Magazinrundschau

Enzyklopädische Zweifel

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
08.07.2025. Der Dissident Yassin al-Haj Saleh erklärt in Eurozine, warum er noch nicht an eine Demokratie in Syrien glaubt. Elet es Irodalom feiert die erfolgreiche Pride-Parade. Le Grand Continent liest eine "Erste Geschichte des Trumpismus. Quietus erinnert sich, wie Film-Maverick Larry Cohen Platzpatronen vom Chrysler Building regnen ließ. Der Merkur denkt über Urheberrechte und KI nach, Literary Hub über die Arbeit des Faktenprüfers.

Eurozine (Österreich), 04.07.2025

Der syrische Schriftsteller, Journalist und Dissident Yassin al-Haj Saleh saß als kommunistischer Assad-Kritiker 16 Jahre im Gefängnis, von 1980 bis 1996, 2015 floh er aus Syrien. Seine Frau, die Menschenrechtsaktivistin Samira Khalil war 2013 von Islamisten im befreiten Houms entführt worden und wird immer noch vermisst. Ob er jetzt nach Syrien zurück will? Saleh weiß es nicht: Die jetzt herrschenden Islamisten von Al-Sharaa wollen "keine islamistische Regierung durchsetzen, aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass sich das Land auf dem Weg zur Demokratie befindet", warnt er im Interview mit Esprit, das Eurozine ins Englische übersetzt hat. "Stattdessen verfolgt der HTS-Führer eine 'Politik der Honoratioren': Die Politik wird von bekannten, wohlhabenden Männern, Stammesführern und Gemeindeleitern vertreten. Anstatt die syrische Zivilgesellschaft zu entwickeln, ist die Politik der Honoratioren eine Form des Konservatismus, die traditionelle Strukturen reproduziert und verstärkt." Deshalb wird es auch keine Gerechtigkeit für die Verfolgten und ihre Angehörigen geben, glaubt er. "Die derzeitige Regierung befürchtet, dass sich ein globales System der Übergangsjustiz gegen ihre Mitglieder wenden wird, weil auch sie Verbrechen begangen haben. Die Übergangsjustiz wird, wenn sie überhaupt von der HTS unterstützt wird, nur für die Verbrechen des Assad-Regimes reserviert sein. Das sind sicherlich die meisten Verbrechen. Aber meine Frau, mein Bruder und mein Freund zum Beispiel wurden nicht vom Regime entführt. ... Darüber wird es einen Kampf geben. Und das wird der Maßstab sein, an dem der Übergang in Syrien gemessen werden wird."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Syrien, Saleh, Yassin al Haj

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.07.2025

Der Rechtsanwalt und Publizist Gábor Gadó schreibt über die Pride-Parade letzte Woche in Budapest, auf der mehr als 200.000 Menschen für eine lebenswertere Gesellschaft in Ungarn protestierten (mehr hier). Die Veranstaltung war durch ein kurzfristig verabschiedetes Gesetz verboten worden. Sie fand trotzdem stattfand und wurde zu einer Demonstration gegen die Regierung Orban: "Der Pride-Marsch, der Hunderttausende von Menschen anzog, hat sich zu einer echten Wende-Demonstration entwickelt. Vor allem die Tatsache, dass sich die Organisatoren nicht den Regeln des rechtsstaatsfeindlichen Versammlungsrechts unterworfen haben, war ein Novum. (...) Es war auch eine Wende in dem Sinne, dass die Demonstranten deutlich gemacht haben, dass sie das pharisäische Kinderschutz-Narrativ des Regimes nicht akzeptieren. Sie protestierten (feierten) gegen die offiziellen Werte, prangerten die Orban-Doktrin öffentlich an, nannten sie eine Lüge und lachten über sie. Es gibt kaum eine größere Demütigung für eine autoritäre Halbdiktatur als die, sie nicht ernst zu nehmen. Und die Predigt des Ministerpräsidenten erhielt einen fast schon komischen Ton, als er in der Veranstaltung den abschreckenden Beweis dafür sah, 'wie das Leben wäre, wenn das Land nicht von einer nationalen Regierung geführt würde, die unsere Souveränität verteidigt'. (...) Die Teilnehmer der Demonstration warteten nicht darauf, dass die Regierung ihre Position ändert, sondern sagten als erwachsene Bürger selbst, wie sie in welcher Art von Gesellschaft leben wollen. Die Frage ist, wie Orbán nach den 'revolutionären' Ereignissen, die vor Millionen von Menschen stattfanden, wieder überzeugend mit seiner falschen, hasserfüllten Stimme sprechen kann."
Stichwörter: Pride Parade Budapest, Ungarn

Le Grand Continent (Frankreich), 07.07.2025

Es gibt zur Zeit kaum ein besseres Medium, um sich ein fundiertes Bild von der Ideologie und Kultur des Trumpismus zu machen als Le Grand Continent, ein Medium aus dem Dunstkreis der renommierten Ecole Normale Supérieure. Marin Saillofest führt ein "entretien fleuve" mit der Politologin Maya Kandel, die vor einigen Wochen eine "Erste Geschichte des Trumpismus" veröffentlicht hat. Hier geht es um die intellektuellen Satelliten, die Donald Trump zum Teil schon seit der ersten Amtszeit umschwirren (wie die Motten das Licht) und die versuchen, seinen Marotten und Obsessionen einen tieferen Sinn zu geben. Der Einfluss der Heritage Foundation ist bekannt, aber da ist auch das Claremont Institute, das eigentlich aus dem Neokonservatismus kommt und schon in der ersten Amtszeit zu Trump schwenkte. Dabei brechen die Trumpianer aber mit dem Neokonservatismus und entwickeln ihm gegenüber eine Feindseligkeit, die zum Teil an den Antiamerikanismus der Linken erinnert, die die Neocons ebenfalls verabscheute: Die Denker des Instituts "stellen fest, dass zwei Faktoren für Trumps Sieg im Jahr 2016 entscheidend waren. Zum einen die Ablehnung der Kriege von Bush, der 'endlosen Kriege', was sich in einer Ablehnung des Neokonservatismus niederschlägt, die auch heute noch sehr präsent ist - als 'Neokonservativer' bezeichnet zu werden, ist fast schon zur schlimmsten Beleidigung geworden." Nicht mit der Linken teilen die Trumpianer allerdings die Ablehnung der Einwanderung. "Das ist etwas, das Trump ab 2010/11 entdeckt, als er seine Kandidatur ernsthaft vorbereitet, sich auf Twitter engagiert und Steve Bannon trifft. Zuvor war das Thema Einwanderung für ihn kein Thema, weder in seiner Kolumne von 1987 noch in seinen Büchern." Europa kann sich übrigens brüsten, Trump und die Seinen zutiefst beeinflusst zu haben, erläutert Kandel, die auch über Trumps "Ästhetik" spricht: "Diese 'vulgäre' Seite haben wir bereits in Italien bei Berlusconi gesehen - Italien ist in der Tat ein politisches Laboratorium, das den Trumpismus über Bannon und seine Verbindungen zu Nigel Farage und Raheem Kassam inspiriert hat, die sich die Fünf-Sterne-Bewegung genauer angesehen hatten, um sich von deren digitaler Strategie inspirieren zu lassen. Wie bei Berlusconi findet man auch bei Trump den Einsatz von Vulgarität als Zeichen von Aufrichtigkeit und die Überschreitung von Grenzen als PR-Trick. Dies sind auch zwei wesentliche Triebkräfte von Reality-TV und Algorithmen, das Rezept für Viralität im digitalen Zeitalter."

Ebenfalls in Le Grand Continent: ein Gespräch mit dem Schriftsteller Hervé Le Tellier, dessen Roman "Die Anomalie" vor ein paar Jahren ein Bestseller war - sein neues Buch "Der Name an der Wand" stößt ebenfalls auf positive Reaktionen.

London Review of Books (UK), 10.07.2025

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Andy Beckett bespricht ein Buch Philppe Sands' über Walther Rauff, einen NS-Kriegsverbrecher, der maßgeblich an der Ermordung von Juden durch Gaswagen beteiligt war und nach dem Krieg nach Chile floh, wo er den Rest seines Lebens von der deutschen Justiz unbehelligt verbringen konnte. Und unter anderem während der Pinochet-Diktatur für den chilenischen Geheimdienst DINA tätig war. In einer Funktion, die seiner Tätigkeit während des Dritten Reiches gespenstisch ähnlich war: "Ein Teil dessen, was Rauff für die DINA tat, wird durch das Buch klarer. Wie beim Holocaust waren Lastwagen im Einsatz, Menschen wurden in ihnen eingesperrt, und die Beseitigung der Leichen erfolgte mit industriellen Methoden. Die Lastwagen versorgten Folterzentren im ganzen Land: Londres 38, eine Adresse in einem vornehmen Teil des Zentrums von Santiago, war berüchtigt. Der Umfang der Operation und die Geschwindigkeit, mit der sie eingerichtet wurde - die Lastwagen und Rauffs Fischmehlfabrik wurden am Tag des Putsches vom Militär übernommen - deuten, wie Sands anmerkt, darauf hin, dass sie geplant und in Gang gesetzt wurde, als Chile noch eine Demokratie war. Wenn demokratische Politik ausreichend verbittert - wie es während Allendes Präsidentschaft der Fall war, als seine sozialistischen Maßnahmen viele lang etablierte chilenische Hierarchien zu beenden drohten -, kann die Grenze zwischen gewöhnlichem Konservatismus und einer autoritären 'Notstands'-Version so sehr verschwimmen, dass sie letztlich gänzlich verschwindet."

Außerdem: Blake Morrison liest Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel". Und Kevin Okoth kämpft sich durch Achille Mbembes "Brutalism", in dem der kamerunische Philosoph mit dem Neoliberalismus abrechnet.

Aktualne (Tschechien), 06.07.2025

Szene aus Jaroslav Papoušeks "Ecce Homo Homolka"


Auf dem gerade stattfindenden Filmfestival von Karlovy Vary wird auch ein tschechischer Filmklassiker in digitaler Restaurierung neu präsentiert: Jaroslav Papoušeks "Ecce Homo Homolka" von 1969, das tragikomische bis sarkastische Porträt einer kleinbürgerlichen Familie an einem langweiligen Sonntag. Der Film sei in Tschechien ungebrochen beliebt, erzählt Filmkritiker Martin Šrajer, vielleicht weil sich jeder in ihm wiedererkenne. "Er entstand zwar Ende der Sechziger, kam aber treffenderweise erst im März 1970 in die Kinos, in der Zeit der Normalisierung, der 'Wiederherstellung der Ordnung', als die Menschen sich aus dem öffentlichen Raum in die Privatsphäre ihrer Wohnungen und Wochenendhäuschen zurückzogen. Von den großen politischen Versprechungen zurück zu den kleinen Alltagsfrustrationen. Mit seiner ungeschminkten, veristischen Poetik, die zuvor auch die Werke von Miloš Forman und Ivan Passer prägte, mit denen Papoušek eng zusammenarbeitete, stellt der Film auch einen letzten Nachhall der Tschechoslowakischen Neuen Welle dar." (Übrigens spielen auch Miloš Formans Söhne in dem Film mit.) Im Vergleich zu seinen Kollegen ist Papoušeks Stil jedoch weniger "filmisch", sondern improvisierter, noch lebensnaher, bis an die Grenze des Dokumentarischen, so Šrajer. "Papoušek interessiert sich für nichts als den Mikrokosmos eines Haushalts, seine Rituale und Marotten." Dabei ist das Besondere von Papoušeks Blick, dass er sich einerseits über seine bodenständigen Figuren, die ewig streitenden Homolkas, lustig macht und sie andererseits ernst nimmt - in ihrer Kleinlichkeit, ihrem Stursinn und ihrem Hedonismus. "'Ecce Homo Homolka' ist ein Film, der niemals altert, weil wir als Gesellschaft nicht über ihn hinausgewachsen sind", meint Martin Šrajer.

Hier der Trailer

Archiv: Aktualne

Merkur (Deutschland), 02.07.2025

Johannes Franzen braucht sehr sehr lange um zum Punkt zu kommen, aber in den letzten vier Absätzen wird es doch noch interessant. Es geht um Urheberrechte und KI. Sein Beispiel ist die Flut von Figuren, mit denen mittels KI die fantastischen Animationen aus Hayao Miyazakis Ghibli-Studio nachgeahmt werden. Franzen spricht viel von Geniekult und fast scheint es, er messe der Originalität von Künstlern und Kunstwerken keine allzu große Bedeutung bei. Aber dann gruselt es ihn doch ein wenig: "Nicht nur nutzen Vertreter der rechtsradikalen Identitären Bewegung die Technik, um ihre Bewegung zu ästhetisieren, der Account des Weißen Hauses ghiblifizierte sogar die Deportation einer angeblichen Drogenhändlerin, die im Stil Miyazakis weinend in Handschellen gelegt wurde. … Der Fall zeigt, welche Folgen die ungeordnete Vergemeinschaftung einer Ästhetik haben kann. Die Entmachtung, die mit dieser Form der Aneignung einhergeht, droht einen Stil dermaßen zu kontaminieren, dass er am Ende zerstört wird. Werkherrschaft als Souveränität des Autors schützt nicht nur die Deutungsmacht des Urhebers, sondern auch die Ästhetik selbst, die vor Missbrauch bewahrt wird. Diese Souveränität legitimiert sich allerdings nicht durch die besondere Menschlichkeit des Autors, in deren Beschwörung nur die Versatzstücke eines raunenden Geniemythos reproduziert werden, sondern durch die Integrität seiner Vision."
Archiv: Merkur

Quietus (UK), 03.07.2025

John Doran erinnert an den 2019 verstorbenen Genrefilm-Maverick Larry Cohen (der, wie wir 2012 in unserer Magazinrundschau resümierten, auch schon mal damit geprahlt hat, Bette Davis umgebracht zu haben), der vom Fernsehen kam und für seine in den Siebzigern und Achtzigern oft im Guerilla-Stil gedrehten Kinofilme von Fans bis heute in Ehren gehalten wird. Blaxploitation-Reißer und satirisch überdrehte Horrorfilme waren vorrangig sein Metier. "In den ersten Filmen zielte Cohens satirischer Biss vor allem auf das zerschmetterte männliche Ego. Aber es war Michael Moriartys darstellerische Leistung in 'American Monster' (1982), das die Art, wie der Regisseur dieses Thema handhabte, auf ein komplexeres, die Gesellschaft erfassendes Niveau schob. Was 'American Monster' zu Pulp-Grandezza erhebt ist einerseits die Tatsache, dass es ein Riesenmonster-Film über eine aztekische Gottheit mit Flügeln ist, die auf dem Chrysler Building lebt, und andererseits Moriartys geradezu lodernd exzentrische aber stets plausible Darstellung von Jimmy Quinn [...] einem Mann, der blind für die Tatsache ist, dass sein anhaltendes Pech vielleicht damit etwas zu tun haben könnte, dass er ein völlig durchgeknalltes Arschloch ist. Moriartys und Cohens Verdienst besteht darin, dass sie nie versuchen, Quinn sympathisch zu zeichnen. ... 'American Monster' ist auch der erste von Cohens Filmen, die sich so anfühlen, als ob seine Holzhammer-Satire das Resultat seiner gewissermaßen elastischen Dreharbeiten sind. Der Regisseur wurde stets gefeiert für seine Fähigkeit, Szenen spontan zu erfinden, sobald sich dafür entsprechende Bedingungen fanden" und er "war berüchtigt dafür, Szenen abzupressen - also an Orten zu drehen, für die er keine Genehmigung hatte. Eine Praxis, die dazu führte, dass er Passanten zu Tode erschreckte, als bei den Dreharbeiten zu 'American Monster' von der Spitze des Chrysler Buildings Platzpatronen regneten."

Für Joe Dantes Onlineformat "Trailers from Hell" gab Cohen 2013 ein paar (selbstverständlich haarsträubende) Anekdoten von den Dreharbeiten zum Besten:

Archiv: Quietus

Newlines Magazine (USA), 07.07.2025

In Pakistan sind arrangierte Ehen keine Seltenheit, auch deshalb suchen chinesische Männer gern eine Ehefrau unter den Christinnen in Pakistan, erzählt Betsy Joles in Newlines: "Die Praktik bewegt sich auf einer dünnen Linie zwischen arrangierter Ehe und Menschenhandel, sie ist oft eine Frage der Bequemlichkeit sowohl für Braut als auch für Bräutigam. Pakistans christliche Minderheit, von denen die meisten katholisch sind, ist größtenteils verarmt; die chinesische Ein-Kind-Politik, die vor einem Jahrzehnt zu Ende ging und Familie dazu bewegt hat, männliche Kinder zu bevorzugen, hat eine Disparität in den Zahlen zwischen Männern und Frauen kreiert. Solche Ehen folgen oft einem Plan, mit Brokern aus beiden Ländern, die als Verkuppler für chinesische Männer fungieren. Laut Chinas eigenen Angaben gibt es einen Überschuss von rund 35 Millionen Männern, die zusehends im Ausland nach Frauen suchen, frustriert vom Mangel an verfügbaren Ehepartnern in ihren Heimatdörfern. Hohe Brautpreise in China haben das Problem nur verstärkt." Die chinesischen Bräutigame haben nicht den besten Ruf, zum Teil werden sie beschuldigt, die Frauen in die Prostitution zu verkaufen: "Die Cross-Border-Ehen sind 2019 zuerst aufgefallen, als die pakistanische Federal Investigative Agency (FIA) bekannt gegeben hat, einen Prostitutionsring, der junge Frauen nach China verkaufen soll, zerschlagen zu haben. Später im Jahr hat The Associated Press Recherchen von pakistanischen Ermittlern veröffentlicht, die 600 Fälle von Frauen und Mädchen identifiziert haben, die chinesische Männer über diese Netzwerke geheiratet haben. Viele sind vermutlich getäuscht und in die Prostitution gezwungen worden. In einem Fall ist eine 37 Jahre alte Frau unter mysteriösen Umständen nach zwei Monaten in China nach Pakistan zurückgekommen, schwach und mangelernährt aussehend, Berichten aus dieser Zeit zufolge. Sie ist rund fünf Wochen später gestorben."
Stichwörter: Arrangierte Ehen, China, Pakistan

Guardian (UK), 08.07.2025

Amanda Coakley rekonstruiert noch einmal den jüngeren Lebensweg Karin Kneissls, der ehemaligen österreichischen Außenministerin im Kabinett Kurz, die Schlagzeilen machte, als Putin ihre Hochzeit besuchte - und die inzwischen selbst in Russland lebt. Was genau macht sie da eigentlich? Sie hat, weiß Coakley, "ihren Platz gefunden. Im Juni 2024 sagte sie gegenüber einer staatlichen Nachrichtenagentur, dass der Westen Pläne habe, Russland zu zerschlagen, 'so wie einst die Föderation Jugoslawien aufgeteilt wurde'. Während diese Aussage in Europa kaum Beachtung fand, wurde sie in Russland als ernste Warnung einer echten politischen Insiderin dargestellt. Die Schlagzeile lautete: 'Ehemalige österreichische Außenministerin Kneissl bestätigt westliche Pläne zur Zerschlagung Russlands'. Weitere jüngste Schlagzeilen lauteten etwa: 'Putin hatte Recht 2023 bezüglich der Wirtschaft - Ex-Außenministerin Österreichs" und Anfang diesen Monats: 'Ex-Außenministerin Österreichs rät Russen, romantische Vorstellungen über Westeuropa aufzugeben'." Kneissls Vorliebe für alles Russische erstreckt sich auch auf andere Gebiete: "Gegen Ende des letzten Jahres übernahm sie ihre neueste Rolle als Botschafterin für den Schutz der Sibirischen Tiger; ein Anliegen, das Putin am Herzen liegt - und auch Kneissl. Die staatlichen Medien berichteten im Dezember, dass sie während eines kürzlichen Besuchs in einem Nationalpark einen Tiger gesichtet habe. In einem kurzen Interview nutzte sie die Gelegenheit, um einen wenig schmeichelhaften Vergleich zwischen der europäischen und der russischen Einstellung gegenüber solchen Raubtieren zu ziehen. In Russland, sagte sie, würden 'Bären, Wölfe, Tiger nicht als 'Problembären, Problemwölfe' bezeichnet'. 'Sie sind Teil des Lebens. Darin sehe ich ein Ja zum Leben in Russland.'"
Archiv: Guardian

Literary Hub (USA), 01.07.2025

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Isabel Ruehl liest mit großem Interesse Austin Kelleys Debütroman "The Fact Checker" - eine Tätigkeit, die sie kennt. Faktenprüfer haben zwei Riesenprobleme: Den Umgang mit faction - eigentlich ein Widerspruch in sich - und das Kaninchenloch, in dem man während einer ausufernden Recherche verschwinden kann. Kelleys Roman "dramatisiert die Fragen nach Fakten, Wahrheit und Beweisbarkeit, indem der Protagonist einen Artikel über den Union Square Greenmarket überprüft. Erzählerische Sachbücher bewegen sich in einer Grauzone zwischen Reportage und Poesie, und die Aufgabe des Faktenprüfers besteht darin, einen Aufsatz in seine Einzelteile zu zerlegen, zu bestätigen, was wahr ist, und zu korrigieren, was falsch ist. Das ist eine enorme Menge an schnellen Recherchen, und der namenlose Faktenprüfer, dessen Arbeit in der Tat seine Identität ist, beginnt dies zu spüren. Er hat diesen Schriftsteller, Mandeville, schon einmal überprüft und erklärt, dass Mandeville 'kein Lügner war, aber er hat oft große Teile der Wahrheit weggelassen, um seiner Geschichte eine surrealere und dramatischere Qualität zu verleihen.'" Genau wegen dieser Zweifel, die ja berechtigt sind, droht der Faktenprüfer im Roman zu scheitern. "Je mehr er sich mit den Dingen beschäftigt, desto mehr Unbekanntes findet er. Vor einem breiigen Hirtenkuchen sitzend, verzweifelt er: 'Ich konnte nicht sagen, was was war', und versucht wie immer, die Dinge zu zerlegen und ihre Bestandteile zu bewerten. ... 'Ich traute vielen der anfänglichen Quellen, die ich im Internet fand, nicht, also grub ich tiefer', verkündet der Faktenprüfer und gerärt in eine 'Lähmung durch enzyklopädischen Zweifel'."
Archiv: Literary Hub
Stichwörter: Faktenprüfer, Faction, Fakes, Lügen

New York Times (USA), 05.07.2025

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Ted Conover, Autor eines Buchs über den Staat Colorado, geht der trüben Realität nach, die hinter Donald Trumps Instrumentalisierung der Zustände in der Stadt Aurora bei Denver liegt. Cindy Romero, venezolanischen Ursprungs, hatte per Video festgehalten, wie eine kleine Gang von Kriminellen, ebenfalls venezolanischen Ursprungs, in ihr Wohngebäude einbrach. Es kam zu einer Schießerei, das Video kursierte. Trump leitete daraus ab, dass ganz Aurora in der Hand einer venezolanischen Gang war und begründete darauf seinen Gewaltakt der Ausweisung hunderter illegaler Immigranten. Die Sache ist, dass Aurora zwar nicht in der Hand einer Gang ist - aber Conover schildert Gewaltszenen in der Stadt, die wiederum von Trumps Gegnern eher totgeschwiegen wurden. "Je mehr Aurora im Zentrum von Trumps Anti-Einwanderungsrhetorik stand, desto größer wurde die Versuchung unter demokratischen Politikern und Aktivisten, die Berichte über Bandenkriminalität in der Stadt als Halluzinationen der Rechten abzutun. Aber ihre Weigerung, die Gewalt anzuerkennen, die einige Einwohner mit eigenen Augen sahen, wirkte nicht beruhigend, sondern wie eine Ausblendung. Bei der Kundgebung bezeichnete sich Romero als 'ehemalige lebenslange Demokratin' und erklärte, dass die Leugnungen sie gegen die Partei aufgebracht hätten. Sie dankte Trump vor allem dafür, 'dass er mir geglaubt hat'."
Archiv: New York Times