr wenig von der Gesellschaft, an die wir gewöhnt sind, wird erhalten bleiben, und schon gar nicht die politischen Strukturen, die man liberale Demokratie nennt. Wir mögen den Trumpismus als eine politische Revolution betrachten, aber in vielerlei Hinsicht ist er nur der politische Ausdruck eines sozialen Wandels, der ihm vorausgeht."

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - The Ideas Letter

Tomiwa Owolade ist ein 27-jähriger Autor britisch-nigerianischer Herkunft. Er ist kein Jude und auch kein Marxist, aber beheimatet fühlt er sich unter den New Yorker Intellektuellen rund um die Partisan Review, von Baldwin bis McCarthy, versichert er im Substack-Newsletter der Open Society Foundation. "Die New Yorker Intellektuellen waren überproportional jüdische New Yorker, doch viele prominente Mitglieder der Gruppe waren es nicht. Bellow war Jude, aber aus Chicago; Hannah Arendt war Jüdin und kam aus Deutschland. Mary McCarthy stammte aus dem irisch-katholischen Mittelwesten. Dwight MacDonald und F.W. Dupee waren angelsächsischer protestantischer Herkunft. Baldwin war Afro-Amerikaner. Hardwick wurde in eine protestantische Familie aus den Südstaaten hineingeboren und behielt ihr Leben lang einen Akzent aus Kentucky. Sie hatten nicht denselben ethnischen, religiösen oder geografischen Hintergrund, aber sie hatten andere wichtige Gemeinsamkeiten. ... Was sie eint, ist für mich, dass sie sich nicht durch ihre Identität definieren lassen wollten, und dass sie davon überzeugt waren, dass Kultur aus sich selbst heraus wichtig ist und nicht durch die Brille der Politik analysiert werden sollte. Viele von ihnen waren in irgendeiner Weise vom kulturellen Mainstream ausgegrenzt und bestanden dennoch darauf, zu lernen und - um ein berühmtes Zitat von Matthew Arnold zu verwenden - 'das Beste, was in der Welt gedacht und gesagt wurde' - zu fördern. Mir geht es genauso. ... Der Literaturkritiker Adam Kirsch drückte in einem Essay über den Einfluss jüdisch-amerikanischer Schriftsteller auf den breiteren amerikanischen Kanon aus, was ich empfinde, wenn ich an die New Yorker Intellektuellen denke: '... die Wahrheit ist, dass das amerikanische literarische Erbe an jeden weitergegeben werden kann, der es beanspruchen will. Zu dieser Kategorie gehören nur wenige Menschen in jeder amerikanischen Generation, aber sie können genauso gut Juden, Schwarze, Asiaten oder irgendetwas anderes sein, wie angelsächsische Protestanten.' Ich bin ein britisch-nigerianischer Londoner, und ich möchte das Erbe dieser jüdisch-amerikanischen New Yorker in Anspruch nehmen.