Herve Le Tellier

Die Anomalie

Roman
Cover: Die Anomalie
Rowohlt Verlag, Hamburg 2021
ISBN 9783498002589
Gebunden, 352 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte. Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Die Turbulenzen sind heftig, doch die Landung glückt. Allerdings: Im Juni landet dieselbe Boeing mit denselben Passagieren ein zweites Mal. Im Flieger sitzen der Architekt André und seine Geliebte Lucie, der Auftragskiller Blake, der nigerianische Afro-Pop-Sänger Slimboy, der französische Schriftsteller Victor Miesel, eine amerikanische Schauspielerin. Sie alle führen auf unterschiedliche Weise ein Doppelleben. Und nun gibt es sie tatsächlich doppelt − sie sind mit sich selbst konfrontiert, in der Anomalie einer verrückt gewordenen Welt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.09.2021

Rezensent Joseph Hanimann freut vor allem, dass es Hervé Le Tellier zumindest größtenteils gelingt, seinen Roman über zwei identische Flugzeuge mit identischen Passagieren an Bord, die zu zwei unterschiedlichen Zeiten zur Landung auf New York ansetzen, nicht zur literarischen Formspielerei werden zu lassen. Der Text lässt sich spannend und unterhaltsam an, die Passagiere (vom Auftragsmörder über einen Starsänger bis zum Erfolgsautor) werden überzeugend eingeführt und entwickelt, die Reaktion von Politik und Wissenschaft auf die Duplikation der Wirklichkeit wird anhand von unterschiedlichen Modellen und unter Zuhilfenahme verschiedener literarischer Bezüge dargestellt, erläutert Hanimann. Und dann? Dann steht der Autor wie der Ochs vor seinen Dubletten und weiß nichts mit ihnen anzufangen, meint der Rezensent. Der Schluss wirkt auf Hanimann leider doch wie eine Kopfgeburt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2021

Paul Jandl lässt sich nicht davon schrecken, dass der französische Romancier Hervé Le Tellier Mathematiker und Linguist ist. Denn Tellier ist, wie Jandl weiß, auch Oulipoet und damit dem Vergnügen verpflichtet: So sei in diesem Roman zwar sehr vertrackt, aber nicht entscheidend, wie sich Flug 006 von Paris nach New York in einem Unwetter selbst verdoppeln konnte, frohlockt der Rezensent, den viel mehr interessiert, wie sich all die wunderbar ausgedachten Figuren, die in der Maschine saßen und nun mit ihrem Doppelgänger konfrontiert sind, selbst im Weg stehen. Ungeheuer klug und dabei beste Unterhaltung, versichert Jandl.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 30.08.2021

Für den an biedere Literaturkost gewöhnten Rezensenten Rainer Moritz nimmt sich Hervé Le Telliers Roman aus wie ein "Hecht im Karpfenteich". Aufregend machen den Text des "Oulipo"-Aktivisten Tellier für Moritz das experimentelle Setting (ein und derselbe Jet aus Paris landet mit identischen Reisenden an Bord zu zwei verschiedenen Daten in New York), die existenziell-theoretischen Abschweifungen und die literarischen und philosophischen Bezüge. Wie lustvoll der Autor Lesererwartungen aufspießt und aus Elementen der Sci-Fi, des Krimis und der Satire einen unterhaltsamen Roman macht, findet Moritz erstaunlich. Allein die Szenen mit einem angesichts des doppelten Fliegers recht verdutzten Trump lohnen die Lektüre, versichert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 28.08.2021

Rezensent Richard Kämmerlings freut sich über Herve Le Telliers Roman als einer Art der Metaliteratur, die unterhaltsam, anspruchsvoll, spannend und anrührend zugleich ist. Die Geschichte einer Wiederholung eines Transatlantik-Fluges mit exakt denselben Passagieren zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten erzählt der Autor laut Kämmerlings zunächst auf realistisch einführende Weise in episodischen Kurzkapiteln, um sodann die philosophische Idee von der Simulationstheorie durchzuspielen, einen Psychothriller einzubauen, über die menschliche Determination nachzudenken und allerhand TV-Serien-kompatible Subplots zu entwickeln, denen es auch an Komik nicht mangelt. Für Kämmerlings ein enormer experimenteller Lesespaß.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2021

Rezensent Niklas Bender ergibt sich jubelnd dem Embarrassment of Riches: Wo nur anfangen bei diesem reichen, klugen und witzigen Roman? Ein Flugzeug mit 243 Passagieren, versucht es Bender, gerät auf dem Flug von Paris nach New York in ein Unwetter - und verdoppelt sich. FBI und Air Force, Psychologie und Astrophysik versuchen das Phänomen zu erklären, während einzelne Personen mit ihren Doppelgängern klarkommen müssen, darunter ein depressiver Schriftsteller, ein Profikiller eine alleinerziehende Filmcutterin, eine Topologikerin, ein alternder Stararchitekt oder ein Wahrscheinlichkeitstheoretiker. Hervé Le Tellier ist ein besonders virtuoser und qualifizierter Vertreter der avantgardistischen Literaturgruppe Oulipo, betont der Rezensent, der den Roman daher nicht nur als psychologisch tiefgründige, urkomische Erzählung versteht, sondern auch als Reflexion über die Fiktionalität sowie als Hommage auf Jarry, Perec und Calvino.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.08.2021

Rezensent Christoph Vormweg gerät in heftige Turbulenzen mit Herve Le Telliers Roman. Ob der Text nun Formspielerei a la OuLiPo ist oder nicht, kratzt Vormweg wenig. Was der Autor aus der Grundkonstellation eines zweimal mit exakt denselben Passagieren vor New York in Turbulenzen geratenenden Jets zaubert, eine Angelegenheit, an der sich laut Vormweg die US-Regierung und das Militär die Zähne ausbeißen, scheint dem Rezensenten enormen Lesespaß zu bieten. Spannend, vielstimmig, dynamisch, intelligent breitet der Autor die Lebensrealitäten der Passagiere und allerhand Verwicklungen aus. Ein Doppelgänger-Mystery der Extraklasse mit einem verstörenden Finale, schwört der Rezensent.